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Full text of "Jahrbuch des Vereins für Niederdeutsche Sprachforschung"

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Jahrbuch 




des 



Vereins flir niederdeutsche SpracMorschung. 



Jahrgang 1891. 



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""NORDEH nnd LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 
1892. 



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Druck von Diedr. Soltau in Norden. 



Inhalt. 



S«it€ 

Die Totentänze des Mittelalters. Von W. Seelmann- 1 

Einleitung 1 

Welcher von den erhaltenen Totentänzen bietet die altertt&licj^ste Gestalt? 5 

Der Totentanz als Drama .•....,.- 11 

Die Entstehung des ersten Totentanzes . . .^tp \. .' .18 

Die Danse macabre 21 

Die alten süddeutschen Totentänze 29 

Die Lübecker Totentänze von 1489 und 1520 34 

Englische Totentänze 37 

Litteratur- und Denkmäler-Übersicht 39 

Dänischer Totentanz 41 

Deutsche Totentänze (Niederdeutsches Gebiet) 42 

Deutsche Totentänze (Hochdeutsches Gebiet) 48 

Englische Totentänze 54 

Französische Totentänze 56 

Italienische Totentänze 60 

Lateinische Totentänze 61 

Niederländischer Totentanz 61 

Polnischer Totentanz 63 

Spanische Totentänze 63 

Holbeins Todesbilder 65 

Anhang. Der alte lübisch-revalsche Totentanztext 68 

Mittelniederdeutsche Pflanzenglossen. Von F. Milkau 81 

Die älteste deutsche Übertragung des Dies irae. Von F. Milkau . . . 84 

Zu Fritz Reuters Dörchläuchting. Von R. Sprenger 88 

Zu einzelnen Stellen mittelniederdeutscher Dichtungen. Von R. Sprenger 90 

Van Sunte Marinen 90 

Vruwenlof 91 

Wolfenbütteler Osterspiel 92 

Zei^o 92 

Ancelmus 94 

Botes Boek van veleme rade 95 

Spieghel der zonden. Von H. Babucke 97 

Regenstein, Reiustein, Reinke. Von E. Damköhler 136 

Heinrich's von Krolewiz Vaterunser niederdeutsch. Von A. Hofmeister 146 

Zur altsächsischen Grammatik. (Anzeige.) Von W. Schlüter . . . .149 



Die Totentänze des Mittelalters. 



Einleitung. 

Die Kirche hat sich stets angelegen sein lassen, dem Menschen 
die Nichtigkeit des irdischen Daseins vor Augen zu führen und an 
das immer gefürchtete, stets unerwartet eintretende letzte Stündlein 
warnend zu erinnern. Eine Anzahl weityerbreiteter Dichtungen mahnen 
eindrucksvoll an den unausbleiblichen Gang in das andere Land und 
das Gericht, welches über die von ihrem Leibe geschiedene Seele 
gehalten werden wird. Nichts kommt aber an wirkungsvoller Kraft 
der Mahnung dem Memento mori gleich, welches von den Mauern der 
Kirchen den versammelten Andächtigen die Totentänze zuriefen, in 
welchen Bild und Schrift sich verbanden, das Bild auch zu denen 
redend, welche des Lesens unkundig oder unlustig waren. 

Die meisten der alten Totentänze, mit welchen im Ausgange des 
Mittelalters sich die Kirchen Deutschlands wie des Auslandes schmückten, 
sind im Laufe der Zeiten zu Grunde gegangen. In Norddeutschland 
gewähren jetzt nur noch die Marienkirchen in Lübeck und Berlin 
ihren Besuchern den Anblick eines mittelalterlichen Totentanzes. Das 
Lübecker Originalgemälde v. J. 14G3 ist zwar nicht mehr vorhanden, 
es wird aber ersetzt durch eine 1701 angefertigte Erneuerung, welche 
die alten Bilder an derselben Stelle und in der ursprünglichen Grösse 
im Wesentlichen treu wiedergiebt. Der alte Text hat freilich neu- 
hochdeutschen Versen weichen müssen, doch hat eine alte Abschrift 
ihn grossenteils aufbewahrt. Es besteht dieser Totentanz aus einem 
auf die vier verschiedenen Wände einer Kapelle verteilten Wandgemälde 
von fast hundert Fuss Länge und ziemlich sieben Fuss Höhe. Im 
Hintergrunde des Gemäldes erblickt man das Panorama der Stadt 
Lübeck, die von Schiffen im Schmuck ihrer Segel belebte Trave und 
die belaubte Umgebung der Stadt und des Flusses. Im Vordergrunde 
der heiteren und bunten Frühlingslandschaft treten auf einer grünen 
Wiese vierundzwanzig Paare, welche in voller Lebensgrösse dargestellt 
sind, den Reigen. In jedem Paare ist der Tod, eine nackte in ein 
Leichentuch gehüllte Figur von skelettartiger Dürre mit vergnügt 
grinsendem Schädel einer der Tänzer. Seinen Partner hat er gezwungen, 
ihm zum grausigen Reigen die Hand zu reichen. Er kennt kein 
Ansehen der Person, kein Erbarmen. Mit ihm und nach seiner Pfeife 

Niederdeutsches Jahrbaoh XVII. 1 



müssen alle zum Totentänze antreten: Papst und Kaiser, Kardinal 
und König, Bischof und Herzog und alle die geistlichen und weltlichen 
Stände, Alt und Jung, Mönch und Arzt, Bürger und Bauer, Mutter 
und Kind. Da hilft kein Bitten und Barmen, mitten aus der Herr- 
lichkeit der Welt oder den Mühen des Tages reisst der Tod die 
Ueberraschten. 

Unter den einzelnen Figuren las man die Reime, welche den im 
munteren Tanzschritt sich bewegenden Todesgestalten und den bedrückt 
folgenden Menschen in den Mund gelegt sind. Ueberflüssig fast 
erscheinen die Worte. Dass keine Macht der Welt gegen den Tod 
hilft, dass ihm Alle folgen müssen, dass alles Heil bei Gott liegt, 
diese Gedanken spricht das Gemälde deutlicher und eindrucksvoller 
aus, als es die Verse des Dichters vermögen. 

Die Totentänze bringen ungewohnte Gegensätze zum Ausdruck: 
Neben einer grossen Zahl skelettartiger Todesgestalten im weissen 
Leichentuche die geistlichen und weltlichen Würdenträger im vollen 
Schmucke farbenreicher Gewänder. Die grausen Todesgestalten vergnügt 
grinsend und mit Lust den Reigen tretend. Daneben die Grossen der 
Welt, Papst, Kaiser, König und alle die Fürsten, welche dem Volke 
als die immer glücklichen sonst so beneidenswert erscheinen, in einer 
Lage, dass kein noch so Armer an ihre Stelle treten möchte. 

Die Totentänze verdanken der asketischen Richtung der mittel- 
alterlichen Kirche ihre Entstehung und Verbreitung. Daneben waren 
künstlerische Gründe ihrer Bevorzugung vor anderen Bildwerken 
förderlich. Die weisse Tünche, die heute noch die Wände so vieler 
alter Kirchen bedeckt, entsprach nicht dem bilder- und farbenfrohen 
Sinne des Mittelalters. Mit ihr hat eine spätere Zeit die zahllosen 
Martyrien, Passionen, Allegorien und Reime verhüllt, welche dereinst 
die Wände und Pfeiler füllten. Wo bei der baulichen Erneuerung des 
Kircheninneren die Kalkhülle fällt, kommen wie hinter einem Schleier 
die alten Bilder wieder zum Vorschein. Sie zeigen, wie überall in 
den Städten der. Pinsel des Malers die Ausschmückung der Kirche 
vollenden half. Aber es ist nur selten die Hand eines gebildeten 
Künstlers gewesen, der ihn führte. Die groben Verzeichnungen in den 
oft riesigen Gestalten der Heiligen, die ganze rohe Ausführung zeigt, 
wie gering das Können derjenigen war, welche die Bilder hergestellt 
haben. Die Totentänze boten nun eine grosse Aufgabe, welche in 
jedem Falle dem Maler, mochte er auf künstlerischer Höhe stehen 
oder über bloss handwerksmässige Fertigkeit verfügen, die Schöpfung 
eines wirksamen Werkes in Aussicht stellte und ermöglichte. Was 
den Gesichtsausdruck betraf, so war nicht von Nöten, individuelle 
Züge zu malen, eine Kunst, die erst die Niederländer späterer Zeit 
verstanden und lehrten. Es waren zwei Typen nötig, der fröhlich 
grinsende Schädel der Todesgestalten, das traurig resignirte Gesicht 
der Menschen. Leicht und doch wirkungsvoll war alles übrige: 
mannigfache farbenreiche Kostüme und Attribute, welche jedem 
Beschauer sofort die Bedeutung der einzelnen Figuren verständlich 



machten, dazu ein beliebiger landschaftlicher Hintergrund oder eine 
architectonische Einrahmung. Der Eindruck auf den Beschauer wurde 
nicht einmal geschmälert, sondern, wie die Totentänze in Basel und 
Kermaria zeigen, eher noch in seiner grausigen Grossartigkeit 
gesteigert, wenn minder tüchtige Maler, auf feinere Ausführung der 
Einzelheiten und landschaftlichen Hintergrund verzichtend, sich auf 
die rohe Umrisszeichnung der tanzenden Paare möglichst beschränkten. 
In diesem Falle blieb fern alles, was den Blick auf Einzelheiten 
ablenken oder durch freundlich lichte Farben den grausigen Eindruck 
des Gesammtbildes mildern konnte, während alles, was den Toten- 
tänzen ihre Wirkung sicherte, erhalten blieb: die leicht erkennbare 
Idee, die stetige Wiederkehr des tanzenden Todes mit seinem grinsenden 
Schädel, die ungewöhnliche Grösse des Bildwerkes, welche, wo es als 
monumentaler Schmuck hoch oben das Schiff der Kirche oder die 
Aussenwände der Carnarien umzieht, hundert oder mehr Fuss in die 
Länge zu messen pflegt. 

Die Häufung so vieler Todesgestalten mag dem künstlerischen 
Gefühle der Gegenwart zu stark erscheinen, und dass sie auch auf 
schlichte Leute abschreckend wirken kann, zeigt der Beschluss des 
Basler Rates, der das alte Wahrzeichen der Stadt, den Grossbasler 
Totentanz 1805 zerstören liess, weil es ein Kinderschreck und Leute- 
scheuche sei. Aber anders als heute, wo dem häufigen Anblicke des 
Todes die Mehrzahl unserer Zeitgenossen nur selten begegnet, standen 
die Menschen des Mittelalters ihm gegenüber. Die kleinen Kriege, 
welche jede Stadt von Zeit zu Zeit in der Nähe ihrer Thore auszufechten 
hatte, die häufigen Hinrichtungen, die von Zeit zu Zeit zahlreiche 
Opfer fordernden Seuchen gewöhnten an den Anblick. Man begegnet 
sogar der Meinung, man habe die Totentänze gewissermassen als 
warnende Erinnerungen an einzelne grosse Pestepidemien des fünf- 
zehnten Jahrhunderts herstellen lassen. Diese Ansicht steht im Ein- 
klänge mit der Volkssage, die am Lübecker Totentanze haftet, im übrigen 
ist sie nur Vermutung, ohne dass Beweise für sie vorgebracht sind. 

Wann und wo der erste Totentanz gedichtet oder gemalt wurde, 
ist unbekannt. Ohne Zweifel hat er noch dem 14. Jahrhundert an- 
gehört. Der älteste, dessen Entstehungsjahr durch historische Zeug- 
nisse überliefert ist, war die Pariser Danse macabre v. J. 1425. Nicht 
viel jünger waren die Totentänze von London und Basel. Die Mehr- 
zahl der Uebrigen gehört dem 15. und 16. Jahrhundert an, doch 
lässt sich das Alter der meisten nur mit Hilfe kunst- oder litteratur- 
geschichichtlicher Merkmale ungefähr bestimmen.*) Die jüngsten 
monumentalen Totentänze sind im vorigen Jahrhunderte hergestellt. 
Totentanzgedichte und Totentanzkupfer erscheinen noch heute. 

Die Totentänze waren zu Ausgang des Mittelalters zumal in 



*) Die Nachweise sind in der den Untersuchungen folgenden Litteratur- 
üehersicht gegeben. 

1* 



Frankreich und Deutschland häufig. Ausser diesen Ländern fanden 
sie sich, sei es als monumentale Zierden der Kirchen und Kirchhöfe, 
sei es in Handschriften und Drucken, mit und ohne Text, in fast allen 
Ländern des christlichen Abendlandes: in Italien, Spanien, England, 
Dänemark, den Ostseeprovinzen Russlands und in Polen. Nur in den 
Niederlanden ist seither kein mittelalterlicher Totentanz aufgefunden 
worden. Aber auch hier muss er, wie wir später sehen werden, im 
Mittelalter bekannt gewesen sein. 

Der grossen Verbreitung der Totentänze entspricht es, dass die 
Bücher und Aufsätze, welche sie aus lokalem oder allgemeinem Interesse 
behandeln, zahllos sind. Wir verdanken dem Eifer der Verfasser, 
dass die erhaltenen Denkmäler meist genau beschrieben und die Nach- 
richten der Chronisten überall aufgesucht sind. Auf der anderen Seite ' 
lässt sich nicht verkennen, dass in den meisten jener Schriften die 
Forschung, sobald sie über das Lokale hinausgeht, ebenso oberflächlich 
als kritiklos ist, und für die Geschichte des Totentanzes wichtige 
Fragen bisher mehr durch vage Annahmen beantwortet als durch in 
den Gegenstand tiefer eindringende Untersuchungen klar gestellt sind. 
Gewisse thatsächliche Irrtümer und falsche Voraussetzungen, welche 
in den bisher erschienenen Schriften immer von Neuem wiederkehren, 
liegen für den, der überall auf die Quellen zurückgeht, auf der Hand 
und werden leicht beseitigt werden können. Einige sind, um Raum 
zu sparen, in den nachfolgenden Untersuchungen gar nicht in Betracht 
gezogen worden. Damit man aber nicht der Unkenntnis zuschreibt, 
was mit gutem Bedacht geschehen ist, sei hier wenigstens auf einzelne 
allgemein verbreitete Irrtümer und Abwege der Untersuchung kurz 
hingewiesen. 

Durch die falsche Lesung einer Jahreszahl auf dem Klein-Basler 
Totentanz verführt, hat man früher, trotzdem schon Schnaase mit 
gutem Urteile Einsprache erhob, 1312 als sein Entstehungsjahr an- 
genommen. Dieser Irrtum wurde verhängnisvoll, indem man, auf ihn 
bauend, jenem Denkmal und den ihm verwandten hochdeutschen Toten- 
tänzen ein weit höheres Alter als allen übrigen zuschrieb und sich 
dadurch die Erforschung des wahren Verwandtschafts -Verhältnisses 
zwischen den verschiedenen Totentänzen unmöglich machte. Trotzdem 
es vor fünfzehn Jahren geglückt ist, jenen Irrtum aufzudecken und 1439 
als Entstehungsjahr nachzuweisen, findet man immer noch das falsche 
Datum 1312. Fast unbegreiflich muss es aber erscheinen, wenn man 
— in Deutschland wie im Auslande — für die Chronologie der Toten- 
tänze einen vermeintlichen Mindener Totentanz v. J. 1383 verwertet, 
während das gemeinte Bild gar kein Totentanz, sondern eine Fahne 
ist, deren eine Seite den Tod mit der Sense, die andere eine geschmückte 
Frau mit der Umschrift Vanitas Vanitatum zeigt. Fast allgemein 
vermengt man mit den Totentänzen die im Mittelalter sehr verbreiteten 
Darstellungen der Legende von den drei toten und drei lebenden 
Königen. Dieselben sind in vereinzelten Fällen äusserlich den Toten- 
tänzen angefügt worden, im übrigen sind diese ganz unabhängig von 



jenen entstanden und ausgebildet worden. Aehnlich verhält es sich 
mit den besonders in Italien gefundenen sogen. Triumphen des Todes, 
die den Tod darstellen, wie er die Menschen mit seinen Pfeilen oder 
der Sense niederstreckt. 

Man sammelt und verwertet allerlei Hinweise, wie der Tod durch 
die bildende Kunst früher dargestellt, wi(^ er von den Dichtern per- 
sonificirt oder im orientalischen, antiken, deutschen und ausserdeutschen 
Volksglauben aufgefasst ist. Die beigebrachten Belege mögen in 
anderer Hinsicht sehr schätzbar sein, für die Beantwortung der Frage, 
wodurch der unbekannte Schöi)fer des Totentanzmotives zu diesem 
angeregt wurde, sind sie bisher wertlos gewesen. Ehe diese Frage 
beantwortet Avurde, hätte untersucht sein müssen, in welchem Lande 
und in welcher Zeit der Totentanz entstanden ist. Verdanken wir 
ihn z. B. einem Franzosen, so können doch wahrscheinlich nur ältere 
in Frankreich heimische Vorstellungen ihn beeinflusst haben, jedesfalls 
keine deutschen oder gar orientalischen. 

Das Totentanzmotiv, die Vorstellung, dass der Tod als Tänzer 
alle Menschen, von Papst und Kaiser herunter bis zum Bettler, zu 
seinem in das Grab führenden Reigen erbarmungslos zwingt, ist in 
Bild imd Wort und mimisch-dramatisch im Mittelalter zur Darstellung 
gelangt. 

Die gnindlegende Untersuchung, auf welcher die Geschichte der 
Totentänze aufzubauen ist, muss zunächst zum Ziel den Nachweis 
haben, ob die litterarische, bildliche oder mimische Darstellung das 
ursprüngliche ist, und in welchem Verhältnis die verschiedenen 
Fassungen zu einander stehen. Bisher stehen sich die Ansichten 
gegenüber, ohne dass die eine oder die andere sich auf eine fest- 
geschlossene Beweisführung stützt. 

Um die Untersuchungen möglichst von Litteraturnachweisen und 
Beschreibungen einzelner Denkmäler zu entlasten, wird eine besondere 
Uebersicht sämmtUcher bekannter Totentänze und der auf sie bezüg- 
lichen Litteratur folgen. 



Welcher von den erhaltenen Totentänzen bietet 

die altertümlichste Gestalt? 

Zwischen den verschiedenen deutschen und ausserdeutschen Toten- 
tänzen besteht augenscheinlich eine durch verlorene Vorbilder und 
Zwischenglieder verknüpfte Verwandtschaft. Dieselbe offenbart sich 
nicht allein durch die Gleichheit des Motivs und die Aehnlichkeit in 
der Durchführung desselben, sondern auch durch die Wiederkehr 
vieler gleicher Figuren, durch dasselbe Princip bei der Auswahl und 
Anordnung der Stände, welche vertreten sind, hin und wieder auch 
durch wörtliche üebereinstimmungen in den Texten. Die Abweichungen 
und Verschiedenheiten erklären sich durch die Leichtigkeit, nach eigenem 



Belieben oder aus Rücksicht auf die für dies monumentale Bildwerk 
zur Verfügung stehenden Wandflächen die Zahl der Personen zu ver- 
mehren oder zu verminderen. Der Text zumal konnte keine Schwierigkeit 
machen. Geeignete Gedanken und Worte, die den einzelnen Personen 
iji den Mund gelegt werden konnten, waren leicht gefunden. 

Die Thatsache eines alle Totentänze umfassenden näheren oder 
entfernteren Verwandtschaftsverhältnisses hat zur notwendigen Vor- 
aussetzung, dass zu irgend einer Zeit es einen Totentanz gegeben hat, 
durch dessen Abänderung oder Nachahmung neue Totentänze ent- 
standen, welche wieder die Vorbilder anderer jüngerer wurden. 

Es ist der Forschung bisher noch nicht gelungen, einen Stamm- 
baum der Totentänze aufzustellen und mit seiner Hilfe Schlüsse auf 
den ältesten, gewissermassen den Stammvater aller Totentänze, zu 
ziehen. Nur bei einer Anzahl sehr nahe verwandter Totentänze ist 
das Verhältnis derselben zu einander klar gelegt, im übrigen haben 
einige sehr anfechtbare Annahmen Geltung erlangt. Bei französischen 
Gelehrten begegnet die Neigung die Danse macabre in der Fassung 
V. J. 1425 für das allgemeine Vorbild zu halten. Was die deutschen 
Totentänze und ihre Texte anlangt, gilt dagegen seit Massmann und 
besonders Wackernagel als ausgemacht, dass die sämmtlichen mehr- 
zelligen Totentanz Strophen und namentlich die des Lübecker Toten- 
tanzes V. J. 1463 aus den vierzeiligen des alten oberdeutschen Toten- 
tanzes mit 24 Figuren umgearbeitet sind und jüngere Entwicklungs- 
stufen darstellen. Man ist sogar soweit gegangen zu behaupten, dass 
der Lübecker Totentanz gleichfalls ursprünglich vierzeilig gewesen und 
erst bei einer Erneuerung des Gemäldes in die erhaltene achtzeilige 
Fassung umgearbeitet sei. 

Entgegen diesen Annahmen wird sich erweisen lassen, dass Bild 
und Verse des alten Lübecker Totentanzes gleichzeitig entstanden sind, 
dass der Text nicht aus einem hochdeutschen vierzeiligen umgearbeitet 
ist, sondern dass Bild und Text im wesentlichen Wiederholung eines 
niederländischen Totentanzes sind, und dass dieser nicht nach einem 
deutschen, sondern nach einem französischen Vorbilde des 14. Jahr- 
hunderts gestaltet war. Ferner wird sich ergeben, dass der Lübecker 
Totentanz im Vergleich zu den übrigen erhaltenen deutschen oder 
französischen Totentänzen durchaus nicht eine jüngere Entwickelungs- 
form darstellt, sondern dass im Gegenteil der Lübecker von allen 
erhaltenen Totentänzen die altertümlichste Form darbietet. 

In sämmtlichen hochdeutschen und französischen Texten ist das 
Zwiegespräch zwischen Menschen und Tod derartig gestaltet, dass der 
Tod eine ganze Strophe zu dem von ihm zum Tanze aufgeforderten 
Menschen spricht. Dieser antwortet in der folgenden Strophe. Darauf 
wendet sich in einer neuen Strophe der Tod zu dem Nächstfolgenden, 
der dann wieder, wie sein Vorgänger, in einer Strophe antwortet. 
So heisst es in dem alten vierzeiligen Totentanze: 



18. Der tot. 
Her koufman, waz hilft iuwer werben? 
Diu zit ist hie, ir müezet sterben. 
Der tot nimt weder miete noch gäbe. 
Tanzet im nach, er wil iuch haben. 

Der koafman (antwortet). 
Ich het mich ze lebene versorget wol, 
Kisten und kästen waeren vol. 
Nu hat dem tot min gäbe versmacht, 
Und mich umbe lip und guot gebracht. 



19. Der tot. 

Frowe min, ir dunkt iu gar subtil. 
Deste gerner ich mit iu tanzen wil. 
Werfet van iu daz scapular, 
Ir müezet hie mit den toten vam. 

Die klosterfrowe (antwortet). 
Ich hau in dem kloster min 
Gote gedienet als ein gewihtez nünnelin. 
Was hilft mich nu min beten? 
Ich muez des todes reien treten. 



Der Lübecker Totentanz von 1463 und mit ihm seine Revaler 
Copie bietet, verglichen mit dem alten vierzeiligen sowie allen übrigen 
hochdeutschen Texten, zwei besondere mit einander verknüpfte Eigen- 
tümlichkeiten. Während in diesen Texten zuerst der Tod vier bezw. 
acht Verse spricht und darauf die angeredete Person in ebensoviel 
Versen antwortet, richtet im Lübecker Totentanze der Tod, nachdem 
er sieben Verse zu irgend einer Person geredet hat, im achten Verse 
derselben Strophe die Aufforderung an die nächstfolgende Person, zum 
Tanze anzutreten. Diese redet dann in einer achtzeiligen Strophe 
den Tod an, worauf dieser in den ersten sieben Versen der nächsten 
Strophe erwidert, um dann wieder die achte Zeile an die dann folgende 
Person zu richten. Nachdem z. B. der Tod dem Kapellan in sieben 
Zeilen geantwortet hat, redet er den Kaufmann an: 

Eopman, wilt di ok bereiden! 

(Der Ksafmann.) 

It is mi veme bereit to syn. 
Na gude hebbe ik gehat pin 
To lande unde tor see, 
Dor wint, regen unde snee. 
Nein reise wart mi so swar, 
Mine rekenscop is nicht klar. 
Hadde ik mine rekenscop gedan, 
So mochte ik vrolik mede gan. 

(Der Tod antwortet.) 

Hefstu anders nicht bedreven 

In kopenscop, alse di was gheven, 

It sal di wesen rechtferdicheit, 

Wen alle dink to richten steit, 

Hefstu di so vorwart 

Unde din dink gans wol geklart. 

Westu anders, dat is nicht gut. 

(zum Küster) 
Eoster, kum, it wesen mot! 

(Der Küster.) 

Ach dot, mot it sin gedan, 
Nu ik erst to denen began ! 
In miner kosterie mende ik klar 
Noch hogher to komen vorwar 

u. s. w. 



! 



8 



Der Lübecker Text stimmt nun, was auffälliger Weise bis jetzt 
unbeachtet geblieben ist, in Bezug auf die erwähnten Eigentümlich- 
keiten vollständig mit der altspanischen Danjsfa general de la muerte 
überein. Als Beleg und Beweis mag es genügen, einige Strophen 
vorzulegen. 

Nachdem der Tod dem Dekane geantwortet hat, wendet er sich 
an den Kaufmann im achten Verse der Strophe: ! 

Venit mercadero a la dan^a del lloro! 

Dise el mercadero: 

Aquieii dexar^ todas mis riquesas 
E mercadurias que traygo en la mar? 
Con mucbos traspasos e mas sotüesas 
Gaue lo que tengo en cada lugar. 
Agora la muerte vino-me llamar: 
Que serä de mi non se que me faga, 
muerte tu sierre a mi es grand plaga, 
Adios mercaderos que voyme a fynar. 

Dise la maerte: \ 

De oy mas non curedes de pasar en Fländfes, 

Estad aquf quedo e yredes ver 

La tienda que traygo de buuas y landres; 

De gra^ia las do non las quero bender. 

Una sola dellas vos farä caer 

De palmas en tierra en mi botica, 

E en ella entraredes maguer sea chica: 

(zum Ärchidiaconus) 
E vos ar^ediano venid al tanner! 

Dise el arcediano: 
mundo bil, malo, e falles^edero, 
Como me engann aste con tu promisyon, 
Prometist e-me vida, de ty non la espero, 
Syempre mentiste en toda sason. etc. 

Im übrigen möge es genügen, aus der Danza de la muerte die ' 

nachfolgenden Schlussverse der von dem Tode gesprochenen Strophen 
der Reihe nach anzuführen: 

zum Papst. Dan^ad, padre santo, syn mas de-tardar. 

z. Kaiser. Dan^ad imperante con cara pagada. 

z. Cardinal. Morid non curedes, benga el cardinal. 

z. König, Vos, rrey poderoso, venit a dan^ar. 

z. Patriarchen. En pos de vos benga luego el patriarca. | 

z. Herzoge. Svgase con vos el duque antes que mas beua. 

z. Erzbischof. Venit, argobispo, dexat los sermones. 

z. Connetable. Pase el condestable por otra tal via. 

z. Bischof. Venit vos, obispo, a ser mi vasallo. ; 

z. Bitter. Venit, cauallero, que estades armado. 

z. Abt. Dan<jad, abad gordo, con vuestra Corona \ 

u. s. w. 

Wenn im Gegensatz zu allen übrigen erhaltenen Totentanztexten 
der Lübecker und die altspanische Danza general in einer so unge- 
wöhnlichen formellen Eigentümlichkeit zusammentreffen, so kann diese 
Uebereinstimmung nicht zufällig sein; nur durch ein gemeinsames " 



9 

mittelbares oder unmittelbares Vorbild, welches beide in diesem iPunkte 
vollständig nachahmen, lässt sie sich erklären. 

Es wird die Frage zu beantworten sein, welchem Lande und 
welcher Zeit jenes gemeinsame Vorbild angehört hat. Nach allem, 
w'as wir wdssen, ist die Annahme eines unmittelbaren Zusammenhanges 
zwischen altspanischer (castilischer) und mittelniederdeutscher Litteratur 
und Kunst abzuweisen. Die Litteratur- und Kunstgeschichte wüsste 
kein einziges Beispiel aufzuweisen. Kein Wunder, denn nicht einmal 
der Handel verband im Mittelalter durch direkte Verbindung 
castilische und norddeutsche Städte. In den Niederlanden, in Brügge, 
von dessen sechzehn Contoren der fremden Kaufleute das grossartigste 
der Hansa, ein anderes den Castilianern gehörte, war es, wo der 
hansische und spanische Kaufmann zusammentrafen und ihre Exporten 
mit einander austauschten. Von hier bezog Spanien in grosser Anzahl 
die Kunstwerke altniederländischer Meister, mit denen es seine Kirchen 
und Paläste schmückte, und aus den Niederlanden waren die fremden 
nach Spanien gewanderten Maler gekommen, denen die altspanische 
Malerei die nachhaltigste Förderung verdankte.*) Auf der anderen 
Seite standen die Niederlande, in dessen Hafenstädten der hansische 
Kaufmann gern seine Lehrzeit verbrachte, wo er gleichsam wie zu 
Hause war, auch was Kunst und Kultur anlangt in vielfachster 
Beziehung zu den deutschen Hansestädten und besonders zu Lübeck. 
Noch heute sind Lübecks Kirchen reich an mittelalterlichen Kunst- 
schätzen — Gemälden und Grabdenkmälern — , welche die kunstfertige 
Hand alter niederländischer Meister geschaffen hat. 

Auf ein niederländisches Vorbild weist nun der alte Lübecker 
Totentanz ; mit Wahrscheinlichkeit das Gemälde, unzweideutig der alte 
niederdeutsche Text. Auf dem Gemälde, welches 1463 oder wenig 
später entstanden ist, erscheinen nämlich diejenigen Stände, deren 
Ornat nicht wie bei dem Kaiser und Papste sich im Laufe der Zeiten 
ziemlich gleich blieb, in burgundisch - niederländischer Modetracht, 
aber in einer Modetracht, welche für das Jahr 1463 schon veraltet 
erscheinen muss. 'Unter den Kleidungsstücken', sagt Mantels, 'ist 
manches, welches an den Hauptplätzen damaliger Mode, in den Nieder- 
landen, in Frankreich, am Rhein, um 1463 schon verschwunden war.' 
Nun könnte man freilich mit Mantels an die Möglichkeit denken, dass 
jene 1463 in den Niederlanden bereits unmodischen Trachten in 
Lübeck, trotz seines Reichtums und seiner Beziehungen zu Brügge, 
sich länger erhalten haben. Es ist deshalb entscheidend, dass auch 
der Text, wie später an unzweideutigen Belegen dargelegt werden 
wird, aus einem mittelniederländischen Original entweder übersetzt 
oder nach ihm mit wörtlichen Anlehnungen bearbeitet ist. Deuten 
aber beide, Bild wie Text, auf ein niederländisches Vorbild, so bleibt 
nur die Annahme übrig, dass beide nach demselben Vorbilde, also zu 



*) Crowe und Cavalcaselle, Geschichte der altniederländischen Malerei. 
Bearb. von A. Springer. Leipzig 1875. S. 387 fF. 



10 

gleicher Zeit, entstanden sind. Das niederländische Vorbild war sicher 
eine Anzahl Jahre älter, als der alte Lübecker Totentanz, es muss 
in die Zeit gehören, in welcher die Costüme der Figuren der geltenden 
Mode entsprachen, also in den Anfang des 15. Jahrhunderts. 

Es wird nun unsere Aufgabe sein müssen, das Verwandtschafts- 
verhältnis zwischen dem alten niederländischen Totentanze und der 
altcastilischen Danza general zu ermitteln. Dass diese selbst kein 
Originalerzeugnis spanischen Geistes ist, ergiebt sich schon daraus, 
dass sie in der sie bietenden Handschrift als Trasladagion 'Ueber- 
setzung' bezeichnet ist. Der Handels- und Kunstverkehr, der Spanien 
und die Niederlande verband, könnte möglich erscheinen lassen, dass 
durch einen jener Maler aus Flandern, welche ihr Vaterland verliessen, 
um in Spanien eine neue Heimat zu finden, nach diesem Lande die 
Kenntnis der Totentänze gebracht ist. An diese Möglichkeit kann 
man allerdings denken, obwohl in Spanien sich nur Totentanz texte, 
nicht Totentanzgemälde erhalten haben, nur darf man nicht an dies 
unmittelbare niederländische Vorbild des Lübecker Totentanzes denken. 
Wie dieser auf ein niederländisches, so weist nämlich die spanische 
Danza general auf ein französisches Original als Vorbild. Da aus 
Südfrankreich keine Totentänze bekannt geworden sind, wird man auf 
ein nordfranzösisches Werk schliessen müssen, und in Anbetracht der 
Verbindung mit Castilien liegt es nahe, entweder an Paris, dessen 
Universität auch von spanischen Klerikern besucht wurde, oder an 
Flandern, wo französische und niederländische Sprache und Litteratur 
zusammentrafen, zu denken. Dieser nordfranzösische Totentanz muss 
dann schliesslich das Vorbild auch des niederländischen Totentanzes 
gewesen sein. Dass man sich in diesem Falle, wo ein altfranzösischer 
oder mittelniederländischer Ursprung in Frage kommt, für jenen zu 
entscheiden hat, lehrt nicht nur die allgemeine litteraturgeschichtliche 
Erfahrung, es wird auch noch dadurch befürwortet, dass die Figuren 
des Totentanzes (in denen der Connetable erscheint, während der Graf 
fehlt) den französischen Würdenträgern entsprechen. 

Wenn ein altfranzösischer Totentanz sich so als gemeinsamer 
Stanmivater einerseits der altspanischen Danza general, anderseits des 
Lübecker Totentanzes ergeben hat, so darf doch nicht übersehen 
werden, dass die gezogenen Schlüsse nur einen altfranzösischen Text, 
nicht zugleich auch ein zugehöriges Gemälde erweisen, deshalb nicht, 
weil in der altspanischen Danza nur eine Dichtung, kein damit ver- 
bundenes Bildwerk vorliegt. Ausgeschlossen ist freilich die Möglichkeit 
nicht, dass auch jener altfranzösische Text irgend wo mit einem 
''Gemälde verbunden gewesen sein kann. 

Es erübrigt noch die Bestimmung des Jahrhunderts, in welchem 
jener altfranzösische Totentanz, — der mit der jungem uns erhaltenen 
Danse macabre nicht verwechselt werden darf — verfasst worden ist. 
Da er älter als der von ihm abhängige mittelniederländische Totentanz 
gewesen sein muss, der in den Anfang des 15. Jahrhunderts gehört, 
so würde er spätestens in diese Zeit zu setzen sein. Noch früher ihn 



11 

hinaufzuriicken, nötigt die Danza general. Diese ist in einer Hand- 
schrift des 15. Jahrhunderts erhalten, soll aber nach der von spanischen 
und deutschen Gelehrten gewöhnlich vertretenen Ansicht bereits i. J. 
1360 verfasst sein. Gegen diese Altersbestimmung ist freilich von 
einigen Seiten, und wohl mit Recht, Einspruch erhoben worden. Mag 
nun aber die Danza auch ein halbes Jahrhundert zu früh angesetzt 
sein und sie noch in die ersten Jahre des 15. Jahrhunderts gehören, 
so muss immerhin das von ihr nachgeahmte, also um einen gewissen 
Zeitraum ältere französische Original noch dem vierzehnten Jahr- 
hundert angehört haben. 

Noch ein anderer Grund lässt sich dafür anführen, dass bereits 
vor dem Ende des 14. Jahrhunderts im nordöstlichen Frankreichs der 
Totentanz bekannt war. In Rückblick auf eine 1376 überstandene 
gefährliche Krankheit sagt nämlich der Pariser Dichter Jehan Le 
Fe vre in seinem bald nach 1376 verfassten JRespü dt mori: 

Je fis de Macabree la dance 
Qui toute gent maine a sa trace 
Et a la fosse les adresse"') 

Es muss also bereits für das Jahr 1376 die Kenntnis einer 
Danse macabre, eines Totentanzes, in Frankreich vorausgesetzt werden. 
Da der erhaltene Text der französischen Danse macabre, wie wir 
später sehen werden, erst im 15. Jahrhundert verfasst ist, kann jene 
Stelle sich nicht auf diesen beziehen, sondern legt für die Existenz 
eines altern Totentanzes Zeugnis ab. 

Die Form des Lübecker Totentanzes v. J. 1463 und der alt- 
castilianischen Danza general weist, wie sich nun gezeigt hat, in eine 
etwa um hundert Jahre vor seiner Darstellung in Lübeck liegende 
Zeit zurück. Alle übrigen Totentänze gehören einer jüngeren Zeit an. 
Es ist somit in dem Lübecker Gemälde nicht, wie man angenommen hat, 
eine jüngere Entwicklungsstufe erhalten, sondern vielmehr die ältere. 



Der Totentanz als Drama. 

Jene in der vorangehenden Untersuchung dargelegte Eigentümlich- 
keit der Form, welche von allen erhaltenen Totentanztexten allein der 
lübisch-revalsche Totentanz und die altspanische Danza general auf- 
weisen, und welche, wie wir sahen, in das vierzehnte Jahrhundert 
hinaufreicht, wird auch für die nachfolgende Untersuchung den Aus- 
gangspunkt abgeben. 

Blicken wir auf die Totentanz g e m ä 1 d e , so finden wir nicht 
einen Tod, sondern eine grosse Anzahl Figuren, welche den Tod 
darstellen. Jeder menschlichen Figur ist ihr eigener, besonderer Tod 



*) Die Stelle ist von Massmann im Serapeum 8 S. 134 mitgeteilt worden. 



12 

* 

beigegeben, und häufig dem ganzen Reigen noch ausserdem ein oder 
einige Tode als Pfeifer oder Vortänzer. 

In dem Texte, welchen der lübisch-revalsche Totentanz und die 
Danza general bieten, ist dagegen der Tod, welcher mit den ver- 
schiedenen menschlichen Wesen redet, immer ein und derselbe. Denn 
wenn z. B. der Tod in den ersten Zeilen der Strophe dem Papste 
antwortet und in der Schlusszeile derselben Strophe den Kaiser auf- 
fordert, zum Tanze anzutreten, und dann, als dieser Einwendungen 
erhebt, sie in derselben neuen Strophe widerlegt, in welcher er sich 
schliesslich zur Kaiserin wendet, so kann hierbei doch immer nur 
derselbe Tod als redend gedacht sein. 

Dies Gemälde zeigt also viele Tode, die Dichtung kennt nur 
einen einzigen Tod. 

Es liegt hier ein Widerspruch zwischen Bild und Text vor, auf 
den bisher noch nicht hingewiesen ist, den man aber bereits im Mittel- 
alter empfunden zu haben scheint. Denn mit Ausnahme des lübisch- 
revalschen Textes finden sich in sämmtlichen erhaltenen Totentänzen 
Bild und Wort in Uebereinstimmung bezüglich dieses Punktes. 

Jener Widerspruch, der in den ältesten Fassungen des Toten- 
tanzes zwischen Gemälde und Dichtung obwaltet, nötigt zu der Auf- 
stellung der Frage, ob der Text oder das Bild das ältere, ursprüng- 
lichere ist. 

Das Bild kann nicht das ursprüngliche, das fiühere gewesen sein. 
Wäre der älteste Text als Erläuterung zu einem vorhandenen Bilde, 
welches den menschlichen Figuren im Tanzreigen je einen besonderen 
Tod als Tanzpartner gab, verfasst worden, so hätte der Dichter nach 
Art der jüngeren Totentänze jeden Tod einzig und allein zu seinem 
Tänzer sprechen lassen können. Auch würde ein Maler, der unabhängig 
von einem Texte ein Gemälde entwirft, den Entwurf in Einklang mit 
der Besonderheit seiner Kunst gesetzt haben. Der Dichter kann 
zeitlich auf einanderfolgende Vorgänge schildern, der Maler ist auf 
die bildliche Wiedergabe dessen beschränkt, was das Auge in dem- 
selben Moment erschauen kann. Den Tanz in seinem Verlaufe, also 
wie der Tod nach einander die verschiedenen Menschen auffordert, 
in demselben Gemälde bildlich darzustellen, war unmöglich. Ein 
Maler hätte nicht an einen Gesammtreigen gedacht, sondern in ein- 
zelnen Gruppenbildern den Tanz veranschaulicht. 

Es muss also das Werk des Dichters, der Text, das Ursprüngliche 
gewesen und zu ihm, zu seiner Erläuterung oder Veranschaulichung 
das Bild hinzugefügt sein. Es begreift sich dann der Widerspruch. 
Es war eben nicht möglich im Bilde zu veranschaulichen, dass derselbe 
eine Tod nach einander mit den verschiedenen geistlichen und welt- 
lichen Ständen ein Zwiegespräch hält. Der Maler ergriff den Ausweg, 
den Tod so oft zu malen, als er das Wort ergreift, und die sämmt- 
lichen Tode und Menschen zu einem Gesammtreigen zu vereinigen. 

Die Dichtung (d. i. der altfranzösische sowohl in der Danza 



13 

1 

general wie im Lübecker Totentanze von 1463 nachgeahmte oder 
übersetzte Text) ist also älter als das Gemälde und ursprünglich mit 
einem solchen nicht verbunden gewesen. Wenn ihre Strophen dem- 
nach von ihrem Dichter nicht als Bildersprüche, d. h. als Verse, welche 
gemalten Figuren gleichsam in den Mund gelegt werden, dereinst 
verfasst waren, so wird die Frage zu erheben sein, welcher Dichtungs- 
gattung jener alte Totentanztext ursprünglich angehört hat. 

Der alte französische Originaltext ist freilich nicht mehr vor- 
handen. Die beiden erhaltenen Nachahmungen und Uebersetzungen 
gestatten jedoch zum Teil sichere, zum Teil wahrscheinliche Schlüsse 
auf die Form und den Inhalt des Originals. Alles, was übereinstimmend 
sich in beiden Nachahmungen findet, muss auch im Original vorhanden 
gewesen sein. Im Uebrigen lässt sich erkennen, dass in Bezug auf 
Wortlaut und Gedankeninhalt die altspanische Danza, deren Verfasser 
augenscheinlich durch dichterische Begabung und Uebung sich aus- 
zeichnete, eine ziemlich freie Umarbeitung des Originals unter Hinzu- 
fügung neuer Figuren bietet, während der lübische Text, vielleicht 
weil er von einem minder sprach- und versgewandten Dichter herrührt, 
zwar verschiedene Strophen des Originals auslässt, sonst aber dieses 
treuer wiedergiebt. Dass die altspanische Danza das Original um neue 
Strophen vermehrt hat, lässt sich daraus folgern, dass verschiedene 
der in ihr auftretenden nur in Spanien vertretenen Stände*) unmöglich 
dem nordfranzösischen Original entnommen sein können. Aber auch 
inhaltlich deuten einige Strophen darauf, dass sie nicht übersetzt, 
sondern freie Dichtung eines Spaniers sind, wie z. B. die Rede des 
Todes an den Rabbi, denn nur in Spanien, der Heimat zahlreicher 
gebildeter Juden im Mittelalter, war eine derartige Bezugnahme auf 
eine jüdische Segensformel u. a. erklärlich. Für die treuere Wieder- 
gabe des Original durch den in Lübeck und Reval erhaltenen Text 
spricht überdem noch ein besonderer Grund, der später noch zur 
Sprache kommen wird. 

Bei der Frage, welcher Dichtungsgattung der Totentanztext 
ursprünglich angehört hat, kommt seine formelle Gestaltung in Betracht. 
In Bezug auf diese stimmen der alte lübisch-revalsche Totentanz und 
die altspanische Danza general vollständig überein. Es muss also das 
gemeinsame altfranzösische Original dieselbe Form geboten haben. 

Die Form bietet nicht einen einfachen Dialog, sondern einen 
Dialog, der durch seine im vorigen Abschnitt dargelegte Eigentümlich- 
keit darauf hinweist, dass die alte Totentanzdichtung dramatisch 
war. Selbstverständlich hat diese Schlussfolgerung, die noch durch 
andere Gründe zu stützen ist, nur Bezug auf die ursprüngliche 
Bestimmung des altfranzösischen Originals aus dem 14. Jahrhundert. 
Es wäre falsch, anzunehmen, dass der niederdeutsche in Lübeck und 
Reval erhaltene niederdeutsche Text jemals dramatisch verwertet wäre. 
Auch abgesehen von anderen Gründen verbietet sich diese Vermutung 



*) Die Nachweise werden in der Litteraturübersicht gegeben werden. 



u 

in Bezug auf Lübeck schon deshalb, weil weder in dem erhaltenen 
Verzeichnis der hier von 1430 bis 1515 aufgeführten Spiele der 
Patricier*) noch in den chronikalischen Ueberlieferungen eines Toten- 
tanzspieles Erwähnung geschieht. Uebrigens ist der dramatische 
Charakter des Lübecker Totentanzes auch noch von Niemand an- 
genommen worden. Die altspanische Danza general pflegt dagegen 
als ältestes Drama der spanischen Litteratur betrachtet zu werden. 
Doch gründet sich diese Annahme eben nur auf ihre dramatische 
Form. Ein Zeugnis oder der Beweis, dass sie jemals aufgeführt worden 
sei, hat nicht beigebracht werden können, und es wird deshalb von 
anderen Gelehrten dieselbe der dramatischen Litteratur nicht zugerechnet. 

Zum Erweis, dass ein altfranzösischer Totentanz in der That 
aufgeführt worden ist, wird auf zwei historische Zeugnisse über statt- 
gehabte Aufführungen eines Totentanzes hingewiesen werden können. 
Dann wird aus einer Stelle des niederdeutschen Textes selbst erwiesen 
werden, dass dieser oder vielmehr seine altfranzösische Vorlage 
ursprünglich zum Behufe dramatischer Aufführung vor einer geistlichen 
Zuschauerschaft verfasst worden ist. 

Jene historischen Zeugnisse darf man nicht, wie mehrfach 
geschehen ist, auf die uns erhaltene jüngere Danse macabre v. J. 
1425 beziehen. Denn diese ist, wie im Fortgange der Untersuchung 
gezeigt werden wird, weder ein Drama noch zur dramatischen Auf- 
führung geeignet. 

Man hat drei alte Zeugnisse beigebracht, welche die dramatische 
Darstellung des Totentanzes im Mittelalter beweisen oder beweisen sollen. 

Wie zuerst französische Geschichtschreiber des vorigen Jahr- 
hunderts und darnach Wackernagel u. a. annahmen, ist 1424 der 
Totentanz im Kloster Aux Innocents in Paris dramatisch aufgeführt 
worden. Diese Annahme beruht auf einem groben Missverständnisse. 
In dem Journal d^un bourgtois de Paris sous Charles VII**) heisst es: 
L'an 1424 fut (aide la danse macabre aux hmocens et fut commencee 
enuiron le moys Waoust et acheuee ou karesme ensuiuant. Wie bereits 
Fiorillo und Peignot klar und richtig ausgesprochen, kann der Toten- 
tanz, von welchem gesagt wird, dass er im Jlai begonnen und zur 
Fastenzeit des nächsten Jahres vollendet sei, nur ein Gemälde gewesen 
sein. Hieran ist um so weniger zu zweifeln, als Peignot aus demselben 
Journal z. J. 1429 eine Stelle beibringt, in welcher berichtet wird, 
dass ein Franziskanermönch Richart im Kloster aux Innocents le dos 
tourne vers les charniers encontre la charonnerie ä Vandroit de la dance 
macabre gepredigt habe. Schliesslich wissen wir auch aus Lydgate's 
englischer Uebersetzung der Danse macabre, dass es in dem Kloster 
Aux Innocents zu Paris einen gemalten Totentanz gegeben hat. 

*) Niederdeutsches Jahrbuch 6, S. 1 ff. 

**) Gedruckt bei Labarre, M^moires pour servir ä Fhistoire de France et de 
Bourgogne. Paris 1729, S. 103. Neue Ausgabe: Journal d'un bourgeois de Paris, 
1405—1449, publ. par AI. Tuetey. Paris 1881, S. 203. 234. 



15 

Als zweites Zeugnis wird, zuerst von Carpentier in seinen Zusätzen 
zu Du Cange's Glossarium mediae et infimae latinitatis sub voce 
Machabosorum Chorea, eine im Mercure de France (September 1742, 
S. 1955) mitgeteilte Stelle einer Handschrift aus Besangon angeführt. 
Sie lautet: Sexcdllus solvat D. Joanni Caleti, matriculario S. Joaymis, 
quatuor simasias vini per cHcttim niatricnlarium exhihitas Ulis ^ qui 
choream Machabceoruni fecerunt 10 Julii [sc. 1453] nuper lapsa hora 
missce in ccclesia S. Joannis Evangelistm, propter capitiilum provinciale 
Fratrum minorurn. Der Seneschal wird also beauftragt, dem Hilfs- 
sacristan der Johanniskirche die vier Simasien (das sind 24 Mass) 
Wein zu vergüten, welche dieser, als am 10. Juli 1453 bei Gelegenheit 
des Provinzialkapitels der Franziskaner nach der Messe der Makka- 
bäertanz aufgeführt wurde, den Darstellern desselben gegeben hatte. 
Diese Stelle würde unter der Voraussetzung beweisend sein, dass der 
lateinische Ausdruck Chorea M'ichahcoortim dasselbe wie das französische 
Dause macal/re bedeutet. Die Frage, ob jene Voraussetzung sicher 
ist, mag hier dahingestellt bleiben. Ist sie aber in der That zutreffend, 
so beweist jene Stelle nichts für die Art der Aufführung; es könnte 
sich, wie mehrfach angenommen ist, um ein tableau vivant^ d. h. eine 
jener mimischen Aufführung ohne Worte handeln, welche in jener Zeit 
sich in Frankreich grosser Beliebtheit erfreuten. Auf die Anzahl der 
mitspielenden Personen erlaubt dagegen die obige Stelle einen gewissen 
Schluss, wenn man die sonst in Frankreich begegnende Sitte, dass den 
Darstellern bei Probe und Aufführung nur ein beschränktes Mass Wein 
zur Erquickung vorgesetzt wird, in Betracht zieht. 

Während die beiden angeführten Zeugnisse allgemein bekannt 
sind, ist ein drittes, welches jene beiden an Wichtigkeit weit übertrifft, 
den meisten Schriftstellern über den Totentanz, auch denen neuerer 
Zeit, unbekannt geblieben, obwohl es in einem vielbenutzten Werke, 
freilich erst in den Nachträgen desselben,*) zu finden war. In den 
von Laborde zum Abdruck gebrachten Rechnungen der Ausgaben der 
Herzöge von Burgund findet sich nämlich folgende Stelle**): A Nicaiae 
de Gambray, painctre, demourant en la ville de Douay, pour lui aidier 
ä dejfroyer au mois de septembre Van 1449^ de la ville de BrugeSy quant 
ü a joue devant mondit seigneurj en son hostel, avec ses autres com- 
paignons, certain jeu, histoire et moralite sur le fait de la danse macabre 
. . . VIII francs. Die Danse macabre, welche hiernach im Monat 
September 1449 in Brügge vor dem Herzoge Philipp dem Guten auf- 
geführt ist, wird als jeu, dann als histoire et moralite bezeichnet. Jeu 
ist der allgemeine Ausdruck für dramatische u. a. Darstellungen. Die 
Bezeichnung histoire, welche allein stehend sonst für historische, 
legendarische oder novellistische Stoffe üblich ist, besagt in diesem 
Falle wohl, dass ein Spiel mit Handlung und Dialog gemeint ist. 

*) Langlois, Essai sur les danses des morts. T. I. (1851), S. 292. 
**) de Laborde, Le ducs de Bourgogne. Etudes sur les lettres, les arts 
et l'industrie pendent le 15« si^cle, et plus particuli^rement dans les Pays-Bas et 
le duchä de Bourgogne. Partie II. Vol. 1 (1849) S. 393. Comptes n. 7399. 



16 

Unzweideutig und klar ist der Ausdruck mordlite, der in Verbindung 
mit histoire ein dramatisches Spiel belehrender oder erbaulicher Tendenz 
bezeichnet. 

Den historischen Zeugnissen, welche zum Nachweise stattgehabter 
Aufführungen des Totentanzdramas bekannt geworden sind, lässt sich 
eine bisher für die Untersuchung noch nicht verwertete und in ihrer 
Bedeutung überhaupt noch nicht erkannte Stelle anreihen, welche sich 
in dem lübisch-revalschen Texte selbst findet. Der 'Prediger auf der 
KanzeF, der im Totentanzdrama die Rolle des Prolocutor vertritt, 
beginnt seinen Prolog mit den Versen 

Och redelüce creatuer, sy arm ofte ryke, 
Seet hyr dat spectel, junck unde olden! 

Das Wort spectel (frz. spedacle) bedeutet 'Schauspiel', es ist also 
in diesen Worten geradezu und unzweideutig ausgesprochen, dass die 
Totentanzdichtung; die im lübisch-revalschen Texte vorliegt, als Drama 
zu denken ist. 

Aus demselben Prologe ist ferner zu entnehmen, vor welchem 
Zuschauerkreise jenes Drama zuerst aufgeführt worden ist. Vers 9 ff. 
heisst es nämlich: 

Unde leven kinder, ik wil ju raden, 
Dat gi juwe scapeken verleiden nicht, 
Men gude exempel en opladen, 
Eer ju de doet sus snelle bUicht. 

Der Prolocutor fordert also die Zuschauer auf, diese möchten 
ihre scapeken^ ihre 'Schäflein' nicht in die Irre führen, sondern 
ihnen gute Beispiele geben. Die Geistlichen betrachten sich, in Anleh- 
nung an das biblische Gleichnis vom guten Hirten, als die Hirten, 
die 'Pastores' der Laien, diese wurden nach kirchlichem Sprach- 
gebrauche als ihre Schafe oder Schäflein bezeichnet. Da die 
Worte des Prologs also ausschliesslich an Geistliche gerichtet sind, 
so ergiebt sich, dass das Totentanzdrama ursprünglich zur Darstellung 
vor Klerikern verfasst worden ist. 

Wenn einerseits unsere Untersuchung ergeben hat, dass die älteste 
Form des Totentanzes, wie sie in mittelniederdeutscher Uebersetzung 
in dem lübisch-revalschen Texte vorliegt, ursprünglich ein Drama 
gewesen ist, anderseits feststeht, dass die in Frankreich entstandene 
Dichtung auf dem Wege über die Niederlande i. J. 1463 nach Deutsch- 
land gekommen ist, und wenn ferner nachweislich i. J. 1449 in Brügge, 
also in einer Stadt, welche in besonderer Verbindung mit Lübeck stand, 
ein Totentanz dramatisch aufgeführt worden ist, so liegt die Vermutung 
nahe, dass jene in Brügge aufgeführte Danse macabre im Lübecker 
Totentanze von 1463 erhalten ist. Ferner erhält durch den Nachweis, 
dass dieses Drama ursprünglich zur Aufführung vor Geistlichen 
bestimmt war, die Vermutung eine Stütze, dass es dasselbe Drama 



war, welches am 10. Juli 1453 vor dem Provinzlalcapitel der Mmoriten 
in Besan^on dargestellt ist. 

So nahe diese Vermutungen liegen, können sie doch irrig sein, 
denn die Möglichkeit lässt sich nicht läugnen, dass es einen zweiten, 
uns verlorenen dramatischen Totentanz gegeben haben kann. Sicher 
bleibt aber die Thatsache zu Recht bestehen, dass die erhaltene lübisch- 
revalsche Totentanzdichtung die Uebersetzung einer altfranzösischen 
für die scenische Aufführung verfassten Dichtung des 14. Jahrhunderts 
ist. Es wird unsere Aufgabe sein, diese Dichtung in Vergleich mit 
altfranzösischen dramatischen Werken gleicher Zeit und gleicher Gattung 
zu stellen, um ihre litteraturgeschichtliche Stellung zu erkennen. Leider 
besitzen wir nur zwei altfranzösische Moralitäten, welche dem 14. Jahr- 
hundert angehören.^) Beide sind von dem bekannten Dichter Eustache 
Deschamps und beide weichen, was die Form betrifft, wesentlich von 
der Totentanzdichtung ab. Aber auch die Vergleichung mit den 
erhaltenen freilich gleichfalls nicht sehr zahlreichen Moralitäten des 
15. Jahrhunderts weist keine Dramen auf, welche dem erhaltenen 
Totentanze so ähnlich sind, dass man auf sie nur zu verweisen brauchte. 
Es wird deshalb nötig sein, die genauere Feststellung der dramatischen 
Gattung, welcher das Spiel vom Totentanze angehört hat, in einer 
besonderen, der folgenden Untersuchung zu erörtern. 

Aber auch ohne diese Untersuchung lässt sich an dem Texte 
erkennen, wie die Aufführung jenes Totentanzes vor sich gegangen ist. 

Wir haben uns die Aufführung in der Kirche auf einer zu diesem 
Zweck hergerichteten Bühne zu denken, die von zwei Seiten zugänglich 
ist, deren eine ein Beinhaus oder ein Grab vorstellt. 

Zuerst tritt auf einer vor der Bühne befindlichen Kanzel ein 
Prediger als Prolocutor auf und mahnt die als Zuschauer versammelten 
Kleriker, dem Schauspiel, das sich vor ihren Augen abspielen würde, 
die Lehre zu entnehmen, dass niemand vor dem Tode geschützt ist. 
Wer viel Gutes in seinem Leben gethan und die seiner geistlichen 
Fürsorge anvertrauten Schafe gut geführt habe, werde dafür himm- 
lischen Lohn empfangen. 

Auf die Bühne tritt dann der Tod und fordert alle Creaturen auf, 
ihm zu folgen und dazu sich mit guten Werken zu rüsten. 

Zuerst ruft er den Papst, er sei der höchste auf Erde gewesen, 
darum gebühre ihm die Ehre des Vortanzes. Klagend tritt der Papst 
zum Tode, der auf seine Worte, während er ihn im Tanzschritt zum 
Grabe führt, antwortet. 

Indem der Papst in dem Grabe oder hinter einer als Zugang 
zu einem Bemhause gedachten Thür verschwindet, fordert der Tod in 
ähnlicher Weise den Kaiser, Cardinal, König und alle übrigen der 
Reihe nach auf, die alle im vollen Schmuck ihres Ornates erscheinen, 



^) L. Petit de JuUevüle, Repertoire da thäätre comique en France au moyen- 
äge. Paris 1886, S. 19 ff. 

Kiederdeutsohes Jahrbucli XYIL 2 



18 

während der Tod in eng anliegende gelbliche Leinwand gekleidet ist, 
welche durch die Kunst des Malers so bemalt ist, dass der Tod einer 
Leiche ähnlich sieht. 

Die Vorstellung selbst geschah unter musikalischer Begleitung, 
der Text wurde durch Gesang oder Recitativ zum Vortrag gebracht. 

Es war nicht notwendig, dass für jeden menschlichen Stand ein 
besonderer Darsteller agirte. Der abgetretene Papst hatte, während 
der Tod mit dem Kaiser, Erzbischof u. s. w. zum Tanze schritt und 
mit ihnen Rede und Gegenrede führte, Zeit und Gelegenheit, die 
Kleidung zu wechseln und bald darauf in anderer Tracht die Bühne 
auf der anderen Seite wieder zu betreten. 



Die Entstehung des ersten Totentanzes. 

Es ist zuzugeben, dass das alte Totentanzspiel in Bezug auf 
Handlung und Dialog an Einfachheit gewissen altern französischen 
Moralitäten ziemlich ähnlich ist. 

Dagegen fällt ein auffälliger äusserer Unterschied in die Augen. 
Der alte Totentanz bestand, abgesehen von dem Prologe, aus Strojihen, 
während die eigentlichen Dramen und somit auch die Moralitäten frei 
vom Zwange strophischer Gliederung waren. 

Neben dem äussern Unterschiede wird ferner ein innerer bemerkbar. 
. Bei einfachem Dialog und einfacher, ja mitunter fehlender Hand- 
lung fesseln die Moralitäten dadurch, dass ein zu Grunde gelegter 
Gedanke in vielseitiger Weise erörtert, bestritten und verteidigt wird. 
Eine beliebte Form, in welcher sich das am ungezwungensten thun 
lässt, ist desshalb der Streitdialog oder ein Process. Allegorische 
Figuren treten als Kläger gegen einander auf, und eine andere über- 
nimmt die Rolle des Richters. Bede und Gegenrede führen schliesslich 
zu einem Urteile oder sonst einem Abschluss des Gedankens.^) In 
dem Texte des alten Totentanzes ist von irgend einer Entwickelung 
eines Gedankens kaum etwas zu finden. Es ist eine eintönige Variation 
desselben Gedanken, den bereits der Prolocutor ausspricht : Jeder wird 
vom Tode ergriffen, jeder bereite sich durch gute Werke auf ihn vor 
und erfülle die Pflichten, die sein Beruf ihm auferlegt. 

Was wir von den französischen Moralitäten des Mittelalters 
wissen, lässt nicht darauf schliessen, dass das decorative Moment sehr 
in den Vordergrund trat. Ihre Wirkung beruhte fast einzig auf ihrem 
Gedankeninhalt. Im Spiele vom Totentanz muss dagegen der Eindruck, 
welchen der Dialog auf die Zuschauer hatte, vollständig gegen den 
Eindruck, den die Mannigfaltigkeit und der Wechsel der Kostüme auf 

^) Ein deutsches nach dem Vorbilde einer altfranzösischen Moralität ver- 
fasstes Gedicht mit Keden von je 24 Versen ist im Niederdeutschen Jahrbuch 8, 
S. 43 ff. abgedruckt. 



19 

das Auge ausübte, zurückgetreten sein. Die Worle des Dialogs wären 
kaum mehr als Erläuterungen des Kostüms. 

Dieser Sachverhalt muss zu der Folgerung führen, dass die 
Moralität vom Totentanze aus einem jener tableaux vivants entstanden 
ist, welche in Frankreich und Flandern im 13. und 14. Jahrhundert 
so beliebt waren. Das Tableau wurde Moralität, indem den früher 
stummen Personen Worte in den Mund gelegt wurden. 

lieber die Tableaux vivants äussert sich Ebert in seiner Ent- 

wicklungs - Geschichte der französischen Tragödie vornehmlich im 

XVI. Jahrhundert (Gotha 1856. S. 21 f. 37 f.). 'Tableauartige, 

mimische Darstellungen,' sagt er, 'oft unter musikalischer 

Begleitung, kamen seit dem Anfange des vierzehnten Jahrhunderts 

an den Höfen des Königs und der Grossen zur Vermehrung festlichen 

Glanzes in Mode. Ich meine die Entremets. Die Maschinen, die 

Dekoration, das Kostüm war die Hauptsache ; geschichtliche Ereignisse, 

damals auch insbesondre aus den Kreuzzügen, wurden zugleich mit 

Szenen aus der biblischen Historie vorgestellt, daneben aber wurden 

auch blosse Kuriositäten, ohne irgend welche dramatische Bedeutung^, 

zur Schau gestellt. Solche Tableaux profanen und geistlichen Inhalts 

wurden auch seit dem vierzehnten Jahrhundert bis zur Regierung 

Heinrichs II. regelmässig bei den feierlichen Einzügen der Könige in 

Paris, aber auch fremder Fürstlichkeiten, insonderheit der Königsbräute, 

an verschiedenen, zum Teil bestimmten Punkten der Stadt, an welchen 

der königliche Aufzug sich vorüber bewegte, auf Gerüsten dargestellt. 

Es waren meist bewegte Bilder, in welchen eine Handlung vor sich 

ging, die im Augenblick des Erscheinens des Königs anhob, aber sie 

war stumm; wie denn oft ausdrücklich von den Chronisten bemerkt 

wird, dass die personnages dieser Mysterien Sans parier waren.' 'Auch 

die stummen Spiele der Entremets und Tableaux entwickelten sich in 

dieser zweiten Periode des mittelalterlichen Schauspiels zu noch grösserer 

Pracht und Mannigfaltigkeit . . . Interessant ist zunächst, dass in 

den Tableaux das ganze ernste mittelalterliche Schauspiel sich damals 

vertreten findet: neben Mysterien des neuen und alten Testaments 

w^ erden auch Heilige, und selbst Szenen aus Miracles vorgestellt, nicht 

minder ferner allegorische Personen, teils bloss symbolisch gruppirt, 

teils zu einer Handlung vereinigt; selbst Parabeln fehlen nicht, wie 

die des Sämanns.' Dargestellt wurden die Tableaux von allen denen, 

die im Mittelalter sich zur Aufführung von Dramen vereinigten, von 

Genossenschaften wie der Basoche und der Confraterie de la Passion 

in Paris, den Puys in den Provinzialstädten, von Studenten, Klerikern, 

Klerken u. a. 

Als Tableau muss also auch der Totentanz ursprünglich dar- 
gestellt worden sein; die Rollen waren stumm, die Personen bewegten 
sicla aber im Tanzschritt nach dem Takte der die Aufführung beglei- 
tenden Musik der Orgel oder der Pfeiffer. Als sich dann die Gunst 
der Zeitgenossen dem redenden Schauspiele allseitiger zuwandte, 
niixsste man, leichtbegreiflich, veranlasst werden, die früher stummeü 

2* 



20 

Rollen des Tableau in redende zu verwandeln. Der Dialog, den man 
ihnen gab, konnte jedoch nicht frei von dem Zwange sein, zu welchem 
der Umstand nötigte, dass die Personen des Totentanzes sich im Tanz- 
schritte bewegten. Anderseits nötigte der Tanz nicht, dass die Personen 
stumm blieben, denn im Mittelalter wurde allgemein bei dem Tanze 
gesungen oder im Recitativ strophisch gesprochen. Entsprechend 
der Zahl der Takte, nach denen der Totentanzreigen geschritten wurde, 
musste der für ihn bestimmte Text strophisch abgefasst werden. So 
erklärt sich, dass das durch die Hinzufiigung eines Textes aus dem 
Tableau entstandene Drama oder Singspiel vom Totentanze von den 
anderen Moralitäten sich durch seinen strophischen Dialog unter- 
scheiden musste. 

Bevor wir unsere Untersuchung schliessen, erübrigt noch die 
Frage: Wie haben wir uns die Entstehung des Tableau vom Toten- 
tanze zu denken? Das Tableau will auf das Auge wirken, die Kostüme 
waren für dasselbe eine Hauptsache. Aus der Absicht, die herrlichsten 
und mannigfaltigsten Trachten, welche das der historischen und 
ethnographischen Kostümkunde entbehrende Mittelalter kannte, in voll- 
ständiger Reihe den Zuschauern vorzuführen, ist in erster Linie die 
Entstehung des Totentanzes zu erklären. 

Ein geschicktes Tableau muss jedoch von einem Gedanken 
beherrscht sein, welcher die Mannigfaltigkeit und den Wechsel der 
Kostüme zusammenhält und erklärt. Diesen Gedanken fand der 
Schöpfer des Tableau in der Allmacht des Todes über die Menschen, 
er gewann in der Gestalt des Todes zugleich die wirksamste Folie für 
alle übrigen Figuren. Dieser Gedanke und seine Ausführung durch 
das Tanzmotiv musste in zweiter Linie zu jener Absicht hinzutreten, 
um den ersten Totentanz entstehen zu lassen. 

Wie der Verfasser des Tableau gerade zu dem Tanzmotiv kam, 
ist eine offene Frage, doch bereitet sie keine Schwierigkeit. Eine 
volkstümliche Redensart oder ein in der religiösen Dichtung des Mittel- 
alters geschaffener bildlicher Ausdruck kann den Verfasser angeregt 
haben. Die mittelhochdeutsche Dichtung wie die mittelniederländische 
sind schon zu einer Zeit, die vor den Totentänzen liegt, reich an 
bildlichen Redensarten und Wendungen, wie z. B. nach der Pfeife des 
Todes tanzen oder von einem Reigen, an den alle müssen, um sich in 
das andere Land, d. h. ins Jenseits hinüber zu singen.^) Ich zweifle 
nicht, dass auch die altfranzösische Dichtung Belege in reicher Zahl 
bieten würde. Jedesfalls ist es falsch, zur Herleitung des Totentanz 
auf entlegene, Nordfrankreich fremde Anschauungen oder gar Mythen 
zurückzugreifen. Auf den Gipfel ist die Urteilslosigkeit getrieben, 
wenn man mit dem Nachweise, dass in einem 1809 entdeckten etru- 



^) Dergleichen Wendungen aus deutschen und z. T. niederländischen Dichtern 
des Mittelalters sind bei Wackemagel kl. Schriften 1, 811 ff. gesammelt. 



21 

rischen Grabe aus dem Altertume ein paar tanzende Skelette in Stuck- 
relief abgebildet waren, die Entstehung des Totentanzes erklären helfen 
will. Auf den Verfasser des ersten Totentanzes, der im 14. Jahrhundert 
gelebt hat, kann doch unmöglich eine antiquarische Kuriosität aus 
vorchristlicher Zeit von Einfluss gewesen sein, ganz abgesehen davon, 
dass der mittelalterliche Totentanz kein Tanz von Skeletten, sondern 
der Tanz einer allegorischen Todesfigur mit lebenden Menschen 
ist, die erst durch den Tanz dem Grabe zugeführt werden. Nicht 
minder verkehrt hat man, durch die gleiche Benennung wohl verleitet, 
die aus Schlesien vom Jahre 1406 berichtete Aufführung eines 'Toten- 
tanzes' herangezogen. 'Er begann mit Jubel und Jauchzen aller 
Anw esenden, die nur Lust hatten, mit zu tanzen. Plötzlich verstummte 
die Musik, und ein Jüngling oder Mädchen fiel in die Mitte der Stube 
und stellte sich tot. Ein dumpfer Totengesang erscholl von allen 
Lippen. Mit abwechselnden Sprüngen näherte sich eine Person nach 
der andern dem Toten und küsste ihn, indess sich dieser nicht regen 
durfte. Waren die Tänzer alle durch, so erhob sich auf einmal wieder 
die Musik in frohen Tönen, und der Tote stand auf.' Dieser 'Toten- 
tanz' gehört in eine Geschichte der Gesellschaftsspiele, mit dem Toten- 
tanze der Kunst- und Litteraturgeschichte hat er nichts gemein. 

Die nüchterne methodische Untersuchung wird vermeiden, durch 
kein erkennbares oder nachweisbares Zwischenglied vermittelte, weit 
von einander abliegende Momente zu verknüpfen, sondern Schritt für 
Schritt vorwärts zu gehen suchen. Die so gewonnenen Ergebnisse werden 
allein Anspruch auf Beachtung haben. Dieses schrittweise Vordringen 
in das Dunkel der Vergangenheit auf Bahnen, die der Gegenstand 
selbst und die Litteraturgeschichte andeuten und begrenzen, ist in den 
vorangegangenen Untersuchungen, wie ich hoffe mit Erfolg, erstrebt 
worden. 



Die Danse macabre. 

Für den Totentanz hat die französische Sprache den besonderen, 
zuerst im 14. Jahrhundert auftauchenden Ausdruck danse macabre. Im 
engeren Sinne bezeichnet man mit ihm den einzigen Totentanztext, 
der sich aus dem Mittelalter in französischer Sprache erhalten hat. 
Er liegt in zwei Fassungen vor. Diese unterscheiden sich dadurch, 
dass die kürzere nur 30 Tanzgruppen hat, während die umfangreichere 
dieselben Gruppen bietet, ausserdem aber noch zehn andere zwischen 
jene einschiebt. Sämmtliche Personen beider Fassungen sind männlich, 
diese werden deshalb auch als Danse macabre des hommes zum Unter- 
schiede von der Danse macabre des femmes bezeichnet. Letztere ist 
eine jüngere, zuerst i. J. 1486 gedruckte Nachahmung und kann ausser 
Betracht bleiben. Dasselbe gilt für diejenigen Strophen, welche die 
erweiterte Fassung der Danse macabre des hommes allein bietet. Diese 



^2 

ist nämlich, wie sich aus der Vergleichung mit den alten Uebersetzungen 
mit Sicherheit ergiebt, aus der kürzern Fassung durch Zusätze jüngeren 
Ursprungs entstanden. 

Die kürzere Fassung der Danse macabre hat einst dem Toten- 
tanze angehört, der i. J. 1424 imd 1425 an die Kirchhofsmauer des 
Klosters Aux Innocents in Paris gemalt war. Es wird das nicht allein 
durch die Ueberschrift in zwei Handschriften bezeugt, welche Dictamiim 
charee macabre prout sunt apud Innocentes Parisius und La dance 
macabre prout habetur apud S. Innocentem lauten, sondern auch durch 
die englische Uebersetzung, welche der Mönch Lydgate bald nach 
1425 für das alte St. Pauls-Kloster in London angefertigt hat. In 
den die Uebersetzung einleitenden Strophen heisst es nämlich: 

Considereth this ye folkes that been wise 

And it imprinteth in your Memorial, 

Like thensample which that at Parise, 

I found depict ones in a Wall, 

Füll notably as I rehearse shall, 

Of a French clerke taking acquaintance, 

I took on me to translaten all 

Out of the French Machabrees Daunce .... 

By ensample that thei in her entents, 

Amend her life in every maner age, 

The which daunce at Saint Innocents 

Portrayed is with all the Surplusage etc. 

Der Totentanz des Klosters Aux Innocents ist nach dem bereits 
S. 14 angeführten, jeden Zweifel ausschliessenden Zeugnis eines Zeit- 
genossen in den Jahren 1424 und 1425 hergestellt worden. 

Aelter als dieses Totentanzgemälde oder die von dem Maler für 
dasselbe angefertigte Skizze kann auch der Text der Danse macabre 
nicht sein. Während sich nämlich für das Vorbild des Lübecker 
Totentanzes von 1463 ergab, dass der Text das ursprüngliche, das 
Gemälde das spätere war, lässt sich umgekehrt für die Danse macabre 
erweisen, dass bei ihr der Text zur Erläuterung des Bildes hergestellt ist. 

Es ergiebt sich das mit besonderer Deutlichkeit aus Strophe 43. 
Während im Zwiegespräche des Todes mit den Menschen sonst immer 
nur der Tod und der von ihm zum Tanze gerade aufgeforderte Mensch 
zu Worte kommen, erscheint hier plötzlich eine ausserhalb des Zwie- 
gespräches stehende dritte Strophe, welche einem Povre komme zu- 
geteilt und erst durch das Bild verständlich wird. Der Maler hat 
nämlich neben den Wucherer einen armen Mann gemalt, welchem jener 
in dem Augenblicke Geld leiht, als er selbst vom Tode abgeholt wird. 
Der Zweck der vom Maler hinzugefügten Figur ist deutlich, es soll 
durch sie erkennbar werden, dass der dem Tode verfallene Mensch 
ein Wucherer ist. Im Texte wird dieser einfach dadurch kenntlich, 
dass er vom Tode als 'Wucherer' angeredet wird. Wenn trotzdem der 
arme Mann seine besondere Strophe erhält, so erklärt sich das nur 
daraus, dass der Dichter jeder Figur des Gemäldes seine Strophe 
zuschreibt, selbst dem ^Roy mort tout nu couchie^ zu Schluss. In der 
diesem gehörenden Strophe wird sogar ausdrücklich auf das Gemälde 



23 

liingewiesen, indem sie mit den Worten Vous qui en ceste portrai^ 
iure Veee dancer estas divers beginnt. Dass der Dichter den Text 
verfasst hat, damit er gelesen werde, zeigen die Worte : JEn ce miroer 
chascun peut lire (Strophe 2 v. 1). 

Trotz der deutliehen Hinweise, die das üedicht dafür bietet, dass 
es gelesen werden soll und dass es sich auf ein Gemälde bezieht, 
ist in Frankreich die Annahme verbreitet, dass es der Text des alten 
Drama vom Totentanze sei. Diese Annahme ist lediglich durch den 
irrigen Bezug dieser Danse macabre auf die alten Nachrichten von 
Aufführungen des Totentanzes eingegeben und bedarf, nachdem in den 
vorigen Abschnitten eine andere, dramatische Danse macabre nach- 
gewiesen ist, keiner weiteren Widerlegung. 

Als für den berühmten Kirchhof . des Klosters Aux Innocents 
1424 ein neuer Totentanz nach dem Vorbilde der alten Danse macabre 
des 14. Jahrhunderts gemalt werden sollte, muss man sich des Wider- 
spruchs, in welchem der dramatische Text zu dem Gemälde stand, 
bewusst gewesen sein. Man erachtete einen neuen Text für nötig, der 
im Einklänge mit dem Bilde war und gleichzeitig erhöhteren Ansprüchen 
an den Gedankeninhalt gerecht wurde. 

Dichter und Maler müssen die neue Danse macabre im Einver- 
ständnisse mit einander hergestellt haben. Und wie der Maler ein 
älteres Bild des Totentanzes, so muss der Dichter den alten Text 
gekannt und benutzt haben. 

Dass wie die alte so auch die neue Danse macabre achtzeilige 

Strophen bietet, wird nicht mehr als Zufall erscheinen, wenn man die 

ßeimbindungen der altspanischen Danza de la muerte vergleicht. 

Dama de la muerte: ababbccb 
Danse macabre: ababbcbc 

Da sich die Strophenform der Danza de la muerte in den übrigen 
Denkmälern der altspanischen Dichtkunst nicht wiederfindet, liegt die 
Annahme nahe, dass der spanische Dichter auch in Bezug auf sie 
seine altfranzösische Vorlage, die Danse macabre des 14. Jahrhunderts, 
treu nachgeahmt, und diese bereits dieselben Reimbindungen geboten hat. 

Beweisend ist, dass die jüngere wie die ältere Danse macabre 
genau mit denselben Worten beginnen. Die alte Dichtung aus dem 
14. Jahrhundert beginnt in der erhaltenen mittelniederdeutschen 
Uebersetzung oder Umarbeitung: 

Och redelike creatuer 

Die Danse macabre v. J. 1425: 

creature roysonnaUe 

Wie dieser Anfang aus der alten Danse macabre des 14. Jahr- 
hunderts in die uns erhaltene von 1425 wörtlich übernommen ist, so 
ist in die Neubearbeitung wenigstens an einer Stelle auch eine Spur 
der formellen Eigentümlichkeit des alten Originals übergegangen, dass 
der Tod in derselben Strophe der früheren Person antwortet und 
die folgende Person anredet. In den ersten Versen der Strophe, 
welche nach der sonst durchgeführten Regel vom Tode an den Kar- 



24 

täuser allein gerichtet sein sollte, antwortet jener nämlich zunächst 
dem Kaufmann und wendet sich dann erst an den Kartäuser: 

Alez, marchant, sans plus rester, 

Ne faites ja cy residence ! 

Vous n'y povez rien conquester. 

[z. Kartäuser:] Vous aussi, homme d'astinence, 

Chartreux, prenez en pacience 

De plus vivre n'ayez memoire. 

Faictes vous valoir a la dance! 

Sur tout homme mort a victoire. 

Die Danse macahre von 1425, die altspanische Danza de la 
muerte und der lübisch-revalsche Totentanz sind also aus einer gemein- 
samen Quelle, der Danse macabre des 14. Jahrhunderts, abgeleitet. 
Alle drei haben aus dieser Quelle gewisse Eigentümlichkeiten und 
mitunter auch den Wortlaut übernommen. Während aber der alt- 
spanische und mittelniederdeutsche Text die Form ihrer Quelle bei- 
behalten haben, bietet die Danse macabre von 1425 eine vollständige 
Umarbeitung. 

Etymologie des Wortes Macahre. Von den vielen Deutungs- 
versuchungen des Wortes Macabre verdienen nur zwei Beachtung. 
Nach der einen soll Macahre eine alte Vulgärform des Wortes Machabee 
'Makkabäer' sein. Diese Deutung bietet die in Troyes 1728 gedruckte, 
in modernes Französisch umgesetzte Danse macabre, welche im Prologe 
den ursprünglichen Ausdruck la dance macabre mit la danse des Macha- 
bees wiedergiebt. Gelehrte Geltung erhielt diese Deutung, als Carpentier 
in seinen Nachträgen zu Du Cange's Glossar in der S. 15 angeführten 
Stelle die Chorea Machab^eorum als 'danse macabre' erklärte. 

Nach der anderen von Van Praet aufgestellten Etymologie ist 
das Wort Macabre dem von den Mauren in Spanien gesprochenen 
Arabischen entlehnt. Es lautet in dieser Sprache maqöMr 'Gräber, 
Kirchhof (Plural von niaqbara 'Grab'), ein Wort, das in Portugal in i 
der Form al-mocavar ^) und in gewissen Gegenden Spaniens als macabes ^) 
oder älmocaber ^) sich in der Volkssprache erhalten hat. Ferner weist 
Ellissen (S. 80) darauf hin, dass arabisches tanz-d-makabiri 'Kirchliofs- 
spiel' dem französischen danse macabre zu Gninde liegen möge. 

Ein Urteil über die Wahrscheinlichkeit der einen oder anderen 
Etymologie wird nur mit Hilfe der Belege und der Geschichte des 
Wortes Macabre gewonnen werden können. 

Im Prologe der Danse macabre von 1425 erscheint es in den Versen 



La dance macabre s'appelle, 
Que chascuD a danser apprant. 



*) macabre *toir, im Portugiesischen Wörterbuche von H. Michaelis verzeichnet, 
dürfte aus dem Neufranzösischen entlehnt sein. 

*) Roque Barcia, Primer diccionario general etimologico de la lengua 
Espaiiola T. 3 (Madrid 1881), S. 522. 

') Lammens, Mots fran^ais d^riv^s de l'arabe. Bayrouth 1890, S. 149. 






I 



25 

Noch älter ist der bereits S. 1 1 gegebene Beleg aus dem Respü de mort 

Je fis de macabree la dance, 
Qui toute gent maine a sa trace 
Et a la fosse les adresse. 

Lydgates englische Uebersetzung aus der ersten Hälfte des 
15. Jahrhunderts bietet Machahrees daunce und Daunce of Machabree^). 
Die drei letzten Stellen beweisen, wogegen die erstangefiihrte nicht streitet, 
dass Macabre ursprünglich Substantiv w^ar. In den S. 14 mitgeteilten 
Stellen des Journal d^un bourgois, in der bald nach 1434 von Guillibert 
von Metz verfassten Description de Paris sous Charles F/,^) in denUeber- 
schriften der Handschriften und auf den Titelblättern der alten Drucke 
begegnet die Verbindung La danse macabre augenscheinlich bereits als 
feststehende Formel, deren Entstehung sich aus den eben angeführten 
Worten des Prologs leicht erklärt. Diese Formel ist Ursache, dass 
macabre heute als Adjectiv aufgefasst und gebraucht wird, trotzdem 
die ursprüngliche Bedeutung 'der Tanz Macabre' war, also auch in 
dieser Formel das Wort die Geltung eines Substantivs, als Name des 
Tanzes, hatte. 

Die späteren Drucke haben auf ihren Titelblättern die Formel 
la danse macabre festgehalten, doch muss schon zu Ende des 15. Jahr- 
hunderts und im 16. Jahrhundert das Wort macabre nicht mehr allgemein 
verständlich gewesen sein^). Im 17. Jahrhundert sprachen von den 
Parisern die einen La danse macabre^ die anderen La danse maeabee. 
Es ist dieses den Curiositeis francoises, par Antoine Oudin (Paris 1640) 
zu entnehmen, in welchen es S. 314 heisst: La danse Macabee ou 
plus vulgairement Macabre , i . la mort: on depeint vne danse ou des 
squelets meinent danser toutcs sortes de personnes. 

Die heutige Volkssprache kennt die Form macabre nicht mehr, 
nur in der 'Langue verte' der Druckereien begegnet sie noch mit der 
Bedeutung ^morV^). Das Argot®) der Pariser bietet nur macabee, 

*) Die üeberschriften in den Abdrücken der englischen Uebersetzung und 
somit auch die Worte Machabree the Doctour über einer der letzten Strophen sind 
spätere Zuthat, also nicht als alte Belege zu verwerten. 

■ ^) lUec (am Kloster Aux Innocents) sont paintures notables de la Dance 
maca^'e, avec escriptures pour esmouvoir les gens ä devocion. Le Roux de Lincy 
et Tisserand, Paris et ses historiens (1867) S. 193. 

*) Es ist dieses daraus zu folgern, dass Desrey in seiner lateinischen 
Uebersetzung der Danse macabre das Wort Macaber für den Namen des Dichters 
hält. Femer bietet von den Handschriften des Journal d'un bourgois nur die 
älteste, welche noch dem 15. Jahrhundert angehört, die Schreibung la dance 
macabre, während die Jüngern Handschriften aus dem 16. Jahrhundert la danse 
machabee und la danse maratre einsetzen. 

*) Vgl. Ant. Oudin, Recherches italiennes et fran<jaises ou Dictionuaire. Paris 
1655, S. 385. *La danse Machabee: danza delli moriiJ 

*) In den deutschen Buchdruckereien bedeutet *Leiche' die Auslassung eines 
oder mehrerer Worte im Drucksatze. 

•) Vgl. Larchey, Nouveau Supplement du dictionuaire d' Argot. Paris 1889, 
S. 143. — Larchet, Dict. histor. d' Argot. 7. ed. Ebd. 1878. — Big au d, Dict. 
du Jargon Parisien. Ebd. (1878). — Delveau, Dict. de la langue vert. Nouv. ^d., 
par Fustier. Ebd. (o. J.). 



26 

niachabee. Von den Totengräbern werden mauvais macabees die nacli 
dem billigsten Tarifsatze bestatteten Leichen genannt, bei den Studenten 
lieissen die Leichen der anatomischen Institute, bei den Schiffern alle 
auf der Seine treibenden Leichen und Tiercadaver macabees. In der 
gebildeten Sprache bezeichnet dieses Wort bekanntlich die alttestament- 
lichen Makkabäer^). 

Auf den ersten Blick scheint Alles für die Herleilung des Wortes 
macabre von Machabee 'lateinisch Maccabceus' zu sprechen. Die Mög- 
lichkeit der sprachlichen Nebenform ist nicht zu läugnen. Das Argot 
des Parisers giebt diese Etymologie an die Hand. Und vor Allem 
jener alte Beleg der Chorea Machabteorum! 

Aber mit welchem Rechte erklärt man denn jene Chorea Macha- 
bceorum als 'Danse macabre' und waiiim übersetzt man nicht wörtlich 
'Tanz der Makkabäer'? Der Grund ist, weil die Legende von dem 
martervollen Tode der sieben makkabäischen Brüder und ihrer Mutter 
keine Möglichkeit bietet, irgend eine Darstellung derselben sich in 
Form einer Chorea, eines Tanzreigens, zu denken. Offenbar müsste 
derselbe Gnind die Möglichkeit ausschliessen, jene chorea auf die 
Danse macabre zu deuten, um so mehr, als diese weder die geringste 
Aehnlichkeit mit der Legende von den Makkabäern noch überhaupt 
einen einzigen Bezug auf diese bietet. Darf sich doch keine Etymologie 
ausschliesslich auf die sprachliche Form stützen, es muss 
das sachliche Moment der gleichen Bedeutung oder die Möglichkeit 
des Bedeutungsüberganges berücksichtigt werden. Um dieser Forde- 
rung gerecht zu werden, hat man zur Stütze jener Etymologie zu 
einer höchst künstlichen Hypothese gegriffen. 'Es scheint', sagt 
W. Wackernagel, 'dass die in der Legende so genannten Makkabäer, 
d. h. die sieben Brüder sammt der Mutter und Eleasar, die unter 
Antiochus Epiphanes den Märtyrertod gelitten (2. Makkab. cap. 6 und 7), 
eine Rolle in ihnen (den Totentänzen) und eine vorzügliche Rolle 
gespielt haben, falls man nicht bloss die Aufführung zuerst an deren 
Fest verlegte : nur so oder so erklärt sich der in Frankreich altübliche 
Name la danse Macabre, chorea MacJiabceorum.' Keine dieser beiden 
Vermutungen erscheint haltbar, und mit ihnen muss auch die Etymologie 
fallen, die sich auf sie stützt. Wenn die Legende von den Makka- 
bäern in der ursprünglichen Fassung des Totentanzes eine vorzügliche 
Rolle gespielt hätte, so würden Spuren davon in dem aus jener ursprüng- 
lichen Fassung hervorgegangenen Totentanze in Lübeck oder in der 
altspanischen Danza general zu finden sein. Was ferner die ver- 
muteten Aufführungen am Makkabäertage, also am ersten August, 
betrifft, so haben wir von keiner einzigen Aufführung an diesem Tage 
Kunde, wohl aber ist überliefert, dass jene Chorea Machabceorum in 

') Ausserdem wird machabee noch als Spitzname der Juden und in Valognes 
(Dep. Manche) der Obsthökerinnen gebraucht. Le Hericher, Etymologies difficiles. 
Avranches 1886. S. 109. 



27 

Besan^on am 10. Juli, dem Tage der unschuldigen Kindlein, statt- 
gefunden hat. Uebrigens verliert die Vermutung einer festlichen Feier 
des Makkabäertages an Boden, weil von den Hunderten von Klöstern, 
Kirchen und Kapellen im alten Paris, trotzdem doch gerade in dieser 
Stadt die Bezeichnung Danse macahre Geltung hatte, kein einziges 
Kloster, keine einzige Kapelle den Makkabäern gewidmet war.^) 

Auch jene ältesten Belege des Wortes Macabre wollen nicht 
recht zu der Etymologie stimmen. Ausnahmslos bieten sie den Sin- 
gular, während man doch, wenn macabre eine Vulgärform für Machahee 
wäre, im Respit de mort statt Je fis de macalrree la dance den Plural 
Je fis des Macabrees la dance erwarten sollte. Den Vers La dance 
macabre s'appelle müsste man 'Der Tanz heisst Makkabäer' übersetzen. 
Wie wenig bedeutungsvoll ist dieser Ausdruck im Vergleich zu der 
durch die andere Etymologie gebotenen Erklärung: 'Der Tanz, den 
jeder erlernen muss, heisst Sterben (eigentlich Tod oder Grab)!' 

Man wird, um die alte Bedeutung zu gewinnen, von der S. 25 
gegebenen Zusammenstellung der Belege ausgehen müssen. Daraus 
ergiebt sich, dass in Paris bis Ende des Mittelalters ausnahmslos die 
Form macabre lautet, im 17. Jahrhundert erscheint neben macabre in 
gleicher Bedeutung macahee als Nebenform, die letztere Form allein 
lebt weiter im Argot. Entweder muss machabee in alter Zeit durch 
fehlerhafte Aussprache zu macabre entstellt oder ursprüngliches macabre 
volksetymologisch zu machabee umgedeutet sein. Die Annahme 
einer solchen Volksetymologie ist an sich ohne Bedenken. Macabre 
ist ein absonderliches, schon im 15. Jahrhundert nicht allgemein ver- 
ständliches Wort. Man deutete es um zu machabee^ das durch die 
Legende von den Makkabäern volkstümlicher war, wie man hundert 
andere unverständlich gewordene Worte volksetymologisch mit bekann- 
teren Worten ganz anderer Etymologie zusammenbrachte.^) 

Wenn einerseits in späterer Zeit und in der Provinz (wie in dem 
Berichte . über die Chorea Machabseorum in Besangon) macabre leicht 
zu machabee umgedeutet werden konnte, so liegt die Sache gerade 
umgekehrt, wenn man macabre für eine vulgäre Entstellung von 
MachabSe hält. Es erscheint nicht wahrscheinlich, dass der Kleriker, 
welcher die Danse macabre verfasst hat, und der gelehrte Jehan le Fevre, 
sowie alle alten Berichterstatter an Stelle der richtigen Form machabee^ 
die ihnen bekannt und geläufig gewesen sein muss, eine vulgäre Ent- 
stellung derselben gebraucht haben. Um so weniger ist das anzu- 
nehmen, als diese vorausgesetzte Vulgärform überhaupt bei gelehrten 
Schreibern des 14. und 15. Jahrhunderts gar nicht nachzuweisen scheint.^) 

*) Vgl. Bordier, Les eglises et monast^res de Paris. Paris 1856. 

') So wurde persisch ferz Teldherr (Königin im Schachspiel)', altfrz. fierce, 
fierche, fierge, neufrz. als vierge umgedeutet und zur dame oder reine gemacht, und 
dementsprechend lat. als virgoy domina, regina bezeichnet. Vgl. Andresen, 
Volksetymologie. 5. Aufl. S. 40. 

^) Wenigstens finde ich in den von mir nachgeschlagenen lexikalischen und 
grammatischen Werken nur einen einzigen und darum zweifelhaften Beleg und 
zwar aus einer profaaen Handschrift des 13. Jahrhunderts, vgl. Perceval le 
Gallois p. p. Potvin, v. 34624 Jt*da8 Macabre, 



28 

Ja, sie muss ilmen als Nebenform von mackahee geradezu unbekannt 
und unverständlich gewesen sein. Als Beweis lässt sich die Ueber- 
schrift einer Pariser Handschrift (F. 25550) des 15. Jahrhunderts 
Dictamina choree macabre anführen. Wäre macabre gleich machabee^ 
so hätte der Schreiber entweder choree machabee (= machabeece) über- 
setzt oder doch macabree flectirt. 

Man wird aus diesen Gründen trotz der theoretischen Möglichkeit 
des sprachlichen Uebergangs nicht annehmen dürfen, dass macabre 
aus machabee entstanden sei, sondern der anderen Etymologie zuneigen, 
wonach macabre gleich dem spanischen macabes dem Arabischen der 
spanischen Mauern entlehnt ist und urspninglich 'Grab' oder 'Kirchhof 
bedeutet hat. Angesichts des Totentanzgemäldes in Paris, an welchem 
das Wort haftete und durch welches es sich gerade in Paris erhielt, 
vollzog sich dann der Bedeutungsübergang zu 'der Tod', den Oudin's 
Curiositez 1640 belegen, und schliesslich im späteren Argot zu 'der 
Tote' oder 'Leichnam'.^) 

Man könnte gegen die Herleitung von einem maurisoh-spanischen 
Worte einwenden, dass die französischen Lehnworte orientalischer 
Abstammung gewöhnlich Produkte und Dinge betreffen, die dem Orient 
entstammen, also bei denen mit der Sache der Name übernommen sei. 
Allerdings liegt bei macabre der Fall anders. Hier erklärt sich die 
Möglichkeit der Uebernahme aus einer geschichtlichen Thatsache. 
Unter der Führung des berühmten Bertrand du Guesclin hatten sich 
1366 einige Tausend französischer und englischer Söldner nach 
Spanien begeben und waren hier mehrere Jahre geblieben, um den 
Grafen Heinrich von Transtamare in seinen Kämpfen gegen Pedro den 
Grausamen und die ihm verbündeten Mauren zu unterstützen. Man 
wird annehmen dürfen, dass durch diese im Jahre 1370 nach Frank- 
reich zurückgekehrten Massen das Wort macabre nach Paris gebracht 
ist, wo das Wort bereits 1376 nachweisbar ist. Ob jene Söldner 
ausser dem Worte auch die älteste Form des Totentanzes, die mimische 
Darstellung desselben, eine maurisch-spanische tone-d-makabiri, in 
Spanien kennen gelernt und nach Frankreich übertragen haben können, 
wage ich nicht auszumachen. Für die Entscheidung dieser Frage fehlt 
es noch an Vorarbeiten. 

Der Verfasser der Danse macabre. Mitten unter Scliriften, 
deren Verfasser Johannes Gerson ist, sollen zwei Handschriften die 
Danse macabre bieten. Ob die aus diesem und einem andern Grunde 
von P. Lacroix^) gezogene Folgerung, Gerson habe auch die Danse 
macabre verfasst, richtig sei, wird nur mit Hilfe von Untersuchungen, 
die mir nicht möglich sind, entschieden werden können. Dagegen 
lässt sich vielleicht geltend machen, dass Gerson seit 1415 fern von 
Paris gelebt hat und sich in seinen Briefen keine Erwähnung der 

^) Auch nd. heisst es ursprünglich Dodesdans, später Dodendans. 
^2) Bibliophile ülustrd T. 1 (15 mai) London 1862, doch kenne ich den 
citirten Aufsatz nur aus dem Hinweise bei Bufour, Dance macabre. Paris 1874, S. 87. 



29 

Danse macabre findet. Anderseits scheint die Subscription von Car- 
bonells spanischer (catalonischer) Uebersetzung einen neuen Hinweis 
2u bieten, dass nach der Tradition des 15. Jahrhunderts Gerson an 
der Abfassung der Danse macabre beteihgt war. Jene leider confuse 
Subscription lautet Aquesta Dafiga de la Mort ha compost un sanct 
home dodor e canceller de Paris en lengua francesa appellat Joannes 
Climachus sive Climages a pregaries (d. h. 'auf Bitten') de alguns devots 
religiöses francesos. Die Worte Doctor e canceller de Paris Joannes 
können nur auf Johannes Gerson bezogen werden, während der dann 
folgende Name offenbar Gersons Freund Nicolaus de Clemangis meint, 
der 1425 im Collegium Narbonense in Paris Eloquenz und Theologie 
vortrug, aber weder Doctor noch Kanzler der Universität gewesen ist. 
Seine Lebensbeschreibung und seine Briefe scheinen zur Lösung der 
Frage, ob er in Gemeinschaft mit Gerson den Text der Danse macabre 
bearbeitet habe. Nichts zu ergeben.^) 



Die alten süddeutschen Totentänze. 

Vierteilige Totentein^e* Von allen Totentänzen Süddeutsch- 
lands war der älteste und der berühmteste der Basler. Er ist zweimal 
vorhanden gewesen, an der Kirchhofsmauer des Predigerklosters in 
Grossbasel und im Kloster Klingenthal in Kleinbasel. Beide waren 
ursprünglich in Bezug auf Zeichnung und Text einander gleich und 
sind ohne Zweifel von demselben Maler hergestellt. Verschiedenheiten 
zwischen ihnen sind erst später durch die Veränderungen entstanden, 
welche bei den Erneuerungen der alten Bilder vorgenommen wurden. 
Sie sind bald nach dem Jahre 1437 gemalt, doch weiss man das Ent- 
stehungsjahr nicht genau anzugeben. Man hat an 1439 gedacht, weil 
dieses ein Pestjahr war, ältere Schriftsteller gaben 1441 an, ohne 
jedoch Gründe hierfür anzuführen. Wichtiger als die Jahreszahl muss 
der Umstand erscheinen, dass die Entstehung in die Zeit des von 1431 
bis 1448 in Basel zusammengetretenen Concils fällt. Der Teil des 
Klingenthals, welcher den Klein-Basler Totentanz enthielt, war 1437 
erbaut worden. Es muss fast mehr als wahrscheinlich erscheinen, 
dass die Leiter des Kirchenbaues mit auswärtigen Prälaten, die zum 
Concil gekommen waren, über ihren Neubau gelegentlich ins Gespräch 
gekommen sind, und dass einer der fremden Geistlichen die Anregung 
gab, nach dem Muster eines ihm bekannten Totentanzes auch im 
Klingenthal und im Predigerkloster einen solchen zu malen. Jedesfalls 
ist es Thatsache, dass bald nach 1437 ein vom Niederrhein gebürtiger 
Maler beauftragt wurde, nach einem auswärtigen von ihm besichtigten 



*) Vgl. J. Launoy, Academia Parisiensis. Parisiis 1682, S. 558 ff.; A. Müntz, 
Nicolas de Cl^enges. Th^se. Strassbourg 1846; Nicolai de Clemangiis Opera 
ed. J. Lydius. Lugduni Bat. 1613. 



30 

oder ilim nur beschriebenen Vorbilde einen Totentanz in Basel 2ü 
malen. Sein Vorbild ist vielleicht die Dance macabre der Sainte- 
Chapelle in Dijon gewesen. Sicher war es ein französischer Toten- 
tanz und zwar in einer anderen Fassung, als die Pariser Danse macabre 
bot. Er muss nämlich mit der alten Danse macabre des 14. Jahr- 
hunderts identisch oder aus dieser unmittelbar umgestaltet gewesen sein. 

Aus den erhaltenen Copien lässt sich erkennen, dass der Maler 
recht grobe Verstösse gegen die Richtigkeit der Zeichnung begangen 
hat. Nichtsdestoweniger sicherten seinen Werken deren Idee und 
Grossartigkeit ihre volle Wirkung. Sie sind später von Einfluss gewesen 
auf die Entstehung von Holbeins berühmten Totentanzbildern und 
waren schon vorher das Muster, nach welchem andere süddeutsche 
Städte ihre Totentänze malen Hessen. Ferner geht auf sie die Ent- 
stehung eines Werkes der Holzschneidekunst aus der Mitte des 15. Jahr- 
hundert zurück, welches einen gegen das Basler Vorbild mit 38 T^nz- 
paaren um 14 Gruppen verkürzten Totentanz bietet. 

Die grob geschnittenen Figuren ahmen die Basler nur nach, ohne 
eine Copie zu bieten ^), während der Text, der später auch handschrift- 
liche Verbreitung und monumentale Verwendung fand, von unwesent- 
lichen Veränderungen der Lesart abgesehen, treu wiederholt ist. 

Die vorstehenden Angaben über das Verhältnis des Basler Toten- 
tanzes zu seinem Vorbilde und den vierzeiligen Totentänzen mit nur 
24 Tanzgruppen sind zum Teil neu, zum Teil den bisher geltenden 
Ansichten widersprechend. Sie bedürfen also der Begründung. 

Der Text beginnt 

diser werlt wisheit kint 
Diese Worte entsprechen dem Sinne nach vollständig den Anfangs- 
worten der alten wie jüngeren Danse macabre und des alten nieder- 
ländischen in niederdeutscher Bearbeitung erhaltenen Totentanzes 
(Siehe oben S. 23). Dort lauten sie creature raysonable, hier Och 
redelike creature. Der niederdeutsche bezw. niederländische Ausdruck 
wäre von einem Süddeutschen mit redeliche creatiure wieder zu geben 
gewesen. Wenn er statt dessen mit einer so ungelenken Konstruktion, 
wie sein Text bietet, diesen beginnt, so ist das ein Beweis, dass ihm 
der niederländische Totentanz unbekannt war und er auf eigene Hand 
eine Uebersetzung der französischen Worte creature raysonable 
versucht hat. 

Dass die Basler Totentänze zum Vorbilde nicht die Danse macabre 
vom Jahre 1425, sondern — mittelbar oder unmittelbar — die alte 
Danse macabre des 14. Jahrhunderts gehabt haben, ist zu folgern, 
weil sie in der Auswahl der Personen und sogar an einer Stelle im 
Wortlaute mit dem Lübecker Totentanze von 1463 grosse Uebe|:ein- 

^) Ein Beispiel ziemlich treuer Copie bieten die Figuren der Könige. Dass 
der Holzschneider nur freie Nachahmungen, keine Copien bietet, mag sich auch 
daraus erklären, dass er nicht angesichts des Originals, sondern aus dem Gedächtnis 
in seiner Werkstatt seine Holzschnitte herstellte. 



3t 

Stimmung zeigen. Im Lübecker Texte lauten nämlich die Worte des 

Kindes 

doet, wo schal ik dat vorstan, 

Ik schal dansen unde kan nicht gan? 

Diesen Worten entsprechen, wie schon Massmann hervorgehoben 
hat, der darum mit Wackernagel den Lübecker Text aus dem Basler 
ableiten wollte, in diesem die Verse 

Wie wiltu mich also verlan? 

Muoz ich tanzen und en kan nicht gan. 

In Bezug auf die Personen ist zu bemerken, dass, abweichend 
von der Danse macabre von 1425, Lübeck und Basel den Prediger, 
die Kaiserin und Jungfrau gemeinsam haben. Man wird derartige 
Uebereinstimmungen in den Personen allerdings nur bei den ältesten 
Totentänzen mit heranziehen dürfen. Bei späteren Totentänzen haben 
Uebereinstimmungen in den Personen nur sehr bedingte Beweiskraft 
für die Bestimmung des Verwandtschaftsverhältnisses, denn, nachdem 
die Totentänze erst zahlreicher geworden waren, konnte jeder spätere 
leicht von mehr als einem Vorbilde Anregungen empfangen. 

Die in den Totentänzen erscheinenden Personen werden auch 
für den Beweis herangezogen werden dürfen, dass nicht die Texte mit 
24 Personen, wie man bisher annahm, die ältere Fassung bieten, 
sondern dass gerade umgekehrt jene Texte erst durch Kürzung der 
in Basel vorliegenden Fassung erst entstanden sind. In jenen Texten 
mit 24 Personen fehlen nämlich der Jüngling, Jungfrau, Wucherer 
und Pfeifer, also Personen, die wie der alte Lübecker Text in Ueber- 
einstimmung mit der Danse macabre zeigt, bereits dem Vorbilde des 
Basler Totentanzes angehört haben. 

Dass die Danse macabre der Sainte Chapelle in Dijon, die 1436 
hergestellt war, das Vorbild für die c. 1437 — 41 gemalten Basler 
Totentänze war, lässt sich nur vermuten, nicht beweisen. Die Ver- 
mutung stützt sich darauf, dass zu jener Zeit noch nicht sehr viele 
Totentänze vorhanden waren und Dijon die Basel am nächsten gelegene 
französische Stadt ist, wo sich ein solcher bereits seit dem Jahre 143G 
fand. Auch früher schon hatten die Basler Dijoner Malereien copiren 
lassen. Es ist nämlich überliefert, dass der Rat von Basel im Jahre 
1418 dem Meister Hans TiefFenthal von Schlettstadt die Ausmalung 
der Kapelle des elenden Kreuzes um 300 Gulden übertrug und ihm 
dabei genau vorschrieb, was er malen soll, indem ihm als Muster eine 
Kapelle in Dijon genannt wurde. ^) 

AehtzeUiger Totentanz. Der Text des alten achtzeiligen 
'Totentanzes mit Figuren' ist eine Nachbildung der Danse macabre 
vom Jahre 1425. Während er mit keinem deutschen Texte an irgend 
einer Stelle im Wortlaute zusammentrifft, stimmt er, wie schon Massmann 
bemerkt hat, mehrmals mit der Danse macabre überein, z. B. beim Kinde. 



*) Bahn, Geschichte der bildenden Künste in der Schweiz. (1876.) S. 648, 



S2 

Dotendantz. 

A a a, ich kan noch nyt sprechen. 
Ilude geboren hude muss ich uifbrechen. 

Danse macabre. 

A a a, je ne scay parier, 
Enfant suis, j'ay la langue mu. 
Hier naquis, huy m'en fault aller. 

Ferner bietet der achtzeilige Totentanz zu Anfang zwei Strophen, 
welche einem Toten zugeschrieben sind. Ein entsprechendes Stück 
findet sich nicht in dem vierzeiligen Totentanze, wohl aber am Ende 
der Danse macabre, wo un roy niort in zwei Strophen den Beschauer 
des Gemäldes mahnt, sich an ihm eine Lehre zu nehmen. 

Im Gegensatze zum Texte, dessen Verfasser die Danse macabre 
(vielleicht in einer Handschrift mit blossem Texte) benutzte, ist für 
die zugehörigen Figuren ein Totentanz das Vorbild gewesen, der dem 
Basler nahe verwandt war. Die allgemeine Aehnlichkeit zwischen 
den Basler Figuren und den Holzschnitten ist erkennbar, ohne dass 
sie durch treu wiederholte Einzelheiten sich leicht erweisen lässt. Der 
allgemeine Charakter der Totentanzgruppen ist derselbe, im Einzelnen 
ist auf das Beinhaus zu Anfang und den Prediger zu Schluss zu ver- 
weisen. Dem Vorbilde ist ferner die Anregung entnommen, den Todes- 
gestalten — die in^ den übrigen Totentänzen lieber mit einer Waffe 
oder der Sichel erscheinen — Musikinstrumente in die Hand zu geben. 
Im Baseler Totentanze war das nur einigemal geschehen, in den Holz- 
schnitten des achtzeiligen Textes trägt der Tod nur beim Kinde ein 
Spielzeug, sonst hat er in jeder Tanzgruppe ein Musikinstrument 
und zwar möglichst immer ein verschiedenes. Eigentümlich ist den 
Holzschnitten die bewusste burleske Komik. Man hat in den Toten- 
tänzen Ironie und Humor finden wollen. Wie ich glaube, mit Unrecht, 
was die älteren Totentänze betrifft. In diesen herrscht nur eintöniger 
frommer Ernst, auch dem Tanzmotiv lag nur ernste, allegorische 
Bedeutung zu Grunde. Die Holzschnitte des achtzeiligen Totentanzes 
dagegen sollen augenscheinlich durch komische Züge wirken, wenn 
Z. B. eine Figur, sich gegen den Tod wehrend, diesem in den Haar- 
schopf greift, oder eine andere ihn mit der Faust am Halse würgt 
und zugleich einen kräftigen Fusstritt vor den Bauch versetzt. 

Dichtungsgattung. In Bezug auf den Charakter der Toten- 
tanztexte stehen sich die Ansichten der Litteraturhistoriker schroff 
gegenüber. Die Totentänze des Mittelalters, sagt Gödeke (Grundriss 1^ 
S. 322) gingen aus Bildern hervor und wurden durch Reime erläutert. 
Andere, wie Gervinus und Scherer, zählen die Totentänze dagegen der 
dramatischen Gattung zu. Es handelt sich bei ihnen um die hoch- 
deutschen Totentänze. In Bezug auf diese muss mit aller Entschiedenheit 
der dramatische Charakter in Abrede gestellt und Gödeke beigepflichtet 
werden. 

Die Ansicht, dass die hochdeutschen Totentanztexte ursprünglich 



BS 

Schauspiele gewesen sind, rührt von W. Wackernagel ^) her, und ohne 
dass jemand ihre Gründe näher prüfte oder neue Stützen dafür bei- 
brachte, ist sie mit Ausnahme Gödekes von den Litteraturhistorikern 
auf guten Glauben übernommen worden. Die Nachricht von Auf- 
führungen des Totentanzes in Frankreich musste freilich die Frage 
nahelegen, ob nicht etwa auch die deutschen Totentänze als Dramen 
gedichtet und aufgeführt seien. Wackernagel bejahte diese Frage 
ohne Rücksicht auf alle Gründe, welche dagegen sich aus den Toten- 
tänzen selbst beibringen Hessen, und ohne zu beachten, dass eine 
Auffülirung des Totentanzes in Deutschland um 1500 zwar denkbar, 
ziemlich hundert oder, da Wackernagel noch an das Entstehungsjahr 
1312 für den Klingenthaler Totentanz glaubt, gar zweihundert Jahr 
früher ohne jede Wahrscheinlichkeit wäre. Wackernagel stützt sich 
allein auf die angeblich dramatische Form. "Wo und wann dieses 
deutsche Drama zur öffentlichen Aufführung gekommen, wird zwar 
nirgend berichtet, von ihm so wgnig als es bei andern zu geschehen 
pflegt: doch ist, dass solche stattgefunden habe, auch von ihm un- 
zweifelhaft : dem Mittelalter war die Unnatur noch fremd, dergleichen 
bloss zu schreiben und zu lesen, nicht aber zu spielen." Es ist nicht 
einmal wahr, dass die dramatische Form im Mittelalter in jedem Falle 
die scenische Aufführung zur Absicht gehabt habe, er braucht nur an 
die Dramen der Hrotsuith, an das Spiegelbuch ^) u. a. erinnert, zu 
werden. Ganz falsch wäre es aber, von jeder die Form des Dialoges 
bietenden alten Dichtung zu behaupten, dass sie für die dramatische 
Darstellung verfasst sei. Es scheint nicht einmal nötig, Beispiele 
hierfür anzuführen. 

Gegen den dramatischen Zweck sprechen folgende Gründe. Die 

Texte selbst enthalten Hinweise, dass sie zu Gemälden gehören. Vers 

25. 26 des alten vierzeiligen Textes heisst es: 

Als des gemseldes iiguren 
Sint hie ein ebenbilt ze truren. 

Aehnlich heisst es in dem achtzeiligen Totentanze v. 17 f. 
Merkent nu und sehent an disse figure, 
War tzu kommet des mentscheu nature. 

Zweitens. Es ist trotz des massenhaften urkundlichen Materiales, 
welches aus dem Mittelalter jetzt gedruckt oder ausgezogen vorliegt, 
keine einzige Stelle bekanntworden, welche irgend eine dramatische 
Aufführung eines Totentanztextes in Deutschland bezeugt. Drittens. 
Zu Anfang des 15. Jahrhunderts, also in der Zeit, wo die ältesten 
deutschen Totentanztexte verfasst sind, wurden, abgesehen von der 
nur auf Oster- u. dergl. Spiele beschränkten Mysterienbühne, überhaupt 
keine dramatischen Spiele in Deutschland agirt, welche soviele Rollen 
erforderten, als die Totentänze geboten hätten. Ausser den Mysterien 
kannte man damals überhaupt nur das Fastnachtspiel und den Fast- 
nachtsaufzug. 

1) Zeitschrift für deutsches Alterthum 9 S. 313 ff., kl. Sehr. 1 S. 317. 
«) Hrsg. von Rieger, Germania 16 (1871) S. 173 ff. 

Niederdeutsches Jahrbuch XYII. 3 



B4 



Die Lübecker Totentänze von 1489 und 1820. 

Der Lübecker Totentanz von 1463 ist ein grosses Wandgemälde. 
Davon zu unterscheiden sind zwei Totentänze, welche in Lübecker 
Drucken von 1489 (neue Ausgabe 1496) und 1520 vorliegen. Der von 
1489 enthält einen umfangreichen Text, nicht weniger als 1686 Verse, 
der von 1520 bietet nur 424 Verse. Beide stimmen stellenweise unter 
sich wörtlich überein und beide bieten Stellen, die auf Benutzung des 
Totentanzes von 1463 deuten. Der Totentanz von 1520 kann, nach 
Umfang und Form zu urteilen, wohl die gedruckte Copie eines monu- 
mentalen Totentanzes darstellen. Der von 1489 ist, wie sein Verfasser 
Vers 1681 hinreichend deutlich ausspricht, für die Buchform und den 
Druck von vornherein bestimmt gewesen und muss 1489 oder kurz 
vorher verfasst sein. 

Die allgemeine Ansicht über fes Verhältnis der Totentänze von 
1489 und 1520 ist, der letztere sei ein Auszug aus dem älteren v. J. 1489. 

In Wirklichkeit verhält sich die Sache ungefähr umgekehrt. Es 
wird sich beweisen lassen, dass der Toteiitanz von 1520 durch den 
Verfasser des Textes v. J. 1489 benutzt ist. Der Dichter des letzteren 
kann selbstverständlich nicht den uns erhaltenen Druck von 1520 in 
Händen gehabt haben, sondern muss seine Kenntnis des Textes aus 
einer Handschrift des 15. Jahrhunderts oder einem unbekannten alten 
Druck geschöpft haben. 

Der Beweis für die von mir eben ausgesprochene Behauptung, 
dass der Totentanztext v. J. 1520 älter als der von 1489 und in diesem 
benutzt sei, lässt sich am kürzesten mit Hilfe des 'Zwiegespräches 
zwischen dem Leben und dem Tode' führen. Dasselbe ist i. J. 1484 
in Lübeck gedruckt und in die 'mittelniederdeutschen Fastnachtspiele' 
aufgenommen worden.^) Unangemerkt ist geblieben, dass es mehrere 
wörtliche Uebereinstimmungen mit den beiden Totentänzen bietet. 

Zwiegespräch, v. 61 — 64. 
God sprack mit synem hilligen munde: 

Waket unde hedet to aller stunde, Zwiegespräch, v. 29 f. 

De dod sendet ju neynnen breif, j^^^^^ jj, wyl dy noch anders spreken, 

Mer he kummet slikende alse eyn deif. j^^ ^^ ^y ^^^ ^^^^^ thobreken. 

Dodesdanz 1489. v. 143 f. Dodesdanz 1489. v. 1G09 f. 

Hirumme waket, wente de dot sendet jjjj. ^^ ^^^y^ nemant wedder spreken, 

ju neuen bref, Einern isliken wil ik sin herte tobreken. 
He kumt sliken recht so ein der. ^ , , , ^^^r. 

T\ A A iFion Dodendantz 1520. 

Dodendantz 1520. ^^^ -^^ ^yji ^ ^^^^^^ ^^ sprecken: 

God sprickt mit synem hilgen munde: jj^jt^ ^^^ jj, wil dyn herte to breken. 
Waket unde bedet to aller stunde, 
De dot sendet juw neuen bref. 
He kumpt slyken recht so eyn deff. 



^) Mittelniederdeutsche Fastnachtspiele, hrsg. von W. Seelmann. Norden 1885. 
S. 45 ff. Vgl. Vorrede S. 33 ff. 



Aus der Vergleichung dieser Stellen aus den drei angeführten 
Werken ergiebt sich, dass der Wortlaut des Zwiegespräches im Totentanze 
von 1489 abgekürzt, in dem von 1520 vollständig wiederholt ist. 
Unmöglich kann also der Totentanz von 1520 ein blosser Auszug des 
Totentanzes von 1489 sein, wie Mantels und Baethcke angenommen 
haben. Da sich ferner für die Annahme, dass beide Totentänze 
unabhängig von einander dieselbe Quelle benutzt haben, keine Gründe 
beibringen lassen, so können nur folgende Möglichkeiten in Betracht 
kommen. Entweder ist das Zwiegespräch, das in einem Drucke von 
1484 vorliegt, die Quelle, aus ihr hat der Verfasser des 1520 gedruckten 
Totentanzes geschöpft und diesen wieder der Dichter des Totentanzes 
von 1489 benutzt; oder dem Totentanz von 1520 sind von den Dichtern 
der beiden andern Werke unabhängig von einander jene Stellen entlehnt. 
Mag man sich für jene oder diese Annahme entscheiden, in jedem 
Falle ergiebt sich die Schlussfolgerung, dass der Text des Totentanzes 
von 1520 bereits dem Dichter des Textes v. J. 1489 vorgelegen hat, 
also älter als dieser ist. 

Zu demselben Ergebnis gelangt man durch folgende Erwägungen. 
Der Verfasser des Totentanzes von 1489 hat, wie von seinem Heraus- 
geber dargelegt ist, Gedanken und Worte vielfach aus älteren in Lübeck 
gedruckten Werken entlehnt. Wenn nun wirklich der Totentanz von 
1520 ein Auszug aus dem von 1489 wäre, würde doch anzunehmen 
sein, dass auch eine oder die andere jener Entlehnungen mit über- 
nommen wäre. Das ist jedoch nicht der Fall. 

Der Verfasser des Totentanzes von 1489 hat also sowohl den 
alten Text von 1463 als auch das i. J. 1520 gedruckte Gedicht benutzt. 
Jenen muss er in der Marienkirche in Lübeck gesehen haben. Er 
folgte diesem Vorbilde, indem er erst den Menschen, dann antwortend 
den Tod sprechen lässt, er entnahm ihm die Reihenfolge der zuerst 
auftretenden Stände und hin und wieder einen Gedanken. Den anderen 
uns in einem Druck von 1520 erhaltenen Totentanz hat er in einer 
Handschrift oder in einem alten verschollenen Druck bequem zu Hause 
benutzen können. Dieser Text muss ihm, als er seinen Totentanz heft 
gedieht unde laten setteriy wie er sich Vers 1681 ausdrückt, stets zu 
Händen und vor den Augen gewesen sein, denn er hat ihn an sehr 
vielen Stellen wörtlich ausgeschrieben und nicht minder häufig, was 
er kurz sagte, breiter ausgeführt. 

In Bezug auf die Personenfolge lässt die nachstehende Uebersicht 
sein Verhältnis zu beiden Texten erkennen. 





I. 




TU. 




n. 




1463 




1489 




1520 


1. 


Papst (s. III, 1) 


1. 


Papst (s, II, 1) 


1. 


Papst 


2. 


Kaiser (s, III 2) 


2. 


Kaiser (s, II, 4) 


2. 


Cardinal 


3. 


Kaiserin (s, III, 3) 


3. 


Kaiserin (s, II, 5) 


3. 


Bischof 


4. 


Cardiual (s, III, 4) 


4. 


Cardinal (s, II, 2) 


4. 


Kaiser 
3* 



86 
L m. IL 

1463 1489 1520 

ö. König (s. III, 5) 5. König (s. II 6) 5. Kaiserin 

6. Bischof (s. III 6) 6. Bischof (s. //, 3) 6. König 

7. Herzog (s, III, 7) 7. Herzog (s. II, 7) 7. Herzog 

8. Abt (s, III, 8) 8. Abt (s. //, 8) 8. Abt 

9. Ritter (s, III, 9. IL) 9. Ordensritter (s. II, 9) 9. Kreuzherr 

10. Kartäuser-Mönch (III, 10) 10. Mönch {s, II, 13) 10. Arzt 

11. Edelmann (s, III, 11) 11. Ritter (s. II, 14) 11. Domherr 

12. Domherr (s. III, 12) 12. Domherr (s, II, 11) 12. Pfarrherr 

13. Bürgermeister (s, III, 13) 13. Bürgermeister {s. II, 17) 13. Mönch 

14. Arzt (s. III, 14) 14. Arzt (s, II, 10) 14. Ritter 

15. Wucherer 15. Junker (s. II, 20. I, 22) 15. Official 

16. Capellan 16. Klausner [s, II, 16. 1, 20) 16. Klausner 

17. Kaufmannes. 7/, m///,2P; 17. Bürger {s. II, 22) 17. Bürgermeister 

18. Küster 18. Student (s. II, 26) 18. Nonne 

19. Amtmann (s. 11,25. 111,21) 19. Kaufmann (*.//, m 7, i 7) 19. Kaufmann 

20. KlausneT fs. II, 16. 111,16) 20. Nonne {s. II, 18) 20. Junker 

21. Bauer (s. II, 27. III, 23) 21. Amtmann {s. II, 25. 1, 19) 21. Jungfrau 

22. Jüngling 22. Werkmeister der Kirche 22. Bürger 

23. Jnngfrm(s.II,21.III,26) 23. Bauer {s. II, 27. I, 21) 23. Begine 

24. Kind 24. Begine (s. II, 23) 24. Narr 

25. — 25. Hofreuter {s. II, 28) 25. Amtmann 

26. — 26. Jungfrau {s. II, 21. I, 23) 26. Student 

27. — 27. Amtsknecht {s. II, 29) 27. Bauer 

28. — 28. Amme mit Kind (s.//,5Ö) 28. Reiter 

29. — — 29. Amtsgesell 

30. — — 30. Amme qiit Kind. 

Von den 28 Ständen, welche der Totentanz von 1489 bietet, 
sind also die ersten vierzehn genau dieselben wie die ersten vierzehn 
im Totentanze der Marienkirche in Lübeck. Denn wenn an elfter 
Stelle der Edelmann des älteren Textes als weltlicher Ritter erscheint, 
so bedingt diese Abweichung keinen Unterschied des Standes. Vom 
Junker ab sind dagegen seine Personen mit der einzigen Ausnahme 
des Werkmeisters dem sechszeiligen Totentanze entnommen, doch hat 
er als Ordnungsprincip die Abwechslung geistlicher und weltlicher 
Personen möglichst festgehalten. 

Zieht man die Holzschnitte, welche sich in den Drucken von 
1489 und 1520 finden, in die Untersuchung, so scheint es eine sehr 
einfache und überraschende Ursache zu sein, warum der Verfasser des 
Totentanzes von 1489 in der Reihenfolge der Personen ' sich bis zur 
14. Figur dem Totentanze in der Marienkirche angeschlossen, dann 
aber die Reihenfolge seines Vorbildes unbeachtet gelassen hat. 

Die Holzschnitte, welche sich in den Totentänzen von 1489 (und 
1496) wie 1520 (und seiner dänischen Uebersetzung) finden, sind 
nämlich von denselben Holzstöcken abgezogen.^) Es unterliegt 
keinem Zweifel, dass dieselben Holzstöcke auch bereits zu jenem ver- 
schollenen Drucke benutzt sind, welcher die erste Ausgabe des Toten- 

^) Vgl. die Litteratur-Uebersicht unter Dänemark. 



'S? 

tanzes- von 1520 bot und der dem Verfasser des Textes von 1489 
vorgelegen hat. Letzterer hat nun die Personen seines Todestanzes 
mit Rücksicht auf die Holzstöcke des von ihm benutzten Totentanzes 
von 1520 ausgewählt. 

Er ist in seiner Anordnung dem Totentanze der Marienkirche 
bis zum Arzte gefolgt, weil er für diesen und alle vorhergegangenen 
Stände sich der Holzstöcke des Totentanzes von 1520 bedienen konnte. 
Auf den Arzt folgten in der Marienkirche Wucherer und Capellan. 
Für diese bot seine gedruckte Vorlage keine Holzstöcke. Er musste 
deshalb diese aus seiner Reihe auslassen. Dasselbe war der Fall mit 
dem Küster und Jüngling. An Stelle der fortfallenden setzte er Figuren 
seiner gedruckten Vorlage ein, wobei er jedoch thunlichst nach dem 
Princip des Totentanzes der Marienkirche geistliche und weltliche 
abwechseln Hess. Ungelöst bleibt nur die Frage, woher er den Werk- 
meister entnommen hat. Vielleicht ergäbe sich die Antwort leicht, 
wenn man die Holzschnitte der Ausgaben, von denen je nur ein 
Exemplar (das von 1520 in Oxford) erhalten ist, nebeneinander ver- 
gleichen könnte. 

Aus den Holzschnitten ergiebt sich mit annähernder Richtigkeit 
auch das Jahr, in welchem der nur in einem Drucke von 1520 erhaltene 
Totentanz zum ersten Male gedruckt erschienen ist. Die Holzschnitte 
bieten nämlich die Strichlagen des sogen. 'Lübecker Unbekannten', 
der nach den Ergebnissen von mir früher veröffentlichter Unter- 
suchungen^) identisch mit Mattheus Brandis und zwischen d. J. 1487 
bis 1499 in Lübeck und in Kopenhagen thätig gewesen ist. Da jener 
erste Druck bereits in dem Totentanze von 1489 benutzt ist, so ist 
er zwar vor diesem Jahre, wahrscheinlich aber nur ein oder zwei 
Jahre früher, erschienen. 



Englische Totentänze. 

In englischer Sprache ist nur ein vollständiger Totentanztext aus 
dem Mittelalter erhalten. Er ist von Lydgate verfasst und bietet eine 
freie Uebersetzung der Pariser Danse macabre v. J. 1425. 

Daneben sind als Rest eines alten Totentanzes, welcher der 

Kathedrale von Salisbury angehört hat, folgende Verse erhalten: 

Alasse Dethe alasse a blesfuU thyng thou were 
Yf thou woldyst spare us yn ouwre lustynesse 
And cum to wretches that bethe of hevy chere 
Whene tbay ye clepe to slake their dystresse 
But owte alasse thyne own sely selfwyldnesse 
Crewelly wemeth me that seygh wayle and wepe 
To close there then that after ye doth clepe. 



*) Seelmann, Der Lübecker Unbekannte. *Centralblatt für Bibliothekswesen. 
Jg. 1 (1884).' S. 19—24. Vermehrt abgedruckt in den ^Mitteilungen des Vereins 
für lübeckische Geschichte 2 (1885) S. 11—19.' 



38 

Death answers: 
Grossless galante in all thy luste and pryde 
Remembyr that thou schalle onys dye 
Deth schall fro thy body thy sowie devyde 
Thou mayst him not escape certaynly 
To the dede bodyes cast clown thyne ye 
Beholde thayme well consydere and see 
For such as thay ar such shalt thou be. 

Bemerkenswert ist, dass zuerst der Mensch redet und darauf 
erst der Tod spricht. Dieselbe Folge lässt sich sonst nur in der 
spanischen Danza general de la muerte und im Lübecker Totentanze 
von 1463, also in den Totentänzen altertümlichster Gestalt nachweisen. 
Ferner zeigen die beiden erhaltenen Strophen, zu denen die Schluss- 
verse zu fehlen scheinen, dieselbe Reimbindung, wie die ersten sieben 
Verse der spanischen Danza (vgl. S. 23) 

Salisbury text: a b a b b c c 

Banza de la muerte: ababbccb 
Banse macabre: ababbcbc 

Auch dieser Umstand deutet darauf, dass von dem Verfasser des 
englischen Textes die alte Danse macabre des 14. Jahrh. benutzt ist, 
nicht die jüngere v. J. 1425. Beweisen würden die leider mangelnden 
achten Verse der Strophen. Sie fehlen, sei es, dass sie als unterste 
Verse des Gemäldes unlesbar geworden waren, sei es, dass sie über- 
haupt nie vorhanden waren. Wäre der letztere Fall anzunehmen, so 
würde er sich daraus erklären, dass die in ihnen enthaltene Anrede 
an die nächstfolgende Person (vgl. S. 7 ff.) unverständlich oder ent- 
behrlich schien. 

Vergleicht man die beiden Strophen in Bezug auf ihren Inhalt 
mit den aus der gemeinsamen Quelle geflossenen übrigen Totentänzen, 
so findet man im Lübecker Texte von 1463 nur ganz allgemeine, in 
der jüngeren Danse macabre dagegen bemerkbare Aehnlichkeiten in 
dem Zwiegespräch zwischen Tod und Liebhaber. Vgl. Str. 46: 

Gentil amoreux gay et frisque, . 
Qui vous cuidez de grant valeur, 
Vous estes pris; la mort vous pique 
Le monde laires a douleur. 
Trop Favez ame, c'est foleur. 
De vous mort est peu regardee. 
Ja tost vous changeres coleur. 
Beaute n'est qu'image fardee. 

Also auch aus der Vergleichung mit den englischen Strophen 
ergiebt sich, was bereits S. 23 gefolgert werden konnte, dass der 
Bearbeiter der jüngeren Danse macabre aus der älteren vieles wörtlich 
herübergenommen hat. 



39 



Litteratur- 
und Denkmäler-Uebersieht. 



Die nachfolgende üebersicht soll die monumentalen Totentänze 
bis zum 18. Jahrhundert, die übrigen sowie die Texte bis auf Holbeins 
Imagines mortis mitsammt der auf sie bezüglichen Litteratur umfassen. 
Die zahlreichen Nachdrucke der Danse macabre, der Basler Totentänze 
und der Holbeinschen Zeichnungen vollständig zu verzeichnen hat 
keinen Zweck. Dem Interesse des Bibliographen genügen die umfang- 
reichen Titelabschriften und Beschreibungen in den bereits vorhandenen 
Verzeichnissen, auf welche verwiesen werden wird. Abgesehen von 
diesem bibliographischen Detail wird die nachfolgende Zusammen- 
stellung aus zwei Gründen weit vollständiger und genauer als alle 
früheren sein können, einmal, weil der Verfasser diese benutzen und 
durch neue Nachweise vermehren kann, dann, weil er, mit Ausnahme 
weniger Fälle, meist Incunabeln, auf nichts Gedrucktes verweist, was 
er nicht selbst eingesehen hat. 

Die Schriften, welche sich vorwiegend auf ein einzelnes Denkmal 
beziehen, werden bei diesem verzeichnet werden. Diejenigen, welche 
die Totentänze im Allgemeinen behandeln, seien hier vorweg genannt.^) 
Am meisten haben sich um die allmälige Sammlung des Materiales 
Peignot, Douce und Langlois und ganz besonders Fiorillo 
verdient gemacht. Letzterer ist auch deshalb noch zu erwähnen, weil 
man bei ihm die Litteratur des vergangenen Jahrhunderts angegeben 
findet. Ausserdem ist noch auf Prüf er 's Ausgabe des Berliner Toten- 
tanzes hinzuweisen, weil er eine sehr übersichtliche Tabelle der monu- 
mentalen Denkmäler bietet und zuerst einige derselben zu allgemeiner 
Kenntnis gebracht hat. 

W. Bttnmker, Der Todtentanz. Studie. Frankfurt a. M. 1881. (= Frankfurter 

Broschüren N. F. U n. 6. S. 175—205.) 
F. Bouee, The Dance of Death exhibited in elegant engravings on wood with a 

dissertation on the several representatious of that subject. London 1833. 

') Ausser den hier und bei den einzelnen Denkmälern Verzeichneten haben 
noch folgende über die Totentänze im Allgemeinen gehandelt: L. Bechstein, 
'Deutsches Kunstblatt, hrsg. von Eggers, 1 (1850) S. 57 ff.; Branche, 'Bulletin 
monumental. 8 (1842) S. 326—39'; Douce in der Einleitung zu *The dance of 
Death, painted by Holbein and engraved by HoUar 1794 u. ö.'; Einleitung zu 
'Holbeins Dance of Death. London 1849'; Gödeke, Grundrisz z. Gesch. d. dtsch. 
Dichtung. 2. Aufl. 1. S. 322 25; Massmann, (Wiener) Jahrbücher d. Litter. 
Bd. 58 Anzeige-Bl. S. 1 — 24; ders. in der Schlotthauerschen Ausgabe des Holbein- 
schen Totentanzes. München 1832; ders. 'Dtsch. Kunstblatt 1 S. 255 ff.'; Müntz, 
'Revue critique d'hist. etc. 13 (1887) S. 35 ff.'; R. Springer, 'Westermanns Blu- 
strirte Monatshefte 47 (1880) S. 723 ff.; Woltmann, Holbein und seine Zeit. 
2. Aufl. Bd. 1. S. 240 ff. — Die Arbeiten über die Allegorie und Ikonographie des 
Todes (die neueste und ausführlichste ist von F r i m m e 1 , 'Mittheilungen der k. k. 
Centralcommission, NF. Jg. 10 ff.) sind in das Verzeichnis nicht aufgenommen. 



40 

A. EUissen, Geschichtliche Ahhandlung üher die Todtentänze. In Hans Holheins 
Initial-Buchstahen mit dem Todtentanz nach Hans Lutzelbnrgers Original- 
Holzschnitten treu copirt von H. Lödel. Mit einer geschichtl. Ahhandlung etc. 
Göttingen 1849. 

J. D. Fiorlllo, Geschichte der zeichnenden Künste in Deutschland und den ver- 
einigten Niederlanden. Bd. 4. Hannover 1820. S. 117—174. 

H. Fortoul, Essai sur les po^mes et les images de la danse des morts. In 
La danse des morts dessin6e par H. Holhein grav6e par J. Schlotthaner. 
Paris 1842 und in ifetudes d'archfeologie et d'histoire. T. 1. Paris 1854. 
S. 321 ff. (Nicht henutzt.) 

C. Orüneisen, Beiträge zur Geschichte und Benrtheilnng der Todtentänze 'Ennst- 
hlatt (Beiblatt zum Morgenblatt für gebildete Stände) 1830 Nr. 22—26.' 

Gr. Kästner, Les danses des morts. Dissertations et recherches historiqnes, philo- 
sophiques, litt6raires et musicales sur les divers monnments. Paris 1852. 4. 

N. C. Eist, De kerkelijke Architectuur en de Doodendanse. Leiden 1844 {Sonder- 
abdruek aus dem 'Archief voor kerkelijke Geschiedenis. Deel 15'). 

£. H. Langlois, Essai historiqnes, philosophique et pittoresqne snr les danses des 
morts, suivi d'une lettre de C. Leber et d'une note de Depping. Ouvrage 
compl6t6 et publik par A. Pottier et A. Baudry. 2 Ts. Bonen 1861. 

H. F. Massmann, Literatur der Todtentänze. (Aus dem „Serapeum*^ besonders 
abgedruckt.) Leipzig 1840. (Beschränkt sich wesentlich auf eine bibliographische 
Beschreibung der Abdrücke von Holbeins, des Gross -Basler und des acht- 
zeiligen deutschen Totentanzes, der Danse macabre und der französischen 
Gebetbücher mit Totentänzen. Einige Zusätze giebt Heller 'Serapeum 6 
[1845] S. 225— 231\) 

H. F. Massmann, Die Baseler Todtentänze in getreuen Abbildungen. Nebst geschicht- 
licher Untersuchung, so wie Vergleichuug mit den übrigen deutschen Todten- 
tänzen. Stuttgart 1847. 8 nebst Atlas. Ebd. 1847. 4®. (= Der Schatz- 
gräber. Hrsg. von J. Scheible. Th. 5.) 

H. F. Massmann im Üniversal-Lexikon hrsg. von H A Pierer. 2. Afl. (3. Ausg.) 
Bd. 31 (1845) S. 318 f. 

A. F. Merino, La dance macabre. Estudio critico literario. Madrid 1884. 

F. Naumann, Der Tod in allen seinen Beziehungen, ein Warner, Tröster und 
Lustigmacher. Als Beitrag zur Literaturgeschichte der Todtentänze. 
Dresden 1844. 12. 

O. Peignot, Becherches historiques et litt6raires sur les danses des morts et sur 
Torigine des cartes ä jouer. Dijon et Paris 1826. 

E. Sehnaase, Zur Geschichte der Todtentänze. ^Mittheilungen der k. k. Central- 
Commission zu Erforschung der Baudenkmale. Bd. 6. Wien 1861. 
S. 221—223.' 

P. Tigo, Le danze macabre in Italia. Studi. Livomo 1878. 

W« Wackemagel, Der Todtentanz. ^Zeitschrift für deutsches Alterthum. Bd. 9 
(1853), S. 302—365', wieder abgedruckt 'Eleinere Schriften Bd. 1 (1872) 
S. 302 ff.' 

J. £• Wessely, Die Gestalten des Todes und des Teufels in der darstellenden 
Eunst. Leipzig 1876. 
Einige Kunstdenkmäler, welche in diesen Werken verzeichnet 

sind, wird man in der nachfolgenden Uebersicht nicht finden, deshalb 

nicht, weil sie mit Unrecht Totentänze genannt sind. Zum Beispiel 

die sogen. Totentänze von Annaberg, Freiberg und Leipzig, 

bildliche Darstellungen der Lebensalter des Menschen, die sogen. 

Totentänze von Minden und Wien u. a. (Vgl. S. 4 f.) 



41 

Der sogen. Mindener Totentanz von 1383, auf den wohl in jeder Abhandlung 
über die Totentänze bisher Bezug genommen worden ist, ist allbekannt, weil er 
von Fabricius in der Bibliotheca mediae et infimae aetatis (Hamburg T. V p. 2) 
angeführt wird. Er ist jedoch weder aus Minden noch ist er überhaupt ein 
Totentanz. Die Nachrichten über ihn gehen zurück auf Michael Sachsens Newe 
Keyser Chronica Magdeburgk 1606 (Vorrede S. 2), der ihn nach Minden versetzt, 
ohne seinen Gewährsmann zu nennen. Einem glücklichen Zufall verdanke ich, 
dass ich Sachsens Quelle in Letxner's Dasselischer Chronica. Erffurdt 1596 
entdeckt habe. In dieser heisst es El. 155 b: 

"Zu Munden (sie) in der Pfarrkirch war an einem Pfeiler eine Tabel, einer 
zimlichen Stubenthür grosz, mit einer Ketten angeheftet, also, dass man die kehren 
vnd wenden, vnd auff beyden feiten besehen kundt. Auff der einen seiten war ein 
fchön Weibesbildt gemahlet, prechtiglich, gleich einer Königin bekleidet, gezieret 
vnnd geschmücket, die hatte einen grossen Spiegel in der Handt, vber demselbigen 
stunden folgende Wort mit grossen Buchstaben geschrieben: YANITAS VANITA- 
TUM. Vnter dem Bilde stund eine Jahrzahl 1383. Am Rande herumb standen 
folgende Wort: 

Der Welt Pracht, Ehr vnd Herligkeit 

Ist meines Hertzn Ergetzligkeit 
Mein Frewd, mein Lust, zu aller zeit 
Damit bin ich allr Sorgen queidt. 

Auff der andern seite war der Todt gantz hesslich vnd erschrecklich gemalet, 
fuhrete auff seiner Achsel eine Sense vnd sprach: 

Ich komm vnd mach der Frewd ein End 

Vnd aller Welt Wollust ich wend 
In heulen, Weinen vnd Weeklagen 

Thun sich verkehm die guten Tage." 

Da Letzner (vgl. Krause in der Allgem. Deutschen Biographie s. v.) bis 1564 
Capellan in (hannoversch) Münden gewesen ist, wird man nicht zweifeln dürfen, 
dass seine Angaben richtig und für alle späteren Anführungen die Quelle sind. 
Sachse, der ihn ausschreibt, hat Münden zu Mynden gemacht, was Fabricius 
u. a. als Minden in Westfalen übernommen hat. 

Der sog. Wiener Totentanz in der Loreto-Kapelle der Hofpfarrkirche zu 
St. Augustin bestand aus einer Reihe von Sinnbildern aus dem Anfange des 
18. Jahrh. mit kurzen Sprüchen (z. B. Mars hin, Mars her, Mors gilt noch 
mehr\ welche von Abraham aS. Clara verfasst waren, dessen 'Besonders meu- 
blirt und gezierte Todten-Capelle. Nürnberg (1710). Ebd. 1711 (auch holländisch 
'Algemeyne Doodenspiegel etc. Brüssel 1730)') Sprüche und Abbildungen enthält. 
— Eher entsprechen einem Totentanze nach Holbein'schem Muster die Bilder in 
Abraham's a. S. Clara 'Sterben und Erben. Amsterdam 1702.' Statt des Todes 
tritt hier ein Todesengel an die meist auf dem Sterbebette liegenden Vertreter 
der menschlichen Stände, sie auf Christus als ihren einzigen Trost verweisend. 



Dänischer Totentanz. 

Ein defect erhaltener Druck ohne Titelblatt, in der kgl. Bibliothek 
in Kopenhagen, spätestens aus dem Jahre 1536, bietet eine dänische 
Uebersetzung des Lübecker Totentanzes von 1520 mit Benutzung seiner 
Holzschnitte. 

Ausgabe mit modemisirter Rechtschreibung : Dödedandsen, udg. af C. J. B r a n d t. 
Köbenhavn 1862. (Von mir nicht benutzt.) — Die Abhängigkeit vom Ltlbecker 



42 

Totentanz weist nach Massmaun 'Serapeum 10 (1849), 305 ff/ — Beschreibung: 
Ch. Brunn, Aarsberetninger fra det störe kong. Bibliothek. Bd. 2 (1875) 
S. 154—161. 

Holzschnitte. Bruun giebt a. a. 0. im Facsimile zwei Holzschnitte, 
welche die Figuren des Königs und eines auf einem Löwen reitenden Todes ent- 
halten. Letztere Figur findet sich unter den bei 'Weigel u. Zestermann, Anfänge 
der Druckerkunst Bd. 2 (1866) S. 166 f.' facsimilirten Figuren aus dem Toten- 
tanze von 1489 wieder, und zwar lehrt eine Vergleichung, dass beide von dem- 
selben Holzstock stammen. Von dem Lübecker Drucke von 1520, der sich in 
Oxford befindet, sind keine Facsimile hergestellt, doch ist mit Hilfe der von 
Massmann gegebenen Beschreibung zu folgern, dass seine Holzschnitte identisch 
einerseits mit denen des dänischen Druckes, anderseits mit denen der Drucke von 
1489 und 1496 sind. Auf Grund der so gewonnenen Anhaltspunkte ist S. 38 
angenommen, dass zu allen vier Drucken dieselben Holzstöcke benutzt sind. 
Selbst vergleichen konnte ich, wie gesagt, nur die mir im Facsimile vorliegende 
Figur des auf einem Löwen reitenden Todes. 



Deutsehe Totentänze. (Niederdeutsches Gebiet.) 

Bildwerke. 

Berlin. Wandgemälde in der Turmhalle der Marienkirche, von 
c. 22,6 m Länge und fast 2 m Höhe. 15. Jahrh. Die Figuren bilden 
einen Gesammtreigen, der sich auf braunem Erdboden vor einem 
Hintergrunde mit Wald und Bergen bewegt. Von dem 18B0 unter 
der Tünche entdeckten Gemälde, das später (an einigen Stellen nicht 
richtig) restaurirt ist, sind die Figuren ziemlich vollständig, die dar- 
unter befindlichen Verse nur zum Teil erhalten. 

Figuren (von links nach rechts): Prediger auf der Kanzel, vor welcher 
eine fratzenhafte Gestalt die Sackpfeife bläst. Tod und Küster, Capellan (?), 
Offizial, Augustiner, Prediger, Pfarrer, Kartäuser, Arzt, Mönch, Domherr, Abt, 
Bischof, Cardinal, Papst, Christus am Kreuz. Kaiser, Kaiserin, König, Herzog, 
Ritter, Bürgermeister, Wucherer, Junker, Kaufmann, Handwerker, Bauer, Krügerin, 
Narr, (Mutter mit Kind?). 

Ausgaben etc.: Ein 1860 angefertigtes Facsimile besitzt das Märkische 
Museum in Berlin. — Der Todtentanz in der Marienkirche zu Berlin u. Geschichte 
und Idee der Totentänze überhaupt von Th. Prüfer. Mit 6 photolith. Tafeln. 
(In: Vermischte Schriften etc. hrsg. von dem Verein für die Geschichte Berlins. 
Berlin 1888. Bd. 1.) Berlin 1876. Fol. — Ebs. Mit 4 Blatt farbigen Litho- 
graphien (in kleinerem Massstabe). Berlin 1883. Fol. — Der Text ist in allen 
diesen Ausgaben mit vielen Fehlern wiedergegeben. Einzelnes verbessern Lübben 
und Sprenger, Niederd. Jahrbuch 3, 178 if. 4, 105. — (Wertlos ist: Der 
Todtentanz in der St. Marienkirche zu Berlin. Ein Wort für die Besucher. 
Berlin 1863. 8 S. 8., worin als Probe eine Strophe.) 

Braunschweig. Wandgemälde des 15. oder 16. Jahrh. in der 
ehemaligen Andreaskirche. 

"Albrecht in seiner Postill. Symb. Dn. 24 Trin. schreibet: In etlichen 
Kirchen ist ein Gemälde noch von den lieben Vorfahren ausgedacht, zu sehen, 
da hüpift der Tod voran, führt aber allerley Leute nach sich, Päpste, Käyser, 
Könige, Fürsten, Grafen, Kitter, Bürger und Bauern, Alte, Junge, Schöne, Häfs- 



43 

liehe, Gross und Kleine, beyderley Geschlechts, und tautzt mit ihnen zur Welt 
hinaus, springt so lange, biss einer nach dem andern lehloss nieder fällt. Fast 
dergleichen Worte führet auch Erasmus Rothmaler in der 3. Predigt über 
den Eirchengesang : Christ lag in Todes - Banden, und meldet dabey, dass der 
Todtentanz auch zu Braunschweig in der S. Andreas - Kirchen als ein altes 
Gemälde auff einer Tafel allda noch dazumal zu sehen gewesen/^ Hilscher, 
Beschreibung des sog. Todten - Tantzes (1705) S. 91 f. — Rothmahler ist 1561 
geboren und 1610 gestorben. 

Gandersheim (Braunschweig). 'Zu Ganderslieim im Barfüsser 
Closter im Creutzgange am Capitelhause stund (ehe dasselbe von 
Hessen eingenommen und geplündert worden) eine lange Tabel, daran 
war auff Pergamen der Tod gemahlet, unnd wie derselbe einen ge- 
meinen Tantz hielt mit allen Ständen vnd Orden Geistlicher und Welt- 
licher Leute, vom Obersten bis an den Untersten. Da waren forne 
folgende Teutsche Vers geschrieben, also lautend: Hie hebt sich an 
des Todes Tantz Der hat gut acht auff seine Schantz, Dasz niemand 
jhm entspring davon' etc. 

L e t z n e r , Dasselische und Einbeckische Chronica. Erifurdt 1596. Fol. Bl. 156. 

Halberstadt. Skulptur auf dem von Joh. Pincerna (Schenk) 1554 
gemeisselten Grabmale des Bischofs Markgrafen Friedrichs von Branden- 
burg im Dome. 

'Unter der Flinte desselben ein höchst interessanter Todtentanz'. F. Lucanns, 
Wegweiser durch Halberstadt. 2. Afl. Halb. 1876, S. 39. 

Hamburg. Eines Totentanzes aus der 'Monnicken tyd' in der 
Franciskanerkirche St. Maria Magdalena gedenken Nachrichten aus 
d. J. 1551 — 1623. Derselbe muss eine Länge von niindestens 40 — 50 
Fuss gehabt haben. 

Vgl. Beneke 'Zeitschrift des Vereins für Hamb. Geschichte 5 (1866) 
S. 611—615'. 

Lübeck. In der Marienkirche, v. J. 14G3. Dieser Totentanz, 
von dem bereits S. 1 f. eine Beschreibung gegeben wurde, war 
ursprünglich auf zusammengefügte Holztafeln gemalt. Nachdem 1588 
und 1657 umfangreiche Ausbesserungen vorgenommen waren, wurde 
er 1701 von dem Maler Anth. Wortmann auf Leinwand übertragen. 
Die niederdeutschen Verse unter den Bildern, welche zu einem grossen 
Teile unlesbar geworden waren, wurden bei dieser Erneuerung durch 
neuhochdeutsche ersetzt, welche der Praeceptor Nathanael Schiott 
vollständig unabhängig von dem alten Texte angefertigt hatte. Das 
wenige von dem letzteren "so man noch davon hat lesen können" 
hat der damalige Pastor der Marienkirche Jacob von Melle in seine 
handschriftlich erhaltene 'Ausführliche Beschreibung von Lübeck' auf- 
genommen. Die Zuverlässigkeit seiner Abschrift wird durch die 
Genauigkeit, der sich Melle in seinen übrigen Copieen nachweislich 
befleissigt, wahrscheinlich gemacht. Auch die Copie Wortmanns giebt 
im Allgemeinen ein treues Abbild des alten auf Holztafeln gemalten 
Originals. Für die Treue der Copie spricht, dass sämmtliche Figuren 
die Tracht des beginnenden 15. Jahrhunderts tragen, sowie die Ueber- 



44 

einstimmung mit dem erhaltenen Reste des Revaler Totentanzes, einer 
alten Copie des Lübecker. Anderseits wird man, da der Text 1701 
nicht mehr vollständig lesbar war, annehmen dürfen, dass auch das 
Bild 1701 bereits an einzelnen Stellen nur schwer oder gar nicht 
mehr zu erkennen war und an diesen Stellen Wortmann notgedrungen 
freier hat verfahren oder eine Lücke lassen müssen. Dieses muss der 
Fall bei der ersten Figur gewesen sein, die auf dem Original ein 
Prediger auf der Kanzel war. Vielleicht liegt ein ähnlicher Fall zu 
Schluss des Bildes vor. Ferner scheint sich aus einer Vergleichung 
mit dem Lübecker Totentanz von 1489, dessen erste Hälfte dieselben 
menschlichen Stände wie der Totentanz in der Marienkirche bietet, 
zu ergeben, dass bei letzterem sowie in Melle's Ueberlieferung des 
Textes die Reihenfolge in Verwirrung geraten ist. Diese Verwirrung 
lässt sich am leichtesten dadurch erklären, dass einige der alten Holz- 
platten bei der Abnahme von ihrer alten Stelle in eine falsche Ordnung 
gekommen sind. Eine Verstümmelung in neuerer Zeit hat der Toten- 
tanz dadurch erlitten, dass man 1799 aus ihm den Herzog und den 
ihm folgenden Tod herausgeschnitten hat, um Raum für die Erhöhung 
einer Thür zu gewinnen. 

Figuren. Vorpfeifender Tod, Beigen des Todes mit Papst, Kaiser, 
Kaiserin, Cardinal, König, Bischof, Herzog (fehlt jetzt), Abt, Ritter, Cartäuser, 
Bürgermeister, Domherr, Edelmann, Arzt, Wucherer, Capellan, Kaufmann, Küster, 
Handwerker, Klausner, Bauer, Jüngling, Jungfrau. Dann folgt der Tod mit der 
Sense und zu Schluss das Kind in der Wiege. — Ausserdem findet sich auf 
einem schmalen Querbrett, welches eine Ecke zwischen zwei Wandflächen des 
Todestanzes verkleidet, eine Zuthat Wortmanns: drei Figürchen, nämlich zwei 
Tode und ein Dämchen in der Tracht d. J. 1700. — Die Reihenfolge, welche 
nach Ausweis des von Mantels geordneten Textes die ursprüngliche war, s. S. 35. 
Das heutige Bild und Schlotes Text bieten die Abweichung, dass in ihnen 
Nr. 11 — 13 in der Folge 13. 12. 11 (also Bürgermeister, Domherr, Edelmann) 
erscheinen. Ferner hat Schiott den Kaufmann des Gemäldes als Amtmann und 
umgekehrt diesen als jenen irrtümlicher Weise aufgefasst. 

Entstehungsjahr. Die Annahme d. J. 1463 beruht auf der von Melle 
mitgeteilten alten Schlussschrift Anno domini MCCCCLXIII in vigilia Ässump- 
donis Marie. Dieses Datum könnte ein späterer Zusatz sein, der auf des 
Lübecker Chronisten Detmars Angabe, dass 1463 in Lübeck die Pest herrschte 
und diese am Tage von Maria Himmelfahrt nach Dänemark sich verbreitete, 
zurückgeht. Jedesfalls triift nach dem Urteile der Kunsthistoriker jene Zeitangabe 
ungefähr zu. Wahrscheinlich ist, dass der Totentanz eher früher als später 
entstanden ist. 

Ausgaben: Der Todtentanz nach einem 320 Jahre alten Gemälde in 
der St. Marienkirche zu Lübeck, auf einer Reihe von acht Kupfertafeln, von 
Lud. Suhl. Lübeck 1783. 4®. (Darin der nd. Text nach Melle.) — Der 
Todtentanz in der Marienkirche zu Lübeck. Nach einer Zeichnung von 0. J. Milde 
mit erläuterndem Texte von W. Mantels. Lübeck 1866. Quer -Fol. (Auf 
dem Facsimile fehlt der Herzog, den Suhl noch bietet.) Weniger brauchbar für 
wissenschaftliche Untersuchungen sind: Ausführliche Beschreibung und Abbildung 
des Todtentanzes etc. (von Schmidt) Lübeck (1831) kl. 8^ — Der Todtentanz etc. 
von P. Geisler. Hamburg 1872. 4^ 



45 

Litteratur: H. Baethcke, Der Lübecker Todtentanz. Ein Versnch 
zur Herstellung des alten nd. Textes. (Göttinger) Inaug. - Dissertation. Berlin 
1873. 8". (Vgl. darüber Mantels *Gött. Gel. Anzeigen 1873. I. S. 721—41.') 

— Mantels, Der Lübecker Todtentanz vor seiner Erneuerung i. J. 1701 
'Anzeiger f. Kunde dtsch. Vorzeit 1873 S. 158—161.' — Alb. Ben da, Wie 
die Lübecker den Tod gebildet. Vortrag. Lübeck 1891. 

Osnabrück. Stickerei auf dem Rande eines bischöflichen Pluviales. 
Aus dem Anfange des 16. Jahrh. In verschiedenen Feldern je ein 
Bischof, Cardinal, Papst, dann Graf, Herzog, Kaiser, die von dem 
Tode ergriffen werden. Die Länge der Figuren beträgt 21 cm. 

Vgl. Mittbeilungen des histor. Vereins zu Osnabrück 11 (1878) S. 356. 

— Mithoff, Kunstdenkmäler etc. im Hannoverschen 7 S. 115. 

Reval (Estland) in der Nicolaikirche. Oelgemälde auf Leinwand 
1,75 m hoch und soweit erhalten c. 8 m lang. Erhalten sind das 
Bild und die Worte des Predigers auf der Kanzel, vor der ein Scelett 
den Dudelsack bläst, dann der Reigen nebst dem Zwiegespräche des 
Todes mit Papst, Kaiser, Kaiserin, Cardinal und König. Alles übrige 
ist vermodert. Der Rest lässt deutlich erkennen, dass Bild und Text 
eine sehr getreue Copie des Lübecker Totentanzes von 14G3 sind. 
Genau so wie in Lübeck trägt der dem Papst vorantanzende Tod auf 
der rechten Schulter einen Sarg, während er mit der linken Hand eine 
Falte des päpstlichen Ornates hochhebt. In beiden dieselbe Hand- 
bewegung des Papstes, dieselbe Haltung des dann folgenden Todes, 
der Königin, des Cardinais u. s. w. Der landschaftliche Hintergrund 
ist zwar in beiden Totentänzen nicht ganz gleich, zeigt aber doch 
eine allgemeine Aehnlichkeit, auch findet sich die Burg, welche man 
in Lübeck zur linken Seite der Königin im Hintergrunde erblickt, in 
Reval zur Linken des Königs wieder. Abweichend sind beide darin, 
dass in Reval der König eine Krone zu tragen scheint, während er 
in Lübeck eine eigentümliche rund aufgewulstete Kopfbedeckung hat. 
Ferner fehlt in Lübeck zu Anfang des Gemäldes der Prediger. Dieser 
ist keine Zuthat des Revaler Malers. Wie die Uebereinstimmung des 
Textes und der altspanischen Danza general zeigen, muss auch in 
Lübeck der Prediger zu Anfang des Tanzes früher seine Stelle gehabt 
haben. Die Uebereinstimmung beider Gemälde in den Details des 
Costüms, der Stellungen und Handbewegungen lässt schliessen, dass 
der Revaler Totentanz gar nicht in Reval selbst, sondern, wenn auch 
in revalschem Auftrage, in Lübeck angesichts des Originals, dessen 
Copie er bietet, angefertigt ist. Für das Alter des Revaler Gemäldes 
hat sich kein urkundliches Zeugnis beibringen lassen. Einheimische 
Gelehrte haben sich für die Entstehung 'um 1600', andere für das 
15. Jahrhundert entschieden. Wenn für die Zeit um 1600 der land- 
schaftliche Hintergrund zeugen soll, so erweist schon das Lübecker 
Original die Haltlosigkeit dieses Grundes, ausserdem könnte auf 
Manuels Totentanz und ältere Gemälde der flandrischen Schule hin- 
gewiesen werden. Die Sprachformen des Textes scheinen für den 
Anfang des 16. oder das Ende des 15. Jahrhunderts zu sprechen. Der 



46 

erhaltene Rest ist durch Einrahmung jetzt vor weiterem Verderben 
geschützt. 

Eine Abbildung in kleinem Massstabe giebt W. Neumann, Grundriss der 
Geschichte der bildenden Künste in Liv-, Est- und Kurland. Beval 1887. S. 143. 
(Was der Verfasser von gewissen Abweichungen sagt, die das Lübecker Gemälde 
biete, verrät, dass ihm von diesem keine Abbildung vorgelegen hat. Die Skelette 
sind in beiden Totentänzen ganz gleich bekleidet oder bzw. unbekleidet.) Vgl. 
auch S. F. Amelung, Revaler Altertümer (1884) S. 45 ff. 

Der Text ist teilweise fast erloschen. Das Verdienst, ihn zuerst zum 
Abdruck gebracht und seine Zusammengehörigkeit mit dem Lübecker erkannt zu 
haben, gebührt Kusswurm, welcher in der Zeitschrift *Das Inland. Eine Wochen- 
schrift für Liv-, Esth- u. Curlands Geschichte, Jahrg. 3 (1838) Nr. 31 ff.' beide 
sammt einer freilich oft sehr falschen Uebersetzung mitteilte. Einen mehrfach 
berichtigten Te'xt nebst einer besseren" Uebersetzung der in Reval erhaltenen 
Strophen bietet Gotthard v. Hansen, Die Kirchen und ehemaligen Klöster 
Kevals. 3. Aufl. Reval 1885, S. 39 ff. 

Wismar I. Gemälde an der inneren Turmwand der Nicolai- 
Kirche. Erhalten ist nur eine Abschrift der Verse, welche der Rat- 
mann Gregor Jule auf Ersuchen der Prediger 1596, vermutlich für 
eine beabsichtigte Erneuerung der Bilder, verfasst hat. 

Aus den Versen lässt sich die Reihenfolge der Figuren ersehen: Papst, 
Kaiser, Kaiserin, Cardinal, König, Bischof, Fürst, Abt, Ritter, Advocat, Bürger- 
meister, Edelmann, Arzt, Franciskaner, Bürger, Witwe, Handwerker, Arbeiter, 
Bauer, Jüngling, Jungfrau, Kind. Vgl. (F. CruU) Nachricht von einem Todten- 
tanze zu Wismar. Schwerin 1877. 4°. 

Wismar II. Wandgemälde in der St. Marien-Pfarrei, etwa v. J. 
1500. Die unter der Tünche entdeckten Reste lassen einen Gesammt- 
reigen von 18 Zoll hohen Figuren erkennen, die sich auf grünem 
Erdboden bewegen. 

Nach Crull a. a. 0., der eine Abbildung giebt, stallten die blossgelegten 
Figuren ausser den nackten Todesgestalten den Cardinal, Patriarchen, Erzbischof, 
Kriegsmann (Herzog?), Bischof, eine weltliche und drei geistliche Personen, den 
Doctor und Domherrn vor. 

Wolgast. An den Brüstungen der hölzernen Emporen der Gertruds- 
kirche befinden sich im 17. Jahrh. von Bentschneider gemalte Toten- 
tanzscenen, freie Nachbildungen der Holzschnitte Holbeins, lieber 
den Bildern stehen hochdeutsche Verse. 

Vgl. K u g 1 e r , Pommersche Kunstgeschichte (Baltische Studien 8. 1840) S. 226. 

Texte. 
Während in Frankreich, England und Süddeutschland die ver- 
schiedenen monumentalen Totentänze im Mittelalter im wesentlichen 
denselben Text bieten, begegnet in Niederdeutschland, w^enn man von 
Reval absieht, bei jedem Totentanze ein anderer Text. 

Berliner Totentanz. Siehe bei den Bildwerken. 

Lübecker Totentanz v. 1463. Siehe bei den Bildwerken zu Lübeck 
und Reval. 

Lübecker Totentanz v. 1489 n. 1496. Dieser in der Officin und 
mit Holzschnitten des sog. Lübecker Unbekannten zuerst 1489 gedruckte 



47 

und 1495 neu aufgelegte Totentanz bietet den bei weitem umfang- 
reichsten Text (72 Capitel mit 1686 Versen), auch nicht zur Hälfte 
erreicht ihn einer der übrigen deutschen oder ausländischen Totentänze. 
Es erklärt sich dieser Umfang dadurch, dass der Verfasser ihn für 
die Buchform, nicht für die monumentale Verwendung verfasst hat. 
Das Totentanzmotiv dient ihm, seinen moralischen Ausführungen Rich- 
tung und Form zu geben, zu Schluss lässt er es aber fallen, weil die 
24 Verse, welche er seinen Personen zuteilt, und die Bezugnahme auf 
die von diesen vertretenen Stände ein zu beengender Rahmen für seine 
nun allgemeiner gehaltenen Gedanken gewesen wären. Seine Sprache 
ist lehrhaft, breit, durchweg moralisirend, aber doch nie langweilend 
oder schleppend, und der Neigung zu satirischem Humor wird mit 
Behagen Raum gegeben. Dass der Verfasser identisch mit dem Bearbeiter 
des nd. Reinke Vos sei, ist jüngst wahrscheinlich gemacht. Sichtlich 
lehnt er sich an den alten Lübecker Totentanz von 1463 und den von 
1520 (s. S. 34) an. 

Ausgaben: Des dodes dantz. Lübeck 1489. 4°. (Germanisches Maseiim 
in Nürnberg.) Beschreibung bei Weigel und Zestermann, Die Anfänge der 
Druckerkunst. Leipzig 1866, Bd. 2, S. 166. — Dodendantz. Lübeck 1496. 4. 
(Herzogl. Bibliothek Wolfenbüttel.) Umfangreiche Auszüge bei Bruns, Beiträge 
zur kritischen Bearbeitung aller Handschriften (1802) S. 321 — 360. — Des 
dodes danz, nach den Lübecker Drucken von 1489 und 1496 herausg. von Herrn. 
Baethcke. (Bibliothek des litter. Vereins in Stuttgart. 127.) Tübingen 1876. 
— Vgl. auch H. Brandes, Die litterarische Tätigkeit des Verfassers des 
ßeinke 'Zeitschr. f. dtsch. Alterthum 32, S. 24 — 41. — Die Keihenfolge der 
Personen s. S. 35. 

Lübecker Totentanz v. J. 1520. Dieser Totentanz muss, wie 
S. 34 gezeigt ist, bereits vor 1489 verfasst sein. Bekannt ist er nur 
aus einem Drucke von 1520, der aus der Officin des Lübecker Un- 
bekannten hervorgegangen ist. (Ueber eine dänische Bearbeitung dieses 
Totentanzes siehe S. 41.) 

Ausgahen. Das einzig bekannte Exemplar des alten Druckes befindet 
sich im Besitze der Bodleiana in Oxford, das Titelblatt bietet unter einer Krone 
das Wort Dodendantz, Die Schlussnotiz lautet: Änno dni MCGCCCXX 
Lübeck. Eine Beschreibung des Druckes giebt Massmann im Serapeum 10 (1849) 
S. 306 ff., einen Abdruck des Textes nach einer von Sotzmann angefertigten 
Abschrift bietet Lübke in seiner Ausgabe des Berliner Totentanzes (S, 39 ff.) und 
Mantels in der Einleitung zu Milde's 'Todtentanz in der Marienkirche zu Lübeck^ 
S. 10 ff. 

Uebersetznng der Danse macabre. Das Bruchstück einer wört- 
lichen Uebersetzung der Danse macabre ist nach einer Berliner Hand- 
schrift aus dem Ende des 15. Jahrh. von mir im Niederdeutschen 
Jahrbuche XI S. 126 f. mitgeteilt worden. 



46 



Deutsche Totentänze. (Hochdeutsches Gebiet.) 

Bildwerke. 

Attinghnseo (Schweiz, Kant. Uri). "1755 wurde die alte Kirche 
vergrössert, durchweg erneuert, und dabei der ausserhalb gemalte, aber 
schadhafte Todtentanz verstrichen. Meister war Jacob Moosbrucker." 

Geschichtsfreund. Mittheilungen des histor. Vereins der fünf Orte Lucern etc. 
Bd. 17. Einsiedeln 1861. S. 152. 

Basel I. Wandgemälde an der Kirchhofsmauer des Dominikaner- 
klosters in Gross-Basel, aus derselben Zeit (c. 1537 — 41) und wahr- 
scheinlich von demselben Maler wie der Klein-Basler Totentanz, den 
er um 5 Schritt Länge überragt. Mit diesem stimmt er in den Figuren 
und im Texte im Allgemeinen überein. Die Abweichungen sind durch 
spätere Erneuerungen, besonders durch die von Klauber 1568 vor- 
genommene Uebermalung entstanden. Dieser hat Verschiedenes aus 
Manuels Berner Totentanze in den Basler übertragen, sein Bild zu 
Schluss beigefügt und der Mutter des Kindes die Gesichtszüge seiner 
Frau gegeben. Bei einer späteren Uebermalung sind diese beiden 
Bilder dann wieder beseitigt, um Raum fiir eine Darstellung des Sünden- 
falles zu gewinnen. Der Totentanz ist 1805 abgebrochen, doch sind 
Copieen in den zuerst 1621 erschienenen und wiederholt abgezogenen 
Kupferstichen Joh. Jac. Merians sowie in einem handschriftlichen 
Facsimile desselben Em. Bücheis vorhanden, dem man die Abbildungen 
des Klingenthaler Tanzes verdankt. 

Die Litteratur s. bei Basel II. 

Basel II. Wandgemälde im Klingcnthal, einem Nonnenkloster 
Dominicanerordens in Klein-Basel. Erhalten sind mehrere treue Copien 
der Bilder und des Textes, die im vorigen Jahrhundert ein Basler 
Bürger, Em. Büchel, angefertigt hat. Dieser hatte eine Jahreszahl 
auf dem Totentanze zuerst als 1S12 gelesen. Erst später erkannte 
er, wie er in einer handschriftlichen 'Ferneren Untersuchung' darlegte, 
dass jene Zahl richtiger 1512 zu lesen sei und sich auf eine teilweise 
Uebermalung des alten al-fresco gemalten Tanzes mit Oelfarben beziehe. 
Leider blieb die Selbstberichtigung Bücheis unbekannt, und so ist in 
alle Schriften über die Totentänze die falsche Jahreszahl 1312 als 
Entstehungsjahr des somit als ältesten erklärten Klingenthaler Toten- 
tanzes übergegangen. Erst 1876 hat Burckhardt den Irrtum mit Hilfe 
der von ihm aufgefundenen Handschrift Bücheis aufgedeckt, indem er 
zugleich nachwies, dass der Teil des Kreuzganges, an welchem sich 
der Totentanz befand, selbst erst 1437 erbaut ist. Der Totentanz 
war nach Büchel 72 Schritt lang, die Figuren in Lebensgrösse. 

Figuren: Prediger auf der Kanzel, vor derselben in einer Gruppe Papst, 
König u. a. (fehlt im Klingenthal wegen einer alten Fensteröffnung, vgl. den 
Strassburger Ttz). Karner, davor zwei musicireude Tode. Dann in Tanzpaareu 
der Tod mit Papst, Kaiser, Kaiserin, König (Königin nur in Gr. -Basel), Cardinal, 
Patriarch (fehlt Gr.-B.), Erzbischof (fehlt Gr.-B.), Herzog, Bischof, (Herzogin nur 
in Gr.-B.), Graf, Abt, Ritter, Jurist, Fürsprech, Chorherr, Arzt, Edelmann, Edel- 



4d 

frau, Kaufmann, Aebtissin, Krüppel, "Waldbruder, Jüngling, Wucherer, Jungfrau, 
Pfeifer, Herold, Schultheiss, Blutvogt, Narr, Begine (dafür in Gr.-B. : Krämer), 
Blinder, Jude, Heide, Heidin, Koch, Bauer, Kind, Mutter, Prediger (fehlt in Kl.-B.). 

Abbildungen und Text beider Basler Totentänze nach Bücheis Copien 
bei Massmann, Basler Ttze. — Die Gross-Basler Bilder bieten die 1621 — 1832 
in 17 Ausgaben erschienenen Merian 'sehen Kupfer. (Massmann, Litter. 
S. 75 — 80.) — Ungenügend für wissenschaftliche Zwecke ist: Todtentanz der 
Stadt Basel. Basel, Stuckert. 1858. 16. — Mit beabsichtigter Täuschung führen 
irre die Titel des 1588 und 1608 durch Huld. Fröhlich, 1715—1796 durch 
die MecheTsche Druckerei ausgegebenen, angeblich in Basel bzw. Bern befind- 
lichen *Todten-Tantz\ Diese Ausgaben enthalten den Basler bzw. Berner Text, 
geben aber dazu Nachbildungen einer grossen Anzahl Holbeinscher Imagines 
mortis und nur weniger Basler Figuren. Es ist dadurch früher d^r Irrtum ent- 
standen und verbreitet worden, dass der Maler des Basler Totentanzes Holbein 
gewesen sei. Vgl. Massmann, Litter. S. 30 ff. — Die älteste Aufzeichnung 
des Gross-Basler Textes in H. Fröhliches *Lobspruch an die Stadt Basel. 1581'. 

Zur Geschichte etc. der Basler Ttze vgl. noch besonders: Th. Burck- 
hardt-Biedermann 'Beiträge zur vaterländischen Geschichte, Bd. 11. Basel 1882. 
S. 59 ff.' — Bahn, Gesch. d. bild. Künste in der Schweiz (1876) S. 654—59. 
— Wackemagel, Kl. Sehr. 1, 329 ff., 366 ff. 

Bern. Auf der 1660 abgebrochenen Kirchhofsmauer des ehe- 
maligen Dominikaner-Klosters befand sich ein Totentanz, den Nicolaus 
Manuel um d. J. 1517 — 19 gemalt und mit eigenen Versen versehen 
hatte. Das Gemälde zeigte Tanzpaare, welche sich unter Arkaden 
bewegten, durch deren Säulen man landschaftlichen Hintergrund 
erblickte. Die menschlichen Figuren hatten die Gesichtszüge von Zeit- 
genossen und Mitbürgern Manuels, der in der Figur des Malers sein 
eigenes Bildnis beifügte. Bild und Text sind eine freie Nachahmung 
sowohl des Gross-Basler Totentanzes als auch der erweiterten Danse 
macabre. Aus einem Drucke derselben hat Manuel die Anregung zu 
den Arkaden, der Gruppe der vier musicirenden Skelette und anderen 
Figuren empfangen. 

Figuren: Sündenfall, Moses empfängt die zehn Gebote, Crucifix. Vier 
musicirende Skelette. Tod und Papst, Cardinal, Patriarch, Bischof, Abt, Priester, 
Doctor, Astrolog, Ordensritter, vier Mönche, Aebtissin, Waldbruder, Nonne, Kaiser, 
König, Kaiserin, Königin, Herzog, Graf, Ritter, Jurist, Fürsprech, Arzt, Schultheiss, 
Jüngling, Ratsherr, Vogt, Bürger, Kaufmann, Narr, Kind und Mutter, Handwerker, 
Bettler, Kriegsmann, Jungfrau» Koch, Bauer, Malers Frau, Witwe, Dirne, Jude 
und Heiden, Maler, Tod als Schütze, Prediger. 

Abbildungen. Es sind zwei alte Copien vorhanden, die eine ist 1649 
von Albr. Kauw, die andere von Stettier (gest. 1708). Vgl. Nikiaus Manuels 
Todtentanz, gemalt zu Bern um 1515 — 1520, lithographirt nach den getreuen 
Copien des berühmten Kunstmalers Wilhelm Stettier. (Bern o. J.) Quer-Fol. — 
Vgl. Rahn 'Repertorium für Kunstwissenschaft, Bd. 3 (1880) S. 13— 17\ 

Text. Die Verse finden sich auf der Kauw'schen Copie und sind darnach 
bei C. Grün eisen, Niclas Manuel, Stuttgart 1837, S. 324—338, vgl. S. 156 ff. 
abgedruckt. Ausserdem sind die Verse in einer Hs. von 1576 vorhanden, die 
dem Abdrucke 'Nikiaus Manuel, hrsg. von Jak. Bächtold, Frauenfeld 1878, 
S. 1 — 28' zu Grunde liegt. — Fröhlich giebt in seinen 'Zween Todtentäntz, 
Deren der eine zu Bern . . . Der Ander aber zu Basel. Basel 1588* den Bemer 
Text, nicht aber die Bilder Manuels (vgl. bei Basel II). 

Niederdeutsches Jahrbuch XYII. 4 



50 

I)er Lübecker Totentanz von 1496 und der ^Dotentanz mit Figuren'* 
soll nach Vögelin (S. LXXVIII ff. in Bächtold's Ausgabe) von Manuel benutzt 
sein. Diese Annahme ist irrig, die Entlehnungen, welche sie beweisen sollen, 
erklären sich aus der Benutzung der Dause macabre. 

Bmchhausen (bei Unkel a. Rhein). Tafelgemälde des 17. Jahrh. 

in der Pfarrkirche. 

'Aus dem Anfange desselben (17.) Jahrh. stammt auch der Todtentauz in 
der Pfarrkirche zu Broichhausen, ein Gemälde auf Leinwand im hölzernen Rahmen. 
In der oberen Reihe sind die weltlichen Stände, mit dem Kaiser anfangend, in 
der unteren die geistlichen, mit dem Papste an der Spitze, dargestellt\ Bäumker 
S. 23. — 'Totentanz, 20 Gruppen in zwei Reihen übereinander; Oelgemälde, 
handwerklich ausgeführt'. Bau- und Eunstdeukmäler des Reg.-Bez. Goblenz. 
Beschr. von P, Lehfeldt (1886) S. 478. 

Chur (Kanton Graubünden). Wandbilder v. J. 1543, ursprünglich 
im bischöflichen Palast, jetzt im Ehätischen Museum. Copien und 
Nachahmungen der Holbeinschen Imagines. 

Vgl. F. S. Vögelin, Die Wandgemälde im bischöflichen Palast zu Chur. 
Zürich 1878. 4. (= Mittheilungen der antiquarischen Gesellschaft in Zürich, 
Bd. 20, 11, Heft 1). Die Annahme, dass die Churer Bilder die ursprüngliche Gestalt 
der Holbeinschen Todesbilder bieten, erfuhr allseitige Ablehnung. Vgl. Repertorium 
für Kunstwissenschaft Bd. 12 (1889) S. 227 f. 

Constanz. Im ehemaligen Dominikanerkloster. Wandgemälde 
des 16. Jahrh. von Joh. Hiebler. 

'Auch die dem Kreuzgang nach der Stadt zu vorgelegten Vorhallen (jetzt 
die Bureaus des Hotels) weisen Wandmalereien auf, deren bereits Fiorillo (1, 294) 
mit Ueberschätzung ihres Kuustwertes gedenkt. In einem Zimmer sieht man 
einen Totentanz: der Tod tritt als Gerippe in die menschlichen Beschäftigungen 
ein; deutsche Inschriften.' Kunstdenkmäler des Grosshzgt. Baden 1, hrsg. von 
Kraus (1887) S. 247 f Aehnlich Zepperlin in den Schriften des Vereins f. 
Gesch. d. Bodensees 1875, S. 22 f. Darnach scheint es irrig, wenn Wacker- 
nagel, kl. Sehr. S. 370 sagt, dass bei dem Constanzer Toten tanze die latein. 
Hexameter von Desrey stehen. Benutzt scheinen von dem Maler die Frölich^schen 
Kupfer (s. bei Basel II). 

Dresden. Basrelief in Sandstein v. J. 1534, ursprünglich am 
Georgen-Sehlosse, seit 1701 auf dem Neustädter Kirchhofe. Die Figuren 
sind 40 cm hoch und bilden einen reigenartigen Aufzug. 

Figuren: Voran schreitet ein Gerippe, das die Pfeife bläst, ihm folgen 
Papst, Cardinal, Erzbischof, Bischof, Prälat, Domherr und Mönch. Dann folgt 
ein Gerippe, das die Trommel schlägt, hinter ihm Kaiser, König, Kurfürst, 
Graf (?) und Ritter, dann Edelmann, Ratsherr, Handwerker, Landsknecht, Bauer 
und lahmer Mann, dann Aebtissin, Stadtfrau und Bäuerin, Kaufmann, Kind 
und Bettler. Den Beschluss macht ein Totengerippe mit der Sense. Kein alter 
Text. Die später beigefügten sechs Strophen sind erst im 18. Jahrh. verfasst. 

Beschreibung und Abbildung: (P. C. Hilscher), Beschreibung des 
sogen. Todten - Tantzes. Dressden 1705. — F. Neumann, Der Tod in allen 
seinen Beziehungen. Dresden 1844. — Erbstein : 'Mittheilungen des Kgl. Sachs. 
Vereins für Erforschung etc. der vaterländischen Alterthümer, Heft 2. Dresden 
1842, S. 46 ff.' 

Emmetten (Kanton Unterwaiden). 

Einen hier befindlichen Totentanz erwähnt (nach Prüfer) Jos. Schneller, 
Luzerns St. Lukas-Bruderschaft. Luzern 1861^ S. 11, Anm. 3. 



u 

Erfurt. Im evang. Waisenhause und mit ihm 1872 verlbrannt. 
52 Oelgemälde aus dem 18. Jahrh., jedes mit einem Lebenden und 
Tode in Lebensgrösse. Der Maler J. S. Beck hat Holbein, der Dichter 
des beigefügten Zwiegesprächs Schott (s. beim Lübecker Ttz. v. 1463) 
nachgeahmt. 

J. L. E. Arnold, Erfurt mit seinen Merkwürdigkeiten (1798). — Naumann, 
Der Tod S. 58—60. — (v. Tettau,) Erfurt in seiner Vergangenheit (1868) S. 79. 

FpeibttPg (Schweiz). Im Barfüsserkloster 1744 von Sal. Fries gemalt. 

"Les cordeliers poss6daient jadis dans leur cloitre une tr^s-belle danse des 
morts, peinte en fresque ; mais eile est tellement d6grad6e qu'on n^en voit 
maintenant plus que des traces et quelques figures.'* F. Euenlin, Dictionn. du 
cauton de Fribourg. (1832) 1, 312. 

Fassen (Bayern). Wandgemälde auf 20 Holztafeln in der Magnus- 
kirche, von Jac. Hiebler nach Huld. Frölich's (s. bei Basel II.) 
Abbildungen im 16. Jahrh. angefertigt. 

Vgl. Massmann, Basler Ttze, wo auch die Abweichungen vom Basler Texte 
mitgeteilt sind. 

Kokns (Böhmen). Wandbilder vom Ende des 17. Jahrh. auf der 
Gallerie des Hospitals. 

Hergestellt auf Kosten des Grafen Ant. v. Sporck. Abbildungen in 
'Erinnerungen des Todes und der Ewigkeit bey 52 von M(ichael) Bentz in Kupfer 
gestochenen Vorstellungen. Linz 1753. 1779. Wien 1767. Fol.' Darnach 
lehnten sich die Bilder in Bezug auf Composition und Reihenfolge an Holbeins 
Imagines an. Die von Patricius beigefügten Sprüche bestehen in je 4 vom Tode 
an die Menschen gerichteten Versen. 

Landsliat. *Auf dem Kiixhhofe des Dominikaner-Klosters ist an 
der Mauer ein Todtentanz a fresco gemalt. Der Tod kämpft mit 
allen Ständen: unten stehen alte Reime.' 

C. A. Lander, Beisen durch verschiedene Gegenden Deutschlands. Augs- 
burg 1801 p. 134. (Citirt von Fiorillo S. 142.) 

Luzern I. Acht Oelgemälde ohne Inschrift, gemalt von Jac. von 
Wyl (gest. 1621), früher in der Jesuitenkirche, jetzt in der Kantons- 
bibliothek. 

Figuren: Vertreibung aus dem Paradiese, Papst, Kaiser, Kardinal, König, 
Kaiserin, Königin, Prälat, Kurfürst, Abt^ Aebtissin, Pfarrer, Bitter, Kriegsmann, 
Bürger, Braut, Jungfrau, Wucherer, Maler, Krämer, Bauer, Mutter und Kind, 
Beinhaus. 

Vgl. Todtentanz oder Spiegel menschlicher Hinfälligkeit. In 8 Abbildungen, 
welche von v. Wyl gemalt etc. Getreu nach den Originalien lithogr. von Gebr. 
Eglin. Mit Text von B. Leu. Luzern 1843. Quer -Fol. (Nicht benutzt.) — 
Naumann S. 42 — 46. — Wie in Füssen ist Frölichs Totentanz (s. bei Basel) 
Vorbild. Vgl. Wackemagel, Sehr. 1, 370. 

Luzern IL 56 Bilder an der überdachten Mühlenbrücke, von 
K. Meglinger 1626 — 35 gemalt. Jedes stellt eine Gruppe dar, welche 
ausser dem Tode und der ihm verfallenen Person noch andere Figuren 
enthält; der Tod tanzt nicht, sondern holt die Menschen mitten aus 
ihren Geschäften, wie in Holbeins Imagines, die jedoch nicht copirt 
sind. Den Bildern sind je 4 Verse beigefügt, die teils dem Sterbenden, 
teils dem Tode in den Mund gelegt sind. 

4* 



52 

Figuren: Austreibung aus dem Paradiese, musicirende Skelette, Papst, 
Kaiser, Kaiserin, Cardinal, König, Königin u. s. w. Auch allerlei Handwerker 
erscheinen in der Keihe. — Abbildung etc. : Der Todtentanz. Gemälde auf 
der Mühlenbrücke in Lucern, ausgeführt von Caspar Meglinger Pictor, getreu 
nach den Originalien lithogr. und hrsg. von Gebr. Egliu. (Mit Einleitung von 
J. Schneller.) Luzern 1867. Quer-Fol. 

Metnlz (Kärnten). Am Karner des Kirchhofes findet sich ein um 
1490 — 1500 gemalter Totentanz, der einen das ganze Gebäude auf 
der Aussenseite umziehenden breiten Fries bildet. Die Figuren sind 
in halber Lebensgrösse, darunter befanden sich deutsche Verse, die 
nicht mehr lesbar sind. 

Vgl. F. Lippmann ^Mittheilungen der k. k. Central - Commission etc. 
Neue Folge. Jg. 1. (1875.) S. 56—58.' Erkennbare Figuren: Prediger auf 
der Kanzel, vor ihm sitzen Papst, Kaiser und Cardinal. Geöffneter Höllenrachen 
mit den Verdammten und dem gefesselten Teufel, Papst (dessen Tod zwei 
Trommeln umgehängt hat), Kaiser, Kaiserin, König, Cardinal, 6 unerkennbare 
Figuren, Eitter, Jurist, Mönch, Edelmann, Arzt, Eeisiger, Edelfrau, Kaufmann, 
Nonne, Krüppel, Koch, Bauer, Kind, Mutter mit Kind in der Wiege. Letzter 
Prediger, vor seiner Kanzel sitzen einige Frauen. — ^Mittheiluugen etc. N. F. 
11 S. LXXXIII' sind drei Tanzpaare abgebildet. 

Der alte vierzeilige Totentanz in abgekürzter Fassung ist ohne 
Zweifel für diesen Totentanz benutzt. 

Pinzolo (Südtirol). In der Vigiliuskapelle. 

Eine kleine Abbildung giebt Frimmel ^Mittheiluugeu der k. k. Central- 
Commission N. F. 12 (1886) S. XXIP. Vgl. E. Caetani - Lovatelli, Thanatos. 
Eom 1888. (Nicht benutzt.) 

Figuren: 3 musicirende Skelette, Crucifix, dann folgt der Aufzug der 
Tanzpaare mit Papst, Cardinal, Bischof, Abt, Geistlichem, Kaiser, Königin, Kur- 
fürst (?), Arzt, Kriegsmann, Bürger (?), Junker, Krüppel, Nonne, Frau, Frau mit 
Kind. Zu Schluss der Tod zu Pferde, Pfeile schiessend. Jeder Tod trägt eine 
Waffe oder ein militärisches Emblem, jeder der Menschen ist von einem Pfeile 
durchbohrt. Unter den Figuren ist der Text. 

Rendena (Südtirol). Von 1519. An der Stephanskirche. 

'Mittheilungen der k. k. Central-Commission N. F. 16 S. 112' wird gesagt, 
dass der noch heute erhaltene Totentanz nach Ständen geordnet ist und einen 
laugen Streifen bildet. 

Strassbnrg i. E. Wandgemälde des 15. Jahrh. in der Neuen 
(ehemaligen Dominikaner-) Kirche, c. 2 m hoch, 1824 unter der Tünche 
entdeckt, 1870 zerstört. 

Die Figuren bilden keinen Reigen, sondern einen Aufzug. Dargestellt 
sind ein Prediger auf der Kanzel und vor ihm als Zuhörer allerlei Stände, dann 
Tod mit Papst. Hierauf Gruppen von mehreren Personen, bei denen sich je ein 
Tod befindet: 1. Cardinäle, 2. Kaiser, Kaiserin und Zofe, 3. Kaiserliches Gefolge, 
4. König, Königin, 5. Gefolge des Königs, 6. Zwei Bischöfe. Dann eine Gruppe 
mit 2 Todesfiguren, Bischof, Abt u. a. Der Rest des Totentanzes war nicht 
erkennbar. Die Figuren bewegen sich in einem Säulengange hinter Arcaden. 
Ein Text fehlte, doch schien zu Schluss eine moralische Nutzanwendung sich zu 
finden. Blosse Mutmassung ist, dass Martin Schöngauer (f 1482) der Maler 
gewesen sei. 

Abbildung bei F. W. Edel, Die Neue-Kirche inStrassburg (1825) S. 55—63. 



53 

Straubing (Niederbayern). In der Seelenhauskapelle der St. Peters- 
Pfarrkirche. Aus dem 18. Jahrh. 

^'Die Fresco Gemälde, an den Seitenwänden, alle Stände der Welt mit dem 
Tod an der Seite in sonderbare Vorstellungen eingetheilt, und unten mit jeder- 
maligen passenden deutschen Reimen versehen, sind von Felix Hölzl." F. S. Mei- 
dinger, Beschreibung der Städte Landsbut und Straubing. Landshut 1787, S. 200. 

Wyl (Kant. St. Gallen). In der Totenkapelle wurde der ganze 
Fries, der sich an der nördlichen Langseite und der Westwand unter 
der Decke hinzieht, durch einen Totentanz aus dem Anfange des 
16. Jahrh. ausgefüllt. 

Beschrieben von Rahn im *Repertorium für Kunstwissenschaft 3 (1880) 
S. 197 — 199'. Erkennbar sind eine Figur mit Krummstab, ein weisser Mönch, 
Arzt, Krüppel, Koch, Bauer, Kind, Mutter. Vom Texte teilt Rahn 7 von ihm 
entzifferte Strophen mit. Diese Strophen und die Reihenfolge der Figuren lassen 
erkennen, dass der vierzeilige Totentanz in gekürzter Fassung benutzt ist. 

Texte. 

Alter vierzeiliger Totentanz mit c. 40 Figuren. Auf den Wand- 
gemälden in Basel und Füssen. Er ist bei diesen und S. 29 ff. besprochen. 

Alter vierzeiliger Totentanz mit 24 Figuren. Aus dem vorigen 
Texte durch Kürzung hergestellt. Vgl, S. 30 ff. Ueberliefert ist er 
in Holztafeldrucken und Handschriften. Monumentale Verwendung 
hat er in Metniz und Wyl gefunden. 

Massmann giebt im Anhange seiner ^Basier Ttze* ein Verzeichnis der 
Drucke etc., einen Textabdruck und ein Facsimile eines Holztafeldruckes (v. J. 
1443?) in der Heidelberger Hs. nr. 438 Fol. Ferner ist dieser Ttz enthalten 
in: 2) Cod. Pal. 314. (c. 1447 Hs. mit deutschem und lat. Texte.) — 3) Mtin- 
chener Cg. 270. — 4) Cod. mon. xylogr. n. 39. (Vor dem ersten Prediger sitzen 
Papst und Kaiser, stehen E5nig und Kardinal. Zum Scbluss ein Prediger, der 
auf Totenschädeln steht.) — 5) Cod. mon. bav. 4 (v. J. 1446). — Nach irgend 
einer Hs. giebt Docen einen Abdruck im 'Neuen Litter. Anzeiger S. 348 ff., 412 ff. 
— 7) Berliner Ms. germ. fol. 19 Bl. 224—227 (v. J. 1448, aus Basel). 

Figuren: Prediger, Tod und Papst, Kaiser, Kaiserin, König, Kardinal, 
Patriarch, Erzbischof, Herzog, Bischof, Graf, Abt, Ritter, Jurist, Chorherr, Arzt, 
Edelmann, Edelfrau, Kaufmann, Klosterfrau, Bettler, Koch, Bauer, Kind, Mutter, 
Prediger. 

Jüngerer vierzeiliger Totentanz. In einer Handschrift v. J. 1499. 
Voran geht eine Anrede Gottes an die Menschen und deren Antwort. 
Dann folgt das Zwiegespräch des Todes zuerst mit geistlichen, dann 
weltlichen, zuletzt weiblichen Personen. 

Die weibliche Eeihe erinnert an die Dause macabre des femmes, doch 
scheint keine Nachahmung vorzuliegen. Der Verfasser hat vielmehr den alten 
vierzeiligen und den achtzeiligen Totentanz benutzt. Jenem hat er die Form 
seiner Strophen und den Wortlaut der Rede der Kaiserin, dieser die Trennung 
der geistlichen von den weltlichen Ständen und meist auch Worte und Keime 
entnommen. In der Conclusio ist eine Stelle aus 'Sibyllen wissagunge' entlehnt. 

Personen: Papst, Kardinal, Bischof, Domherr, Pfarrer, Abt, Mönch, Arzt, 
Kaiser, König, Herzog, Graf, Ritter, Edelmann, Richter, Schreiber, Bürger, Hand- 
werker, Wucherer, Spieler; Wirt, Bauer, Kaiserin, Königin, Herzogin, Gräfin, 
Bitterfrau, Edelfrau, Bürgerin, Handwerksfrau, Bäuerin, Nonne. — Gedruckt 
als Totentanzsprüche', hrsg. von K. J. Schröer. Germania 12 (1867) S. 296 ff. 



54 

Manuels Totentanz. Siehe bei Bern. 

Achtzeiliger Totentanz. Er ist in 3 Holztafeldrucken und einer 
Casseler Handschrift, sämmtlich aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrb., 
erhalten. Entstanden scheint er, da der 'Wirt von Bingen' eine der 
Figuren ist, in der Nähe dieser Stadt. Vgl. über ihn S. 31 ff. 

Der Text ist nach der Casseler Handschrift, ans welcher Engler, Kl. Sehr, 
znr Ennstgesch. 1, 52, znerst eine Prohe mitgeteilt hatte, von M. Biedel als 
'Jüngerer Todtentanz' in der 'Germania, Jg. 19 (1874) S. 257' heransgegehen. 
Der Tod redet in je 8 Versen die Menschen an nnd jeder antwortet mit eben- 
soviel Versen. Voran gehen 24 Verse, welche den Strophen des 'Boy mort' zu 
Schlnss der Danse macabre entsprechen. 

Die Holztafeldrncke sind bei Massmann, Litter. S. 84 ff. (= Sera- 
peum 2 S. 184) beschrieben : 1) Der Doten dantz mit fignren. Klage vnd / Ant- 
wort schon von allen staten der weit. / (Exemplare in München, Berliner Kapfer- 
stich-Kabinet etc.) — 2) Der Doten dantz mit fignren / clage vnd antwort schon / 
etc. (Exempl. in München, Wolfenbüttel etc.) Vgl. Bmns, Beyträge 3 (1803) 
S. 313 ff.; Ebert No. 23006. — 2b) Anderer Dmckabzng, ohne den Titel. 
(Berliner Kgl. Bibl.) — 3) Der todten dantz mit fignren vnd schrlfften / Klag etc. 
(Ex. in München. Ebert no. 23006.) — Sämmtliche Dmcke sind ohne Ort und 
Jahr, kl. fol. Sie bieten alle denselben Text und dieselben Holzschnitte, doch 
weicht nr. 2 von den beiden andern in Bezog auf die Beihenfolge der Figuren ab. 

Figuren (nach n. 1. 3): Holzschnitt mit 6 Gerippen, die ein siebentes 
im Grabe liegendes, umtanzen; seitwärts sieht man ein Beinhaus. Holzschnitt 
mit vier in einem Zelte musicirenden und drei vor ihnen tanzenden Gerippen. 
Dann folgen die Holzschnitte mit einzelnen Tanzpaaren, znerst mit geistlichen, 
dann weltlichen Personen : Papst, Cardinal, Bischof, Abt, Doctor, Ofüclal, Domherr, 
Pfarrer, Capellan, Guter Mönch, Böser Mönch, geistlicher Bruder, Nonne, Arzt, 
Kaiser, König, Herzog, Graf, Bitter, Junker, Wappenträger, Bürgermeister, Bats- 
herr, Bürger, Fürsprech, Schreiber, Wucherer, Bäuber, Spieler, Dieb, Handwerker, 
Wirt von Bingen, Jüngling, Kind, Bürgerin, Jungfrau, Kaufmann, Leute von 
allen Ständen. Kirchhof mit Beinhaus, einem aus dem Grab steigenden und vier 
anderen Gerippen. 

Abbildungen der Holzschnitte findet man bei Kastner Planche VI ff. 
nr. 38 — 78. Die Beihenfolge ist die von Druck nr. 2. — Ein Facsimile eines 
Blattes aus Druck no. 1 (Bürgermeister und Spieler) bei Weigel u. Zesterraann, 
Anfänge der Buchdruckerkunst, Bd. 2, S. 167 ff. 



Englische Totentänze. 

Bildwerke. 

Croydon (bei London). Im erzbischöflichen Palast waren im 
Anfange dieses Jahrhundert noch undeutliche Reste eines Wandgemäldes 
des Totentanzes vorhanden. Vgl. Douce S. 54. 

London L An der Kirchhofswand des alten 1549 abgebrochenen 
St. Paulsklosters. Die dazu gehörenden Verse waren von dem Mönche 
John Lydgate der Danse macabre von 1425 nachgedichtet (s. S. 22), 
das Gemälde muss demnach zwischen 1425 und etwa 1440 hergestellt sein. 

Eine Copie ist nicht erhalten, wohl aher Lydgates Text, ans dem sich die 
Beihenfolge der Personen ersehen lässt (s. unten). Vgl. Donce S. 51 ff. 



55 

London IL 'In tlie tower of London was some tapestry with 
tlie Macaber Dance' Douce S, 54. Warton, History of engl. Poetry 2, 43. 

Salisbnry. An den Wänden der Hungerford-Kapelle in der Cathe- 
drale war ehemals eine Gruppe, welche einen um 1460 gemalten 
Jüngling in Lebensgrösse neben einem Tode dargestellte und anscheinend 
der Rest eines alten Totentanzes war. 

Vgl. Douce S. 52. — *One of these paintiugs, displaying figures of a Beau 
and Death was engraved by Thomas Langley, from a drawing by J. Lyons 1748.* 
(J. Britton, Catbedral antiquities Vol. 5 (1836) S. 113.) Eine Abbildung soll 
in Gougb's Sepnlchral Monuments in Great-Britain T. II aufgenommen sein. 

Stratford (am Avon). 

Trom a manuscript note by John Stowe, in bis copy of Leland^s Itinerary. 
(Vol. IV part 1 p. 69), it appears that tbere was a Dance of Death in the chnrch 
of Stratford: and the conjecture that Shakespeare, in a passage in Measure for 
Measure (Act III sc. 1), might have remembered it, will not, perhaps, be deemed 
very extravagant. He there alludes to Death and the fool, a subject always 
introduced into the paintings in question.* Douce S. 53. 

Whitehall. Im Schlosse. Gemalt auf Befehl Heinrichs VIII 
(also zwischen 1509 — 1547), 1697 verbrannt. Vgl. Langlois 1 S. 217. 

Woptley Hall (Gloucestershire). 'There was inscribed, and most 
likely painted, "an history and daunce of deathe of all estatts and 
degrees". This inscribed history was the same as Lydgate's, with 
some additional characters.' Douce S. 53. 

Texte. 

Lydgate's Dannce of Machabree. Eine bald nach 1425 verfasste 
Bearbeitung der Pariser Danse macabre, welche dem Totentanze des 
St. Pauls-Kloster in London beigefügt war. 

Der Verfasser ist der bekannte englische Dichter John Lydgate. Wie er 

in seinem Prologe (s. oben S. 22) mitteilt, hat er das Original in Paris selbst 

gesehen. Die Beimfolge des Originals hat er zwar übernommen, im übrigen 

/ dasselbe aber ziemlich frei behandelt und durch Zusätze erweitert. Er selbst 

^ ^agt darüber zu Schluss: 

' I ^ Dut of the French I drough it of intent 

1 Not Word by word, but following in substance 

And from Paris to England it sent, 
Only of purpose you to do pleasance. 

Zu Worte kommen bei ihm ausser dem Tode: Papst, Kaiser, Kardinal, König, 
Patriarch, Constabel, Erzbischof, Baron, *Princessin, Bischof, Squire, Abt, Aebtissin, 
Bayly, Astronom, Bürger, Comon Secular, Kaufmann, Kartäuser, Sergeant, Mönch, 
Wechsler und armer Mann, Arzt, Liebhaber, *Edelfrau, Jurist, *John Bikil 
Tregetour, Pfarrer, ♦Jourrour, Minstral, Arbeiter, Minorit, Kind, Junger Klerk, 
Eremit, King eaten of Worms, The Doctour. (Den der franz. Vorlage nicht ent- 
nommenen Personen ist ein * beigefügt.) 

Gedruckt in 'Will. Dougdale's Monasticum Anglicanum' (Bd. 3 der alten 
Ausgaben), femer als Anhang von 'The Dance of death painted by H. Holbein 
and engraved by W. HoUar (1796. 1804; mit Vorwort von Fr. Douce)'. Das 
den Abdrücken beigefügte Bild, eine Composition des 16. Jahrb., darf nicht für 
den St. Pauls-Tanz gehalten werden. 

Salisbnry Text. Vgl. bei dem Bilde in Salisbury und S. 37 f. 



J 



56 



Französische Totentänze. 

Bildwerke. 

Amiens. Gemälde in einem Kreuzgange der Kathedrale, der 
früher Cloitre-du-Macabre hiess. Zerstört 1817. 

Vgl. Langlois 1 S. 220 f., wo Verse, die an der Kirchenmauer zu lesen 
waren, mitgeteilt werden. Dieselben können die Einleitung des Textes gebildet 
haben. Mit der Danse macabre von 1425 verraten sie keine Verwandtschaft. 

Angers. Im Musee d' Antiquites befindet sich ein Basrelief in 
Nussholz aus dem 16. Jahrh., 83 cm hoch und 166 cm lang, mit 
30 Personen. 

Langlois I S. 217: On remarque un pape, un cardinal, deux eveques, des 
moines, des Chevaliers, deux femmes, dont Fune porte nne couronne, et Tautre 
un chaperon, etc. Slx des personnages sont en train de danser, et ne sont nuUe- 
ment en garde contre la mort, tandisque les autres tiennent des arcs bandes 
contre celle-ci, qui est ä leur centre et qni, tenant une pelle de la maine gauche, 
döcoche de la droite un javelot ä ceux qui l'entourent. 

Bar (Dep. Alpes-maritimes). 

Als 'La danse macabre du Bar' ist von A. L. Sardon in den 'Annales de 
la soci6t^ des lettres etc. des Alpes-maritimes T. VIII (1882) S. 177—189' und 
in einem 1883 erschienenen Sonderabdrucke ein Kirchenbild beschrieben und 
abgebildet worden. Dasselbe ist 1,68 m hoch, 1,27 m breit und frühestens zu 
Ende des 15. Jahrh. in Oel auf Holz gemalt worden. Auf einer Wiese sieht 
man neben einem Spielmann mit Pfeife und Trommel fünf junge Männer und 
ebenso viela Frauen einen Kreis bilden und den Reigen treten, allen hüpfen auf 
dem Haupte ganz kleine Teufelchen, die darauf warten die Seele in Empfang zu 
nehmen, wenn sie mit dem letzten Atemzuge aus dem Munde entflieht. Ausserhalb 
des Kreises der Reigenden steht der Tod mit Bogen und Pfeilen. Ein Tänzer 
und eine Tänzerin, eben getroffen, sind im Begriff hinzustürzen. Ein Toter liegt 
bereits auf dem Erdboden; seine Seele, die als kleines aus dem Munde auf- 
steigendes Kindchen dargestellt ist, ergreift ein Teufel. Einen anderen Teufel 
sieht man eine Seele in den Höllenrachen werfen. Ferner sieht man einen Engel 
mit einer Wage, deren eine Schale ein Buch, die andere eine Seele trägt. Eine 
Inschrift auf dem Bilde bietet 33 provenzalische Verse. 

Wie man aus der Beschreibung des Bildes erkennen wird, bietet dasselbe 
durchaus nicht einen Typus der Danse macabre, sondern eine Art Triumph des Todes. 
Möglich, wenn auch unerweisbar, ist freilich, dass der Maler und Dichter eine 
Danse macabre gekannt und von ihr Anregungen empfangen haben. In diesem 
Falle würde es kein, wenngleich leicht erklärlicher, Zufall sein, dass das bei- 
gefügte Gedicht in den ausgesprochenen Gedanken an den Anfang der Danse 
macabre erinnert, und man würde in den Worten (v. 21 f.) 

la terribla dansa 
Laqual s^appella ben perpettuxl cremansa 
'der schreckliche Tanz, welcher ewiges Brennen (in der Hölle) heisst' eine 
Beminiscenz an die oben S. 27 angezogene Stelle aus der Danse macabre 

La dance macabre s'appelle 
finden können. 

Der Text des beigefügten Gedichtes besteht aus 33 provencalischen Versen. 
Sie werden von Sardou mitgeteilt, der zugleich bemerkt, dass sie vorher bereits 
in der 'Revue des langues romanes' (15. Oct. 1878) und, von einer mangelhaften 



57 

Zeichnung des Bildes begleitet, im Bulletin des comites liistoriques (Fevr. 1851) 
u. ö. abgedruckt sind. 

Blois. Unter den Arkaden des Schlossliofes befand sich früher 
eine auf Befehl des Königs Louis XII i. J. 1502 gemalte Danse macabre. 

Langlois I S. 207. Erhalten ist eine für den Schauspieler Talma angefertigte 
Copie der menschlichen Figuren. 

La Chaise-Dieu (Auvergne). Wandgemälde des 15. Jalirh. in der 
Abteikirche, 26 m lang, die Figuren sind c. 71 cm hoch. Ein fast 
vollständig erhaltener Gesammtreigen. Der einzige, aber textlose 
Totentanz Südfrankreichs. 

Figuren: Sündenfall, Prediger auf der Kanzel, Mönch. Hierauf der 
Reigen des Todes mit Papst, Kaiser, Cardinal, König, Patriarch, Herzog, Bischof, 
Edelmann, Chorherr, Junker, dann Lücke für ein Tanzpaar, Kleriker, Bürger, 
Kanonissin, Kaufmann, Nonne, Sergeant, Frau, Mann, Knappe, Liehhaher, Advocat, 
Spielmann, Wucherer, Arbeiter, Mönch, Kind, Clerk, Eremit, Gruppe von 3 Per- 
sonen (Allerlei Stände?), Prediger mit einem Blatte in der Hand. (Einige Figuren 
sind von mir vielleicht falsch gedeutet.) 

Abbildung etc. A. Jubinal, La danse des morts de la Chaise-Dieu. 
Paris 1841. 4. — Unvollständig und minder gut: Ad. Michel, L'ancienne Au- 
vergne et le Valay. Atlas. Moulins 1847. Fol. Planche 119 — 21 (bzw. 
96—98). — Darnach bei Langlois T. II PI. XVII. 

Clierbourg. In einem Seitenschilfe der gotischen Kirche befanden 
sich einzelne zn Ende des 15. Jahrh. hergestellte und 1793 zerstörte 
Basreliefs, von denen nur ein Scelett mit einer Trommel erhalten ist. 
In den einzelnen Gruppen fanden sich alle Stände vom Papst und 
König bis zum Bettler in Figuren, die 70 cm hoch waren. Vgl. 
Langlois I S. 205 f. 

Clermont, (Dep. Mayenne). 

*A Teglise de Clermont, pres Laval, on voit une veritable danse macabre, 
tres-remarquable par la conversation et par Texecution de la peinture'. Bulletin 
monumental 19 (1853) S. 592. 

Dijon I. Nach einer archivalischen Notiz hat ein gewisser 
Masoncelle füi* das Kloster Sainte-Chapelle 1436 einen Totentanz gemalt. 
Vgl. Peignot S. XXXVII. 

Dijon IL Die Kirche Notre-Dame besass einen Teppich von grosser 
Länge und zwei Fuss Breite, auf welchem ein vollständiger Totentanz 
gestickt war. Vgl. Peignot S. XXXVII. 

Dole (Franche-Comte). Langlois I S 219. 

Erhalten sind nur folgende Verse. Tod zum Jüngling : Ah, galand, galand, 
Que tu es fringand! S'il te faut-il meurre. Antwort: Et mort arrogan, Pren 
tout mon argean Et me laisse qtiemre. 

Josselin (Dep. Morbihan). In der Kirche Notre-Dame. 

Tresque repr^sentant une danse macabre qui existe dans une chapelle au 
fond de cette eglise.' Bulletin monum. 9 (1843) S. 6. 

Kermaria (Bretagne). Wandgemälde des 15. Jahrh. in der Kirche 
Notre-Dame, auf beiden Seiten des Kirchenschiffes über den Arkaden. 

Die Figuren bilden einen Gesammtreigen, jede steht in einer besonderen 
gemalten Arkade. Es sind ausser dem Tode Papst, Kaiser, Cardinal, König, 
Patriarch, Connetabel, Erzbischof, Ritter, Bischof, (dann jetzt Lücke für 5 Paare,) 



58 

Kartäuser, Sergeant, Mönch, Fräulein (an Stelle des hierher gehörenden fehlenden 
Todes), Wucherer mit dem Annen, Liehhaher, Spielmann, Arbeiter, Franciscaner, 
Kind. Es sind also die Figuren der Pariser Danse macahre ohne Kanoniker, 
Kaufmann, Arzt, Advocat, Pfarrer, Clerc, Eremit, Prediger und totem Könige. 
Daneben eine Darstellung der drei toten und lebenden Könige. 

Der Text, von dem nur einige Strophen lesbar sind, stimmt mit der 
Pariser Danse macabre vollständig überein. 

Abbildung etc.: Soleil, Les heures gothiques. Bouen 1882. S. 281 — 87. 

Landivisiau (Dep. Finistere). An einem Beinhause. 17. Jahrh. 
Vgl. Bulletin monumental 16 (1850) S. 457. 

Paris. Die berühmte Danse macabre, ein Wandgemälde am 
Beinhause auf dem Kirchhofe des Minoritenkloster Aux Saints Innocents. 
Gemalt 1425, zerstört vor 1532. (Vgl. S. 22 ff.) 

C p i e des Textes und wahrscheinlich auch des Gemäldes bietet die 1 485 
erschienene editio princeps der Danse macabre (siehe bei den Texten). Der 
Reigen des Todes fand darnach unter 15 Arkaden statt, in jeder waren zwei 
Tanzpaare mit je einem geistlichen und einem weltlichen Stande (Papst und 
Kaiser, Kardinal und König, etc.). 

Die Oertlichkeit und äussere Geschichte dieses Totentanzes 
behandelt besonders V. Dufour, La dance macabre des SS. Innocents de Paris. 
Paris 1874. — Ders., Recherches sur la dance macabre. Paris 1873. (Nicht 
benutzt ; der Verf. will nachweisen, dass ein gewisser Jehan d'Orleans der Maler 
war.) — Paris ä travers les äges. Paris 1875—82. Fol. Tom, 1 S. 19 ff. 
(Geschichte des Kirchhofs und der Danse macabre). 

Plouedern (Bretagne). An einem Beinhause. 17. Jahrh. 
Vgl. Bulletin monumental 16 (1850) S. 457. 

La Roche-Manrice (Dep. Finistere). 

^L'ossnaire est de Tan 1689 . . . Dans cette ornementatiou, on remarque 
particulierement une danse macabre, representation des differentes conditions de 
la destin^e humaine, sous la forme de divers personnages, comme par exemple, 
le pape, le roi, le Chevalier, le moine, le laboureur, etc., et ä. cöt^ d^eux est la 
mort arm6e d'un dard, avec cette devise: „Je vous tue tous." Bull, monnm. 16 
(1850) S. 456 f. 

Ronen. Sculpturen aus d. J. 1526 — 29. An den 31 Säulen des 
Kreuzganges, welche den Kirchhof des Klosters St. Maclou einschliessen, 
befindet sich je eine Gruppe unter den Capitälen. 

Abbildungen etc. bei Langlois 1 S. 31 ff. Erkennbar sind noch der 
Stindenfall, Kaiser, König, Connetabel, Herzog, Papst, Cardinal (oder Legat), 
Bischof, Benedictinerabt, Kartäuser u. a. An den Säulen der einen Seite sind 
Sibyllen und allegorische Darstellungen der Tugenden. 

Sainte-Marie-aux-Anglais (Normandie, bei Lisieux). Wandgemälde 
in der Kirche. 

'Sous le badigeon qui s'ecaille, on voit paraitre une de ces Danses Macabres 
si c^lebres et si rares en France.' Zeitungsnotiz v. J. 1844, mitgeteilt bei 
Kastner S. 107. 

St.-Ouen-des-VaIlons (Dep. Mayenne). 

*En d§molissant notre vieille eglise de St.-Ouen-des-Vallons, nous avons 
retrouv^ sous un badigeon qui les recouvrait, de vieilles peintures murales tres- 
curieuses. Elle repr6sentaient une sorte de danse macabre.' Bull, monnm. 19 
(1853) S. 591 f. 



59 

Sommc-Py (Dep. Manie). 15. Jahrh. An einem Kirclienpfeiler. 

'Les piliers sont compos^s de 9 colonnes r^nnies en faiscean et conronnes 
d^un large cbapiteau . . . Le plus curieux en est an qni repr^sente une danse 
macabre d'au dessin assez soign6 et compos^ d^une vingtaine de personnages; 
malhenreusement la bauteur ä laqaelle il est plac6 empecbe qu^on le puisse 
facüement studier.' Bulletin monumental 17 (1851) S. 408. 

Texte. 

Wie S. 10 ff. nachgewiesen ist, hat es bereits im 14. Jahrh. 
einen französischen Totentanztext gegeben. Dieser Totentanz liegt nur 
noch in mittelniederdeutscher und spanischer Umarbeitung vor. Erhalten 
ist nur der französische Text, welcher ursprünglich zu dem 1425 
gemalten Totentanze des Klosters Aux Innocents zu Paris gehört hat. 
Es sind zwei Fassungen zu unterscheiden (vgl. oben S. 21). 

La danse maeabre in klirzerer Fassung. Einige Strophen haben 
sich auf dem Gemälde in Kermaria erhalten. Ausserdem bieten ihn 
auf ihren philologischen Wert noch nicht untersuchte Handschriften 
und ein alter Druck v. J. 1485. 

Handschriften: Paris Bibliotb^que nation. Fonds lat. 14 904; ebd. 
Fonds frang. 25 550; Lille, Bibl. publ. — Druck: La danse macabre, Paris, 
Guy Marcbant, 28. Sept. 1485. Fol. (Ein einziges Exemplar, in Grenoble. 
Genaue Bescbreibung von Cbampollion Figeac in Millin^s Magazin encyclop6dique 
1811 Decembre, S. 355—369; Peignot S. 95; Massmann S. 91.) 

Neudruck mit getreuer Nachbildung der Holzschnitte bei Le Boux de 
Lincy et Tisserand, Paris et ses historiens etc. (1867) S. 293 ff. (leider sind 
die Strophen der erweiterten Fassung v. J. 1486 ohne Scheidung beigefügt) und 
bei Dufour, La dance macabre S. 120 ff. 

La danse maeabre in erweiterter Fassung. Dieselbe ist 1486 
zuerst gedruckt und, mit andern Dichtungen vereinigt, als Volksbuch 
in sehr vielen Drucken wiederholt worden. 

Personen etc. (Die eingeklammerten Figuren finden sich nur in dieser, 
nicht aber in der kürzeren Fassung.) Acteur, (1 — 4. mort), pape, empereur, 
cardinal, roy, (l^gat, duc), patriarche, conn^stable, archev^sque, Chevalier, evesque, 
escuier, abb6, bailly, astrologien, bourgois, chanoine, marchant, (maistre d'escole, 
homme d'armes), chartreux, sergent, meine, usurier & povre homme, m^decin, 
amourenx, advocat, m6nestrei, cur6, laboureur, (promoteur, g^olier, p61erin, bergier), 
cordelier, enfant, clerc, hermite mit 2 toden, (hallebardier, sot), roy mort, acteur. 

Drucke. Editio princeps: Miroer salutaire pour toutes gens. Paris, 
Gnyot Marchant, 7 juin 1486. — Diese und 24 andere in Paris, Lyon, Troyes, 
Bouen und o. 0. 1486 — 1729 erschienene sind von Massmann S. 92 — 109 aus- 
führlich beschrieben, desgl. von Langlois 1, S. 331 ff. — Die Drucke des 
18. Jahrh. aus Troyes bieten den Text verstümmelt, willkürlich geändert und in 
modemisirter Sprache. 

Neudrucke: La grande danse macabre des hommes et des femmes 
pr^c6d6e du dict des trois mors et des trois vifz du debat du corps et de Tarne, 
et de la complaincte de Tame dampn6e. Pari«, Baillieu o. J. (c. 1860). 4°. (Der 
Text wiederholt die editio princ. v. 1486; die Holzschnitte sind die einer späten 
Ausgabe aus Troyes.) — CoUection de poesies, romans, chroniques etc. publik 
d*apres d'anciens mss et d'apr^s des ^ditions des XV. et XVI. si^cles. Livr. 24. 
Paris, chez L. Potier (1858). (Wiederholt La graut danse macabre etc. imprime 
a Paris XVII. C.) 



60 

lleures. Seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrb. finden sich in zahlreichen 
französischen u. a. unter dem Titel Henres, Horae, Hoors etc. erschienenen 
Gebetbüchern als Rand Verzierungen Gruppen der Danse macabre und dazu 
gehörige Verse. 

Bibliographische Beschreibungen und Verzeichnisse geben Brunet, Nouvelles 
recherches bibliographiques T. 3; Ders., Manuel du libraire 5 ed. T. 5, Sp. 1553 ff. 
Massmann, Litter., S. 110 ff.; F. Soleil, Les heures gotbiques. Ronen 1882. 

Eine 'Danse macabre, inedite, manuscrit d' Anne de Bretagne' wird von 
A. du Sommerard, Les arts au Moyen-Age T. 1 (1838) S. XIV (Division, chap. 8) 
erwähnt. Vermutlich ist ein Gebetbuch gemeint. 

Alte Uebersetzongeu der Danse macabre giebt es in mittelniederdeutscher, 
englischer (von Lydgate), italienischer (Ballo del morte), lateinischer (von Desrey) 
und spanischer Sprache (von Carboneil). 

Nachahmung: La grande dance macabre des femmes que composa 
maistre Marcial de Paris, dit d' Auvergne, procureur au parlement de Paris. 
Public par P. L. Miot-Frochot. Paris 1869. 



Italienische Totentänze. 

Bildwerke. 

Clusone (Prov. Bergamo). Aus dem 15. Jahrb. Am Giebel der 
Kirche de' disciplini ist al fresco der Triumph des Todes und darunter 
ein Totenreigen dargestellt. 

Abbildung etc.: C. Vallardi, Trionfo e danza della morte a Clusone. 
Milano 1859. 4. — Nur weltliche Personen nehmen am Beigen teil, jede trägt 
eine Summe Geldes in den Händen: Edelfrau, Flagellant, Bettler, Alchimist (?), 
Arkebusier, Kaufmann, Jüngling, Magister, Arzt (?), Richter (?), Edelmann. — 
Eine kurze Inschrift lässt den Tod sagen, er halte über Alle gleiches Gericht, 
er wolle sie selbst, nicht ihr Geld. 

Como. Frescogemälde an der Aussenseite der Kiixbe des b. 
Lazainis. Aus dem 15. oder 16. Jahrb. Die Figuren in Lebensgrösse 
bilden einen Reigen. 

Abbildung: C. Zardetti, Danza della morte depinta a fresco sulla 
facciata della chiesa di San Lazzaro fuori di Como. Milano 1845. Erkennbar 
sind die E-este von 8 aufeinanderfolgenden Paaren; im 4. — 6. tanzen weibliche, 
in den übrigen männliche Personen. 

Ferrara I. Fresco im Palazzo della Ragione. 

'La Stanza della Conforteria e tutta ne' muri dipinta con una bizarra in- 
venzione del Ballo della Morte, con varj Scheletri, che menano al Ballo diverse 
condizioni di Persone con alcuni Versi air antica scritti al di sotto; lavoro di 
Bemardino de' Flori V anno 1520.' 

Barotti, Pitture e scolture di Ferrara (1770) S. 192. Vgl. Cittadella, 
Notizie relative a Ferrara 1864, S. 334 not. 1. 

Ferrara IL Fresco in der Kirche S. Benedetto. c. 1500.. 

"A di 6 de Octobre 1499 Lodovigo da Modena (depintore) de havere a 
hon conto livre 17 de m. et queste sono per havere depinto lo balo de la morte 
in la sagrestia, daccordo" etc. Citadella, Documenti risg. la storia artistica ferra- 
rese. 1868. S. 84; Revue critique 13, S. 37. 



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Text. 

El ballo della morte. Handschrift des 15. oder IG. Jalirli. in 
der Riccardiana in Florenz. Uebersetzung und Nachbildung der kürzeren 
Fassung der französischen Danse macabre, die von dem Verfasser um 
einige ungeschickt eingereihte Personen aus eigener Erfindung (Pauper, 
Amorosa, Senator, Praepositus, Scolare u. a.) vermehrt ist. 

Abgedruckt bei Pietro Viego, Le danze macabre in Italia. Studi. Livorno 1878. 



Lateinische Totentänze. 

Lateinische Totentanztexte liegen in Drucken und Handschriften 
vor, sie sind sämmtlich Uebersetzungen erhaltener Originale, also ohne 
selbständigen Wert. 

1. Eine Uebersetzung des deutschen vierzeiligen Totentanzes ist 
zusammen mit diesem in dem Heidelberger Cod. pal. 314 enthalten, 
der in den J. 1443 — 47 geschrieben ist. 

Anfang: vos viventes huius mundi sapientes Cordibns opponite dno verba 
Christi venite Nee nnne et ite per primnm janua vitae etc. Vgl. Massmann, 
Basler Totentänze S. 123. 

2. Die jüngere erweiterte Fassung der französischen Dance 
macabre ist von Pierre Desrey aus Troyes, der sonst als Verfasser 
mehrerer 1492 — 1514 erschienener chronikalischer Compilationen 
bekannt ist, in lateinischen Versen übersetzt. Seine Bearbeitung ist 
1490 im Druck erschienen und 1499 wiederholt. 

Erster Drnck (v. J. 1490): Chorea ab eximlo Macabro versibus alema- 
nicis edita et a petro desrey trecacio quodam oratore nnper emendata. Parisiis 
per magistrum gnidonem Mercatorem pro Gnidonem Mercatorem pro Godeffrido 
de ]M[arnef. Fol. — 2. Druck v. J. 1499. — Neu abgedruckt im Speculum 
omnium statnnm etc. Anctore Boderico Episcopo Zamorensi etc. editnm ex 
bibliotheca Melcbioris Goldasti. Hanoviae 1613. 4*>. S. 231 — 277. — Monuments 
de la Xylographie VlI. Danse macabre reproduite en fac-simil6 . . . par Adam 
Pilinski. Paris 1883. Fol. 

Der im Titel enthaltene Hinwels auf einen deutschen Verfasser des Originals 
Namens Macabms kann nur einer blossen Vermutung des Uebersetzers seine Ent- 
stehung verdanken. 

3. Eine von Caspar Laudismann verfasste Uebersetzung des 
Gross-Baseler Textes aus dem 16. Jahrh. 

Sie findet sich in C. Laudismanni Decennalia mnndanae peregrinationia 
1584 (s. Fabrlcias Bibl. med. et inf. latinitatis 5, 3) und in H. Frölichs Zwen 
Todtentänz. Vgl. Massmann, Litteratnr S. 30. 



Niederländischer Totentanz. 

Während alle übrigen Länder des Abendlandes Totentänze auf- 
weisen, findet sich in den Niederlanden aufFälligerweise keine Spur 



eines solchen aus mittelalterlicher Zeit ^). Denn der Titel eines kleinen 
Schriftchens, 'De nederlandsche Doodendans door J. C. Schultz Jacobi. 
Utrecht 1849. S'*', das wie ein Hinweis auf einen alten Totentanz 
mitunter citirt wird, ist insofern irreführend, als in diesem Schriftchen 
nicht von einem Litteratur- oder Kunstdenkmal gehandelt wird, sondern 
von einem bei den Kindern in Holland imd Nordfrankreich beliebten 
Kartenspiel, in welchem der Verfasser eine Erinnerung an die alten 
Totentänze wiederfindet. Dieses Spiel wird nämlich mit Karten gespielt, 
von denen eine den Tod, eine andere das Leben darstellt, ♦uf den 
übrigen erscheinen Kaiser, König, Bischof, Prinz, Fürst, Graf, Junker, 
Jäger, Kapitain, Fähnrich, Soldat, Kaufmann, Bote, Schiffer, Hand- 
werker, Bauer, Knecht und ausserdem noch die Frauen von allen 
diesen.^) Jacobi, der sehr verschiedene Druckabzüge dieser Karten 
gesammelt hat, teilt als Aufschrift eines Exemplars derselben die 

Verse mit: 

Deez' prente strekke u, lieve jeagd! 
Tot tydverdrijf, yermaak en vreugd; 
En leere u, hoe, van keizer af, 
Elks deel op't laatsten is het graf. 

Wenn, wie es scheint, diese Karten auf alte niederländische 
Totentanzbilder zurückdeuten, so beweisen sie zugleich, dass jene 
Bilder dereinst grossen Eindruck auf das Volk gemacht haben. Zu 
derselben Annahme nötigt auch die Beobachtung, dass in früheren 
Jahrhunderten die Vorstellung eines Totenreigen volkstümlich gewesen 
sein muss. So beginnt ein Tanzlied des 17. Jahrh.^) 

Voegd u aen de krans 
Van ons Dooden-dans 
Overleede Mans 
Die kreupel gaen etc. 

und in einem älteren Liede niederländischen Ursprungs aus dem Ende 
des 15. Jahrh. heisst es vom Tode*) 

We myt em hen mot spryngen, 
He nympf en bi der hant. 

Auf eine Darstellung des Todestanzes in Brügge v. J, 1449 ist 
S. 15 und auf den niederländischen Ursprung eines erhaltenen nieder- 
deutschen Totentanztextes S. 9 hingewiesen worden. 



^) Vgl. N. C. Kist, Het humoristische karakter der christel^ke kunst, zigtbaar 
vooral in de kerkelijke architectuur en de doodendansen (Archief voor kerkeüjke 
geschiedenis, inzonderheid van Nederland. Deel 15. Leiden 1844. S. 369 ff.) S. 424 ff. 

') Ob das in Deutschland von den Kindern gespielte Tod und Leben' aus 
dem holländischen Kartenspiel hervorgegangen ist? 

8) G. Kalff, Het Lied in de middeleeuwen. Leiden 1883. S. 527 f. 

*) Veghe, hrsg. von Jostes (1883) S. 392; Hölscher, Geistliche Lieder nr. 68. 



t 



63 



Polnischer Totentanz. 

Krakau. Im Bernhardinerkloster. Ein Oelgemälde auf Leinwand 
aus dem 18. Jahrh. Im Mittelbilde siebt man neun Frauen verscbie- 
denen Standes und ebensoviele Skelette um einen Sarg einen Ringel- 
reihen ausführen. Umgeben wird das Mittelbild von 12 kleineren 
Bildern, deren jedes ein Tanzpaar enthält, nämlich den Tod und Papst, 
Kaiser, König, Kardinal, Bischof, Polenfürst, Graf, Edelmann, Kauf- 
mann, Hauer, Soldat nebst Bettler, Kind nebst Narr. Beigefügt ist 
jedem Bilde eine Strophe mit vier polnischen Versen. 

Beschreibung: ^Mittheüungen der k. k. Central-Comniission. Jahrg. 14 
(1869) S. XVIII — XX.' Die hier ausgesprochene Ansicht, dass das Gemälde die 
Oopie eines altern Gemäldes, etwa des 15. oder 16. Jahrh. sei, ist irrig. Wie 
ich an einem anderen Orte nachzuweisen gedenke, ist zu dem Krakauer Toten- 
tanze ein Kupferstich von Joh. Jac. Eidinger (gest. 1795) benutzt. 



Spanische Totentänze. 

Ein monumentaler Totentanz ist in Spanien bisher noch nicht 
nachgewiesen, dagegen sind spanische Totentanzdichtungen erhalten. 

La danza general de la muerte, deren Entstehung gewöhnlich 
um das Jahr 1360 gesetzt wird, ist die älteste der spanischen Toten- 
tanzdichtungen. 

Die Bedeutung, welche gerade dieser Text hesitzt, rechtfertigt eine aus- 
führlichere Inhaltsangabe. Der 79 achtzeilige Strophen bietenden Dichtung geht 
in der Handschrift, ein kurzer Prologo en la traslada^on in Prosa voran. Von 
Belang ist in dieser üeberschrift das Wort traslada^don, welches darauf hinweist, 
dass das Gedicht aus einer andern Sprache tibersetzt ist. Das Gedicht selbst 
beginnt mit vier Strophen, in denen der Tod seine Macht darlegt. Die erste 
lautet (in Kleines Uebersetzung) : 

Ich bin der Tod, der allen Creaturen 

Gewiss ist, die in dieser Welt hier leben. 

Was folgst du eifrig eines Dascyns Spuren, 

Das du, Mensch, so schnell dir siehst entschweben ? 

Wenn's keine Riesen, stark genug, kann geben, 

Zu trotzen meines Bogens straffem Nerv, 

Trifft dich der Pfeil auch tödtlich, den ich werf, — 

Hin sinkst du, um dich nie mehr zu erheben. 

Darauf erscheint ein Prediger, welcher in 3 Strophen unter Berufung auf 
die heilige Schrift ausführt, dass alle Geborenen sterben müssen, und zur Voll- 
bringung guter Werke mahnt. Thut Busse, bereuet häufiger euere Sünden, wie 
ihr Vergebung hoffet von dem, der Macht zu vergeben hat. Säumet nicht, denn 
schon beginnt der Tod seinen schauerlichen Reigen, dem ihr nicht entrinnen 
könnt. Oeffnet. die Ohren seinem trauervollen Gesänge!' Darnach fordert der 
Tod die Menschen jeglichen Standes zum Todestanze (a la dan^a mortal) auf. 
Wem es nicht beliebe, den werde er mit Gewalt holen. Zuerst ruft er zwei 
Jungfrauen auf. „Jetzt fordere ich zu diesem meinem Tanze die beiden schönen 



64 

Jungfraueu auf. Sie kamen in der üblen Absicht, meine Gesänge, welche so 
betrübend sind, anzuhören.'' Nicht Blumen noch Schmuck würden ihnen helfen, 
sie seien ihm verlobt. Dann wendet sich der Tod an den heiligen Vater. Da 
derselbe so gewaltig sei und seinesgleichen nicht in der ganzen Welt habe, so 
solle er im Reigen den Vortanz haben. Der Papst jammert, dass ihm alle seine 
Machtbefugnisse und Ehren hier nichts nützen und ergiebt sich, Jesus und die 
Jungfrau Maria anrufend, in sein Geschick. Mit dem Papst beginnt das Zwie- 
gespräch des Todes mit den Vertretern der geistlichen und weltlichen Stände, in 
welchem der Tod und der von ihm zum Tanze Aufgeforderte je eine Strophe 
sprechen. Nach einander werden nun zum Tanze vom Tode aufgefordeiak: Kaiser, 
Cardinal, König, Patriarch, Herzog, Erzbischof, Condestable, Bischof, Ritter, Abt, 
Knappe, Dechant, Kaufmann, Archidiaconus, Advocat, Domherr, Arzt, Pfarrer, 
Bauer, Mönch, Wucherer, Ordensritter (el frayre), Pförtner des Königs, Eremit, 
Cassirer, Diaconus, Steuereinnehmer (Recabdador), Subdiaconus, Küster, Rabbi 
Meldaredes, der maurische Hohepriester (el alfaqui), der Almosensammler (el 
santero). Zum Schluss fordert der Tod alle diejenigen auf, welche er nicht 
besonders genannt hat (lo que dise la muerte a los que non nombro). — Wenn 
auch die altspanische Danza general de la muerte eine Uebersetzung ist, so ist 
doch nicht zu verkennen, dass ihr Verfasser das französische Original nicht allein 
in sehr freier Umgestaltung wiedergegeben, sondern dasselbe auch durch eigene 
Zusätze erweitert hat. Sicher sind eigene Zusätze diejenigen Strophen, welche 
sich auf Würdenträger beziehen, welche nicht in Frankreich, sondern nur im 
alten Spanien vorkamen, wie z. B. el Alfaqui, der maurische Priester, oder nur 
in Spanien zu besonderer Geltung kamen, wie der Rabbi und der Recabdador. 
Ferner steht es im Widerspruch zu Str. 11, in welcher der Tod dem Papste aus- 
drücklich als ihm gebührende Ehre den Vortanz zuerteilt fe deste my dan^ sera 
guiador), wenn trotzdem vor dem Papst der Tod zwei Jungfrauen zum Tanze 
auffordert. Es müssen also auch die an diese gerichteten Strophen 9 und 10 
ursprünglich gefehlt haben. Wenn Amador de los Rios und Wolf (Beiträge zur 
Gesch. d. castilischen Nationalliteratur S. 133) Recht haben, ist die Danza general 
1860 entstanden. Diese Annahme ruht jedoch auf sehr schwacher Grundlage; 
sie stützt sich wesentlich darauf, dass dieselbe Handschrift, welche sie enthält, 
ausserdem noch ein sicher im 14. Jahrh. verfasstes Gedicht enthält. Die 
Ergebnisse der S. 8 fp. geführten Untersuchung sind der Annahme, dass die 
Danza general das ihr von jenen Gelehrten zugesprochene Alter hat, nicht günstig, 
und es scheinen diejenigen im Rechte zu sein, welche sie nicht über das 15. Jahr- 
hundert hinaufrücken. Diesem muss sie freilich spätestens angehören, da die 
Handschrift bereits so alt ist. 

Ausgaben: Ticknor's Geschichte der schönen Litteratur in Spanien, 
deutsch von Julius. Th. 2. S. 598 — 612. Correcter ist der Abdruck in den 
Poetas castellanos anteriores al siglo XV, coUeccion hecha por Tomas Ant. Sanchez 
continuada por Pedro Jos6 Pidal, considerablemente aumentada e illustrada por 
Florencio Janer. Madrid 1864, S. 379 — 385 (Biblioteca des autores espan. etc. 
vol. 57). — Einzelausgabe mit Facsimile : La danza de la muerte, poema castellano 
del siglo XIV, public, etc. por Flor. Janer. Paris 1856. 

Inhaltsangabe etc. bei Jos6 Amador de los Rios, Historia critica de 
la literatura espanola Tom. 4. Madrid 1863. S. 491 — 508; J. L. Klein, 
Geschichte des Dramas VIII. Das spanische Drama. Bd. 1. Leipzig 1871. 
S. 261 — 283. Vgl. femer Ludw. Carus, Darstellung der span. Litter. im Mittel- 
alter. Bd. 2 (1846) S. 305 f. 

Erweiterung: La dan^a de la muerte. Ympressa etc. Sevilla 1520. 
Neuer Abdruck bei Amador de los Rios a. a. 0. Tom. 7. S. 507 — 540. Eine 
durch viele neue Personen auf 136 Strophen erweiterte Bearbeitung. 



65 

€arbonell's Dan^a de la mort. Catalonische Übersetzung der 
französisen Danse macabre in kürzerer Fassung, vermehrt durch einige 
neue Personen. Die Übersetzung muss spätestens i. J. 1497 gemacht 
sein, da bereits zu Schluss desselben Jahres Carbonneil eine Fort- 
setzung der Danga verfasst hat. 

Ausgabe. Opnscalos in6ditos del cronista catalan Pedro Miguel Gar- 
bonell llnstrados etc. por Manuel de Bofarnll y de Sartorio. Tom. 2. Barcelona 
186Ö (= Coleccion de documentos ineditos del archivo general de la corona de 
Aragon) S. 267—296. 

Die Fortsetzung 'Carmina in tetrae mortis orrendam coream diebus festis 
Jesu Christi Maximl nataliclis anni salutis M.CCCCXOVII dum vulgns iucertum 
ludis taxilariis vacaret composita' ebd. S. 297 ff. 

Anfang: creatura rahonable, Qui desiges vida terrenal Tu has a^i regia 
notable Per ben finir vida mortal La present danga que veus tal Es de la mort 
poc delitosa Morir a tots es natural La mort es vil molt odiosa. — Personen: 
Papa, Emperador, Cardenal, Rey, Patriarcha, Capita o Conestable, Archabisbe, 
Cavaller, Bisbe, Gentilhome, Abbat, Govemador, Astrolec, Burges, Canonge, Mer- 
cader, Cartuxa, Porter, Monio, Usnrer, (die dem ^ armen Manne* in dem franz. 
Originale beigefügte Strophe folgt hier mit der Überschrift: Paria la mort mes 
avant contra lo üsurer), Metge, Enamorat, Advocat, Ministrer, Curat, Cavador, 
Frare menor, Infant, Schola, Hermita, Donzella, Monge, Vidua, Maridada, Notari, 
Rey que iau dins una tomba o moniment. — Über die Subscription in der Hand- 
schrift vgl. oben S. 28. 

Des Tachscherers Juan de Pedraza 'Farsa llamada Dan^a de la muerte* 
V. J. 1551 ist neu herausgegeben und besprochen von Ferd. Wolf *Ein spanisches 
Frohnleichnamsspiel vom Todtentanz\ in den Sitzungsberichten der K. Akad. 
d. Wiss. in Wien, phil.-hist. Classe Bd. 8 (1852) S. 114—150 und von Ed. Gon- 
zales in den 'Autos sacramentales desde su origin hasta fines del siglo XVII. 
Pedroso 1865.' Dieses Drama, in welchem ausser dem Tode Papst, König, Dame, 
Hirt^ Vernanft, Zorn und Verstand agiren, ist keine Dramatisirung eines eigentlichen 
Totentanzes. Immerhin ist es ein Zeugnis dafür, dass der Totentanz dereinst 
auch in Spanien volkstümlich war. 



Holbeins Todesbilder. 

Wie Goethes Bearbeitung des Reineke Fuchs die alte Dichtung 
Leserkreisen zuführte, welche der Litteratur des Mittelalters sonst 
keine Aufmerksamkeit schenkten, so erhielten Holbeins Todesbilder 
das mittelalterliche Totentanzmotiv der modernen Kunst. 

Angeregt durch den alten Totentanz seiner Vaterstadt Basel 
zeichnete der jüngere Holbein eine Folge kleiner Bildchen, welche, von 
seinem Landsmanne Hans Lützelberger in Holz geschnitten, eine 
eigenartige Umbildung seines Vorbildes bieten. Es ist, genau ge- 
nommen, falsch, wenn jene Bildchen von Alters her 'Holbeins Toten- 
tanz' genannt werden, doch knüpft ihre Entstehung an den mittel- 
alterlichen Totentanz an, und anderseits sind fast alle später entstan- 
denen Totentänze durch Holbeins Zeichnungen beeinflusst. 

Der älteste Typus der Totentanzgemälde war, wie die Über- 
einstimmung der ältesten französischen und niederdeutschen Dar- 

Niederdeutsches Jahrbuch XVII. 5 



66 

Stellungen lieweist, der Ketten- oder Ringelreigen. Sämtliche Tanz- 
paare bilden eine lange, zusammenhängende Kette, in welcher jede 
Figur eine Hand dem Nachbar zur Linken, die andere dem zur 
Rechten reicht. 

Ein jüngerer Typus entstand durch Auflösung des Ketten- 
reigens in einzelne Tanzpaare. Nur dem eigenen Tanzpartner reicht 
der Tod die Hand oder tritt mit ihm auch ohne Handreichung zum 
Tanz an. Beispiele bieten die mittelalterlichen Totentänze Süddeutsch- 
lands, auch die gedruckten. Während der älteste Typus sämtliche 
Paare notwendigerweise an derselben Stelle — gewöhnlich einer Wiese 
— und zu derselben Zeit den Reigen treten lassen musste, fiel diese 
Notwendigkeit bei der Auflösung in Einzelpaare, sobald jedes Tanzpaar 
seine besondere Bildfläche erhielt, zwar fort, thatsächlich wurde aber 
gegen die alte Anschauung, dass der Tanz aller Paare auf derselben 
Stelle zu denken sei, im Allgemeinen nicht Verstössen. Nur die Holz- 
schnitte des hochdeutschen achtzeiligen Totentanzes und die Lübecker 
Drucke bieten einige nicht sehr in die Augen fallende Ausnahmen, 
indem einigemal der Fussboden wechselt. 

Eine Abart dieser Typen liegt vor, wenn der Reigen in einen 
Tanzaufzug, in welchem die Paare hinter einander herschreiten, ver- 
wandelt wird. 

Der Holbeinsche Typus ist aus dem jüngeren Typus, wie 
er in Basel dem Künstler vor Augen stand, entwickelt. Auf Einheit 
des Ortes, der Zeit und der Handlung verzichtend, löste Holbein nicht 
nur nach Art der gedruckten Totentänze den Totentanz in Einzelbilder 
auf, sondern er Hess auch das Tanzmotiv fallen. Nicht die Allegorie, 
dass der Mensch nach der Pfeife des Todes tanzen muss, kommt in 
seinen Bildern zum Ausdruck, sondern der allgemeine Gedanke, dass 
Jeder unerwartet vom Tode heimgeholt wird. Von dem Zwange des 
gleichen Ortes und des Tanzmotivs befreit, konnte Holbein, der nur 
den Wechsel und die Abstufung der Stände beibehielt, jedes Bildchen 
selbständig und unabhängig von den übrigen gestalten und somit seiner 
künstlerischen Erfindungs- und Gestaltungsgabe ohne Schranken Raum 
geben. Die Scenerie ist überall verschieden, das Tanzmotiv nur ver- 
einzelt beibehalten, häufig sind dem Tode und dem ihm verfallenen 
Menschen noch andere Personen beigefügt. Dem Könige last Holbein 
den Tod während des Mahles an reich besetzter Tafel die Schale 
reichen. Auf dem Schlachtfelde durchbohrt der Tod den verzweifelt 
gegen ihn kämpfenden Krieger mit der Lanze. Auf stürmischer See 
tritt er unter die Mannschaft eines scheiternden Schiffes. Er tritt zum 
Arzte, in dessen Studierzimmer er einen kranken Greis geführt hat usw. 

Die Auflösung des Gesamtbildes in Einzelgruppen, die Klein- 
heit und Zierlichkeit der Holzschnitte an Stelle der monumentalen 
Kirchenbilder machten die Holbeinschen Zeichnungen des grossartigen 
Eindruckes verlustig, welchen die durchgeführte Einheit der Conception 
und die elementare Wirkungskraft grosser Verhältnisse den monumen- 
talen Totentänzen gesichert hatten. Anderseits überragten die Hol- 



67 

beinschen Holzschnitte, nacli dem Urteile sachkundiger Kenner auch 
heute noch unübertroffene Meisterwerke, nicht nur in künstlerischer 
Beziehung alle alten gemalten und gedruckten Totentänze, sie ent- 
sprechen gerade durch ihre Zierlichkeit und den mannigfaltigen Inhalt 
der Vorliebe des sechzehnten Jahrhunderts für die Kleinkunst und 
lehrhaft moralischen Inhalt, eine Vorliebe, die sich bekanntlich auch 
auf dem Gebiete der Litteratur in breitester Weise durch die Bevor- 
zugung der gnomischen und satirischen Dichtung äussert. 

Holbeins in Buchform 1538 erschienener Totentanz war bald in 
zahllosen Abdrücken und Nachstichen in fast allen Ländern verbreitet. 
Während in Frankreich die alte Danse macabre als Volksbuch neben 
den Holbeinschen Zeichnungen sich erhielt, verdrängten diese in Deutsch- 
land sämtliche altern Druckwerke, wenn man von den Merianschen 
Kupfern des Basler Totentanzes absieht, vom Buch- und Kunstwerke 
und werden noch heute häufig herausgegeben und nachgeahmt. 

Die französischen vierzeiligen Verse, welche Corozet der ersten 
in Lyon erschienenen Ausgabe beigefügt hatte, wurden fiir spätere 
Ausgaben von Luthers Schwager Georg Aemilius (eig. Ömmel) in 
das Lateinische übersetzt. Deutsche Reime fügte an ihrer Stelle der 
Lehrer Fischards, der geniale Bearbeiter des Grobianus, Caspar 
Seh ei dt hinzu. Diese erschienen L557 zu Worms und wurden bereits 
im folgenden Jahre in das Niederdeutsche mehr umschrieben, 
als übersetzt. 

Vgl. A. Woltmanii, Holbein und seine Zeit, 2. Aufl. (1874) Bd. L, S. 258 flf., 
II. S. 174 ff. und die übrige S. 89 angegebene Litteratur. 

Ausgaben. Das vollständigste Verzeichnis der Drucke der Holbeinschen 
Todesbilder und seiner Nachahmungen bietet Massmann, Litteratur der Toten- 
tänze, S. 7 — 61. Bevor Holbeins Zeichnungen 1538 in Lyon als Buch erschienen, 
waren schon in Basel von den Holzstocken Probeabzüge hergestellt. (Facsi- 
mile: Hans Holbein's Dance of Death, illustr. by a series of photho-lithogr. 
facsimiles of the first edition in the British Museum. By H. Noel Humphreys. 
London 1868. — Holbeins Totentanz. Nach dem Exemplar der ersten Ausgabe 
im Kgl. Kupferstichcabinet zu Berlin in Lichtdruck nachgebildet von A. Frisch. 
Hrsg. von Frdr. Lippmann, Berlin 1879. Später auch mit engl. Texte). — Die 
erste Buchausgabe mit Text: Les simulachres & historiees faces de la mort 
etc. Lyon (Melchior et Gaspar Trechsel fratres). 1538, kl. 4^ (Facsimile- 
ausgaben: The Holbein-Society's Fac-simile Reprints. Les Simulachres etc. 
translat. aud ed. by Henry Green. Manchester and London 1869. 4**. — Lieb- 
haber-Bibliothek alter Illustratoren in Facsimile-Reproduction. Bdch. 10. München 
1884. 4®). — Die erste Ausgabe mit lateinischem Texte : Imagines de morte 
et epigrammata e Gallico idiomate & Georgio Aemylio in Latinum translata. 
His accessernnt Medicina animsR etc. Lugduni, 1542. 8^ — Sehe idt 's Über- 
setzung erschien zuerst 1557: Der Todten-Dantz, durch alle Stende vnd Geschlecht 
der Menschen. Mit sampt der heylsamen Artney der Selen. Im Jar MDL VII. 8^ 
— Niederdeutsch: De Dodendantz, dorch alle Stende vnd Gesiechte der 
Minscken, darin er herkumst vnnd ende, nichticheit vnd sterfflicheit, alse in enem 
Spegel tho bescho wende vorgebildet, vnd mit schönen Figuren getzieret. Sampt 
der heilsamen Arstedie der Selen. D. Urbani Regij. MDLVIII. 8^ [Berlin, 
Helmstädt, Wolfenbüttel. Vergl. Bruns Beiträge S. 324. Eorrespondenzblatt 4, 96.] 

5* 



[ 



68 

Figuren etc. (nacb der Ausgabe von 1538): Erschaffung Evas, Snnden- 
fall, Vertreibung aus dem Paradiese, Adam baut die Erde. Musicirende Gerippe, 
Papst, Kaiser, König", Cardinal, Kaiserin, Königin, Bischof, Herzog, Abt, 
Aebtissin, Edelmann, Domherr, Richter, Fürsprech, Ratsherr, Prädicant, Pfarrer, 
Mönch, Nonne, Altes Weib, Arzt, Astrolog, Reicher, Kaufmann, Schiffer, Ritter, 
Graf, Altmann, Gräfin, Edelfrau, Herzogin, Krämer, Ackermann, Kind, Jüngstes 
Gericht, Wappen des Todes. (In der Lyoner Ausgabe von 1545 ausserdem noch 
Kriegsmann, Spieler, Säufer, Narr, Räuber, Blinder, Kärtner, Siecher, Kindergruppen). 
— Die Probeabzüge zeigen eine andere Figurenfolge, voranstehen die biblischen 
Scenen, dann folgt die Reihe der geistlichen Würdenträger vom Papst bis zur 
Nonne, dann die der weltlichen vom Kaiser bis zum Ritter, zu Schluss die 
bürgerlichen Stände, der Richter, Fürsprech usw. 

Initialen. Ausser den Todesbildern hat Holbein ein Alphabet Initial- 
buchstaben angefertigt, in und um welche Gruppen mit dem Tode gezeichnet 
sind. Neue Ausgabe von Ellissen und Lödel s. oben S. 40. Darnach : L^alphabet 
de la mort de H. Holbein publ. par A. de Montaiglon. Paris 1856. (Mit engl. 
Texte eh. 1856). — Ferner hat Holbein einen Totentanz von 6 Paaren (König, 
Königin, Fähnrich, Bürgerin, Mönch, Kind) als Schmuck einer Dolchscheide 
gezeichnet. Abbildungen bieten Douce und Langlois Planche XXIV. 



Anhang. 



Der alte lübiseh-revalsche Totentanztext. 

Der Text, der dereinst unter den Figuren des Totentanzes der 
Marienkirche zu Lübeck und seiner Copie in Reval zu lesen war, ist 
nur unvollständig erhalten. Von den 404 oder mehr Versen, welche 
er umfasst haben muss, sind nur 294 überliefert. Zwei Verse aus 
der Strophe des Kindes vereinzelt (siehe zu V. 389 f.), von den übrigen 
der kleinere Teil auf den erhaltenen Resten des Revaler Bildes, der 
grössere in Melle's alter Abschrift dessen, was 1701 noch von dem 
Lübecker Texte lesbar war (s. oben S. 43). 

Der Abdruck des Textes, der diesen Vorbemerkungen folgen wird, 
vereinigt zu einem Ganzen, was sich getrennt, in Reval und Lübeck, 
erhalten hat. Für den Revaler Teil liegen die Lesungen zu Gininde, 
welche Russwurm und Hansen an den oben S. 46 verzeichneten Orten 
veröffentlicht haben, für das übrige der von Mantels gegebene Abdruck 
der Abschrift Melle's. 

Wenngleich die Genauigkeit, durch welche Melle's übrige Ab- 
schriften sich auszeichnen, auch für den Totentanz anzunehmen ist, 
so rechtfertigen doch verschiedene Stellen in seiner Abschrift die Ver- 
mutung, dass hin und wieder ein unlesbar gewordenes Wort ausgelassen 
ist. Ferner kann es keinem Zweifel unterliegen, dass in ihr, wie 
bereits S. 44 bemerkt wurde, die Reihenfolge der Strophen in Ver- 



69 

wirrung geraten ist. Die richtige Ordnung ist mit ziemlicher Sicher- 
heit herzustellen, wenn berücksichtigt wird: 1) die Reihenfolge, welche 
durch die Schlussverse der vom Tode gesprochenen Strophen gefordert 
wird ; 2) dass der Inhalt der Strophe dem Stande der Person entspricht, 
welcher sie zugeteilt wird; 3) der Totentanz von 1489 (vgl. oben 
S. 35 f.); 4) die Reihenfolge der Figuren des in einer Erneuerung 
erhaltenen Gemäldes in Lübeck. Der durch diese Hinsichten bedingten 
Reihenfolge entspricht die Ordnung der Strophen, welche aus teilweise 
anderen Gründen b^eits Mantels für die richtige erklärt hat und die 
deshalb in dem nachfolgenden Abdnicke beibehalten ist. Doch ist in 
diesem durch lateinische Ziffern, die in Klammern beigefügt sind, die 
von Melle gebotene Reihenfolge kenntlich gemacht. Wenn H. Baethcke 
in seinem 'Versuch zur Herstellung des alten niederdeutschen Textes' 
(s. oben S. 45) in Bezug auf die richtige Reihenfolge der Strophen 
zu einem ganz abweichenden Ergebnisse gelangt ist, so trug eine 
irrige Voraussetzung daran die Scliuld. Baethcke, dem der Revaler 
und altcastilische Totentanz offenbar unbekannt gewesen war, hatte 
nämlich nicht geglaubt, dass die Schlussverse der dem Tode zugeteilten 
Strophen an die folgende Person gerichtet sein könnten. Er nahm 
an, dass jeder Schlussvers ebenso, wie es der Fall in den übrigen 
ihm bekannten deutschen Totentänzen war, mit den vorangehenden 
Versen derselben Strophe zu ein und derselben Person gesprochen werde. 
Die Folge dieses Irrtums war, dass er in jenen angeblich entstellten 
Schlussversen allerlei Änderungen zur vermeintlichen Herstellung des 
ursprünglichen Wortlautes vornehmen und zugleich zu anderen Ergeb- 
nissen als Mantels und der Verfasser dieser Untersuchungen kommen 
musste. 

Die litteraturgeschichtliche Stellung des lübichen Textes und 
sein Verhältnis zu den übrigen Totentänzen ist bereits in den voran- 
gegangenen Untersuchungen eingehend dargelegt worden. Es erübrigt 
hier nui' noch der Hinweis, dass der überlieferte Text einige sprach- 
liche Eigentümlichkeiten aufweist, welche weder durch das lübische, 
noch überhaupt durch das gemeine Mittelniederdeutsch sich erklären 
lassen, sondern mittelniederländischer Herkunft sind, und die 
Folgerung rechtfertigen, dass der Lübecker Totentanz eine mittel- 
niederländische Vorlage gehabt hat. Die zum Beweise dienenden 
Sprachformen werden in den Anmerkungen, die dem Abdrucke folgen, 
zu Vers 184. 236. 332 u. a. hervorgehoben werden. Sie finden sich 
sämtlich im Reime. Der niederdeutsche Bearbeiter hat sie augen- 
scheinlich nur beibehalten, weil an den betreifenden Stellen sich ihm 
kein niederdeutscher Reim leicht darbot und bei dem regen Verkehr, 
in welchem Brügge und Lübeck standen, in letzterer Stadt einige 
flandrische Formen das Verständnis des Textes trotz ihrer Fremd- 
artigkeit nicht gerade gefährdeten. 

Die im Revaler Totentanze erhaltene Copie des lübischen Textes 
enthält derartige Sprachformen nicht; sei es, dass das Lübecker 



70 

Original sie innerhalb der dort erhaltenen Strophen gleichfalls nicht 
bot, sei es, dass sie bei der Anfertigung der Copie durch nieder- 
deutsche Formen ersetzt worden sind. Bemerkenswert ist dabei 
übrigens, dass der Revaler Text frei scheint von Sprachformen oder 
Schreibungen, welche sich durch mundartliche Besonderheiten der 
russischen Ostseeprovinzen erklären. Man wird hieraus folgern können, 
dass die Revaler Copie nicht nach einer Skizze in Eeval, sondern 
vielmehr in Lübeck selbst von einem Lübecker Künstler ausgeführt 
worden ist. Es kann das nicht viel vor oder nach d. J. 1500 ge- 
schehen sein. Einerseits zeigt nämlich der Revaler Text den Vokalismus 
des ausgehenden 15. Jahrhunderts, anderseits ist er frei von den 
orthographischen Unarten (-nw für -w, nh für n, h als Dehnungs- 
zeichen usw.), welche im 16. Jahrh. allgemein üblich werden. 

Der Abdruck lässt die etwaigen bloss mundartlichen Änderungen 
der Lautform, die bei den alten Erneuerungen der Gemälde ein- 
geflossen sein mögen, unberührt. Gebessert ist, was in den ver- 
öffentlichten Abschriften, vielleicht auch in einigen Fällen schon bei 
den Übermalungen verlesen oder ausgefallen scheint. 

Unter dem Texte ist angegeben, wo von Melle's Abschrift (M) 
des Lübecker und Hansens (H) Lesung des Revaler Totentanzes ab- - 
gewichen ist. Russwurm's ältere Lesung (R) des letzteren ist nur, 
wo sie noch beachtungswert schien, angemerkt worden. Den von 
Mantels und Baethcke übernommenen Besserungen des Textes 
ist der Name ihres Urhebers beigefügt. 

Überschriften, Interpunktion und Normirung des w, v, w fehlen 
natürlich den Originalen. 



1. Der Predig:er auf der KanzeL 

Och redelike creatuer, sy arm ofte ryke, 
Seet hyr dat spectel, junck unde oldeu, 
Unde dencket hyr aen ok elkerlike 
Dat sik hyr nemaut kan ontholden, 
5 Wanneer de doet kumpt, als gj hyr seen. 
Hehhe wi den vele gudes ghedaen, 
So moghe wi wesen myt gode een, 
Wy moten van allen loen untfaen. 
Unde lieven kynder, ik wil ju raden, 
10 Dat gl juwe scapeken verleiden nicht, 
Men gude exempel en opladen, 
Eer ja de doet aus snelle hilicbt. 

2. Der Tod an Alle. 

To dessem dansse rope ik alghemene 
Pawes, keiser unde alle creaturen, 



1. 29. Ach E. Och H. — 10. verleide H. — 11. gude B. gute H. — 13. dessem 
dansse M., dussen dantse U. — 14. pawes t M. pawes H., creaturen M. creature H. 



71 



15 Arme, ryke, grote unde klene. 

Tredet vort, wente nu en helpet nen traren! 

Men dencket wol in aller tyd, 

Dat gy gude werke myt ja bringen 

ünde juwer sunden werden quyd, 
20 Went gy moteu na myner pypen springen. 

3. Tod zum Papste. 

Her pawes, du byst hogest nu, 
Dantse wy voer, ik unde du! 
AI hevestu in godes stede staen, 
Een erdesclT Tader, ere unde werdicheit untfaen 
25 Van al der werlt, du most my 
Yolghen unde werden als ik sy. 
Dyn losent unde bindent dat was vast, 
Der hoecheit werstu nu een gast. 

4. Papst. 

Och here got, wat is min bäte, 
30 AI was ik hoch geresen in State, 

Unde ik altohant moet werden 

Gelik als du een slim der erden? 

Mi en mach hocheit noch rickheit baten, 

Wente al dink mot ik nalaten. 
35 Nemet hir exempel, de na mi siet 

Pawes, also ik was mine tit! 

5. Tod. 
Dat were gud in ly. bekennt (?) 

(f), 38 — 43 nicht erhalten.) 
(zum Kaiser) 
Her keiser, wi moten dansen! 

6. Kaiser. 

45 dot, dyn letlike figure 

Vorandert my alle myne natture. 

Ik was mechtich unde rike, 

Hogest van machte sunder gelike. 

Koninge, vorsten unde bereu 
50 Mosten my nigen unde eren. 

Nu kumstu, yreselike forme, 

Van mi to maken spise der worme. 

7. Tod. 

Du werst gekoren, — wil dat vroden ! — 
To beschermen unde to behoden 
55 De hilgen korken der kerstenheit 
Myt deme swerde der rechticheit. 



15. arme M. arm H, grote M. groet H. — 16. wente nu M. went ju H. — 
30. geresen B. gewesen H. — 33. en fehlt H. — 37. So nach Ä., nach H, ist der 
Vers unlesbar. — 45. dyn] du H. — mechtig H. mechtich B. — 51. Nu] Du H. 



72 



Men hovardie heft di vorblent, 
Du hefst di sulven nicht gekent, 
Mine kumste was nicht in dinem sinne. 

(zur Kaiserin) 
60 Da ker nu her, fron keiserinne! 

8. Kaiserin. 

Ick wet, my ment de doeti 
Was ick ny vorvert so grot! 
Ik mende, he si nicht al bi sinne, 
Bin ik doch janck und ok eine keiserinne. 
65 Ik mende, ik hedde vele macht, 
Up em hebbe ik ny gedacht 
Ofte dat gement dede tegen mi. 
Och, iat mi noch leuen, des bidde ik di! 

9. Tod, 

Keiserinne hoch yormeten, 
70 My duncket, du best myner vorgheten. 

Tred hyr an! it is nu de tyt. 

Du mendest, ik solde di scheiden quit. 

Nen! al werstu noch so vele. 

Du most myt to dessem speie 
75 Unde gi anderen alto male! 

(zum Kardinal) 
Holt an, volge my, her kardenale! 

10. Kardinal. 

Ontfarme myner, here, salt sehen, 
Ik kan di niegensins entflen. 
Se ik vore efte achter my, 
80 Ik vole den dot my alle tyt by. 
Wat mach de böge staet my baten. 
Den ik besät? ik mot en laten 
Unde werden unwerdiger ter stunt 
Wen ein unreyne stinckende hunt. 

11. Tod. 

85 Du werest van State gelike 

En apostel godes up ertryke 

ümme den kersten loven to sterken 

Myt worden unde anderen dogentsammen werken. 

Men du best mit groter hpvardichit 
90 Up dinen bogen perden reden. 

Des mustu sorgen nu de mere ! 

(zum König) 
Nu tret ok vort her, koningck here! 



62. 63. ich B. H, — 78. di niegensins] di nie gensins H. deme gensins R. — 
80. den B. gen if. — 81. staet] säet H. — 85. von H. van JB. — 89. hoverdichit, 
lies hoverdichedo. 



73 

12. Königr. 

dot, dyne sprake heft my yorvert, 
Dnssen dans en hebbik nicht gelert! 
95 Hertogen, rydder unde knechte 
Dagen vor my darbar gerichte, 
Unde juwelik hodde sick de worde 
To sprekende, de ick node horde. 
Nn komstn unvorsenlik 
100 Unde berovest my al myn ryk. 

13. Tod. 

AI dyne danken hestu geleyt 
Na werliker herlicheyt. 
Wat batet? du most in den slik, 
Werden geschapen myn gelik. 
105 Kecht gevent unde Yorkeren 
Hestu under dy laten reigeren, 
Den armen niegene leed want! 

(zum Bischof) 
Her bischop, nu holt an de hantt 

(V. 108 — 180 sind nicJU erhalten, sie kamen ausser dem Tod^ folgenden 
Ständen zu: dem Bischof, Herzog, Aht, Bitter und Kartäuser.) 

23. Tod zum Kartäuser. (Melle III.) 

Nu tfet Yort, dl helpet nen klagen, 
Du most dyn part sulYen dragen. 
It sal di wesen swar, 
Di mach nicht Yolgen nar 
185 Wen dine werke gut ofte quat. 
Din Ion is na diner dat, 
Nemaut mach di des Yorbringen. 

(zum Edelmann) 
Gummen kum an, ik wil di singhen. 

24. Edelmann. (Melle IV.) 

Dot, ik bidde di umme respyt, 
190 Late mi yorhalen! miue tyt 

Ik hebbe oYel oYerbracht, 

Sterveu hadde ik klene geacht. 

Mine gedankeu weren to Yullenbringen 

Jutto lust in idelen dingen, 
195 Minen uudersaten was ik swar. 

Nu mot ik reisen unde wet nicht war. 

25. Tod. (Melle I.) 

Haddestu gedelt van dinem gode 
Den armen, so were di wol to mode. 



96. dageu Hr, lies dogedenV — 188. Gummen] Men M. — 194. Jutto] To M. 
De Mantels. 



74 

De klegeliken klagen er gebreken, 
200 Nnwerle mochtestn se hören spreken. 
Dines pachtes werstn gewert. 
Na mi haddestu ninen begert, 
Dat ik ens nmme käme to hants. 

(zum Domherrn) 
Eanonik, tret her an den dans. 

26. Domherr^ (Melle II.) 

205 Mi dunkt, it is mi noch to vroch, 

Van miuen prnnden hadde ik genoch 

To bmken went her min leven, 

Late mi des dansses noch begheven. 

Nu scholde ik yullen min schrin. 
210 Dine velen worde don mi grote pin. 

Late mi doch gade denen bat, 

Den ik in miner joget yorgat. 

[V. 213—228 oder Str. 27, 28 fehlen, sie kamen dem Tode und dem 
Bürgermeister zu.] 

29. Tod zum Bttrgenneister. (Melle Y.) 

Orot Ion schaltu entfan. 
230 Vor din arbeit, dat du hefst ghedan, 

Wil di God dusentvult belonen 

Unde in deme ewighen levende krönen. 

Mer dine bedrechlicheit darmede 

Mochte di bringen in groten unvrede. 
235 Wultu umme dine sunde ruwich sin! 

(zum Arzte) 
Yolghe na, meist-er medicin! 

30. Arzt. (Melle VI.) 

Ik hadde wol vordrach, mochte it wesen, 
Yele minsken hebbe ik ghenesen. 
De van groter suke leden not. 
240 Mer jegen di klene noch grot 

£n helpet nine kunst noch medicin. 
Nu bevole ik mi sulven de pin. 
Van deme dode bin ik beseen, 
Wat ordel dat mi schal bescheen. 

31. Tod. (Melle Vn.) 

245 Becht ordel schaltu entfan 

Na den werken, de du hefst ghedan. 

Du hefst ghedan, dat God wol wet, 

Mengen in grot eventur gheset. 

Den armen swarlik beschat, 
250 Des he vaken billik hadde to bat, 

AI nemestu grote summen darvan. 

(zum Wucherer) 

Wokerer, volghe van stunden an! 



233. darmede] mede 3/. 



75 



32. Wucherer. (Melle VIII.) 

du aller nnvormodeste dot, 

Up di en dacht ik klene noch grot. 

255 Ik hehbe al min gut vorsaden, 
Mine hone sint vul kornes geladen, 
Mot ik nu sterven, dat is mi swar, 
Unde latent hir unde wet nicht war. 
Ik en wet nicht, war ik henne mot. 

260 Vorbarme miner, her, dor dinen dot! 

33. Tod. (Melle IX.) 

Vorkerde dor olt van jaren. 
Anders hefstu nicht uterkaren 
Den dat gut up desser erden. 
Ik wet nicht, wat van di sal werden. 
265 Up mi so haddestu klene acht. 
Noch to stervende nicht gedacht. 
Nu mustu int ander laut. 

(zum Capellan) 
Her kappelan, lange her de haut! 

34. CapeUan. (Melle X.) 

Ach leider wo quelet mi de dot! 

270 Ik hebbe last van sunden grot, 
Staplik hebbe ik gequiten, - 
Ik vruchte, God schalt nu mer witen. 
De werelt, de viant unde dat vlesch 
Hebbet bedraghen minen gest. 

275 Wat schal mi nu dat gut, 
Wente ik it hir al laten mot! 

35. Tod. (Melle XV.) 

Haddestu van joget up bet 
Gades recht vor di geset 
Unde vlitliken gelert, 
280 Dar du mennich wort hefst vorkert — 
Dat Volk bracht to gode, 
Dat were gut, nu schedestu unnode. 
It mot sin sunder beiden. 

(zum Kaufmann) 
Kopman, wilt di ok bereident 

36. Kaufinann. (Melle XVI.) 

285 It is mi verne bereit to sin. 
Na gude hebbe ik gehat pin 
To lande unde tor see, 
Dor wind, regen unde snee; 



270. sunden Baethcke] sorgen Mantels, Bei M. ist eine Lücke angedeutet. 
— 272. nu mer Mantels] nummerW. — 277. up Gade bet M. — 278. Gades Baethcke] 
fehlt. Mantels vermutet Haddestu van joget up gade bet Recht vor dine ogen 
gheset. — 280. gode] gude M. — 282. got 31. 



76 



Nin reise wart mit so swar. 
290 Mine rekenscop is nicht klar. 
Hadde ik mine rekenscop ghedan, 
So mochte ik vrolik mede ghan. 

37. Tod. (Melle XIII.) 

Hefstu anders nicht bedreven 
In kopenscop, alse di was gheve, 
295 It sal di wesen tor vromicheit, 
Wen alle dink to richte steit, 
Hefstu di so vorwart 
Unde din dink gans wol geklart. 
Westu anders, dat is nicht gut. 

(zum Küster) 
300 Koster, kum, it wesen mot! 

38. Küster. (Melle XIV.) 

Ach, dot, mot it sin gedan, 
Nu ik erst to denen began? 
In miner kosterie mende ik klar 
Noch hogher to komen vorwar. 
305 En grot officium was min sin, 
Also mi dunkt, so krige ik nin. 
Ik mach des nicht gebruken. 
De dot wil mi versinken. 

39. Tod. (Melle XI.) 

AI werstu hogher geresen, 
310 In groter var mustestu wesen. 

It is diner sele meiste profit, 

Dat gi nicht hogher resen sit. 

Volghe na in mine partie, 

Wente hoch sin maket hovardie ! 
315 Dat is al jeghen god. 

(zum Handwerker) 
Amtman, tret an, it is nen spot! 

40. Handwerksmann. (Melle XII.) 

Ach leider, wat schal mi bescheeu! 
Ovel hebbe ik mi vorgeseen 
Unde hebbe mi ser ovel bedacht, 
320 Min hantwerk so tmwe nicht na getracht, 
Dat gud prisede ik sere. 
Nu bidde ik di, leve here, 
Du mi de sunde wilt vorgheven 
Unde late mi in din ewige leven! 

41. Tod. (Melle XVII.) 

325 Gi amteslude alghemeine 
Achten vele dinges kleine, 



289. Nin] na M., De Mantels, — 294. gheven M, — 295. wesen tor vromicheit] 
. . . enheit M. Mantels will ergänzen: wesen rechtferdicheit, Baethcke: werden 
rechticheit. 



77 



Dat gi einen anderen bedreghea 
Unde yaken darinne leghen. 
Up sterven hebbe gi nicht gepast, 
330 Juwe sele ser belast, 

Dat wil jnwer sele wesen swar. 

(zum Klausner) 
Klnsenaer^ volghe naer! 

42. Klausner. (Melle XVIII.) 

To sterven dat is ml nicht leit, 

Were ik van binnen bereit, 
335 Were-mine conciencie wol pnrgert. 

De viant heft mi tentert 

Mit menniger temptacie swar. 

Vorbarme di, her! openbar 

Ik di bekenne mine sund. 
340 Wes my gnedich tor lesten stund! 

43. Tod. (Melle XIX.) 

Du machst wol danssen blidelik, 
Di bort dat hemmelske rik. 
Dat arbeit, dat du hefst ghedan, 
Sal diner seien lustende stan. 
345 Deden se alle so, it scholde en vromen, 
Er scholde nicht vele ovel komen, 
Men it worde mengen sur. 

(zum Bauern) 
Kum to min reigen, veltgebur! 

44. Bauer. (Melle XX.) 

Des dansses neme ik wol respit. 

350 Noch hebbe ik mine tyt 
Mit arbeide hen ghebracht 
Unde ghedacht dach unde nacht, 
Wo ik min laut mochte begaden, 
Dat it mit vrucht worde geladen, 

355 To betalen mine pacht. 

Den dot hebbe ik nicht geacht. 

45. Tod. (Melle XXI.) 

Grot arbeit hefstu ghedan. 
God wil di nicht vorsman 
Mit dinem arbeide unde not. 
360 It is recht, ik segge di blot, 
God wilt di betalen 
In sinen oversten salen. 
Vruchte nicht en twinkl 

(zum Jüngling) 
Tret her, jungelink! 



335. conciencien M, — 354. wirde M. 



78 



46. Jünglingr. (Melle XXII.) 

365 Der werlde lust mi nu smaket, 

Du hefst de tyt ovel raket, 

Du kumpst slikende her geghan 

Unde wult mi in diu nette beslan. 

De werlde mi lavet heil, 
370 Bedrucht se mi, so is se feil. 

Wike wech, late mi ruselerenl 

Int older wil ik mi bekeren. 

47. Tod. (Melle XXm.) 

In der nacht, der deve gank, 
Slikende is min ummewank. 
375 Ein jnnk man sik bi tiden ker 
To gade, sin luste dregen ser. 
Hir is neue blivende stat. 
Haddestu west der werlde hat, 
Were di beter unde er minne. 

(zur Jungfrau) 
380 Junkvrou, mit di ik danssen beghinne! 

48. Jungfrau. (Melle XXIV.) 

Des reiges were ik onich gherne, 
Ik junghe schone derne, 
Ik hadde merket der werlde Inst, 
Van diner kumpst nicht gewust. 
385 Nu kumpstu snel unde mi vorverst, 
Ik wüste nicht, dattu hir werst. 
Were ik ene klostervrowe worden, 
So trede ik vro in dinen orden. 

49. Der Tod zum Kinde. 

(fehlt.) 

50. Kind. 

dot, wo schal ik dat vorstan, 
390 Ik schal dansen unde kau nicht gan? 

(Der Schluss fehlt.) 

Anno Domini MCCCCLXIII. in vigilia Assumcionis Marie. 



376. sin luste dregen ser Mantels] sin dregen her M. — 383. hadde 

merket] merke M. — 386. dattu fehlt M. — 389. 390. Diene beiden Verse sind 
nicht von Jacob von Melle üben'Uefertj sondern in seinem handschriftlich erhaltenen 
Werke 'Lubeca Beligiosa' von einem seiner Nachkommen nachträglich eingezeichnet 
worden. 

Anmerkungen. 1. Och redelike creatuer. Auf die Übereinstimmung dieser 
Worte mit den Anfangsworten der frz. Danse macabre ist oben S. 23 hingewiesen. 
Über spectel vs. 2 s. S. 16, über scapeken v. 10 ebd. 

24. Vgl. Danse macabre : He ? faut-il que la dance mainne Le premier qui 
suis dieu en terre J'ay eu dignite souverrainne En Veglise comme Saint Pierre. 
Berliner Totentanz: Pawes erdesche vader volget my na . . . Gy hebben in der 
stede gades ghestan. 



79 

26. als ik sy *wie ich bin'. Mittelniederländischer Sprachgebrauch. Nach 
mnd. Regel müsste es als ik bin hier heissen, im mnl. ist es dagegen den Dichtern 
gestattet, in den Nebensätzen, welche in der Prosa den Indicativ bieten müssten, 
vom Verbum substantivum die Conjunctivformen des Praesens einsetzen zu dürfen, 
wenn es der Reim erfordert. Zahlreiche Belege verzeichnet W. L. van Helten, 
Middelnederlandsche Spraakkunst (1887) S. 305 f., z. B. Maerlants Spegh. bist. 
V, 21, 22 Ceres es eene stat H Endi Daer een lant na gheheeten si Daer die 
home zijdwulle dragen. Ebd. 3®, 16, 60 Com met an mi Want ic sere gevenijnt si. 
Ebd. !•, 43, 44 Want hi kern besniden liet Vanden vleesche, alse ghi stet. Vgl. 
Franck, Mnl. Grammatik § 169. 

27. 28. Vgl. Dodesdanz v. 1489 vs. 185. Din losent unde bindent was hely 
vullenkomen unde gans. Ebd. 303. Der hocheit werstu nu ein gast (die von dem. 
Herausgeber missverstandene Stelle ist zu übersetzen : 'Deiner hohen Stellung wirst 
du nun fremd d. h. beraubt'). 

30. Vgl. Dodesdanz v. 1489 vs. 169 Her pawes du iverest hoch geresen in State, 

53. wil Imperativisch wie v. 284 u. 323 wiU, 235 wul. 

63 fF. Vgl. Dodesdanz v. 1489 v. 211 ff. Her keiser du wer est gekoren to 
einem Heren. De cristenheit to vorstan unde to regeren Mit dem swerde der recht- 
verdicheit ; ebd. v. 221 f. Stis heft giricheü unde hovardie di vorblent Dattu di 
sulven nicht hefst gekent. " 

78. negensins 'durchaus nicht', vgl. Mnd. Wtb. 4, 209. 

107. Den Armen hastu kein Leid abgewandet' hestu aus v. 106 gilt für den 
folgenden Vers mit, vgl. v. 266. 330. 386.. Unklar ist v. 205. 

184. nar 'nach'. Mittelniederländische Form. Da die mnd. Form na keinen 
Reim ergeben hätte, so hat der Urheber des lübischen Totentanzes die mnl. Form 
der Vorlage hier und vs. 332 beibehalten, während innerhalb des Verses stets na 
gesetzt ist, vgl. v. 236. 313. 

188. gummen 'Herr, Mann' . Melle's Abschrift überliefert nur we«, ohne 
anzudeuten, dass vor diesen Buchstaben einige andere unlesbar geworden waren. 
Trotzdem wird man letzteres hier und in einigen anderen Versen zu Beginn der- 
selben annehmen dürfen, vgl. v. 194. 289. Das Wort gummen findet sich noch 
in dem Ravenbergischen Ausruf 'o gum ! o gum ! Oh Wunder ! eigentlich oh Mann 1' 
Ferner heisst in einem holsteinischen Kinderspiel der beim Lauf zuerst das Ziel 
erreicht Gumm. Vgl. Schütze, Holst. Idiot. II. S. 78. 

229 ff. Mantels S. 7 bemerkt: 'Dass diese Worte an den Bürgermeister 
gerichtet sind, beweist der im Einzelnen gleichlautende Text von '[1489 und] 1496'. 
Vgl. Dodes danz hrsg. von Baethcke v. 711 ff. 

236. medecin ist die mittelniederländische, dem Französischen entlehnte 
Bezeichnung für 'Arzt', mnd. arste, arstedien. 

243. heseen mnl. besien heisst 'besehen, besuchen, untersuchen, abwarten'. 
Hier ist wohl der Sinn, dass der Tod wie ein Arzt den Kranken besieht und die 
Prognose (ordel) stellt. 

255. vorsaden ist an dieser Stelle unerklärlich und scheint entstellt, ohne 
dass eine ansprechende Besserung sich leicht darbietet. In den Zusammenhang 
würde der Gedanke passen 'Ich habe mein ganzes Vermögen in Korn angelegt, 
und meine Böden sind damit angefüllt, ohne dass ich jetzt schon weiss, an wen 
ich es verkaufe.' 'Baethcke schlägt vor, vorladen statt vorsaden zu lesen. Die in 
paläographischer Beziehung leichte Änderung erscheint aber anstössig wegen des 
rührenden Reimes. 

273. Die Reimbindung vlesch: gest ist wahrscheinlich der mnl. Vorlage ent- 
lehnt. Mittelniederländisch lauten die Worte vlees: gheest und können mit 
einander reimen. 

294. gheven, das in Melles Abschrift sich findet, giebt keinen in den Zu- 
sammenhang passenden Sinn. Das dafür eingesetzte gheve (mnl. ghave, gheoe, mhd. 
gabCy ostfries. u. westfal. gäve\ heute nhd. nur noch in der Redensart 'gank und 
gäbe' gebräuchlich, hat die Bedeutung 'untadelhaft'. 



80 

205. tor i>romtcheü *zum Nutzen'. Gegen Mantels' Ergänzung rechtverdicheit 
^Gerechtigkeit' ist einzuwenden, dass die Gerechtigkeit des göttlichen Gerichtes ja 
auch statt hat, wenn der Kaufmann unrecht gehandelt hat. Nicht die Gerechtig- 
keit, sondern die Rechtfertigung kann dem Kaufmanne in Aussicht gestellt sein. 

301 ff. Der Küster findet sich von allen alten Totentänzen nur im Lübecker 
von 1463 und in dem der Marienkirche in Berlin. Da er sich Hoffnung auf en grot 
officium 'ein grosses Kirchenamt', also auf eine höhere Weihe (als Diaconus, Pres- 
byter oder gar Bischof) gemacht hat, muss er als Kleriker gedacht sein, der von 
den vier niederen Weihen (Acoluth, Exorcist, Lector, Ostiarius) zum mindesten die 
niedrigste, nämlich die als Ostiarius empfangen hat, dessen Kirchendienst mit dem 
des Küsters zusammenfiel. Auffällig bleibt bei dieser Erklärung jedoch, dass der 
Küster überhaupt voraussetzt, später ein höheres Kirchenamt zu erhalten, da in 
der Praxis die für die höheren Weihen bestimmten Kleriker (ausser Rom) die 
niederen Weihen gar nicht zu erhalten pflegten. Auch war es nicht einmal not- 
wendig, dass der Küsterdienst einem (niederen) Kleriker übertragen werden musste, 
auch ein gut beleumdeter Laie durfte ihn thun. Bemerkenswert ist, dass der 
Küster im Lübecker Gemälde in Laientracht, im Berliner als Kleriker dargestellt ist. 

332. klusenaer *Klaussner', mittelniederländische Form, vgl. mnl. clusenare, 
mnd. klusenere; mnl. moordenaer, mnd. mordenere. 

335 ff. Die hier dicht neben einander gesetzten Fremdwörter romanischen 
Ursprungs conciencie, purgert, tentert, temptacie sind wahrscheinlich schon in der 
mnl. Vorlage enthalten gewesen. Die mnd. geistliche Poesie und Prosa verwendet 
zwar derartige Fremdwörter gelegentlich, so gehäuft begegnet man ihnen gewöhnlich 
aber nur in mnl. und solchen mnd. Schriften, die aus mittelniederländischen über- 
setzt oder durch mnl. Vorbilder beeinflusst sind, z. B. in vielen im 15. Jahrb. in 
Westfalen geschriebenen geistlichen Tractaten. 

373. der deve gank, Apposition zu nacht, *die Zeit, wo die Diebe auf Raub 
ausgehen', vgl. ulenvlucht *die Zeit, wo die Eulen fliegen', Stockh. Vogelsprache 
10. IG (nd. Jahrb. XIV., 129), Mnd. Wtch. 5, 1. — Ais Appostion kann gank im 
Nominativ stehen, obgleich es sich auf den Dativ der nacht bezieht, vgl. Dodes 
danz von 1489 v. 73: Men leset van einem riken van gelde, ein unedelman; Boek 
der profecien von 1493 Bl. 62 (angemerkt von Baethcke a. a. 0.) Men lest van 
einem doctor, ein vornotnen man; Chroniken d. dtsch. Städte 19 (Lübeck Bd. L, 
hrsg. von Koppmann) S. 195 (vgl. Nissen, Middelnedertysk Syntax § 19) vormiddest 
eyme ghestliken personen, en lesemester in sunte Franciscus orden, 

379. unde er minne *und eher Barmherzigkeit'. 

BERLIN. W. Seelmann. 



81 

Mittelniederdeutsche Pflanzen- 
glossen. 

Ira folgenden bringe ich aus einer Königsberger Handschrift, die 
wahrscheinlich noch aus dem 12. Jahrhundert stammt, einige mnd. 
Glossen zur Kenntnis, die durch ihre Gestalt wie durch ihr Alter den 
Fachmann interessieren dürften. Die volle Endung -a (10 merhz, 
15 baia (?), [35 paßanaca,] 38 drefna, [63 houerella, 70 lotiefca,] 73 al- 
runa^ 75 papla^ 83 daunettla (?), 92 wegabrcda, 96 ftenbreca, [97 kun- 
nella]), wie die Nichtbezeichnung des Nasals (17 bife^ 24 scafbife^ 
54 u. 91 bijse, 55 madalboni, 94 mccopl) legen die Vermutung nahe, 
dass die Glossen zum Teil aus einer älteren, der as. Zeit angehörigen 
Handschrift übernommen sind. Mit einem Stern * bezeichnet sind 
diejenigen Glossen wie lat. Pflanzennamen, die ich in der hier vor- 
liegenden oder einer nahestehenden Form weder in Diefenbachs beiden 
Glossarien noch in einer der späteren Veröffentlichungen nieder- 
deutscher Pflanzenglossare, wie sie hier und da in Zeitschriften und 
Programmen zerstreut sind, habe finden können. Es sind übrigens 
Interlinearglossen ; der Übersichtlichkeit wegen ist die Anordnung hier 
geändert. Die Kompendien sind aufgelöst. Über einigen der hier 
unglossiert verzeichneten Pflanzennamen zeigt die Hs. Rasuren ; die 
Anwendung der üblichen Chemikalien führte zu keinem Resultat. 

Bisher hat niemand auf die Hs., die mancherlei Interessantes 
bietet, aufmerksam gemacht, und so sei es mir gestattet, eine Be- 
schreibung vorauszuschicken. 

Cod. ms. Regiom. 17 HS, vorn innen alte Sign. B. 161. Perg. Grenzscheide 
des 12. u. 13. Jahrh. 87 Blätter. 20,5X13,8 cm. Zweisp., 24 Zeilen, fast 
durchweg auf vollständigem Schema von verschiedenen Händen geschriehen. 
Bote Überschriften; BI. 2a ein goldener und ein blauer, sonst rote und grüne 
Initialen mit Rankenwerk^ meist gelb ausgemalt; Bl. 12b u. 14a grössere Initialen 
beabsichtigt ; in einigen Partieen rot durchstrichene grosse Buchstaben. Quaternen, 
einige mit alter Zählung am Schluss. Die Hs. ist greulich verbunden: die 
5. Lage (Bl. 34—41) gehört hinter Bl. 25, die 10. Lage (Bl. 71—78) an den 
Schluss hinter Bl. 87 ; aus den beiden letzten Lagen zu je 4 Bl. wird 1 Quat., wenn 
man, wie der Inhalt es verlangt, Bl. 84 vor Bl. 80 und Bl. 85 u. 86 vor Bl. 82 
legt. Bl. 79, auf das ich noch zurückkomme, ist mit schmalem Falz für sich 
allein geheftet. Von der 8. Lage sind die drei letzten Bl. (hinter Bl. 62) weg- 
geschnitten (Lücke). Als Vorsatz (heute vom Deckel abgelöst und = Bl. 1) ist 
ein wahrscheinlich einem alten Psalterium entstammendes Pgbl. benutzt, welches 
auf der Vorderseite in schwarzer, mit blassem Rot schattierter Federzeichnung 
den König David mit der Harfe auf einem Thronsessel sitzend zeigt; Bl. 59b 
eine begonnene, Bl. 60a und 62b ausgeführte schöne Federzeichnungen. Holz- 
deckel mit weissem Lederüberzug; ehemals wohl mit Kette, wie die noch vor- 
handenen Nägel am hinteren Deckel schliessen lassen. 

Das Inhaltsverzeichnis Bl. Ib in grober Cursive des 15. Jahrh. ist ebenso 
unvollständig wie ungenau, Die Hs. enthält 

1) Bl. 2a — 2b. Pronostica Galieni (Rot in verzierter Kapitalschrift.) 
Auf.: PEouidit galienuf in corpore humano. Ende: inuenief 
radicem eiuf totam pallidam. 

Nlederdeateolies Jahrbuoli XYIL 6 



82 

2) Bl. 2b — 12b. Medizinische Rezepte, Notizen ans einem Lapida- 
rium, aus einem Tractatus de urinis etc., regellos zusammengeschrieben. 

3) Bl. 12b — 51a. Des Nicolaus Salernitanus Antidotarium. 
BI. 12b — 13b. Register. A n f. : (E)Oo nicholauf rogatuf a quibuf- 

dam. Ende: et libidinem potenter excitat, 

4) Bl. 51a — 54b. Desfelben Tractat de dosibus medicinarum. 

Auf.: Quia sufficienier de difpumatione (!) omnium confectionum. 
Ende: et amicorum plenitndine gaudeant et glorientur. Hierauf 
Verzeichnis: Carpohalsami undas IL — trifolii acuti drach- 
mam L lacterici drachniam I. 

5) Bl. 54b — 57b. Desfelben Synonyma medicinarum. 

A n f . : Expletis auteln specierum ponderibus. Ende: Vncorxaria 
i, e. flos agni casti vel Salicis marini, 

6) Bl. 57b — 59a. Ad connossendas (!) herbas (rot) in colore (dar- 
unter in kleinerer Schrift schwarz). 

Auf.: Aloes epaticum purpureum» Ende: Sal gemnia alba pure 
subere et lucide bonum, 

7) Bl. 60b— 62a. Des Aegidius Carboliensis Verse de urina- 
rum iudiciis (Fragm.) 

Auf.: Dicitur urina quoniam sit renibus una, Ende: Et tal&m 
servans constanti tempore formam, 

8) Bl. 63a. Lateinisches Herbarium mit nd. Glossen. 

9) Bl. 63b— 73b und Bl. 80a— 87b. Diversae curationes. 

Bl. 63b— 64b. Register. Bl. 65a. Überschrift: Hec svnt diverse 
curationes ad dolorem capit (rot in Capitalschrift ; die letzten Buchst, 
weggeschnitten). 

Auf.: Coro?ia de agritnonia fa^ta, Ende (Bl. 73b.): uulneribus 

et uexationibus prosunt. 

10) Bl. 73b — 78b. Medizinische Rezepte, die mit den Diverse curationes, 
soweit das diesen vorausgeschickte Register schliessen lässt, in keinem 
Zusammenhang stehen. 

11) Bl. 79a — 79b. Medizinische Rezepte. 

Auf.: Antidotum quod stom^aco prodest. 

Dies Bl. ist, wie schon oben erwähnt, für sich allein geheftet und hat 
einst, wie eine am unteren Rande desselben ausradierte Besitznotiz zeigt, den 
Anfang einer medizinischen Hs. gebildet. 

Über die Herkunft der Hs. schliesslich geben zwei Besitznotizen Auf- 
schluss: Bl. Ib am oberen Rande: F. Jacobus Coloniensis prior. Bl. 2a am 
Fusse: Über sancte marie inpolplin. Danach scheint die Hs. vom Niederrhein, 
wohin auch die sprachliche Eigentümlichkeit der Glossen deutet, nach dem 
Cisterzienserkloster Pelplin in Westpr. gelangt zu sein. Im Liber mortuorum 
monasterii Pelplinensis (hrsg. von Kgtrzyriski = Monum. Poloniae 'bist. IV. 73) 
wird 1564 der Tod eines Jacobus sacerdos et monachus et prior verzeichnet; 
ob dieser mit dem ehemaligen Besitzer unserer Hs. identisch ist, scheint mir 
deshalb zweifelhaft, weil die zweite Besitznotiz ihrem Schriftcharakter nach 
schwerlich über das Jahr 1500 hinausgerückt werden darf. 

(Bl. 63a.) 



agrimonia 
artemefia biuot 
acerra 

aquileia aquüeia 
5 alleluia hukuchefloc^ 



alidula furcle 
atriplex melde 
arundo rid 
anetum 
10 apium merha 



g^ 



alleum loc 

abfintium dlfne 

apirrifium 

balfamita 
15 bacca baia 

beta Bomef col 

biblus bife 

bitannus* 

celidonia fcelworte 
20 carica mure 

caudacaballina cattenßert 

cepe uniun 

canaps anep 

carix scaf Mfe* 
25 cirpus be^e 

cirmus 

citifus dauere*^ 

cardus ditel 

corimbus fructus edere 
30 ciminum cimmin 

coUiandrum 

cerfolium keru^le 

camamilla hundeblome* 

cicuta 
35 daucuT paßanaca* 

ceuefcion fcuifun 

enula 

edera drefno* 

erucus walric^ 
40 ebulum adic 

fragum erdbeire 

fragifolium erdbeirblat 

feniculum uenecal 

fungus banet* 
45 filix tuxren 

gingiber gigeberre 

gilconum mire 

galbanum galegan u. galange (?) 

genifta bram 
50 gladioluf Ufc 



hinnula 

iufquiamum belne 

yfopum yfopo 

iuncuf bize 
55 amigdaluT madalbom 

auellana afelnote 

ater fledorn 

atrile fle 

alauT elf 
60 abief dan 

gariofileta 

lanciolata ribbe 

labrusca bouerella* 

lactuca latuc 
65 lappa clithe 

lactaridef* melquid* 

lupinum 

lilium lilie 

ligustrum widebinde 
70 libifcus louefca* 

lentifcus 

mufcus mof 

mandragora dlruna 

moyfika mufeke 
75 malua papla^ 

mirica 

madiger* colfcot 

maratrum uenekcA 

mentriastrum erfminte 
80 morum 

marubium marubie 

millefolium garwe 

nepita daunetcla 

pilosella mufhore 
85 piretrum pet . . (?) 

porrum poret* 

petrofilinum perfeie* 

potentilla millefolium 

primula 
90 polipodium bomuarn 



6. afidula = acedula; vgl. Diefenbach, N. Gl. XIV., 38 a. E. „ce, ci häufig 
mit se, si verwechselt, folglich so ausgesprochen." (Citat aus Hoffm. Sum ) — 
15. 1. beira (?) vgl. 41. erdbeire u 42. erdbeirblat. — 22. vgl. oinjun D. Gl. 113. 
25 vgl. befen D. Gl. 519. — 28. 1. diftel — 44. vgl. D. N. Gl. 186 schwam 
(fungus) est vetus pannus. — 47. vgl. D. Gl. s. v. glicinum die Glosse mirrych, — 
52. Die Lesung der 2. Glosse ist schwierig, könnte auch galanot heissen. — 
57. 1. acer (?) vgl. D. Gl. 8 acer hagdorn. — 79. 1. mentastrum; vgl. D. Gl. 356 
herBe-myncze u. hiersche mente. — 83. 1. daunetHa (?) 

6* 



84 



faxifraga ftenhreca 
farpillum hunnella 
faluea falge* 
fauina faaelbom 



papirus bi^e 

plantago wegabreda 

pulegium album (in marg.) hoge^ 

papauer mecopl 
95 rafanum radicf 

Ausserdem finden sich noch auf der Rückseite des Blattes fol- 
gende Glossen: 

sure brade 

veretri ters 



94. Bei der Schwierigkeit, die diese Glosse bietet, habe ich es für angezeigt 
gehalten, die Kompendien nicht aufzulösen. Vgl. D. Gl. 410 mancopzaet. 

. BONN. Fritz Milkau. 

• • 

Die älteste deutsehe Übertragung 

des Dies irae. 

Ungewöhnlich gross ist die Zahl derer, die mit mehr oder 
weniger Glück eine Übersetzung des sogenannten Gigantenhymnus 
ins Deutsche versucht haben ^). Nach dem Vorgange Mohnikes^), der 
sich jedoch noch sehr vorsichtig hierüber ausdrückt, haben Lisco^) 
und Koch*) des bekannten Eiferers Johannes Frederus Lied „Christus 
thokumpft ys vorhanden ^^) (1558) an die Spitze der deutschen Be- 
arbeitungen gestellt, durchaus ohne genügenden Grund, wie mir 
scheint; wenigstens dürfte man mit gleichem Recht jedes beliebige 
Lied eschatologischen Inhalts, wofern es jünger ist, in ein Abhängig- 
keitsverhältnis zu unserer Sequenz setzen. Danach haben wir als die 
älteste deutsche Nachbildung das namenlose Lied „Es ist gewißlich 
an der Zeit^^^), dessen ersten Druck Wackernagel um 1565 ansetzt, 
anzusehen. Als die älteste deutsche Übersetzung aber gilt heute'') 
Martin Mollers Lied ;,Der letzte Tag nu komen wird^®) aus dem 
Jahre L584. Ich bin nun in der Lage, aus einer Königsberger Hand- 
schrift vom Ende des XV. (vielleicht Auf. des XVI.) Jahrh. eine 
meines Wissens bisher unbekannte niederdeutsche Übersetzung des 
Dies irae mitzuteilen, welche sich inhaltlich ziemlich eng an das 
Original anlehnt und reichlich ein halbes Jahrhundert älter ist als 
selbst die älteste uns bisher bekannte Bearbeitung (1565). 



*) Kayser, Beiträge zur Geschichte und Erklärung der alten Kirchenhymaen 
II 225 (1886) schätzt die Anzahl der deutschen Übertragungen des Dies irae 
auf achtzig bis hundert. 

^) Kirchen- und litterarhist. Studien u. Mittheilungen I, 1/ p. 73. (1824). 

^) Dies irae, Hymnus auf das Weltgericht Sp. 99. (1840). 

*) Geschichte des Kirchenliedes VIIF 660. (1876). 

^) Wackernagel, Kirchenlied III N. 237. 

®) Wackernagel, Kirchenlied IV N. 490. 

') Kayser a. a. 0. II 224. 

®) Wackemagel, Kirchenlied V N. 71. 



85 

Dem niederdeutschen Übersetzer hat der liturgische Text der 
Sequenz vorgelegen, wie ihn das Missale Yen. von 1479 bietet^). Nicht 
lange nach dessen Druck wird unsere Übertragung, der übrigens auch 
hinsichtlich ihres poetischen Wertes nicht der letzte Platz unter den 
vorhandenen Übersetzungen anzuweisen sein dürfte, entstanden und 
aufgezeichnet sein. Da Steffenhagen in seinem Verzeichnis der alt- 
deutschen Handschriften zu Königsbergs^) aus einem mir unbekannten 
Grunde den Codex, aus dem ich meine Mitteilung schöpfe, übergangen 
hat, gebe ich hier eine Beschreibung desselben. 

Cod, ms. Eegiom. 1859. Perg. XV. Jahrh. 188 Bl. (nach Bl. 59, 77, 
84, 88, 105, 113, 120 und 150 Reste von je einem ausgeschnittenen oder aus- 
gerissenen BL, ohne Lücke). 11,1X15,5 cm. 24, auf den letzten drei Bl. 
20 — 25 Zeilen, einsp. und ohne Horizont., nur Bl. 181b und 182a zweisp. 
Blaue, rote und gelbe Initialen, häufig in feiner Ausführung mit aufgelegten 
Gold- und Silberstreifen und Arabesken, meist auf purpurrotem Grunde. Kand- 
verzierungen mit sauberen goldenen Linien Ornamenten auf purpurnem oder bunten 
Blumen und Tieren auf lichtem Goldgrund. Kote Überschriften und, soweit die 
erste Hand reicht, rote Kommata; die lateinischen Anfangsworte der Psalmen 
sind rot unterstrichen. Meist Quaternen, ohne Bezeichnung. Mit drei sehr sorg- 
fältig gemalten Bildern : 69b Ecce homo; 127a Christus am Kreuz; 148b Kreuz- 
abnahme. — Holzdeckel mit blindgepresstem Leder und dieses wiederum, was 
freilich nur noch dürftige Beste bezeugen, mit schwarzem Sammet überzogen; 
mit silbernen vergoldeten Buckeln in Kosettenform, Schlössern und Schliesshaken- 
haltern in Gestalt von Engelsköpfen, welche hier die Stelle der bei weniger 
kostbaren Einbänden üblichen Haftbleche und Deckelkantenbeschläge vertreten. 
Das Mittelstück des vorderen Deckels aus demselben edlen Metall zeigt in kreis- 
rundem Binge den Apostel Andreas mit dem Heiligenschein, die rechte Hand 
auf sein vor ihm stehendes Kreuz gelegt, während die linke ein Buch hält. 
Die Schliesshaken, das Mittelstück des hinteren Deckels und noch andere Be- 
schläge, für deren ursprüngliches Vorhandensein die Löcher in den Deckeln 
sprechen, fehlen heute. 

Die Hs. enthält 

1) 6a— 169b (1 — 5 weiss). Die Psalmen nd. 

Überschrift: Delfen falmen lyfz dat godt de werldt beware vor 
vouere vnde ketter e de criftenheit (rot). 

Anf. : BEatus vir qui non dbijt in confilio impiorum. He 
is eyn falich man, de nicht en ghinck an deme wege der hofzen, 
Ende : Hir wert endighet de pfalter dauid. 

2) 169b — 181a. Vnde nv volghen himegest de Cantika de men in 
dermetten finghet Canticum yfaie (rot; am Rande schwarz: 
Mandach). 

Anf.: COnfitebor tibi domine quoniam iratus es. Here iek wyl 
dy louen wente du biß tornich op my. Ende : Ere fy deme vader. 

3) 181a — 184a. Hirnegheft volghet de Letanie tho allen godes 
hilghen. de lis gerne vaken: (rot). 

Anf. : KYrieUyfon Here vorbarme dy ouer vns. Ende : Deo Qracias. 

4) 185a. Ein Gebet, nd. 

Anf. : du moder godes Ih arme funderinne. 

•) Ich schliesse dies aus dem quia in der Überschrift der 9. Strophe, welches 
die Lesart des Missale Ven. ist ; das Lübecker Missale (bald nach 1480) verbesserte 
qua. Die vulgäre Lesart ist quod. Vgl. Kayser a. a. 0. II 204. 

»0) Z. f. d. A. Xm = N. F. I 501—574. 



86 

5) 186a — 188a. Die Sequenz Dies irae nd. 

6) 188a — b. Liturgische Bemerkungen. 

Auf.: In der mitten der laudes na deme te deum h/udamus. 

Die erste Hand reicht bis 83b, die zweite bis 184a; die drei letzten 
Stücke sind von ebensoviel verschiedenen Händen geschrieben, 4) und 6) in Cursive. 

Die unter 5) verzeichnete Sequenz folgt hier in vollständigem Abdruck; 
die Abkürzungen sind wie schon vorher aufgelöst und die zum Teil vorhandene 
Interpunktion ist ergänzt. 

Dies ire dies illa Soluet feclum") 

1. En dach des tornes de dach ys ghenant, 
Dede werlt in deme vure vorbrant. 

Dyt bethuget vns dauid de pfalmifte, 
Dar to Sybilla de heydenfehe profetyffe. 

Quantus tremor eft futurus 

2. Wylk eyn beuent tokamende ys vnde lede, 
Wenner erfchynende is de richter fittende to rede, 
AUent dat van ambegynne ys gefcheenn, 
Strenghe den wert richten vnde vptheenn! 

Tuba mirum fpargens fonum 

3. Eynen wunderliken lut wert de baffune geuen 

Auer alle graue der doden vnde dede den noch leuen, 
Dat fe alle van dode moten vpstann 
Vnde vor dat ftrenghe richte ghann. 

Mors ftupebit") et natura cum 

4. Vorwunderen werden fyck den noch mere 

De greflike doet vnde mynfchlike nature fere, 
Dat fick de creature van dode vorheuen 
Vnde deme ftrengen rychter antwurde gheuen. 
186b. Liber fcriptus proferetur In quo to 

5. Dat gotlike boek gefcreuen wert den vorgebracht, 
Dar alle fake der funde fyn ynne bewracht, 
Dede van ambegynne der werlde fyn gefchen. 

Na dyffeme boke wert de rychter fentenceren^^). 

Iudex ergo cum fedebit nil") 

6. Wenner de rychter den wert fyttende dar. 
Alle hemelike funde den werden apenbar; 
Den yn der fulueften tyt vnde ftunde 
Nicht vngewraken blyuen de fware funde. 

Quid fum mifer tunc dicturus 

7. Wath fchal yk arme mynfche dar reden vnde fpreken, 
Wenner de richter fo nouwe werth leggenn^^) vnde rekenn ? 



") Die lat. Anfangsworte sind rot. 
") Hs. ftuheUt 

*') Hs. fentQaeren; nach diesem Wort folgt in einer fünften Zeile darunter, 
aber offenbar von derselben Hand, ein sehr störendes allen. 
") Beginn der dritten Zeile des lat. Textes. 
**) Hier doch wohl prägn. = recht leggen; vgl. Schiller-Lübben II 654. 



87 

Wen fchal yk vor eynen vorfpreker wthkefenn, 
Wente de rechtuerdige dar kume kan genefen! 

Kex tremende maieftatis 

8. du konyngk der beuende maieftet vnde werdicheit, 

De du de wtherkaren falich makeft dorch dyne barmherticheit, 
du aueruletende born der myldicheit, 
Make my falich dorch dyne gruntlozen gudicheit. 
187a. Recordare ihefu pie qua") fum caufa 

9. Wes den dechafftich o Jhefu mylde, 

Eyn orfake byn dynes weges dar to dyn bilde. 
In deme daghe lath my nicht vordomen, 
Vppe dat de bofenn geyfte fik auer my nicht vorromen. 

Querens me fedifti lalTus 

10. Gefocht hefftu my gefeten vormodet naket vnde blöt, 
Ok my vorlofet vnde yn deme cruce geleden den döt. 
Sodan fwar arbeyt vnde grote pyn, 

leue here, lat vmme fus vor my nicht gefchen fyn. 

Jufte iudex vlcionis, donum fac r' 

11. rechte richter der funde eyn ftrenge vreker, 
Gyff my de gaue dyner vorlatynge feker, 

Ere de ftrenge dach wert kamen vnde befenn, 
Dar alle rekenfchop van den funden wert yn fchen. 
Ingemifco tanquam reus, culpa rubet 

12. Alfe eyn fchuldich funder yk den wol mach fuchten 
Vnde dar beneuen^*^) my ok fere bevruchten^*^*), 

De rode verwe mynes antlates wert my melden, 
Spare my, here, yn dynem torne wil my nicht fchelden. 

Qui Mariam abfoluifti 

13. Dedu magdalenan ere funde hellt vorlaten 

Vnde des fchekers bet vorhoret, van eme wtgegaten, 
My dar ynne eyn hopen vnde bilde gegheuen, 
here hiefu, lat my myt dy ewich leuen. 
187b. Preces mee non funt digne 

14. Myne bede fyn nicht werdich vnde fo goeth, 
Ouerft vppe dyne gudicheit drege ik eyn moet; 
Bewys my de yn de tyt der gnaden, 

Dat my dat ewige vur nicht möge fchaden. 
Inter oues locum prefta et ab hedis me 

15. Manck den lammeren vnde fchapen to der vorderen hant 
Gyff my eyne ftede yn dynes vader lant; 

here, van den bücken my denn afffchede, 
To dyner vorderen hant gyff my eyne ftede. 



*')"Hs. heueuh. 
"») Hs. hevrucMe. 



88 

Confatatis maledictis flamm 

16. De vormaledynge fy verne van my vordreuen, 
Dar de vordomeden moten ewich yn leuenn; 

Efke my to dynen benedieden to der vorderen hant, 
Dat yk nummer werde vorlaren^®) 

Oro fupplex et accliuis**), cor contritum 

17. Ick rope to dy biddende vnde dor myn ogen nicht vpheuen; 
Van ruwe ys myn harte alfe afche towreeuen; 

D du falichmaker achte myn lefte ende, 
Entfange myne feie yn dyne hende. 

Ijacrimofa dies illa, qua refurget 

18. Sere bedrofflick vnde wemodich ys de dach, 
Dar ne ynne fodan Wunderwerk fchach, 

Dat van der afken de mynfchen fyn vorwecket 
Viide to^^) deme ftrengen rychte getrecket. 
188a. ludicandus homo reus, huic 

Van der gantzen werlt de funder den werden besecht, 
Dede yn velen creaturen ere falycheit hebbenn gelecht^^). 

Pie hiefu domine dona eis 

here Jhefu^^) fe de den ouer nicht fo nouwe to rvchtende^^), 
Gyff den wtherkaren feien de ewige vroude. Amen. 



*®) Lücke, keine Rasur; ein Umstand, der im Verein mit der ungeübten 
Hand und der bis jetzt nur einmal konstatierten Überliefeining unseres Stückes zu 
der Vermutung führt, dass der Übersetzer seine Übertragung selbst niedergeschrieben 
und sich die Ausfüllung der Lücke vorbehalten hat. 

^®) Hs. accliuis. 

^^) Der untere Aussenraud des Bl. ist, wahrscheinlich durch Feuchtigkeit, 
stark geschwärzt, so dass die Zeilenanfänge dieser Strophe nur schwer, der Beginn 
der 4. Zeile überhaupt nicht zu entziffern ist. 

^*) Soll das vielleicht heissen : Die ihre Seligkeit in irdischen Dingen gesucht 
haben? (velen vielleicht zu fei 'falsch'?) 

22) Hs. Ih ' n. 

23) Der dritte Buchstabe ist verwischt, kann aber an dieser Stelle kaum 
etwas anderes sein als c; gegen die Lesung rv hege ich deshalb Misstrauen, weil 
nirgends sonst in diesem Stücke inlautend v für u geschrieben wird ; auch mit der 
am nächsten liegenden Lesung w weiss ich nichts anzufangen; schliesslich scheint 
der Reim die Streichung des schliessenden de zu fordern, wenn man nicht Schreib- 
fehler für 'den annehmen will. Könnte man wohl ändern to rechten und übersetzen : 
Sieh dann nicht so streng zum Rechten? Jedesfalls ist dies keine befriedigende 
Lösung. 

BONN. Fritz Milkau. 

Zu Fritz Reuters Dörehläuehting. 

Über die Abstammung Dörchläuchting's und seinen Regierungs- 
antritt berichtet Reuter im ersten Kapitel seiner Erzählung (Volksausg. 
Bd. 5, S. 9 f.) folgendermassen : 

„Adolf Fridrich IV., Herzog von Meckelnborg-Strelitz was an Saehn von 
den Prinzen von Mirau (Mirow), mit den de oll Fritz in sine 



89 

flotten Bheinsbarger Johren sinen Spijök bedrew; hei folgte in de 
Eegirung up Adolf Fridrich III., de woU vele Schulden, awer keine Kinner 
hinnerlaten hadd. Wii hei sewerst noch nich vull föfteihn Johr olt was, höllen 
sei em tan't Regiren noch nich rip, wat 'ne grote Dummheit was, denn irstens 
was hei rip. Worum? Hei is seindag' nich riper worden; tweitens hadd jo 
sin leiw Mutting för em regiren kunnt, un drüddens hadd den sin Herr Vedder 
Liebden, Krischan Lurwig von Meckelnborg-Swerin, sin meckelnhorg - strelitzsches 
Reich nich mit Krieg awertrecken kunnt, denn he hadd ok stark in den Sinn 
för em tau regiren; kämm aewer nich recht dortau, denn de Mutter van dat 
Kind, 'ne Prinzess van Hildborgshusen, knep 's Nächtens mit ehren lütten Herzog 
ut un lep mit ehm nah Gripswold. Hir let sei ehm studiren lihren, denn, wenn 
ok nich tau't Regiren, tau't Studiren was hei rip ; sei sülwst aswer schrew en langen 
Breif an den „ Reichshof rath" un wes 'nah, dat ehr Kind en anner Kind wir, 
as anner Kinner; dat dat all von Lütt up an hellsehen klauk west wir un, 
wenn't nu nich bald vulljöhrig spraken würd, licht aewerrip warden künn tau'm 
Schaden von de meckelnborg-strelitzschen Landen. De „ Reichshof rath" sach dat 
in und ded ok en Inseihn, hei sprok unsen Dörchläuchten vulljöhrig, un Vedder 
Liebden Krischan Lurwig von Swerin müsste mit 'ne lange Näs' aftrecken un 
de Part von dat meckelnborg-strelitzsche Reich, Nigen Bramborg, de hei mit 'ne 
Armee von fiw Kumpanien besett't hadd, wedder 'rute geven." 

Woher entnahm Reuter die Angaben über diesen kleinen Fürsten 
aus der Nachbarschaft von Rheinsberg V Man d(mkt zunächst an den 
Briefwechsel des Kronprinzen, im besonderen an die ,, Briefe Friedrichs 
des Grossen an seinen Vater, ^ die 1838 zu Berlin in Sonderausgabe 
erschienen sind; allein es ist wohl so gut wie sicher, dass er nicht 
diese selbst, sondern die Auszüge daraus in Tliomas Carlyle's History 
of Friedrich IL of Brussia benutzt hat. Dieser berichtet B. X., Kap. 3 
(Ausgabe in 10 Bänden: London, Chapman and Hall Bd. 3, S. 235 ff.) 
ausführliches über den Prinzen von Mirow, der für englische Leser 
als Vater der Königin Charlotte von besonderem Interesse ist. Be- 
sonders zu beachten ist der Auszug, welchen Carlyle aus einem Briefe 
des Kronprinzen an seinen Vater vom 26. Oktober 1736 gibt. Aus 
ihm hat Reuter nicht nur die humorvolle Schilderung der Hofhaltung 
eines deutschen Kleinfürsten des 18. Jahrhunderts in gewisser Weise 
zum Vorbild gedient, sondern es kehren auch einige Charakterzüge 
des Herzogs von Strelitz (des von Reuter erwähnten Friedrich III.) 
in der Schilderung Dörchläuchtings "wieder. Jener treibt in Musse- 
stunden das Schneiderhandwerk und verfertigt höchst eigenhändig sehr 
schöne Schlafröcke. Reuter hat diese Vorliebe für ^schöne Kledaschen^ 
auf seinen Nachfolger, Dörchläuchting übertragen, der sie allerdings 
nicht selbst verfertigt, sondern, sehr zum Schaden seiner Kasse, aus 
Paris kommen lässt. Ein anderer zu beachtender Charakterzug ist 
das menschenscheue Wesen des Strelitzers [He is extremely silly 
(blöde)]. Auch Dörchläuchting zeigt diese Eigenschaft, allerdings 
besonders weiblichen Wesen gegenüber. Besonders möchte ich noch 
auf eine Stelle aufmerksam machen. Wenn es nämlich S. 237 vom 
Herzog von Strelitz heisst: ,,His Hofrath Alt rock teils him as 
it were, everything he has to say^, so erinnert dies an das vertrau- 
liche Verliültnis, in welchem Hofrath Altmann zu Dörchläuchting 



90 

steht. Dass die Gemahlin des Prinzen von Mirow eine geborene 
Prinzessin von Hildburghausen war, konnte Reuter Carlyle entnehmen. 
Dagegen findet sich bei ihm kein Anhalt für die Erzählung von der 
Flucht der verwittweten Fürstin nach Greifswald. Vielleicht schöpfte 
Reuter diese Angabe aus einer anderen Quelle, möglich aber auch, 
dass er hier nur einen Zug aus Paul Heyses Schauspiel Hans Lange 
benutzt hat, wo die verwittwete Pommernherzogin mit ihrem Sohne 
Bogislaw ebenfalls nach Greifswald flieht und ihn dort mündig erklären 
lässt. Heyses Schauspiel erschien 1866, als Reuter mit der Abfas- 
sung des Dorchläuchtung beschäftigt war, und bei den „historischen^ 
Grundsätzen, zu denen sich der Dichter in der Einleitung seines 
Romans bekennt, scheint mir letzteres nicht unwahrscheinlich. 

NORTHEIM. R. Sprenger. 



Zu einzelnen Stellen mittelnieder- 
deutscher Dichtungen, 

Tan Sunte Marinen. 

(Abdruck der Helmstedter Hds. bei Bruns S. 144 flf. ; Ausgabe von Carl Schröder 

[mit Vruwenlof], Erlaugen 1869.) 

14. dar to gaf or de sote here 
dat se mit duMegem arbeide 
sculde under manlikem kMe 
van kinde gans or levent ut. 
St. gans setzt Schröder gän in den Text und erklärt sculde = 'sollte* 
(s. Wörterb.). Es ist aber Praet. von schulen^ sculen 'sich verbergen, latitare', 
gans or levent ut hat schon Bruns richtig wiedergegeben durch : 'ihr ganzes Leben 
hindurch.' — 'sollte' ist sonst in diesem Texte stets durch scolde wiedergegeben. 

104. Dar was en blek hi geleghen 
alse dar de kopVude plegen 
ore gut to hope bringen. 
De nionke voren dar na dingen 
der se in dem Master bedachten: 
up der kar se dat brachten. 
Um die Erklärung der Verse 107 ff. haben sich die Herausgeber vergeblich 
bemüht; auch Lübben z. Zeno V. 20 weiss sich dieselben nicht zu deuten. In 
der lat. Quelle (bei Schröder S. 9) heisst es entsprechend: et ibant monachi et 
afferebant quae necessaria erant monasterio. Die Stelle wird klar, wenn wir 
V. 108 des st. der schreiben uud dingen, das noch Sehr, durch 'Sachen' erklärt 
= 'einen Kauf abschliessen' (s. Mnd. Wb. 1, 520) fassen, bedenken erklärt sich 
dann einfach durch 'nötig erachten'. 

178 lies: Du salt nu mer in allem dinge 
besorgen dem des he bedarf. 
Statt des hat die Hds. de. Schröder: besorgen dat des he bedarf. 
251 ff. schreibt und interpungiert Schröder: 

se gingen unde bevoleden 
unde mit water spoleden 



91 

alse se woneden de mannes lif: 
wen he was van nature en wif, 
dat wart en al do kunt. 

wonen erklärt Schröder durch 'gewohnt sein', obgleich er bemerkt, dass 
diese Bedeutung im weiteren Mnd. nicht belegt sei. Auch wen in der Bedeutung 
*dass', wie es Sehr. (Wb. S. 69) fasst, ist nicht möglich, wonen ist 'glauben, 
meinen'. Der Ton liegt auf se woneden 'die vermeintliche Mannsleiche'. Nach 
lif ist Komma, nach wtf Punkt zu setzen und wen durch 'denn' zu tibersetzen. 

314. Über hequinen 'gedeihen' ist schon das richtige im Mnd. Wb. I., 
237 bemerkt. 

317. ungelik un hon. ungelik, wofür Sehr, nicht passend uhgeluk 
'Unglück' setzt, ist 'ungerechte Behandlung'. 

Vruwenlof. 

(Bruns S. 124 ff.; Schröder S. 19 ff.) 

13 ff. ist zu lesen: 

Wu mochte groter vravde sin 
wan dar en man unde en vruwe fin 
mit rechte hi en ander ligget, 
unde on de l&ve an siget, 
dat en den anderen mit ganser dat 
wen sik sulven lever hat. 
unde en de leve an siget 'wenn sie die Liebe bezwingt.' Über an sigen 
s. Hartmanns Iwein 6604 mit Lachmanns Anm. und Erek'^ 8795. Die Hds. 
hat txiget, was noch Schröder, obgleich er mit Recht bemerkt, dass dieses Wort 
im Mnd. nicht weiter belegt ist, wie Bruns durch 'zeigen' erklärt. Im Hartebok 
V. 269 (auch bei Schröder S. 6) lautet die Stelle ebenfalls entstellt: unde den 
de leve dat segget (; ligget). 

46. en gut wif is der vonden vunt. Bruns findet hier eine Anspielung 
auf Prov. Salamonis 18, 20; gemeint ist wohl V. 22: qui inveniet mulierem 
honam, invenit bonum. 

79. Der Sinn (vgl. 71 f.) verlangt: ore schin is nicht tigen reine wif 
'ihr Schein ist nichts im Vergleich zu reinen Frauen'. 

83. Statt an lachen enen werden man hat die Hds. die nicht zu be- 
zweifelnde Lesart: anlagen enem w. m. Über anlagen mit Dat. u. Acc. 'jemand 
bittend angehen, s. Mnd. Wb. I, 95. 

101. Up dem. angere scolde sucker stan 
dar de werden vruwen hen gan 
Bruns denkt sich den Anger mit Zucker bestreut. Dass aber an eine 
zuckerhaltige Pflanze zu denken ist, zeigt der Vergleich mit Wolframs Willeh. 
87, 30 geeret st velt unde gras Äldd der minn(jere lac erslagen. daz velt solde 
Zucker tragen al umb ein tagereise. 
103 f. liest die Hds. richtig: 

Nen man kan to vullen scriven, 
wat wunne kumpt van werden wiven. 
to vullen 'zur Fülle, völlig.' 

109 f. verstehe ich nur als zur Entschuldigung der 'wandelbaren' Frau 
gesagt und lese: 

Et enwart up erden nu so gut, 
et en umnne wol twivelmot 
'Es ward nichts so gutes auf Erden geboren, dass nicht zuweilen W^an- 
kelmut gewönne.' 



92 

113 schreibt Sehr.: we entsen aller vrüwen lif. Die Hds. hat entsiren, 
d. i. wohl entsiten 'sich ehrfurchtsvoll vom Sitz erheben/ 

116. Statt do ist wohl don zu lesen. 

Wolfenbtttteler Osterspiel. 

47 lies: jungeling (; ding). Vgl. die Auferstehung Christi hei Mone, 
Altteütöche Schauspiele V. 839. 

78 ff. sind wohl folgendermassen zu ordenen: 

Werte soke gy dre vrowen, 

Mit so groter rouwe 

Also vro an dussem grave 

ühde mit so groter klage? 

Bei Mone 997 ff. lauten die Verse: Wen sticht ir drjp frawen so fru 
in deseni tawe, so na* hif desem grabe, kunt ir uns dax gesage? 

103 lies Du st. Da. 

120 ff. Die ungeschickten unreinen Keime verraten die hochdeutsche Vor- 
lage; vgl. Mone 1025 ff. 

134 lies: verwundet lif, 

157. Woldestu de jodden hebben vormeden, 

Der merter en dechtestu nicht hebben geleden. 

Man ist versucht mechtestu st. dechtestu zu schreiben, doch vgl. auch 
ßrandan (Bruns) 539 : heddestu den tmn vermeden \ du en dechtest (Br. dethtest) 
der pine nicht hebben leden. Auch Lübben z. Zeno V. 20 weiss sich die Form 
nicht zu deuten. Vielleicht ist dedest zu lesen. 

168. Bistu herCy wo wir erwarten: *Bist du es, Herr?' s. Lachmann-Benecke 
z. Iw. 2611. 

172. Ungemaget gekoren weiss ich mir nicht zu deuten. Ist vielleicht 
Ungemannet geboren 'ohne Mannes Beihülfe geboren' zu lesen? 

Nach 204 fehlt ein Vers, der etwa folgendermassen zu ergänzen ist: 
Hude morgen, do ik to dem. grave quam, 
[Van dem enget ik vornamj 
Dat he were van dem dode up gestan. 
Vgl. Mone 1148. ich waz gegarigen cxu^ dem grabe, ich waz vor dem 
tage fro^, ich sach dy^ enget, sif sprachen mir cxw", 

Zeno. 

(her. V. Lübben, Bremen, 1869). 

4 1 ff. lese und interpungiere ich : 

He makede darbi enen bref: 
In bli he one schref. 
De duvel, mit siner hant, 
Dat deme (dem Bischof) were bekant 
Dat kint vunden 
Unde ok allen sinen vrunden. 
vunden kint ist = vuntkint 'Findelkind', vgl. Hartmanns Gregor 1227. 
Dass ausser dem Namen des Vaters auch die der Verwandten des Kindes in dem 
Briefe verzeichnet stehen sollten, ist nicht wahrscheinlich; auch V. 152 wird 
nur berichtet, dass der Bischof den Namen des Vaters darin fand. 

166. up or lif unde up oren sin. Die Formel ist nicht zu bezweifeln 
(s. d. Anm.) Der sin wird auch sonst dem Itp gegenübergestellt; vgl. an Itbe 
unde an sinne Iw. 125; Wig. 3817. 



93 

ISS^ff. lese ich: 

Do lerde it hi ver jaren, 
Dat allen den scholern, de dar waren, 
In der lere om io en hoven lach, 
Dat ist = Dat it; on Dat. ethic. 

225 ff. sind unzweifelhaft durch Zusatz des Schreibers (mit Benutzung 
von 318) entstellt. Ich glaube, dass die 4 Verse in 2 etwa folgendermassen 
zusammenzuziehen sind: 

He kledede on wente up den vot 
Unde let ome over al sin got 
Die Eedensart: Von Kopfe zu Fusse (d. h. völlig) kleiden besteht noch; 
vgl. auch V. 479. 

255 ff. lese und interpungiere ich : 

Ze/no vil stille sweck: 
Van leide rot unde blek 
He wart na korter vriste, 
Dat he ein edder ander enwiste. 
288 (s. Anm.) Mir scheint die hdsl. Lesart nicht zu beanstanden. 
341. Die hdsl. Lesart von H.W. : He wart also ein dok (Lübben: dode) 
blek ist nicht zu beanstanden; dok meint hier eiü 'Leintuch\ 'Bleich wie ein 
Betttuch, Laken' ist ein noch jetzt üblicher Vergleich. 
396 f. sind umzustellen: 

Dat is noch, so it vore was, 
Do se si7ier erst genas. 

401 f. Do her Zeno dat hör de, 

Sin leit he gar vorstorde, 
Dh. 'Da Zeno dies hörte, so vernichtete er (der Antwortgeber) damit seinen 
Kummer.' Es ist kein Grund, die Lesart von D. vorzuziehen. 

428. Da HDZ. übereinstimmend armen manne lesen, so haben wir kein 
Recht, manne aus metrischen Gründen zu streichen. Dasselbe gilt von dat vor 
were in V. 458. 

500. Ik wege se iuk over in den schot. over ist wohl = aver iterum, 
d. h. also 'doppelt'. 

643 ff. lese und interpungiere ich: 
Lat di nu so leve sm 
Also mi was, to dem schaden mm 
Do mik Zeno wart gesant 
Van deme bin ik sus geschallt 
'Lass dir nun so angenehm zu Mute sein, als mir war, da mir, zu meinem 
Schaden, Zeno gesandt wurde.' 

649. Da HD. übereinstimmend tucke st. 7iucke haben, so ist erstere Lesart 
wohl vorzuziehen. 

712 f. lese ich: 

Unde vorden se iegen en stat: 
VenMe was benomet (Hds. de name) dat. 
Der Grund zur Entstellung war^ dass stat als Neutr. ungebräuchlich ist. 
824 (s. Anm.) Auch hier ist kein Grund, die Lesart von D. der von 
HW. vorzuziehen. 

Nach 870 ist Punkt statt Komma zu setzen und dann fortzufahren: 

Dat se up de koninge proven, 
En scalt du di nicht bedroven, 
Noch dat se so hastigen kamen rant 
To di mit wapmder hant. 



94 

Die unzweifelhaft entstellten Verse 945 ff. sind kaum überzeugend her- 
zustellen (s. d. Anm.) 

973 ist unzweifelhaft bet'en 'Gebärden' statt 'weren' zu lesen. [S. Anm.] 
Nach 1014 setze ich Punkt statt Komma und lese dann 1015 ff.: 

Tohant do Satanas 
TJt der juncvrowen varen was 
Unde hadde sik gehudet, 
Hedde dat wat gehütet ! 
'Alsbald war Satanas aus der Jungfrau gefahren und hatte sich versteckt. 
Wenn das nur etwas genützt hätte!' Vgl. 1047 f. Wat he sik nu to toinkel 
tuty Wan he geste kamen sutf 

1055. Sollte hier H. wirklich den drei Hdss. WDZ. gegenüber allein 
das richtige bewahrt haben, und. nicht vielmehr: Sus deit Satanas umme gttde 
wort ironisch zu fassen sein? (s. d. Anm.) 
1085 lies: kortewile, 

1116. Do he ein blek van danne quam, 

Do vant he in dem wege, 
Dar se mede to gravende plegen. 
So viel ich weiss, kann man nicht sagen: ein blek inn danne komen, 
ebensowenig wie nhd. 'einen Fleck weiter komen'. Auch muss das gänzliche 
Ausfallen des Subjekts in V. 1117 ausfallen, es sollte wenigstens der unbestimmte 
Artikel stehn (vgl. z. B. Meier Helmbr. 597 : dir ragete üz dem rocke einex als 
ein ahsen dru7n,) Ich glaube deshalb, dass zu schreiben ist: 

Do he van danne quam, 
Do vant he ein blek in dem wege, . . . 
'Als er von dannen kam, fand er ein Blech (eine Metallplatte) in dem 
Wege, womit man zu graben pflegt.' 
1232 f. ist zu lesen: 

Zeno sprak: ^Ik were noch lenk 
Gewesen, enheddest du gedän . . / 
'Z. spr. : „Ich wäre noch länger ausgeblieben, wenn du nicht gewesen wärest." 
dm vertritt hier die Stelle des voraufgehenden Verbums; vgl. Mnd. Wb. I., 538. 
1273 lies: Wat du ghei^t (sagst. Hds. deist), dat is gedan, 
1303. Da so in WHZ. fehlt, so ist es zu streichen. 

Die nur in D überlieferten Verse 1473 u. 74 machen allerdings den Eindruck 
der Ächtheit. 

1519. Dedet ein dink, dat scfiolde mi leit sin. 

Die Überlieferung gibt allerdings keinen rechten Sinn (s. Anm.). Sollte 
nicht zu lesen sein: Dedet en sake, d, s, m, l. s, (?) = 'Sollte es einen Streit 
veranlassen, das sollte mir leid sein.' Die missverständliche Änderung von dink 
in sake wäre wenigstens leicht zu erklären. 

1536. Da auch D: an beider siet hat, so wird anzunehmen sein, dass auch 
in H weder syd aus beder s, entstellt ist. 

Ancelmus. 

(her. v. Lübben im Anhange zu Zeno, S. 113 ff) 

Nach V. 6 ist besser Kolon statt des Komma, nach 105 besser Punkt statt 
des Komma zu setzen, 

143 lies: undertwischen, 228 lies einighe (vgl. 73). 

294. scheint die Änderung von nicht in iht leichter, doch vgl. die Anm. 

301 f. lies und interpungiere : 

De jungheren quemen her gelopen 
So rechte jammerliken rqpen. 



95 

Vgl. 432 ff., wo ebenfalls das Komma nach lopen zu tilgen ist, denn die 
folgenden Infinitive stehen statt des Participinms. Ebenso nach 397. 41ö ist 
dagegen gestdn Infinit, mit der Vorsilbe ge, 

343. Vor want 'bis' ist das Komma zu tilgen. 377. toeh = ^do¥, 

403 lies: al de not 

507 ff. ist zu interpungieren : 

Ik hopede dat: min leve sone 
De was so deinlik unde so schone 
ühde so rechte suverlich, 
Sin antlat was ome mynniclich: 
Wan se dat hadden an gesei% 
Dat ome nicht quades were schein, 
Dat se sik scolden sin unbarmen, 
525. Das hdsl. ome ist nicht in one zu ändern, (s. Anm.) 
Nach 566 ist Kolon statt Semikolon zu setzen und zu schreiben : 

Do he vor pilatus quam u. s. w. 
647 ff. lies: 

He vragheden oh, oft he dat wäre. 
Dar umme sin vader ouer mannighem jare 
Het de kinder slaghen dot. 
Ret hiess 'befahl'. 

746 Hess: He sweich unde enwolde des ome nicht sagen, 
854. Das composit gecleit (vgl. Han. Marienl. 34, 23 und Lexer u. d. W.) 
ist im Mud. Wb. nicht belegt. Ebenso 971 leitvortrif 'Leid vertreib', vgl. die 
Widmung in Kinkels Otto der Schütz: 'Ihm war das Lied ein Leid vertreib'. 
839 ff. ist zu lesen: 

Se alle richten up mit groter not 
Dat cruse, want is was so grot, 
Dat se des nicht lichte konden boren. 
Dar enmosten vele lüde to hören. 
Es darf nicht mosten statt enmosten (s. Lübbens Anm.) geschrieben 
werden; vgl. über die Construction meine Bemerkung z. Sündenfall 1665 f. im 
Jahrb. XVI. 

1117. Do sine vote weren los, 

Wu drade ek de erden kos 
Unde leghede one an mitien schot! 
de erden kos erklärt Ltibben in den Anm. und im Mnd. Wb. II., 457: 
'die Erde wählte, mir ersah, mich auf die Erde niederliess', zweifelt aber selbst, 
dass er das richtige getroffen, Ich vermute: de borden kos 'die Bürde mir 
ersah, auf mich nahm.' 

Botes Boek van veleme rade. 

(her. V. Herrn. Brandes, Jahrb. XVI., 1 ff.) 

Bl. Ib. ,v. 3. Ick byn eyn van den vrommeden ghesten. Der Hrsg. sucht 
in diesen Worten einen versteckten Hinweis auf den Namen des Dichters (Bote). 
Vergleichen wir I., 92 Wy sint hir up erden vrommede ghestCy so eigibt sich, 
dass der Dichter hat sagen wollen: 'Ich bin ein Mensch, mit menschlicher 
Schwäche behaftet.' 

IL, 49. ist wohl evenmynschen als Compositum aufzufassen, da das Adj. 
even sonst flectiert wird (s. Mnd. Wb. u. d. W.) Nach V. 55 ist besser Punkt 
oder Kolon zu setzen. 



9« 

VIII. 21 lese ich: Dyt spoelrat is van eyner breden krumme, (Druck: 
eyne brederj. 

47 f. ist zu interpungieren : 

In beerbencken kan me groetspreken, 

Mit swerden unde mesten wil yne denne de heize affstecken, 

49 f. gy rechten dummen knapeUy 

De ju eyn laken ummewarmede mide lede juw slapen 
ummewmiiieyi in der Bedeutung 'umlegen' ist nicht belegt und auch nicht 
wahrscheinlich. Sollte nicht zu lesen sein De ju eyn laken umme warnede. 
S. warnen 'zur Sicherheit mit etwas versehen, munire' Mnd. Wb. 5, 606. 

53 f. sind unzweifelhaft entstellt, besonders ist die Gegenüberstellung von 
ordel und stryt unmöglich. Ich vermute 

Dar lant unde lüde dye (so auch der Druck) uyide vordarff arte lycht, 
Se enachten noch ardel noch rycht. 

lant und lüde steht formelhaft. Vgl. Stindenf. 2756 Wente dar an licht 
dig unde vorder f Nicht einer leie allene, Sünder aller gewerli gezierte. Götting. 
Urkb. II., Nr. 153 (1431) S. 106, Z. 22: andere wichtige stucke ....;, dar 
unser Henze openbare dye unde vordefrff ane licht. 

Nach IX., 7 ist Punkt statt des Komma zu setzen und dann zu interpungieren : 

Van eglietier upsate unde toval 
Dat de duvel ynaket unde hevet an: 
toval hier 'Einfair, im Mnd. Wb. aus Griseldis belegt. Dat ist Demonstrativ. 
31. Tojegher ist unverständlich. Sollte nicht tosegher = 'Aufhetzer' 
zu lesen sein? V. 32 ist U^ide = Unde de, 

50 ff. ist folgendermassen zu interpungieren: 

Wente dat ivil eynen anderen vornichten 
Dat sulves nicht entdocht, 
Quaden rat quade lere socht 
Quxiden rat ist der bekannte niederd. Accusativ statt des Nominativ. 
64 ff. ist zu interpungieren: 

here got^ wol synt de in deme scJiaden? 
Dat doet de heren unde ere armen lüde, 
„0 Herr, wer ist es, der den Schaden erleidet? Das sind die Herren und 
ihre armen Leute." Der Hrsg. erklärt doet = dodet, aber diese sonst nur einmal 
belegte Form ist hier nicht anzunehmen; doet ist vielmehr 3. Pers. Plur. Praes. 
Ind. von don, welches hier die Stelle des vorhergehenden Verbums vertritt. 
(s. Mnd. Wb. I, 538b.) 

X., 4. Zu muntspeer vergleiche unser 'die Maulsperre', die man bekanntlich 
auch vor Verwunderung bekommen tann. 

28. Das bisher unbelegte hottensnavel vom Hsg. durch 'Grünschnabel' 

übersetzt, wird wegen der Bedeutung von hotte wohl besser durch 'Milchbart' 

wiedergegeben. Vgl. auch VIII., 86 Du bist dar alto wit umme de munth to. 

80 bult erklärt der Hsg. dem Sinne nach richtig durch 'entsteht'. Haben 

wir ein mnd. bullen = lat. bullire 'hervorwallen, quellen' anzusetzen? 

NORTHEIM. R. Sprenger. 



9? 



Spieghel der zonden. 

(Mnd. Handschrift des 15. Jahrh. in der Panliniseheii Bibliothek 

zn Mnnster i/W.) 

Im Jahre 1874 veröffentlichte ich in dem Programm des da- 
maligen Prog}annasinms zu Norden ^^Josefs Gedicht von den sieben 
Todsünden^ in fortlaufenden Auszügen und Inhaltsangabe nach einer 
bis dahin unbekannten mnd. Handschrift der Bibliothek des Vereins 
für Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden. Professor Suchier 
in Halle machte mich dann auf ein Gedicht ähnliches Inhalts auf- 
merksam, welches sich handschriftlich in der Bibliotheca Paulina zu 
Münster befände, und in dem Niederdeutschen Jahrbuche IV (1878) 
p. 54 — 61 veröffentlichte dann später A. Lübben unter der Ueber- 
schrift „Spieghel der zonden^ einen kurzen Aufsatz über diese Hand- 
schrift nebst einer derselben entnommenen Erzählung, welche eine 
merkwürdige Aehnlichkeit mit der Geschichte hat, die Schillers ;,Gang 
nach dem Eisenhammer^ zu Grunde liegt. 

Lübbens Aufsatz enthält, wie mir scheint, einige Unrichtigkeiten 
und giebt von dem Inhalte des Gedichts nur im allgemeinen Kunde. 
Wenn aber der Spieghel der zonden zweifellos fast in derselben Zeit 
entstanden ist, wie Josefs Gedicht von den sieben Todsünden, ohne 
dass irgend welche Anlehnung stattgefunden hat, wenn derselbe Stoff 
in räumlich nicht weit entfernten Gebieten von zwei verschiedenen 
Bearbeitern ganz selbständig in umfassenden Dichtungen behandelt 
worden ist, so lohnt es wohl der Mühe, nun auch die Münstersche 
Handschrift in ähnlicher Weise wie Josefs Gedicht bekannt zu machen. 

Die Handschrift befindet sich also auf der Königlichen Pauli- 
nischen Bibliothek zu Münster unter Nr. 268 (früher Nr. 1139) und 
ist in Ständer's 'chirographorum in bibliotheca Paulina catalogus' 
S. 117 sub Nr. 536 kurz beschrieben. Es ist ein Folioband, in Leder 
gebunden, auf Pergament geschrieben. Auf der Innenseite des Vorder- 
deckels steht die Notiz: ;,Aus dem Hanloschen Diebstahl von einem 
Schreiner, dem es zum Auskleben — musikalischer Instrumente ver- 
kauft war, freiwillig zurückgeliefert. M. 20/2 75.^ Die Blätter 
25 — 34, 37—54, 70—74, 102—108 sind unten angeschnitten. Es 
sind dadurch weggefallen auf Blatt 25 — 28 je 2 Zeilen, Bl. 29 1 Zeile, 
auf Bl. 30 — 32 ist nur der untere Teil der letzten Zeile weggeschnitten, 
desgl. aufBl. 37— 38, 51—54, 70—74, 102—108. Auf Blatt 33— 34, 
89 — 50 ist nur der untere weisse Rand weggeschnitten. Die Hand- 
schrift besteht aus 139 Blättern. Auf jeder Seite stehen 2 Spalten 
ä 32 Zeilen, die ohne jeden Absatz hinter einander folgen. Das 
139ste Blatt enthält nur auf der Vorderseite noch 1^/2 Spalten Text. 
Die vollständige Handschrift hat also ca. 17700 Zeilen enthalten. 

Niederdeutsches Jahrbuch. XYU. 7 



Man kann nur Zeilen, und, trotz der poetischen Form des Werkes, 
nicht Verse, sagen, weil in vielen Zeilen Inhaltsüberschriften pro- 
saischer Form sich befinden. Die Handschrift ist im Anfange un- 
vollständig. Lübben meint, es fehlten vorne ;,einige Blätter, vielleicht 
aber auch nur zwei oder eins.^ Es kann vorne aber nur ein Blatt 
fehlen, denn auf dem jetzigen Blatte 73a ^) lesen wir: 

Hyr off is ghenoech untladen 

Int LXVIste desser bladen, 

Int capittel, welk uns bevroet, 

Wat quade traecheit den mensche doet. 

Dieses Kapitel von der traecheit beginnt aber nach der jetzigen 
Zählung auf Blatt 65 (nicht 64, wie Lübben meinte.) Es muss also 
vorne ein Blatt weggefallen sein. Die Schrift, in schwarzen, schein- 
bar klaren Schriftzügen, ist nicht so deutlich, wie sie aussieht, weil 
die Buchstabenformen nicht immer scharf auseinandergehalten sind. 
Die Schrift steht auf ganz zart vorgezogenen Linien. Jede Zeile be- 
ginnt mit einem grossen Anfangsbuchstaben, welcher mit einem senk- 
recht durchgehenden roten Strich verziert ist. Bedeutsamere Inhalts- 
Abschnitte haben grössere, etwa 3 cm hohe Anfangsbuchstaben mit 
blauen und roten Arabesken. Die Hauptteile haben ganz grosse, 
etwa 6 cm hohe Initialen, welche mit äusserst feinen und zierlichen 
Arabesken in gotischem Stile gefüllt sind und blaue oder rote Farbe 
zeigen. Links vorne an den Zeilen steht bei Citaten oder bei Inhalts- 
Abschnitten, jedoch nicht regelmässig, das Zeichen % blau und rot 
abwechselnd. Im Texte finden sich, wie oben erwähnt, häufig reim- 
lose Inhalts-Ueberschriften in roter Farbe, doch nicht strenge der 
Disposition gemäss. 

Die Zeit, in welcher das Gedicht entstanden ist, lässt sich aus 
dem Inhalte desselben zunächst nur insoweit bestimmen, als es vor 
der Reformation verfasst sein muss, jedoch in einer Zeit, in der sich 
die Empfindung von dem Vorhandensein kirchlicher und sozialer Miss- 
stände lebhaft geltend machte, also im 15. Jahrhimdert. Ferner wird 
86b eine nur im 15. Jahrh. übliche Kopfbedeckung der Frauen, die 
^^Kappenhörner** erwähnt. — Der Verfasser, der sich am Schlüsse 
een simpel clerck nennt, ist ein scholastisch gebildeter, frommer und 
streng kirchlich gesinnter Mann, der sich jedoch wiederholt der Ge- 
ringen und Armen gegen die Grossen aufs entschiedenste annimmt. 
Auch dieses dürfte auf das 15. Jahrhundert deuten. Zu zweifelloser 
Sicherheit wird dann diese Annahme durch den Charakter der Schrift 
und der Sprache erhoben. 

Die Sprache ist mittelniederdeutsch. Der Verfasser nennt sie 
selbst an verschiedenen Stellen duetsch, z. B. 39b: de seste spccie Na 
unsen duetsche het Simonie, Sie gehört dem iwi-Gebiet an, es kommen 
nur die Formen my (mi) und dy vor, niemals meJc oder mik. Starke 



^) Die Bezeichnung der Blätter mit fortlaufenden Zahlen rührt von modemer 
Hand her. Ich bezeichne mit a die erste Seite des Blattes, mit b die zweite. 



niederländische Färbung ist unverkennbar. Das niederländische Wort 
für 'schön', moy^ welches noch heutigen Tages im ostfriesischen Dialekt 
ganz allgemein ist, in andern Dialekten meines Wissens jedoch nicht 
vorkommt, ist im Sündenspiegel ziemlich häufig, jedoch mit schone 
wechselnd, z. B. 13b moye wyfs. Een moyert 32a bedeutet ^ein fein- 
geputzter, schöner Herr^*. Auch dieses ist niederländisch, ebenso wie 
81a der uterliker moy erdien und 93b moyhede, desgleichen das öfters vor- 
kommende wet 'Gesetz', z. B. 32a Exemple van der oölder wet. Das 
Gedicht wird also in den niederdeutschen Gegenden an der nieder- 
ländischen Grenze entstanden sein. 

Ueber das ganz auffallend zahlreiche Vorkommen von Fremd- 
wörtern hat sich bereits Lübben gewundert. Es geht weit über das 
sonst im Nd. gewohnte Mass hinaus. Ob diese Eigentümlichkeit dem 
vermeintlichen Ursprünge des W^erks aus dem Lateinischen zuzu- 
schreiben sei, wie Lübben annahm, scheint mir fraglich. Wenn man 
auch den Ursprung aus dem Lateinischen zugeben wollte, so war doch 
der Gebrauch des Lateinischen allen Geistlichen, welche niederdeutsch 
schrieben — und ein Geistlicher war der Verfasser des Sündenspiegels 

— damals so vertraut, dass sich in allen von Geistlichen geschriebenen 
mnd. Dichtungen eine gleich auffallende Zahl von Fremdwörtern finden 
müsste. Das ist aber nicht der Fall. Es muss also hier etwas In- 
dividuelles zu Grunde liegen, der Ursprung aus dem Lateinischen 
kann allein der Grund nicht sein. Auch zeigen viele von den Fremd- 
wörtern des Sündenspiegels entschieden Durchgang durch das 
Französische. Ich möchte daher eher glauben, dass auch diese 
Eigentümlichkeit auf den Entstehungsort des Gedichtes hinweist, und 
dass derselbe somit in den niederländisch-französischen 
Grenzgegenden zu suchen sei. 

Einige dieser Fremdwörter hat auch Lübben, wie er selbst er- 
klärt, nicht enträtseln können. Dass ich sie alle hierunter verzeichnet 
hätte, wage ich nicht zu behaupten; der Begriff eines Fremdwortes 
ist ja an und für sich schwankend, aber die irgendwie auffälligen 
finden sich im Folgenden alle notiert. Die Blattzahl soll nur bedeuten, 
dass man u. a. das Wort dort findet, nicht, dass man es nur dort 
findet. In Schiller-Lübbens Wörterbuch ist nur ein kleiner Teil der 
hier folgenden Wörter enthalten. 

Amye (Freundin) 9b. — aceorderen (bewilligen) 15b, (dazu stimmen) 22b. 

— altar, altaer 21b. — abhominabel (= franz. abominable) 31a. — aventure 
(Abenteuer, Zufall, Schicksal) 31b. — abdyen (Abteien) 39b. — arcke (Bundes- 
lade) 44b. — almoessen. oft. — arclie (Arche des Noah) 59b. — de apostolen 
60a. — Oristics, der kerken advocaet 61a. — auctoriteit (Ansehen, beweiskräftiger 
Ausspruch, beweiskräftiger Autor), oft. — oMisioen (Missbrauch, Verkehrtheit) 
94a. — aeoer 94a. (Ein König 

— solde festeeren syne maghen 

To eenen van zynen vercorene daghen; 

So moy dreef he zyn acoer, 

Bat he solre, want und ftoer 

Verdecken dede van der zale 

Met pellen, purpere und met sindale.) 

7* 



100 

r 

— appetyd (im übertragenen Sinne: leeren zynen a, upt vremde wyf) 97a» — 
nccoort (Zustimmung, Anhalt: bi'oder an broder vint a.) 108a. — anteerist 
(Antichrist) 110b. — 

Bastard 16b. — benedixien (segnen) 32b. — benedien {gy gebenedide) 57a. 

— blame (Schmach, Tadel) 37a. — beest (nur im allgemeinen Tier', stomme 
beeste) 54b. — de bible 60a. — bepynen (durch Arbeit erwerben) 66b. — 
blasphemie 72b. — Oode blaspfiemieren 121b. — blameren (tadeln) 133a. — 

Sonder cesseren (ohne Aufhören) 121b. — Centurio (der gottesfürchtige 
Hauptmann der Schrift; als Eigenname gebraucht. Centurio antworde to 
desen) 45a. 

Diluvie (Sündflut) 7b. — dispensieren 8a. — devot (demütig, gläubig) 
15b. — * disdpels, discipule (Schüler) 19a. — met devoden (mit demütigem 
Glauben) 43a. — de devote (der Gläubige) 47a. — dolouve (de duve, de Noe 
ter dolouven utvlieghen dede. Schiller -Lübben denkt an „Fensteröffnung". Ob 
es vielleicht 'diluvium' „zur Zeit der Sündflut" ist?) 59b. — diverse (ver- 
schiedene, diverse ledert) 66b. — disputeren 70a. — in discretien? 

(De here des konynx ghericJUe mynt 
In discretien gehint) 85a. — 

eene duwire (eine Höhle = vulg. franz. U7ie douve? welches Wort auch „Felsen- 
höhle" bedeutet, cf. Diez, Etymol. Wörterb. u. doga) 96b. — discoort {dis- 
cordia Zank, Zwietracht) 97a. — decyret 101a. ^ — discant {syn sclione discant, 
seine schöne Oberstimme) 109b. — de divisen (die Einteilung, Disposition) 115b. 

— destrueren 121h, — destruxie (Zerstörung) 136a. 

Exces (Übermass) 3b. — exposide (Exposition) 71a. — elementen 106a. — 
Fruut (Frucht). — falgiren (franz. faillir verfehlen, abweichen, nach- 
lassen) 22b. — fonteyne (Quelle) 32a. — flatiren (schmeicheln) 40a. — flatu- 
ringhe (Schmeichelei) 40a. — figure (Ähnlichkeit, Abbild) 43a. — in figuren 
(gleichwie, ähnlich wie) 72b. — van fauten (von Fehlern, franz. la faut^ 82b. 

— fundamenty fundiren (beides im übertragenen Sinne) 88b. — festeren (fest- 
lich bewirten) 94a. — facelment {dat silveme f., silberner Tafelzierrat) 98a. — 
formiren (bilden; geformiert ist der Mensch nach dem Bilde Gottes) 101b. — 
fingieren (z. B. diieghet) 109b. — frenesie (Tollwut; Fieberwahn, franz. la 
frenesie) 113a. — 

Oracie (Gnade) 3b. — int generael (im allgemeinen) 10a. — gräner 
(Kornboden, franz. grenier) IIa. — greignaert, franz. grognard? oder von 
vulg. franz. grigner greinen, cf. Diez. grugnire und grinar {de man is alte 
gr, alter Brummbär) 16a. — glorie 28a. — dat graeilike leven (welches Gnade 
vor Gott findet) 74a. — glorifieeren (rühmen, auch prahlen, em stUven gl,) 90a. 

— ghetempertliede (Mässigung, Seelenruhe; derjenige, de xachte von moede is, 
de levet in alre gh.) 131b. — gepense (franz. penser Gedanken, Sinnesart, z. B. 
das böse Herz sinnt allezeit auf arghe gepense) 133b. — 

Horribile beesten IIa. — habyt (Kleidung) 41a. — horreest (Lärm, 
eigentl. Unwetter) 47a. — heremite (Eremit) 50b. hermite zitten (als Eremit 
leben, sitzen) 108b. — herisien (Ketzereien) 88a. — habundament? 101a. 

lugement (Urteil) IIa. — instrumenten (Spielgeräte) 49a. — ingliel 
(Engel) 59b. — iuncturen {Mine schulderen vanden iuncturen vollen. Hiob. 
31, 22. Meine Schultern fallen mir aus den Gelenken) 79b. — 

Consciende (Gewissen) 3b. — capittulen 4a. — casted, IcasteU (Schloss, 
Kastell. Schiller-Lübben nur ^Schiffshinterteil') 17b. — eonsentieren (einwilligen, 
gewähren) 18a. — creatur 18b. — contrar (adject. u. substant. entgegengesetzt) 
18b. in eontrarie (im Gegenteil) 39a. eontrarie (adverb.) 50b. — C7nmfix 
21b. — caritate (Liebe, Barmherzigkeit. Godes caritate 25a. karitaten geben 



101 

Barmherzigkeit erweisen 29b. karitate docri Werke der Barmherzigkeit thun) 
107b. — colkcte (Altargebet) 25a. — crayeren (franz. crier schreien) 28a. — 
castien (tadeln, strafen, kasteien) 32b. — condicie (Lage, Stellung) 35a. — 
chrken (Kleriker) 39a. — clays. 40a. Die Schmeichelei 

18 nu worden een amt ten hove 

Und maect vor manighen here pays, 

Se doet ock vor prelaten clays 

Met plucken und trecken er JiahyU 

Vielleicht prov. clas Geschrei, altfranz. glas, cklaz, eigentlich Glockengeläute, 
auch Hundegebell, cf. Diez u. chiasso.) — clergie (Klerisei) 40b. — colunme 
42a. — corrigiren 49b. — contempladen (beschauliche Betrachtungen) 69a. — 
ter eure leben (sorgsam leben?) 82a. — corrumperen 87a. gecorrumpeertheü 
112b. corrupcien (Verkehrtheiten) 112b. — comellen (Nusskerne) 88b. — 
conoen. Von der Zauberei heisst es 101a 

Verwaten zyn se alle, diet doen, 

Vanden paus int groie conoen, —r 

iwee co^recden (zwei Arten der Besserung) 108a. — compangie (uter devoter 
conipangien, aus der Gesellschaft der Gläubigen) 113b. — consom't (lat. con- 
sortium od. consortio) Teilhaben, Genossenschaft, Gemeinschaft. 117b. 

Als Christus was verresen 

Und synen disciplen brachte consoort, 

Dat he seggende was dit woort: 

Vrede met iu luden su — 
confuse (subst. ein leven vul van confuse, ein Leben voll Verwirrung und Un- 
ruhe, bei vertriebenen Leuten) 118a. — cameretten (Trinkhäuser) 123b. — 77iet 
eonsente (unter Zustimmung) 123b. — closiriers (Klosterleute) 136b. — 

Luxurie (ünkeuschheit) 4a. — laboreren 24a. — de leeken (Laien) 39b. 

— wilde latuken (Lattich, lat. lactuca) 43a. — letteren (Buchstaben) 47a. — 
laburen (Mtlhsale) 51b. — kbart (Leopard) 71b. — laxarie 108a. laxerhede 
(Aussatz) 108b. — de laxare (der Aussätzige) 108a. — 

Maniren (Arten) la. — medicine 3b. — syn mediden (sein Arzt) 96b. 

— mencioen, mensioen maken (Erwähnung thun) 4a. — maysiere (Steinmauer) 
12b. — malediayie (Verläumdung) 19a. — multiplicieren 21b. — materie 22a. 

— moncke (Mönche) 39b. — mira^ch 40b. — murmureren (wider Gott murren) 
54a. murmureringhe. mumiuracie (das Murren wider Gott) 124b. — morseel 
(franz. nwrceaUy mlat. morsellus, *ein Bissen') 82b. — metselrie {structura 
muri. Fremdwort?) 88b. — mentenieren (franz. niaintenir, aufrecht erhalten, 
herstellen. Silbernes Gerät 

daer de tafele mede is verchiert 
und ydele glorie menteniert) 98a. — 

meinstrandie (die Zunft der Ministreis, der Sänger u. Spielleute) 98a. — 

Nakaren (Pauken) 98a. — 

Occusoen (Gelegenheit) 4a. — ordiniren (ordnen) 8a. — ordinancie 
(Ordnung, Verordnung). — bi ordinancie stellen (in Ordnung bringen) 18b. 
De de ordinancie niet ansien, diejenigen, welche die Verordnungen Gottes 
nicht beachten. 76a. — offerande (Opfergabe) 21b. — olye (Öl) 55a. — orisoen 
(franz. oraison, Gebet, Rede, de abt dede groot orisoen) 62b. — offieie 64a. 

— in opinioen holden (im Gedächtnis behalten) 91a. — 

Partien (Teile) 4a. — processie (Prozession) 14a. — profyt 16a. — 
predicacien (Predigten) 18b. — proper (eigentümlich, eigen, z. B. eene propre 
redene ein eigenartiger Beweis. 25a. De welke proper is in gode derjenige, 
welcher sich Gott zu eigen giebt 25a. Die Zeit ist een proper goei, ein ganz 
besonderes Gut 67b. Vier Güter sind proj>erlike unser, d. h. sie gehören uns 



102 

ganz eigentlich und besonders an) 26b. — payen (franz. payer bezahlen) 25b. 
gepait (bezahlt, durch Zahlung befriedigt) 55b. — pcntyr (Pförtner. Der Tod 
ist des Lebens portyr.) 27b. — 7>nw^/^e (gesprochen „Prinze", Fürst) 28a. — 
palays (franz. palais Palast) 30a. — jielgy^im (Pilger) 30a. — pelgrimagc 
Wallfahrt. NB. Die Endung im Vergl. mit franz. peUrinage, Schiller -Lübben 
hat nur pelgrimade. 69a. — de phyhsophe Diogenes 32a. — paert (Part, 
Anteil) 33a. — geparseelt (geteilt, parzelliert) 33a. — poort (Stadt) 35a. — 
principal (hauptsächlich, vier prindpale sahen) 35b. — parabole (Parabel) 35b. 

— prologhe (Prolog) 39b. — provende (Pfründe) 39b. — prelaten (Prälaten) 
40a. — pays (franz. paix, Buhe, Frieden) 30a. — paysivel (franz. paisible, 
friedlich, friedfertig. Salomon luut paysivel, Salomou lautet „Friedrich*, denn 
Salomon kommt von hehr, schahm Frieden her) 117b. — Ein anderes jyays, 
als das eben erwähnt, findet sich 40a. Die Stelle ist u. clays zu vergleichen. 
Die Schmeichelei 

IS nu w(yi'den een amt ten hove 

Und maect vor manighen here pays. 
Vielleicht ist dieses pays = franz. pays Land, und hat hier eine ähnliche 
Bedeutung, wie in der franz. Redensart gagner pays, avancer pays Vorteil ge- 
winnen. Es würde dann der Sinn der Stelle sein „die Schmeichelei bringt 
manchem Herren Vorteil." — poent (franz. point. Dat erste poent der erste 
Punkt) 42b. — ten paradise (im Paradies) 42b. — paeschlam (Osterlamra) 43a. 

— passie (Passion) 43a. — peneienden, penitencien (Bussübungen) 45a. — 
prediken (predigen) 45b. — parchelen (Anteile, Parzellen. 

De terlinc, de ghelt doet deelen 
Na zyn bewisen bi parchelen 
= der Würfel, der das Geld verteilt nach Verhältnis der einzelnen Anteile?) 
48a. — parck (Fussboden, Parkett. Do quam de pyl up dat parck blodich 
ghevallen.) 49a. — pavement (lat. pavimentum gepflasterter Fassboden, Estrich. 
Das franz. pavement bedeutet heutzutage nur noch „das Pflastern". Das Wort 
habe ich im Sündenspiegel nur im bildlichen Sinne gefunden: 

Ydele glorie en is niet el 
Dan een pavement vanden duvel) 50a. — 
proye (franz. proie Beute) 51a. — de predicaren (Prediger) 53a. — to prosente 
(zum Präsent) 56a. — patrone (Gönner und Beschützer) 56b. — payene (franz. 
payens Heiden) 61a. — pynen (Pein leiden) 65b. — bepynen (durch Mühe 
und Arbeit erwerben) 66b. — poye? 72a. 

De vier de vrucht, de uut den munt kämet, 
De mach biechte syn ghenomet, 
Wat dat desse vrucht doen mach, 
Hoert men ter poye dl den dach, — 
pardus (Panther) 76b. — peynse? 82b. 

Droeßieit na der hilghen leren 
Mach den mensche driesins deren, 
Peynse brenct se em vake an, — 
parmen 95b. 

Dus 80 werden ter lester uren 
Wit of Stuart der zielen parmen 
Na den weghe, den se ghenghen, 
Gewänder, franz. pavement? — prochiane (Parochianen, Parochiekinder) 102b. 

— planeten 106a. — pensingheri {in devoten pensinghen, in demütigen Ge- 
danken) 107a. — pennen (franz. penser, pensende in Oode an Gott denkend) 
108b. — persequiren (nachgehen, nachgeben, z. B. seiner Sünde 115a, einen 
verfolgen 130b.) — present (gegenwärtig) 124a. — perlament (Wortwechsel) 
132a. — 



10^ 

Quayer (Gebetbuch, altfraiiz. quaijer eigentlich Heft, Papier, franz. 
cahier) 69a. — qiteruloyende (franz. quereller zanken? querulieren? 

Ghecheit is inder ghecken mont 
Queruloyende in alre stont) 120a. — 
quite maken (quitt, los und ledig machen, franz. quitte (lat. quietus) in der- 
selben Bedeutung) 125b. — 

Bestor (Beschlaglegung auf Erbschaften, Arrest. — Franz. restm' (restaur) 
ist Schadloshaltung des Assekuranten, wenn der Verlust aus Nachlässigkeit ent- 
standen ist) 29b. — rivire, riimre (Bach, Fluss, franz. riviere) 31b. — reg- 
neeren, regnieren (regieren) 36b. — remeden, remedien (Heilmittel) oft. — de 
7'o^neynen (die Römer) 55b. — refuserefi, refusiren (zurückweisen, franz. refuser. 

Nydighen zyn gecorrumpoert, 
Des mosten se zyn gerefuseert) 112a. — 
religieus (NB. die französierende Endung) 122a. — dat religioen (Kloster. 
Auch franz. in dieser Bedeutung, z. B. entrer en religion ins Kloster gehen. 
mettre une fille en religion ein Mädchen ins Kloster schicken, Nonne werden 
lassen) 132b. — 

Specien (Arten. Unterabteilungen) oft. — simpUx 4a. — sarifture 4b. 
— schofinnghen (Spöttereien, altfranz. desconfire) 4b. — int speciael (im Be- 
sonderen) 10a. — serpent (Schlange) 10b. — subtil (nauwe unde subtil 50a. 
subtile behendiehede 66a.) — sarrazyn (Sarazene. 

Mer teghen eenen jode offte sarrazyn 
Süllen sie gherne wokerende syn) 25b. — 
sotternyen 26a. sothede 48a (Dummheiten, franz. sot albern). — sondoyiers '^ 29a. 

Die Armen sini als sondoyiers van uns geset. 
sanduarien werke 32a. — simonie 32b. — sacrainent 32b. — sandeye ? 34b. 

Die met vremden sandeyen maect 
Syn huus, he is altoos misraect, 
Als hie muten doet, alst vriest, — 
sepulture (Begräbnis) 36b. — subditen, subdyten (Untergebenen), lat. subdiius 
37a. — sermoeri 38b. — sacrilegie doen 39a. — studere 39b. — synagoghe 
41a. — saterdach (Sonnabend, engl, saturday) 47a, — de salter (Psalter) 53b. 
Auch „Psalm" 68a. — salm (Psalm) 68a. — spacie gheven (BAum, Befreiung 
geben, z. B. von Bussübungen) 55a. — scrienen (Schränke, lat. scrinia) 57a. — 
slavine (Mantel aus grobem Wollenstoff) 69a. — de sancten (die Heiligen, de 
hilghe saneten) 90b. — sindal (Taffet) 94a. — stole (Kleid, lat. stoh. Die 
Engel sind gekleidet in untten stolen) 96a. — suhyt? 

Und eer dat een point ghelyt, 
So dalen se int heische suhyt 98a. 
solveren (lösen, beseitigen) 126b. — secreet bliven 134a. over secreet unter 
dem Siegel der Verschwiegenheit 134a. — silencie holden 136b. — senteticie 
(der Sinn des Satzes gegenüber dem sprachlichen Ausdruck) 138b. — 

Tractaet (Abhandlung) 3b. — temptade (Versuchung) 4 b. — tempteeren 
(versuchen) 4b. — torment (Qual, Tortur) IIa. — termin 18a. — testanient 
29b. — tabemakel 31b. — tyranten (Tyrannen) 34b. — tasseren, tasserers, 
tassement (Gewalt anthun, gewaltthätige Menschen, Gewaltthat) oft. — truwanten 
und bedekters 52b. truwanten und dieven 127b (Vagabunden. Es ist wohl 
dasselbe Wort, wie nordfranz. trouveo9% trouvere^ prov. troubadour). — tribunt 
(Abgabe, im weitesten Sinne) 52b. — tempeest (Sturm, Unwetter) 53a. — trisoer 
(Schatz) 57a. — iavernen (Trinkhäuser) 64a. — in tribuladen (in Nöten und 
Beschwerden, Beängstigungen und Versuchungen) 72a. — tincture (Farbe, 
Aussehen. 

Cledre van andertire tincture, 
Dan also se gaf nature) 95b. — 



104 

transfigureren (verwandeln) 96a. — trompen (Trompeten) 98a. — telivereren 
(befreien, franz. delivrer. 

Van eenen zere hilghen man, 

De up gode sonder cesseren 

Biep: Wilt mi telivereren, 

Heere god, vander tonghen mine) 121b. — 

ühgkeof'dinerde minne (nicht auf das richtige Ziel gelenkte Liebe) 96a. 
— ungentv/m (Salbe) 125a. — 

Venyn (lat. venenum Gift, im eigentlichen und übertragenen Sinne, z. B. 
der hoverdigen venyn 89b.) — vaillant (franz. vaillant) 14a. — verinaledien 
34b. — versuhtilen (allzu fein machen?) 37b. — visione (Erscheinung 42a und 
Anschauen, z. B. belet van gocUiken visione = ein Hindernis, Gott zu schauen 
83a.) — viciorie crighen 56b. — virtunt (innewohnende Kraft und Eigenschaft, 
wie franz. vertu, z. B. 

Also de boom und dat crunt 
Welken elc na ere virtunt) 67a. — 

vigilie (Nachtwache) 67b. — vergier (69a. Einige Verse weiter wird dafür 
bömgarden gebraucht, franz. le verger in derselben Bedeutung). — visieren 
(beobachten, sein Augenmerk auf etwas richten, z. B. 

Menych wyf nu visiert 

Dure moyheden te hanghene an, 

De niet daer in meent eren man) 93b. 

visenteren (beobachten, ins Auge fassen) 110b. — 

Ypocriten (Heuchelei üben, ypocriten was dat menen dyn = deine 
Herzensmeinung war Heuchelei) 109a. — 

Ypoerisie (is, de fingiert 
Duegket, de he niet hantiert) 109b. — 
ypocrite (ein Heuchler) 109b. 

Der Inhalt des Sündenspiegels ist eine Darstellung der Todsünden, 

welche u. a. 79a hooft senden genannt und folgendermassen von den 

leichteren, anderen Sünden unterschieden werden: 

Alle vuulheide, de men vint, 
Syn te rekene niet en twint 
Theghen de smitte eenre hooft sonden. 

Es werden deren sieben in folgender Ordnung dargestellt: 1) gtd- 
sichede (gula. gulositas.) Völlerei, 2) luxurie Unkeuschheit, 3) vracheit 
Habsucht, 4) traecheit Trägheit, 5) hoverde Hoflfahrt, Stolz, 6) nyt 
Neid, 7) gramshap Zorn. Diese Reihenfolge ist in mehrfacher Hin- 
sicht bemerkenswert. 

Zusammenstellungen von Tugenden und Lastern in Gruppen gab 
es sicherlich schon sehr früh, die 4 Kardinaltugenden sind bekannt- 
lich schon im heidnischen Altertum zu einer feststehenden Gruppe 
vereinigt worden. Die Zusammenstellung von Sünden und Lastern 
zu Gruppen erfolgte jedoch wohl erst in der christlichen Zeit. Die 
früheste, die mir bekannt ist, findet sich in einem Gedicht des um 
400 n. Chr. lebenden Aurelius Prudentius Clemens, Psychomachia 
(Migne Patr. T. 60) genannt. In allegorischer Darstellung wird hier 
eine Schlacht zwischen Tugenden und Lastern geschildert, in welcher 
nach der Weise homerischer Helden aus der Masse der Kämpfenden 
bestimmte Trpojxay^ot hervortreten, um mit einander zu streiten. Da- 



105 

durch entstellen folgende Kampfgruppen: Fides streitet mit Veterum 
CuUura Deorum, Pudicitia mit Sodomita Libido^ Patientia mit* e/ra, 
Humilitas mit Superbia, Sobrietas mit Luxuria^ Ratio mit Ävaritia^ 
Concordia mit Discordia. Die Luxuria ist hier noch die Völlerei im 
Essen und Trinken, nicht, wie später, die Unkeuschheit, die geistliche 
Trägheit, später eine der Hauptsünden, fehlt und war auch wohl in 
der Schilderung einer Schlacht als Kämpferin nicht gut anzubringen. 
Im übrigen sieht man hier jedoch bereits den Keim zu den später 
sogenannten ^Todsünden^. 

Die Absonderung von peccata principalia, später auch capitalia, 
letcdia, mortalia genannt, von den andern minder schweren Sünden, 
später als venialia bezeichnet (Todsünden — lässliche Sünden), rührt, 
soviel ich erkennen kann, von Gregor dem Grossen her, der in 
seinen um 580 geschriebenen Moralia (Moralium libri sive expositio 
in librum lob.) die Superbia als die Quelle aller Sünden bezeichnet 
und hierauf fortfährt: Primae autem eins soböles^ Septem nimirum 
principalia vUia^ de hac virülenta radice proferuntur^ scüicet 1) inanis 
glaria 2) inmdia 3) ira 4) tristitia 5) avaritia 6) ventris ingluvies 
7) luxuria,^) Nachdem er diesen duces das exercitus der übrigen 
Sünden hat folgen lassen, versucht er in freilich ziemlich gezwungener 
Weise jede dieser Hauptsünden aus der vorangehenden herzuleiten, 
ausserdem nennt er die fünf ersten spiritdlia^ die beiden letzten 
carnälia^ seine Reihenfolge ist also nicht willkürlich, sondern auf be- 
stimmten Grundsätzen beruhend. 

Der erstem Theologe, welcher im Abendlande die Dogmatik in 
ein System brachte, war der ;,magister sententiarum^ Petrus Lom- 
bardus. Sein Werk Sententiarum libri IV, um 1160 verfasst, schliesst 
sich der eben erwähnten Kodificierung der Todsünden unter ausdrück- 
licher Berufung auf Gregor genau an, nur dass invidia und ira um- 
gestellt sind. Die betr. Stelle lautet^): Praeterea sciendum est^ Sep- 
tem esse vitia capitalia vel principalia, ut Gregorius $uper Job ait^ 
scilicet 1) inanem gloriam 2) iram 3) invidiam 4) accidiam vel tristi- 
tiam 5) avaritiam 6) gastrimargiam 7) luxuriam. — 

Etwa hundert Jahre später verfasste der zweite grosse Syste- 
matiker der Scholastik, der Doctor angelicus Thomas von Aquino 
seinen Kommentar zu den Sentenzen des Lombarden und seine 
Summa theologiae. In dem letzteren Werke stellt er die Sünden 
den entsprechenden Tugenden gegenüber. Die Tugenden sind ihm 
die Hauptsache, sie ordnet er zunächst imd schliesst dann jedesmal 
das entgegengesetzte Laster an. So geschieht es, dass zwar (von II, 
2 quaestio 35 an) alle sieben Todsünden abgehandelt werden, ihre 
Reihenfolge ist aber von derjenigen der Tugenden abhängig und wird 
auch von anderen Sünden vielfach durchbrochen. So ist bei ihm die 



*) Nach der älteren Zählung lib. 31 cp. 31; bei Migue Patrologia Latina. 
Paris 1849, steht die Stelle Bd. 76 p. 620 (lib. 31. cp. 45.) 

*) Aasgabe LiWen. 1552. Ex officina Bartholomei Gravii. Sententiarum 
lib. II. distinctio 42. H. 



106 

Reihenfolge ganz ungewöhnlich: 1) Acedia qiiaestio 35. 2) Invidia 
qu. >86: 3) Avarüia qu. 118. 4) Gula qu. 148. 5) Luxuria qa. 153. 
6) Ira qu. 158. 7) Superbia qu. 1G2. In der Ausführung schliesst 
er sich ausdrücklich an Gregor an. 

Auf Thomas von Aquino beruht zum grossen Teile das um 1310 
entstandene Speculum morale, welches den dritten Teil des Specu- 
lum universale des Vincenz von Beauvais bildet, obwohl es nicht von 
ihm selbst herrührt.^) Die Todsünden werden hier, ganz wie bei 
Gregor, aus der Superbia abgeleitet, welcher ein besonderes Kapitel 
gewidmet ist, und dann folgen, wiederum genau Gregor, nicht ganz 
Petrus Lombardus, gar nicht Thomas Aquinas in der Reihenfolge ent- 
sprechend: Inanis gloria, invidia, ira, acidia, avaritia, gula, luxuria. 

Um diese Zeit beginnt nun die superbia, welche früher als Quelle 
aller Sünden eine Art Sonderstellung einnahm, mit der bisherigen 
ersten Todsünde, der inanis gloria, unter dem Hauptnamen superbia 
zu einer zu verschmelzen. Die ^Stolzen^, nicht mehr die ;,Prahler^^ 
sind es, welche als Hauptsünder gelten. So geschieht es bei Dante 
in der Göttlichen Komödie, welche im Anfange des 14. Jahrhunderts 
entstanden ist und stofflich, soweit es sich nicht um die Zuthaten 
des ;, Dichters^' Dante handelt, nichts enthält, was man nicht auch 
in der vorhin erwähnten grossartigen Encyklopädie des Vincenz von 
Beauvais fände. ^) So kann es denn auch nicht überraschen, dass 
sich im Purgatorium auf dessen sieben aufsteigenden Stufen, wieder 
nach Gregors Reihenfolge, folgende Arten von Sündern befinden 1) 
die Stolzen, 2) die Neidischen, 3) die Zornigen, 4)^ die Trägen, 5) 
die Habsüchtigen (und die Verschwender, ihr Gegenbild), 6) die 
Schlemmer, 7) die Wollüstigen, und zwar befinden sich die Stolzen, 
als die schlimmsten Sünder nach der bis zu dieser Zeit allgemeinen 
kirchlich-dogmatischen Anschauung, auf der untersten Stufe, also 
am weitesten vom Paradiese entfernt. Dass auch die Anordnung der 
sich bis zum Lucifer vertiefenden Höllenkreise, welche die verschie- 
denen Sünder enthalten, auf demselben System beruht, hat v. Lilien- 
cron a. a. 0. p. 44 f. nachgewiesen. Natürlich finden sich auch hier 
die Vertreter der Todsünde des Stolzes, die Verräter, im tiefsten 
Höllengrunde, Lucifer am nächsten. 

Wenn nun v. Liliencron (a. a. 0. p. 25) sagt, dass diese Reihen- 
folge ;,im wesentlichen bis ins 15. Jahrhundert auch für die populäre 
Moral die kanonische geblieben sei^, so ist das doch nur bedingt 
richtig. Ein lateinisches Gedicht, welches den Namen Flores poetarum 
de virtutibus et vitiis führt, ist im 15. Jahrh. gedruckt, aber nach 



^) Vergl. hierüber die vortreffliche Festrede „über den Inhalt der allgemeinen 
Bildung in der Zeit der Scholastik", welche Frhr. R. von Liliencron am 28. März 
1876 in der Bayrischen Akademie der Wissenschaften gehalten hat. (München. 
1876. 4.) — Ich habe zu obigen Angaben einen bei v. Liliencron nicht erwähnten 
Druck des speculum morale s. 1. 1485 benutzt, welcher sich auf der hiesigen Köoigl. 
Universitäts-Bibliothek befindet. 

^) cf. V. Liliencron a. a. 0. p. 30. 



107 

Zarncke (Zeitschrift f. deutsch. Altert. IX. 1853. p. 118) ;,weit früher^, 
also im 14. Jahrhundert verfasst. Hier findet sich folgende Disj)osi- 
tion : Superbia, Bona fama, Invidia. Ira. Avaritia. Gula. Luxuria, 
De virtutihus. De dono Sancti Spiritus; also ist hier noch im wesent- 
lichen Gregors Reihenfolge festgehalten, es fehlt nur hinter der Ira 
die Acedia. Vielleicht sind aber auch Verwirrungen in der hand- 
schriftlichen Ueberlieferung eingetreten, wodurch die Trägheit aus- 
gefallen ist, die ganz seltsame Zwischenstellung der bona fama lässt 
wenigstens auf so etwas schliessen. 

Der lateinisch schreibende, also gelehrte Dichter der Flores 
poetanim hat sich also noch an Gregors System gehalten, bei den volks- 
mässigen Dichtern fängt sich jedoch schon seit dem 14. Jahrhundert 
die Reihenfolge zu ändern an. Peter Suchenwirt dichtete um 1378 
ein Lied unter der Bezeichnung 'Daz sind di syben todsünd',^) Hier 

heisst es: 

Hochfahrt, uncheiisch, neid und has, 
Trachait, trunchenhait und vras, 
. Geitichait (Habsucht) und auch der tzoren. 

Hier könnte man nun freilich annehmen, dass der Verszwang die 
Reihenfolge beeinflusst habe, aber auch in den am Ende des 14. Jahr- 
hunderts geschriebenen prosaischen Halberstädter Katech ismus- 
stücken ^) heissen die VH totlike sunde folgendermassen : 1) hoch- 
fart^ 2) gierheit, 3) unkuschheit^ 4) jsorn^ 5) nyt, 6) vressigJceity 7) tragheyt 
jsu gotes dinste. Hier ist also Gregors Reihenfolge im ganzen, wie 
auch im besonderen die Anordnung nach spirüalia und carnalia vitia 
verlassen, und es tritt hier zum ersten Male eine neue Anordnung 
auf, nach welcher die Acedia, die geistliche Trägheit, als der Gegen- 
satz der Superbia, an das Ende der ganzen Reihe gestellt wird.*) 

Aus dem Jahre 1411 kennen wir ein Gedicht von dem Tiroler 
Vintler, betitelt 'Blume der Tugend', nach einer italienischen Dich- 
tung von 1320. Die Disposition des Vintlerschen Gedichtes ist äusserst 
verw^orren*), soviel wird jedoch klar, dass der Verfasser, dem Titel 
seines Werkes entsprechend, die Tugenden zur Grundlage seiner Dar- 
stellung machen wollte; den Tugenden stellt er dann die entsprechen- 
den Laster gegenüber, also ganz so, wie es Thomas von Aquino in 
seiner sunmia theologiae gemacht hatte. Natürlich kann auf diese 
Weise von einer so zu sagen ^unabhängigen^ Reihenfolge der Tod- 
sünden nicht die Rede sein. Wenn jedoch unter den 17 Abschnitten 
des Werkes die ersten und die letzten folgendermassen geordnet sind: 

1. Liebe — Neid, 

2. Freude — Traurigkeit^), 



*) Gedicht 40 in der Ausgabe von Primisser. Wien 1827. p. 120 f. 

^) Herausg. von G. Schmidt in der Zeitschr. f. deutsch. Philol. Bd. XII. p. 141. 

^) Also bereits am Ende des 14. Jahrhunderts und nicht erst bei Beheim, 
wie V. Liliencron a. a. 0. p. 35 meinte. 

*) Vergl. Zarncke, Zeitschr. f. deutsches Altertum IX. p. 68 ff., auch X. p. 255 ff. 

**) Dies ist offenbar die von v. Liliencron a. a. 0. p. 46 in Vintlers Werk 
vermisste Acidia, die ja ursprünglich durch tristitia bezeichnet wurde. 



108 

3. Friede — Zorn, 

4. Barmherzigkeit — „Gräulichkeit", 

5. „Milde" (Freigebigkeit) — Geiz, 

15. Demut — Hoffahrt, 

16. Massigkeit — „Frassheit", 

17. Keuschheit — „Unkeusche", 

so erkennt man sofort Vintlers Bestreben, die sieben Todsünden au 
den Anfang und den Schluss der Gesamtdisposition zu bringen. 

Die alte Gregorianische Reihenfolge verlor nun immer mehr an 
Geltung. Muskatblut dichtete um 1425 ein strophisches Lied über 
die sieben Todsünden.^) Er war wegen der Strophenform seines Liedes 
in der Anordnung der Todsünden ganz unbeschränkt, und doch finden 
wir bei ihm wieder eine ganz neue Reihenfolge: 1) Hoffahrt^ 2) ün- 
Tceuschheit^ 3) Trägheit^ 4) Neid und Hass, 5) Zorn^ 6) Gefrässigiceü, 
7) Habsucht und Wucher, 

Wieder eine andre Reihenfolge zeigt eine Kopenhagener nd. 
Handschrift des 14. — 15. Jahrhunderts^): 1) homot, 3) ghiricheyt, 3) 
torn^ 4) hate (Neid), 5) tracheyt^ 6) vrassent (die unkuschheit ist trotz 
der Ueberschrift die VII dotliken sunde nicht erwähnt.) Hier ist also 
wenigstens die Einteilung Gregors in geistliche und fleischliche Sünden 
beibehalten. 

Um 1450 griflf nun Michel Beheim in seinem Liede über die 
Todsünden^) auf die neue Anordnung (cf. die Halberstädter Katechis- 
musstücke) zurück und setzte die Acedia ans Ende. 

Freilich drang diese Reihenfolge vorerst noch nicht überall durch, 
wie der „Seelentrost^ von 1473 beweist (Mscrpt. I. 84a der Königl. 
Bibliothek zu Hannover). Blatt 184: 1) hovart^ 2) giricheit, 3) vrass^ 
4) tracheit^ 5) unkuschheit, 6) torne, 7) nyt und affghunst und Blatt 
473: 1) hovart, 2) had, 3) torn, 4) tracheü^ 5) vrass^ 6) unkuscheit^ 
7) giricheit. Man erkennt aber gerade daran, dass in einer und der- 
selben Schrift zwei verschiedene Ordnungen enthalten sind, wie sehr 
sich das Festhalten an der alten strengen schematischen Ordnung 
gelockert hatte. 

Auch noch in dem Mentzerschen Drucke von 1490*) findet 
sich Willkür in der Anordnung: 1) Hoffahrt, 2) ünkeuschheit, 3) Gei^, 
4) Zorn, 5) Neid, 6) Trägheit, 7) Völlerei. 

Die neue Reihenfolge zeigt sich aber wieder in Josefs Gedicht 
von den sieben Todsünden, das ungefähr in Michel Beheims Zeit ent- 
standen ist 1) superbia, 2) avaritia, 3) luxuria, 4) invidia, 5) güla, 
6) ira, 7) accidia) und 1494 ist sie dann so im Bewusstsein der 

Das 87ste in der Ausgabe von Groote. Köln 1852. p. 228 f. 

*) Herausgegeben von Jellinghaus in der Zeitschr. f. deutsch. Philol. Bd. 
XIII. p. 24 ff. 

') Vergl. V. Liliencron a. a. 0. p. 35 u. 4(). 

*) Dyt sint de seven dot sunde de stryden myt den seven dogeden. Ge- 
drucket unde vulendet in der stadt Magdeborch dorch Symon Mentzer am sona- 
wende na Mauritii. Im iare 1490. Beschrieben in J. B. Riederers Nachrichten 
zur Kirchen-, Gelehrten- und Bücher-Geschichte. Altdorf. 1768. IV. p. 280 ff. 
— Der sehr seltene Druck ist auf der Bibliothek in Wolfenbüttel T. 481 vorhanden. 



109 

Menschen befestigt, dass der Anthidotarius anime des Nicolaus 
Salicetus^) für sie das Merk wort (dictio) ;,Saligia" empfiehlt. 

Auch die heutige katholische Kirchenlehre bedient sich noch 
derselben Anordnung. Sie stellt für die „ Hauptsünden ^ folgendes 
Schema auf: 1) Hoffahrt (superbia), 2) Geie (avaritia), 3) ünkeuschheit 
(luxuria), 4) Neid (invidia), 5) Unmässigkeit im Essen und Trinken 
(gula), 6) Zorn (ira), 7) Trägheit (acedia).^) 

Wir finden also in der Reihenfolge der Todsünden eine Gregoria- 
nische Periode von Anfang an bis zu den Halberstädter Bruchstücken 
ca. 1400, eine Periode des Schwankens bis 1494, eine Saligia-Periode 
bis heute. 

Die Anordnung unsers Gedichtes weist also (cf. p. 104) auf die 
Zeit zwischen 1400 und 1494. Die Ordnung der Todsünden ist eine 
ganz singulare, sonst nirgends vorkommende. Die Gregorianische 
Einteilung ist wenigstens in Bezug auf Zusammenstellung der geist- 
lichen und fleischlichen Sünden gewahrt, sonst ist sie freilich ganz 
abweichend. Besonders auffallend und sonst nirgends vorkommend 
ist es, dass die Fleischessünden an erster Stelle behandelt werden. 

Die Anzahl der Todsünden unsers Sündenspiegels ist also 
sieben, demnach zerfällt das ganze Werk also auch in sieben 
Hauptteile und nicht in fünf, wie Lübben (S. 54 f.) in schwer ver- 
ständlicher Weise annahm. Er nennt nur die fünf ersten Hauptsünden 
unseres Werkes bis einschliesslich hoverde und meint, dass diese 
letztere ^bis zu Ende reiche^. Das ist jedoch nicht der Fall, sondern 
es folgen auf hoverde noch nyt lila — 11 3b und gramshap 113b — fin. 
Lübben hat sich offenbar durch die von mir p. 98 näher beschriebenen 
grossen Initialen täuschen lassen, wenn er sagt: ;, Der Anfang eines 
jeden dieser (fünf) Abschnitte ist auch mit einer grossen Initiale ge- 
ziert.^ Nyt und Gramshap haben nämlich allerdings viel kleinere 
Initialen, als die andern fünf Hauptsünden; dies ist jedoch entweder 
nur Zufall, oder es sollte das Werk schnell zu Ende geführt werden 
und es mangelte an Zeit, die ganz grossen kunstvollen Arabesken- 
Buchstaben auszuführen, oder ^Missgunst" und ;,Zorn^ sollten viel- 
leicht als minder schwere Todsünden bezeichnet werden^); ^bis zum 



*) Gedruckt zu Strassburg 1494. — In meinem Besitz. 

^) Katholischer Katechismus mit einem Abriss der Religionsgeschichte für 
die Volksschulen von J. Deharbe. S. J. Nr. 2. Mit Approbation aller Hoch- 
würdigsten H. H. Erzbischöfe und Bischöfe des Königreichs Bayern. Regensburg. 
Pustet. 1862. Braunsberg, bei J. R. Huge. p. 104. 

') Es kommt nämlich hie und da vor, dass aus der Gesamtzahl der sieben 
Todsünden zu besonderen Zwecken einzelne ausgesondert und zusammengestellt 
werden, welche als die wichtigsten und schwersten erscheinen. Drei Tiere sind 
es, welche Dante (Hölle I. 32 iF.) vom Paradiese zurückhalten, ein Panther, ein 
Löwe und eine Wölfin. Sie bedeuten hier die drei schlimmsten Bünden luxuria, 
superbia und avaritia. — In den Sammlungen der Altertumsgesellschaft Prussia 
zu Königsberg, Pr.^ befindet sich eine kupferne Schale, wie solche von dem deut- 
schen Ritterorden im 13. u. 14. Jahrh. preussischen Täuflingen bei dem Übertritt 
zum Christentum als Geschenk gegeben wurden. Auf dem Boden der Schale finden 
sich neben bildlichen Darstellungen die Worte: ira, luxuria, idolatria, invidia, 



110 . 

Ende" des Werkes reicht die Beschreibung der ^Hoffahrt" jeden- 
falls nicht. 

Zu Anfang jeder Hauptsünde wird nun das Wesen derselben 
kurz erklärt, dann folgen gewöhnlich, und zwar in ziemlich genauem 
Anschluss an Thomas von Aquino, (welcher freilich niemals ge- 
nannt wird), und damit auch an Gregor, auf den sich der Verfasser 
bisweilen ausdrücklich beruft, die ;,Manieren oder Specien^ dieser 
Sünde, d. h. die einzelnen, besonderen Sünden und Fehler, in welchen 
sich die Hauptsünde im einzelnen zu zeigen pflegt, und endlich die 
^Remedien", d. h. die Hülfsmittel, durch welche man hoffen darf, 
von der Hauptsünde befreit zu werden. 

Die Argumentation wird geführt 1) durch das belehrende Wort 
des „Dichters" selbst, wenn man den Verfasser so nennen darf, 2) 
durch Anfühningen aus der heiligen Schrift (as wy lesen in scrifture 
u. ähnl.), 3) durch Anführungen aus den Kirchenvätern (lerars), zu 
denen jedoch auch de lerer Tullius, mester Seneca u. andere treten. 
Diese Anführungen heissen „reden". 4) durch Gleichnisse (figure), 5) 
durch fromme Geschichten und Erzählungen (exempel). 

Aus der heiligen Schrift wird der Prediger Salomo am aller- 
meisten citiert, wenn ich recht gezählt habe, 119 mal, ferner sehr 
häufig die Sprüchwörter Salomonis, Lukas, Matthäus, die 5 Bücher 
Mosis, Jesaias, Hiob, Apostel Paulus, ziemlich häufig das Evangelium 
Johannis, Jeremias, die Bücher der Könige, die Psalmen, je ein Mal 
Habakuk, Maleachi, Josua, Joel, Sacharja, Esther. Gar nicht wird 
z. B. citiert der Evangelist Markus ; dass dieses ein Zufall sein sollte, 
halte ich gegenüber den 34 Citaten aus Lukas, 30 aus Matthäus, 14 
aus Ev. Johannis für ausgeschlossen, den Gnmd für diese Nichtberück- 
sichtigung des Evangeliums Marci vermag ich jedoch nicht zu erkennen ^). 
Dass andrerseits der Prediger Salomo weitaus am meisten benutzt ist, 



am Rande: dolus, odium, peccatum. Der Ordenskünstler betrachtete also die vier 
erstgenannten Sünden heidnischen Neubekehrten gegenüber als die wichtigsten and 
liess superbia, avaritia, gula^ acedia ganz weg. — Auf einem Bilde des Mautegna, 
welches sich im Louvre zu Paris befindet und bezeichnet wird : der Sieg der Weis- 
heit über das Laster, jagt Minerva, mit Speer, Schild und Helm bewahrt, die Laster 
vor sich her. Die einen, ganz im Vordergrande, werden in einen Sumpf getrieben, 
die andern flüchten im Hintergrunde. Nach meiner Ansicht sind die im Vorder- 
grunde befindlichen Laster folgende fünf: Die Trägheit, welche in den Armen 
von zwei Weibern fortgetragen wird, der Neid mit einem Hundegesicht und scheelem 
Blick, die Unkeuschheit, ein nacktes Weib auf dem Rücken eines Centauren stehend, 
die Eitelkeit in Gestalt eines Affen, Habgier und Wucher aneinandergebunden, 
erstere ein hageres Weib, letzterer eine gemästete Figur ohne Arme (die also nicht 
arbeiten will und kann). 

*) Auch sonst ist mir die eigentümlich spärliche Benutzung des Markus- 
Evangeliums aufgefallen. In dem Index zu der Summa theologiae des Thomas 
von Aquino (Antwerpen 1575. Ex officina Christophori Plantini. fol.) nimmt 
Matthäus 8 Spalten ein, Johannes 5, Lucas 3 und Marcus nur ^/4 Spalte. Ebenso 
auffallig bei Petrus Lombardus Sententiarum libri IV. (Löven. 1 552. Ex officina 
Bartholomei Gravii.) Aus Matth. werden in diesem Werke 77 Stellen citiert, 
Johannes 82, Lucas 28, aus Marcus nur 9. — Dass das Markus - Evangelium das 
kürzeste ist, kann diese auffällige Thatsache doch kaum genügend erklären. — 



in 

darf bei cler lehrhaften Form des ganzen Werkes nicht Wunder nehmen. 
Uebrigens sind diese Anführungen, wie die aus den Kirchenvätern 
und weltlichen Schriftstellern natürlich nicht wörtliche Uebersetzungen, 
was ja bei der Versform des Werkes auch nicht möglich gewesen 
wäre, sondern es ist nur im allgemeinen der Inhalt der betreffenden 
Stelle angegeben. So genaue Wiedergabe, dass man die Originalstelle 
sofort erkennt, findet sich sehr selten. So werden z. B. an der Stelle, 
wo gesagt wird, dass Spieler sich gegen alle zehn Gebote versündigen, 
die ersten drei Gebote so wiedergegeben: 

1. Kies vor my ghenen vremden god. 

2. Nome niet den name gods in ydelhede. 

3. Du suis vieren den hilghen dach. 

Bei den weiteren Geboten verschwindet bereits der Wortlaut. 130» 
heisst das achte Gebot: Du ne suis gheen valsch orconde syn Theghen 
clynen evenkerstyn. 

Von den Kirchenvätern werden am allermeisten Bernhard, 
Augustinus, Gregorius und Hieronymus citiert. Diese erhalten auch 
den Ehrentitel min here, während die übrigen sich mit der Bezeich- 
nung de lerer, een lerer begnügen müssen. Von Gregors Aeusserungen, 
welche der Verfasser benutzt, heisst es bisweilen, sie fänden sich in 
eenen dialoge oder hynnen zynre dyaloghen. Gemeint ist Gregors Werk 
Dialogorum de vita et miraculis Patrum Italicorum libri IV. — 9Ib 
wird Bernhards boeck vander godcs minne erwähnt. Vielleicht sind 
darunter die berühmten Sermones über das Hohe Lied verstanden. 
— 25a findet sich die Quellenangabe St, August yn scryfft in eene 
collecte. — Hie und da werden noch erwähnt de lerer Ysidorus^ een 
lerer Cyprianus, Sunte Denys (St. Dionysius), Sunte Johan Crisostomus 
(St. Johannes Chrysostomus), einmal 92b de miure sunte Augustyn. 
Sehr häufig findet man die Einführungsworte: in vitas (sie) patrum 
lezen wy, einmal: int leven der vaders. Gemeint ist des Rufinus 
Historia Monachorum sive über de vitis patrum, eine Biographie von 
ägyptischen Mönchen der nitrischen Wüste. — Offenbar sind auch 
die Acta Sanctorum stark benutzt. — Auffällig ist es mir, dass der 
Kirchenvater Ambrosius nur äusserst selten erwähnt wird, in dem 
ganzen Werke nur vier Mal. — Unbekannt ist mir die Persönlichkeit, 
welche 8a mit den Worten bezeichnet wird : een lerer, het Symarus, 

Von weltlichen Schriftstellern wird am allermeisten Seneca 
angeführt, welcher nach der kirchlichen Sage des Mittelalters mit 
dem Apostel Paulus im Briefwechsel gestanden haben soll. Er wird 
bezeichnet als de wise Seneca, Mester Seneca. Ziemlich oft wird ferner 
Mester Tulius, Tullius, de lerer Tulius angeführt. Zwei Mal 89a und 
101a kommt JBoecius vor, der Verfasser der Schrift de consolatione 
philosophiae und der berühmten Uebersetzung mit Kommentar zu des 
Aristoteles Organon, welche die erste und für lange Zeit die einzige 
Grundlage der mittelalterlichen Scholastik wurde. — Wenn es 114b 
heisst de philosophus secht al dare und 80a de philosophe secht^ so ist 
dabei Aristoteles selbst gemeint, welcher für die Scholastik „der 



112 

Philosoph'^ xät' i^oj^viv war, auch z. B. bei Thomas von Aquino fast 
immer nur philosophus genannt wird. — Auf Dichter wird öfters Be- 
zug genommen. 112a heisst es: 

Oracius doet uns bekent, 

Van ghenen Tiran so ue is torment, 

Merre dan vanden nydighen vonden. 

(Horatius epist. I, 2, 58: Invidia Siculi non invenere tyranni Maius 

tormentum). Gleichfalls aufHoraz geht die Stelle aufBl. 75a zurück, 

wenn die Quelle auch nicht ausdrücklich genannt ist: 

Men secht in een auctoriteit, 
Den nyen vate blivet langhe 
Smack van zynen ersten untfanghe. 

{Horatius epist. I. 2, 69 : Quo semel est imbuta recens servabit odorem 

Testa diu.) Auch 114b 

Hyr up secht een poete vroet, 
Gramschap (Zorn) den moet so verblent, 
Dat he dat rechte siet noch kent, 

ist sicherlich eine Umschreibung des Horazischen Ira furor brevis est. 
(Epist. I. 2, 62). — Auf Ovidius wird einige Male Bezug genommen, 
u. a. 10a mit Anführung der remedia amoris desselben: Ovidius inder 
remedien der minne. — 

Oefters heisst es: in Historien lesen wy, einmal 31a wird ^Alex- 
anders Historie' als Quelle angegeben. Eine aus derselben entnommene 
Geschichte wird mitgeteilt werden. — 

112l> heisst es: in mester Hughen boeck tuy lesen. Wer dieser 
„Meister Hugo^ gewesen, ist zweifelhaft. Jedenfalls war es kein Geist- 
licher, wie der Zusatz mester beweist, welchen, dem Sprachgebrauch 
des Mittelalters entsprechend, auch im Sündenspiegel nur Nichtgeist- 
liche, nämlich Tullius und Seneca, haben. Man könnte an den Laien 
„Magister^ Hugo von Trimberg denken, welcher um 1300 den ;,Renner^ 
dichtete. Dass der Renner oberdeutsch geschrieben ist, brauchte kein 
Hindernis zu sein. Auch ein „simpler clerck^ konnte wohl imstande 
sein, hochdeutsche Schriften zu lesen und bei der ausserordentlichen 
Verbreitung und Beliebtheit des Renners ist es sogar kaum anzu- 
nehmen, dass ein litterarisch thätiger Geistlicher ihn nicht gekannt 
haben sollte. Ausserdem stimmt Inhalt und Tendenz des Renners 
mit dem Sündenspiegel im ganzen überein. ^) 

103a wird 'der naturen boec' erwähnt. Es wird hier ein Exempel 
erzählt, dat Jcranen (Kraniche) vader und moder eeren. Sie holen 
nämlich, wenn diese im Alter nach Verlust der Federn nicht mehr 
aus dem Neste fliegen können, für sie das Futter. Man könnte nun 
bei der naturen boec an das um 1350 geschriebene und sehr ver- 
breitete ^Buch der Natur^ des Konrad von Megenberg denken. In 



^) Es ist mir leider nicht möglich gewesen, festzustellen, ob die Stelle aus 
mester Hughen boeck wirklich aus dem Renner entnommen ist, da die beiden Aus- 
gaben des Renners (Frankfurt a/M 1549 und Ausgabe des Bamberger histor. Vereins 
1833—34) in Königsberg nicht vorhanden sind. 



na 

dieser Schrift wird jedoch von dem Kranich nichts derartiges berichtet, 
wohl aber etwas Aehnliches von den Störchen: Von dem Storchen, 
— so hahent auch diu störchel wider groz trew zuo den müetern^ wan 
als groz zeit die müeter verzerent ob den kinden^ als groz zeit verzerent 
diu Jcint ob den müetern und speisent si auch, (Pfeiffer p. 175.) Der 
Verfasser des Sündenspiegels hat also Konrad von Megenberg jeden- , 
falls, wenn er dessen ^Buch der Natur ^^ gemeint hat, nicht genau 
citiert; vielleicht hat er sich aber auch an dessen Vorgänger und 
Muster Thomas von Cantimpre (Cantimpratensis). cf. Pfeiffers Ein- 
leitung) angeschlossen, dessen über de natura rerum in vielen Hand- 
schriften verbreitet war. 

Ganz zweifelhaft ist mir das 54b angeführte boeh van den stommen 
dieren. Es wird hier mahnend darauf hingewiesen, dass sogar stomme 
beesten Barmherzigkeit üben. Das hier erwähnte Buch wird also irgend 
ein ^Physiologus" gewesen sein. In den uns erhaltenen deutschen 
Physiologi findet sich kein Hinweis auf die ;, Barmherzigkeit" der 
Tiere. Der Verfasser des Sündenspiegels könnte aber irgend ein 
scholastisches Buch ähnliches Inhalts benutzt haben, wie denn z. B. 
Graff (Diutisca. III. p. 22) als die Quelle des jüngeren prosaischen 
Physiologus eine lateinische Schrift unter dem Titel: Incipiunt dicta 
Johannis Crisostomi de naturis bestiainim nachgewiesen hat. 

Darstellung und Stil im Sündenspiegel sind ziemlich lang- 
weilig und trocken, auch die eingestreuten p]rzählungen zeigen kaum 
grössere Lebendigkeit, als die anderen Partieen. 

Der Sündenspiegel unterscheidet sich dadurch nicht zu seinem 
Vorteil von Josefs Gedicht, in welchem die eingestreuten Erzählungen 
mit volksmässiger Frische vorgetragen sind. Nur zuweilen wird der 
Verfasser des Sündenspiegels eifrig und lebendig, z. B. auf Blatt 14 a 
in einer grossen Philippika gegen den Tanz, an anderen Stellen in 
leidenschaftlichen Angriffen gegen das „Dobbeln^^, (Würfelspiel). Von 
kulturhistorischem Interesse sind nicht wenige Stellen des Gedichts. 
Litterarhistorisch interessant sind die Erzählung aus der Alexander- 
historie (S. 119) und die aufs merkwürdigste mit Schiller's Gang nach 
dem Eisenhammer übereinstimmende längere Erzählung, welche Lübben 
Jahrbuch 1878 p. 57 ff. bereits veröffentlicht hat, auch wohl die 
eben besprochenen Quellenangaben. Mit der Verskunst des Ver- 
fassers ist es nicht zum besten bestellt. Freilich war der moralisirende 
Inhalt ein sehr spröder und in fliessenden Versen gewiss nicht leicht 
zu behandelnder Stoff, aber der Verfasser fühlt es auch selbst, dass 
es ihm an der Kunst der Versbildung gebricht. Mit Ernst und Nach- 
druck weist er jedoch darauf hin, dass man nicht die Form seiner 
Verse kritisiren und tadeln, sondern den Sinn und Inhalt derselben 
wohl beherzigen möge. 

138b. Alyolde ymaud de rime dornen, 

Dat se ergbent valt to hart, 

Den gbennen, den se te pinen wart, 

Kiftderdeutsclies Jahrbucli. XVII. A 



und ibid. 



114 

Bidt em, dat he se wille bekeren 
Und dat he merke den zin der leren, 
Of de mach werdich wesen, dat si 
Süchte rime untschulde daer bi. 

Menyghe schone auctoriteit 

Is bynnen dessen boeke gheseit, 

Wes woord daer rinne verändert zyn. 

Dichtende duetsch, walsch of latyn 

Bi node men versetten moet 

De yroorde, sal de rym werden goet. 

Is de sentencie ciaer beholden, 

Elk wise sal den rym untscholden. 

Ueberhaupt wirkt der sittliche Ernst, die aufrichtig fromme Gesinnung, 
die unerschrockene Freimütigkeit nach oben, wie nach unten, welche 
der Verfasser zeigt, sehr, wohl thuend. P]r scheut sich auch nicht, es 
auszusprechen, dass sogar Bischöfe in die Hölle kommen können, 
(cf. p. 128.) Von faulen Mönchen, welche die Frömmigkeit nur als Deck- 
mantel für ihre Trägheit benutzen wollten, war er kein Freund, er 
liest solchen trägen Gesellen tüchtig den Text und lässt einen ver- 
ständigen braven Abt zu einem jongelinc, der immer nur beten, aber 
nicht ;, werken*^ wollte, mit Recht sagen: Wer nicht arbeiten will, 
soll auch nicht essen, (cf. p. 125.) Solche Leute, die sich bei ihrem 
Eintritt in ein Kloster nur die reichen aussuchen, um daselbst dem 
Wohlleben fröhnen zu können, vergleicht er mit Schweinen, die auf 
Mästung gesetzt w^erden und nennt sie unverblümt ^Teufelsbraten^, 
(cf. p. 121.) Es geht ein volkstümlicher, man möchte sagen, „demo- 
kratischer^ Zug durch manche Stellen des Gedichts. Gewaltthat, 
meint der Verfasser, ist zwar allen Menschen verboten, am meisten 
aber den Edeln (Adligen) und den Grossen, (cf. p. 120.) In die 
Klöster drängt sich zumeist die ,, Wohlgeborenheit^ ; von vier Mönchen 
sind immer drei von groten maghen abstammend, (cf. p. 121.) 99 a 
heisst es: Niemand ist edel um seiner Geburt w^illen, dessen Thaten 
unedel sind; alle Menschen stammen von einem Vater und einer 
Mutter, u. s. w. Ein grosser Dichter war der Verfasser des Sünden- 
spiegels gewiss nicht, aber ein tüchtiger, echt christlich gesinnter 
Mann, welcher ohne Nennung seines Namens, ohne auf Anerkennung 
bei den Menschen zu rechnen, in Treue und Bescheidenheit das mühe- 
volle Werk, das er auch selbst geschrieben (vergl. unten), vollendete, 
Gott zu Ehren, seinen Mitmenschen zur sittlichen Besserung. So 
lautet denn der Schluss des Werkes: 

139a. God beere, up wen ick troost beghan, 

Te dichtene dit grote werck, 

Dancke dy, als een simpel clerck, 

Dattu woldes ghe werden mien 

Te makene instrument, by wien 

Dyne gracie hevet vuldaen, 

Dat de lesers so moeten verstaen 

So de sentencie, biddick, beere, 

Dat so jii dienen moeten de mere, 



Und ick diet by der hulpe dyne 
Hebbe ghetrect uut den latine. 
Bidde, dat dichten und scriven 
My to ghenaden moete bliven, 
So dat ick na dit corte leven 
Met ju, here, moet zyn verheven, 
Uut wen ick beghinsel nam, 
Secundum magnam misericordiam tuam. 

Dass die Dichtung nicht ein deutsches Originalwerk ist, sagt der 
Verfasser selbst mit den eben angeführten Worten, er habe diet 
ghetrect uut den latine^ also „aus dem Lateinischen gezogen.^ So 
nimmt denn auch Lübben „Ursprung des Werkes aus dem Latei- 
nischen" an. Wenn er jedoch als Grund für diese Behauptung die 
vorhin hier p. 114 angeführten Verse heranzieht: Dichtende duetsch^ 
walsch, of latyn u. s. w., so ist dies offenbar unzulässig, denn jene 
Verse besagen nichts anderes, als dass ein jeder, mag er deutsch, 
wälsch oder lateinisch dichten, wenn er eine „Autorität" d. h. 
einen beherzigenswerten Ausspruch irgend eines guten Autors an- 
führen will, diesen nicht wörtlich und genau übertragen darf, sondern 
ihn so umändern muss, dass er sich in *den Reim fügt. Es bleibt also 
zur Bezeichnung der Quelle, aus welcher das Gedicht entsprungen ist, 
nur das eine Wort des Verfassers übrig ^^ghetrect uut den latine^\ Ueber 
die Art und Weise des „Ursprungs aus dem Lateinischen" hat sich 
Lübben nicht näher geäussert. Wenn er jedoch (Jahrbuch 1878 p. 5G) 
die auffällig grosse Anzahl der Fremdwörter des Sündenspiegels eben 
diesem Urspininge aus dem Lateinischen zuschreibt, so scheint er 
doch einen sehr engen Anschluss unseres Gedichts an das Lateinische 
angenommen zu haben. Daran ist meiner Meinung nach jedoch nicht zu 
denken. Wenn auch im Mittelalter viel über die peccata piortalia 
geredet und geschrieben worden ist, so war das doch alles Prosa, 
von einem lateinischen Gedichte über die Todsünden wissen wir nicht 
das mindeste. Andrerseits sind die Verse des Sündenspiegels zwar 
trocken und nüchtern, machen aber einen durchaus originalen Eindruck. 
Der simpel clerck müsste ein Meister allerersten Ranges in der Ueber- 
setzungskunst gewesen sein, wenn er viele Tausende von lateinischen 
Versen in einer Weise übersetzt haben sollte, dass man auch 
nicht eine Spur von Latinismen in ihnen entdecken kann. Somit darf 
man nur annehmen, dass er den Stoff und vielleicht die Einteilung 
einer oder mehreren lateinischen Vorlagen, welche ihm über dieses 
Thema die Scholastik mehrfach bot, entnommen hat, wie dies z. B. 
durch Beziehung auf St. Gregorius (Gregor d. Gr.) bei der Völlerei 
ausdrücklich erwähnt wird, die Form des Gedichtes ist ganz sein 
eignes Werk. 

Ich habe die Orthographie des Gedichts genau beibehalten, 
nur das u ist, wo es nötig war, der besseren Lesbarkeit halber, 
durch V wiedergegeben. Aus demselben Grunde habe ich die Inter- 
punktion hinzugefügt. — Eine Schwierigkeit entstand durch den 
Strich über den Endkonsonanten bei Infinitiven, Dieses Zeichen 

8* 



116 

dient sonst nur zur Verdoppelung von Konsonanten, z. B. de 
stöme momck^ der stumme Mönch. Lübben hat dieses Zeichen in 
seiner Erzählung aus dem Sündenspiegel im Auslaut des Infinitivs 
durch e aufgelöst, er schreibt also nicht dichtenn^ dienemi, makenn, 
wetenn^ wie man nach dem sonstigen Schreibgebrauch der Handschrift 
eigentlich müsste, sondern dichtene^ dienene^ makene, wetene. Diesem 
Vorgange unsres Altmeisters bin ich gefolgt, zumal da an einigen 
Stellen Infinitivformen auf e (loctene^ dichtene^ mcrkene) ausgeschrieben 
wirklich vorkommen. 

In den beiden erstlen Hauptteilen habe ich die Disposition nach 
dem Inhalt ohne Rücksicht auf die roten Ueberschriften der einzelnen 
Abschnitte (cf. p. 98) angegeben, von der dritten Hauptsünde, der 
vracheit, an sind die roten Abschnittsüberschriften vollständig auf- 
geführt, damit man auch von der Art der Verwendung dieser Indices 
ein Bild gewinne. 



Spitfghei der zonden. 

1) Gulsichede, giilsicheit, gulsheit, {Völlerei), Init. — 3b. — 2) Luxiirie (Un- 
keuschheit) 4a— 18b. — 3) Vracheit (Habgier) 18b— 64b. — 4) Traecbeit (Trägheü) 
64b- 85b. — 5) Hoverde (Hoffahrt, Stolz) 85b— lila. — 6) Nyt (Neid, Abgunst) 
lila— 113b. — 7) Gramshap (Zorn) 113b. — Fin. 

I. (jlnlsicheit. Init. — 3b. 

5 Specien oder Manieren derselben „beschrieben von St. Gregorius". (cf. p. 
115.) 1. Man mag nicht regelmässig geordnete Mahlzeiten leiden. — 2. Leckerei, — 
3. Gefrässigkeit. — 4. Wählerisches Aussuchen und „Bereden*^ der Speisen, — 
5. Gieriges Verschlingen „zu heisser'^ Speisen. 

4 Folgen. 2a. als „Gesinde" oder ,f Diener" der Völlerei bezeichnet, — 
1. Hoffährtigkeit. — 2. Begehren von mannigfacher Speise, — 3. Begehren von 
Lieblingsspeisen, — 4. Zu viel essen, 

8 Remedien. 2b. 1. Gerne Gottes Woi't hören, — 2. Van redelike dingbcn 
belemerthede. (Beschäftigung mit redlichen Dingen.) — 3. Dat em de mensche 
also vere doe, als he ver eyscht van elker stede, daermen aeffent de gulsichede. 
— 4. Dass wir ernstlich an die Nähe des Todes denken. — 5. Dat wy sol'den in 
allen stonden um dat ewighe werschap (Abendmahl) denken und woe wy alle zyn 
genoet daer toe. — 6. Te merkene, dat de exces van gulsheit inbrenct swerheit 
groet. — 7. An Christi Armut gedenken. — 8. De zoete gracie uns heren. 

11. Luxupie. 4a— 18b. (6 „Partieen".) 

1. Partie. 4a. 
Belehrung über die bösen Dinge der Luxurie, damit wir uns bessern und 
die Luxurie hassen lernen, — 1. Angst und Beschwerde. — 2. Leetschap. — 
3. Eine Menge Spötterei^ die wir über uns ergehen lassen müssen, — 4. Dat 
vierde quaet mach di beduden een stanc in mau van brande. — 5. Verlust des 
guten Namens, 



117 

2. Partie. 7b. 
Die 5 Manieren oder Specien der Luxurie, yioekhe Töchter heissen^^. Als 
y^Töchter" werden die einzelnen Arten einer Hauptsünde nur hier bezeichnet, in 
Josefs Gedicht und sonst jedoch fast stehend. 

De eerste wy symplex keefsdom scriveii; 

De ander, to untsuverne*) eene maget; 

De derde — — — 

Is hordom; de vierde is, als een mau 

Met wiven misdoet, de em gaet an;*-*) 

De vyfte, unkuusche misdaet, 

De teghen der naturen gaet; 

Eene seste') manire mach zyn voert, 

Die ter unkuuscheit behoert, 

Die giricheit vake doet to driven, 

Dats dat untvoren van wiven. 

3. Partie. 9b. 
8 Veranlassungen (occusoen) zur Luxurie. — 1. Ledicheit (Müssiggang). 
— 2. Uebermass von Speisen, — 3. Der older wiven beleet, de lüde to sammen 
driven. Diese alten Weiber werden auch makeliggen (Kuplerinnen) genannt, — 
4. Böses Beispiel. — 5. Schone wyfs anschyn. — 6. Viel mit Weibern sprechen, ~ 
7. Dat sevenste is rotten ofif ledekinne, te hoerue de ghewagen der mynne, want 
sie den brant roren vast. — 8. Als men tast menschen unbetemelike. (Unzüchtiges 
Betasten). — Hier findet sich die vorhin erwähnte leidenschaftliche Philippika gegen 
den Tanz, der also nach der Meinung des Verfassers nur zur Unzucht verführt, 
Elk danss oflf traets mach heten wel Processie vanden duvel. 

4. Partie. 15b. 

Remedien gegen die Unkeuschheit, — In der allgemeinen Ueber sieht der 
6 Partieen gleich zu Anfang der Luxurie werden 8 Remedien angekündigt, that- 
sächlich folgen jedoch nur fünf — 1. Devote bedinghe (demütiges Gebet) zu unsrer 
lieben Frau, wie z. B. in Paris, oder zu St, Antonius oder zu St. Christoph, — 
2. Ersame belemerthede (ehrbare Beschäftigung), — 3. Dat men heeft an die 
hilghe scrifture minne (dass man stets an die heilige Schrift denkt). — 4. Almosen 
geben (— ein seltsames Mittel gegen die Unkeuschheit! — ) — 5. Voormaken um 
die doot. 

5. Partie. 16a. 
Weshalb Gott simplex keefsdoom verboten hat, — 

1. Keefsdom ist na der lerers scriven 
Die undanclicheit van wiven, 
Want luttel gemene wyfs wy sien, 
Dat sie kinder to draghene plien. 
Daer wert der rechter naturen wet 
Mids den keefsdome achter geset. 



^) Entsäubern, unrein machen, schänden. 

2) Die mit ihm verwandt sind. 

') Obgleich in der Disposition nur fünf angegeben waren. 



118 

2. Die vele archede, die geschien 
Vanden wiven ten kindren wert, 
Als hem die man is alte greignaert. 
3. Mancher Kampf und mancher Streit würde vermieden werden, wenn sich 
jeder Mann nur zu einer Frau hielte. Gott hat ja auch zuerst nur einen Mann 
und ein Weih gemacht. — 4. Gott hat keefsdom durch 3 j,Beden^* verboten, a) Die 
Menschen sollen nur einen Herrn und einen Gott haben. — b) Zu thun, was uns 
Gott heisst, zu lassen, was ihm leid ist, dar in staet Verdienste groet. — c) Gott 
will am meisten geminnet sein, 

6. Partie. 16b. 
Von denjenigen, welche sagen, dass sie sich der Luxurie nicht enthalten 
können. — 1. Gott legt uns nicht mehr auf^ als wir tragen können. — 2. Der 
Mensch besitzt freien Willen, den kein Tier hat. Wenn er also sündigt, dann ist 
seine Sünde schalcheit boven elke beeste. — 3. Der Mensch sollte sich schämen, 
sich von der Sünde, sowie ein Pferd von een vreydel clene (von einem kleinen 
Knaben) zwingen zu lassen. — 4. Die unkeuschen Menschen, die sich mit der ün' 
möglichkeit, ihre Sünde zu lassen, entschuldigen, handeln so, wie einer, der sein 
Haus brennen sieht und noch mehr Feuer dazu thut. — 5. In leiblichen Krank- 
heiten nehmen diese Menschen Medizin, aber von geistlichen Medizinen wollen sie 
nichts wissen. — 6. Sie sind ebensowenig zu entschuldigen, wie Leute, die ein 
ihnen anvertrautes Schloss an den Feind ausliefern und keine Hülfe (also Gebet 
und der gl.) nachsuchen. — 7. Sie verdienen ebensowenig Entschuldigung, wie ein 
Mann, der aus Lässigkeit nicht das Loch in einem Fasse zustopft, durch das ihm 
der Wein ausfliesst. — 8. Manche sagen, das Weib zwinge sie eur Luxurie; es ist 
aber der Teufel, der sie mit ihrem eignen Willen zwingt. — 9. Sie sollten wenigstens 
versuchen, sich eine kurze Weile der Sünde zu enthalten, um sich so allmählich 
an Besserung zu gewöhnen. 

III. Vracheit. 18b-64b. (5 „Partieen".) 

1. Dinghen, de vracheit doen schuwen und ere temptacie doen verduwen. — 
2. Die temptacie, die der vracheit ane cleven. — 3. Dinghen, die vracheit queken 
und voeden. — 4. 6 Remedien der vracheit. (Es werden jedoch nachher 8 genannt!) 
— 5. Van der gulscheden, de der vracheit schyn contrare. 

1. Partie. 19a. 
Vracheit is te verhatene umme vele dinghen. Vracheit is te verbaten umme 
de maledixie, de god daer up senden sal. (Es folgen die maledixien aus Jesaias^ 
Habakuk, Lukas, Jakobus u. a.) Vracheit sal he verbaten, die merken wille de 
grootheit van desser sonde. (Es folgen dafür „Urkunden** aus dem Prediger 
Salomo, Hosea u. a. 

20a. Eene derde orconde vinden wy mede. 

De toghet der vraken grote quaethede, 

Da.ts, dat he niet de eeusheit heft. 

Die an zynen schepper cleft 

Und in all ander creaturen. 

Die schepper wolde der natureu, 

Dat alle dinghe gemene waren. 

Also die sonne gheeft er verclaren 



119 

Int gemeiie und tvuer*) syn hitte, 
Die blomeken rosen al sonder smitte, 
Die bome ock gheveu er fruut, 
Die crude eren roeke ere untuiit 
Gemene, — — — 
Des willen niet de vracken plien.) 

Vracke zyn quaet in gode, in hemselven, in zyneu evenkersten und in de 
neder creaturen. — Vracheit is als eene afgoderie, die scrifture togbedet. — 
Vracheit is eene sware geestlike quäle. — Vracheit is eene sware quäle umme 
ere geduricheit. — Vracheit, dats eene unversadelike quäle, dats getoghet. — 
Vracheit hold den menschen in sware schalkernyen. — Vracheit heft dri bedecte 
strecken (drei verborgene Stricke), menschen mede te vane. — Vracheit is to 
untsiene {von Vr. ist abzusehen) umme de vele strecken, die see heft. — Vracheit 
is zeer hatelic gode, dats getoghet ciaer. — Vracken doen goede grote dorpernye. 
— Vracheit doet grote deere und unrecht den evenkerstyn. — Vracheit quest 
und deert eren dragliere. — Vi*acke zyn gheck in vele saken, dats ghetoghet 
ciaer. — Vier dinghen moghen unse heeten und niet meer: 

— Dat een is in erdsche goet, 
Dats waldaet, de die mensche doet; 
De andre is de tyd, de wy leven; 
Dat derde, dat wy den armen gheven ; 
Tvierde, dat is hemelrike. — 

Exempel, dat erdsche besittinghe uns vremde is. — Exempel, dat almoessene 
unse is, di wy doer gode gheven. — Eerdessche besittinghe en is unse niet. — 
Exemple toghen, uns niet te troestene up erdsche besittinghe. — Exempel — ? — 
(abgeschnitten, cf. p. 97) — Erdsche besittinghe schynt gheven vyff maniren van 
vruchten. 

In duetsche ghemeenlic men secht, 

Dat he de rycste is, de levet, 

Wien ghenoeghet, dat he hevet. — 

Hemelrike machmen copen met erdscher rycheide, Rycheit goet te niete 
bi vier dinghen. — Restoor laten (Arrest legen) up erffnamen is sonde. — Vracke 
zyn zere sod unversien in vele saken. — Weelde is als een droom, die schynt 
und niet en is. — Rycheit der werld doet eren mynre vele quaets. — Erdsche 
rycheit maect den mensche cranc in dri dinghen. 

31a. ~ Hyr aflf memorie 
Vindmen in Alexandershistorie'^*) 
Do he Darise hadde verwonnen 
Teenen tyd, und daer was gewonnen 



*) tvuer ,das Feuer'. So wird sehr oft nach niederländischer Weise der 
neutrale Artikel zum folgenden Worte gezogen, z. B. tserpent, tvierde, tfolc u. a. 

^) Diese Alexandergeschichte habe ich in keiner der von Weismann (Alexander- 
Gedicht des 12. Jahrh. vom Pfaflfen Lamprecht. Frankfurt a/M. 1850. 2. Band) 
gesammelten Quellen gefunden. Auch im Alexanderliede selbst findet sie sich nicht. 



120 

So groten rooff, dats gemeenlike 

Alexanders schare, di so wert rike, 

Daer zyn ludeu in bequamen 

Und eenen nyen wecb an nameu. 
(2 V&i'se abgeschnitten.) 

Und maecte Alexanders volc onder. 

Des hadde de hoghe man groot wonder. 

Daer gebood die conync rike, 

Den rooff te verbemene gemeenlike 

Sonder letten, und be sede, 

Eer tfolc gekreech dese rycbede, 

Met vecbtene niement en konde gescbadeu. 

Mer als sie met gbelde zyn geladen, 

Sie syn cranck und swaer becomen. 

Daer na so was hem tgoet genomen, 

Daden die vianden eener keer, 

Do vochten sie also vaste alse eer. — 
Vrackens lachten der helle, der doot, der zee, den hond, den moll. — Exemple 
vander oolder wet (aus dem alten Gesetz, Testament) leren uns verbaten vracbede. 

2. Partie. 32b. 
Vracbeit befft negben specien in ere, die some lerars dochteren nomen. *) 

32b. Woker, roof und tassement, (Gewaltthai). 

Boesbeit vander band werclieden, 

Tvyfste is to untfangbene mieden, 

De seste specie bet simonie, 

Die sevenste — 

Unwerdelic sacrament untfaen. 

De achtste is, vrac te zyne van 

Consten, die enycb mensche can, 

De IX ste is, speien um gbelt. 

1. Woker. 

Woker is te verhatene umme (abgeschnitten). — Woker salmen baten umme 

de quaetbeit, de daer is. — Woker salmen vlien um ander quaet, datter uut 

comt. — Woker salmen schuwen umme vele saken, de daer in Umsehen (lauschen, 

lauern). — Woker sal elc vlien um de plage, de dar god to sent. — Woker 

bedecken de lüde manichsyns umme der werlt schaemte. 

2. Roof. 

Roof salmen schuwen um de sware plaghe, de god up rovers werpen sal. — 

Rovers mogben wal verveert zyn van gode umme de mynne, de he heft up de 

armen. — Roof is te verhatene umme de sware maledixie — Rovers liden vake 

sware und scbofierliken doot. 

3. Tassement. 

Tassement is verboden allen luden, und mest den edelen. — Tasserers 

untfanghen drivolt schaden uut eren tassemente. — Tasseren is zeer scbofierlick 

den edelen und den groten. 

') Die Bezeichnung „Töchter" ist nicht nur bei „some lerars" zu finden, sie 
ist vielmehr die gewöhnliche, vgl. p. 117. 



121 

4. Boesheit vander hand werclieden. 
Dacbwerkers misdoen vake, verstaet wo. — Taswerc {wohl versehriehen 
für dachwerc) nemers misdoen vake zwarlike, verstaet wo. — Merseners oufenen 
{üben?) achte senden in ere neringhe. — Diefte regnert vake in copenscbepe. 

5. Mieden untfanghene. 
Untfanghen gifte is grote vrese. — Ghiffte maect ere untfanghers stom 
und blint. — Untfanghers van ghiften syn begripelic in dre saken. 

6. Simonie. 
Symonie doet vake sneven de leeken, dats getoghet. 

39 b. — um welk de leeken misdoen in die 

Und willent up de geleerde al stecken, 

Sal ic daer äff een deel hyr sprechen^ 

Van dats den leeken mach behoren, 

Bi den, alse ic seghede te voren 

Binnen der prologhen van desen, 

Ick en wil gheen begriper wesen, 

Van hem luden, de tlatyn verstaen, 

Doen tghenne, dat hem dunct walgedaeu. 

Mer um dat de leeken plien, 

Te snevene dickent in symonien 

Und willent den geleerden tyen. 

So ne wil ic der niet äff swighen. 

Ic sal van simonye scriven, 

Na dat se de leeken bedriven. — 
Symonie doen de leeken in vier maniren. 

a. De eerste copinghe is um ghelt. 

39b. {Niemand verlangt nach Abteien), 

Daer maghere moncke in syn gesien. 

De syn kint nu begheven sal, 

He so moet to voren weten all, 

Wat syne provende staet te zyne, 

Beyde van spisen und van wyne. 

Dunct en de provende groot genoech, 

So is dat cloester wal syn ghenoech. 

Also de vleyschouwer up set 

Een swyn, um te makene vet, 

Daer na meu siedet und braet, ^ 

Aldus dat kynt te vettene staet 

Tes duvels behoef, dat sonder genaden 

In dat heische vuer sal braden, 

In dat beduet tkint schone und vet. 

Den vader behaghet, so lanc, so beth, 

Und dan, so dunct em wal bestet (?) 

Tgoet^ dat he an hem hefft gelegt, 

Den duvel erst ock een groot troost. 

So vetter vleysch, so vetter roost. 

b. Smekers verkrighen dickent beneficien met ere smekerdieu. — 

c. Kerclike beneficien verkrighen bi bede, is vrese und sonde. 

40a. De derde copinghe is met beden; 
Des pleghet de wal geborenthede, 
Ghaet und soect elke abdie; 
Van veir moneken syn de drie 



122 

Gheboren yan groten magheu, 
De se met ere bede daer jaghen, 
Der armer goet all te verteerne. 
d. De vierde copingbe wilt verstaen 

Syn, de met Schalken deynste iimme gaen. 
Provende oercrighen met erachte is grote suude. — Rinderen untfanghen 
in ordenen is grote vrese. — Jonghe lüde te setteu in State is grote vrese. — 
Jonck prinche off here is to untsiene zere up aventnren, wo he em bekeren sal. 
— Exemple untraden uns, unsen kinderen last te ghevene. — Jonghe moghen 
em niet troesten, up de van gode weren vercoren. 

7. ünwerdelic sacrament untfaen. 
Sacrament untfaen sonder werdicheit is grote vrese. — Sacram<».nt vanden 
altare salmen aldus bereden. — Moneghen unwerdelike is grote vrese. — Quaet- 
heiden drie coraen nt unwerdighen moneghene. — Exemple toghen uns hilghe 
weerdicheit te sacramente. — Dat sacrament niet willen untfaen eens des jaers 
is grote vrese. — Moneghen doet den mensche vele profyts. — Christum weder 
uutsteken, na dat he untfaen is, is grote vrese. — Keren ten sonden na den 
uutfake vanden sacramente is grote sonde. 

8. Vrac te zyne van consten, die enych mensche can. 
Dieser Punkt ist trotz der Disposition auf p. 120 von dein Dichter 
nicht behandelt, 

9. Speien um ghelt. 
Dobbelen offt um ghelt speien, wat speie het, zy is verboden. — Dobbel- 
spei te schuwene leeren uns veir saken. — Speien umme ghelt brinct vake 
gramschap toe. 

47a. De terlinck {Würfel) is der dobbeler god. 

Und se holden al syn gebod; 

Se striken, dat he em strikeu heet; 

Ünt wyst biet, se ghevent gereet; 

Vergheve god, dat se den geboden 

Weren so underdaeu van gode, 

Gelyck dat god den devoten liet 

Under XXI letteren {das Alphabet)] dat beduet, 

Dat dar alle vroetschap bi is gescreven 

Und de gods wille teekiue gheven. 

Also gelyck hefft in zyn toghen 

De terlinc XXI oghen, *) 

Und bi den vertoghet hi 

Den dobbelers, wat zyn wille zy, 

Dat he daer verliest off wint, 

Bi dat he daer an bekint. 
Spelres um ghelt verbreken meest de tien gebode. (i. Gebot: Kies vor 
my ghenen vremden god, der Spieler Gott ist aber de/r Würfel, AehnlicJie 
Deutuny erfahre?i dann die anderen Gebote,) — Dobbelen off ander spei 
süldemen schuwen um vyff quade. — Dobbelers zyn gheck, dat is getoghet bi 
achte saken. — Tyd verlies is speien um ghelt, secht sunte Bernard. — 
Dobbelen solde men schuwen um de swaere plaghe, de dar äff is geschict. — 
Spei met ghenoechten sien off daer bi sitten is grote sonde. — Terlinghen ver- 
huren winkel off bret is grote sonde. 



') l+2+3-|-4-}-5-t-6. 



123 

3. Partie. 49b. 

Vracheit untfaet occusoen ut achte saken. — Exempel, dat quelke goed 
wiunen ter kinder behoeff en bewiset ghene mynne. {Folgt eine Geschichte 
von einem Wucherer , der nur für seinen Sohn wucherte und doch mit ihm zu- 
sammen ins höllische Feuer kam,) 

4. Partie. 51a. 

Vracheit heft achte remedien {obgleich in der Disposition }). 118 nur 
6 in Aussicht gestellt wurden/) umme se to verdrivene — Das 1, Eemedium 
ist: to dencken der doot. Hier folgt ein höchst sonderbarem^ Vergleich. 

Der Tod, welcher dem Menschen stets „anklebf^, wird mit dem Schwänze 
der Tiere verglichen y mit weichern sie Fliegen , Mücken und der gl, verscheuchen. 
So soll sich auch defr Mensch durch das Andenken an den Tod, welcher stets 
hinter ihm sitzt, die Habsucht verscheucJien ! 

51a. Van deser remedien is uns gegeven 

Bewys an somighe dieren, de nu leven. 

Voghelen und visschen mede 

Mids ere natuerliker sede, 

Meryen met ereu sterte weren 

Vlieghen, die se biten off deren, 

Voghelen, vissche em bestieren 

Metten sterte, elk na synre mauiren. 

So mochte elk mensche, had hys begherte, 

Em selven bestuiren metten sterte: 

Dats de doot, de nyman en can 

Weren, he ne cleefft em an. — 

Eiken pinen um uiet umme dat erdsche goed bi drien saken. — 2. Cristus 
armoede leert uns schuwen ghirichede. 

52a. De doot van Cristus und de wonden, 

De he untfenc um unse sondeu, 

Hefftet Volk noch in ghedenckenesse, 

Mer dats der beeren schamenesse. 
{D. h. das Volk lässt sich noch durch da>s Andenken an unsren Herrn 
Jesus Christus beeinflussen, aber die grossen Herren schämen sich dieses 
Gedenkens.) 

Armen solden syn zeer verunwert, had se god selven niet angenommen. — 
Cristus en bad ny brood, no almoessen, wo wal dat truwanten segghen. — 
3. Ansien de unsekerheit van unsen levene is remedie der vracheit. — 4. Dencken 
ten arbeide, de rycheit to brenct, is remedie der vracheit. — 5. Ansien met 
herten hemelsche rycheit is remedie theghen de vracheit. — 6. Hope in gode 
is grote remedie theghen vracheit. — Almossen und bedinghe syn gracie 
vercrighende an gode. Bei diesem Punkte finden wir in wnsrer Handschrift 
zum ersten Mal den Titel des WerJces: 

54a. Ic hebbe voren untbonden, 

Dat dit si de SPEGHEL VAN SONDEN. 

7. Almoesse is rechte remedie theghen vracheide. — Untfermicheit is uns 
bewyst van naturen bi stommen beesten. cf. p. 112. — Almoessen wederstaet 
und lesschet quade begheerten. — Caritate doet erdsche rycheit niet minren. — 
Exempel van Bonefacius milthede. — Caritate doet de rycheit wassen und 
meren der werlt. — Almoesse is zeere bequeme gode, unsen lieven here. — 
Almoesse vercrycht, wat se bidt. — Almoessen maken den mensche vele vrende, 
de vor gode syn gehoert. — Almoesse wert des menschen taleman {Fürsprecher) 



124 

ten lesten gerichte. — Caritate doet, dat ertsche rycheit belpt, de te quetsene 
pleghet. — Almoesse moet syn ghedaen met eenen bilden ansichte. — Almoesse 
inoet syn ghedaen met vrendeliker sprake. — Untschulden mach em nymand, 
de lefft, alraoessen te doene. — 8. Vander bedinghe. — Bediughe is nattelick 
den mensche, bewyst scriftnre. — Cristus leerde uns selven bedinghe. — 
Bedinghe is des hilghen gheestes voghel, wes vloghele syn vasten und almoessen. 
— Bedinghe ghenest des lichamen quäle. — Bedinghe verlenghet den mensche 
syn lyflf. — Bedinghe verwerft an gode, dat den mensche van noeden is. — 
Bidden moet men eendrechtlike und meest in tyden van nooden. — Bidden sullen 
werlike lüde up hilghe daghe und up hochtiden. — Bedinghe sal syn geoeifent 
in allen steden. — Bedinghe moet syn gemeent met herten. — Bedinghe sal 
syn ghedaen in oedmoede und in trauen. — Bidden um tidelick gned is niet 
gheorloft sonder bi maniren (atisser mit Mass?) — Bede vanden sonder en 
hoort god niet. — Exempel, dat bedinghe niet en is gehoort, dies unwert is 
van gode. — Bede, ghedaen in hinder den evenkerstyn, en hoert god niet. 

5. Partie. 63a. 
Guft'heit salmen schuwen umme de vele deren, de se den mensche doet. — 
Guifheit brenghet to grote bekommerthede. — Guffe zyn gheck, dats in dren 
saken wal getoghet. 

IV. Traecheit. 64b--85b. {4 „Tfieile'',) 
Traecheiden tractaet wart in vier gedeilt. 

1. Dat eerste sal uns dinghen leren, 
De uns traecheit doen off kereu. 

2. Dat ander sal verclaren de leden 
Und de specien vander traecheden. 

3. Dat derde sal to kennen gheveu 
Remedien, dar se bi wart verdreven. 

4. Dat vierde wart een capittel clene 
Off twe, und de sullen allene 

Van den maken mensioen, 

Diet al sonder bescheide doen. 

So wat se te doene bestaen 

Und schynt theghen de traecheit gaen. 

1. Teil. 65a. 
Traecheit is te verhatene um VIII zaken. — 1. Exempel, um to vliene 
traecheit (und zwar zuerst von deft' mire = defi' AnieisCy entnommen), — 
2. Cristus arbeide um uns und um traecheit off te doene. — 3. Exempel, um 
ledicheit {Müssiggang) te schuwene, troest uns Artemus, een hillich vader. — 
4. Traecheit to verhatene leert uns de hilghe scrifture. — Traecheit mishaget 
zere gode, dat toghet de hilghe scrifture. — 5, Traecheit becomt wal den 
duvel. — 6. Ledicheit salmen vlien, um dat se doet Verliesen de tyd. — 
Traghe untschulden ere traecheit mids schalker vrese. — 7. Traghe holden ein 
selven so gebonden, dat se niet guets doen moghen. — 8. Traecheit is zware 
ziecheit, wes ziecheit is te ziene in tweu zaken. 

2. Teil. 68a. (10 Specien der traecheit.) 

1. Laeuheit. 
Laeuheit doet den mensche vele grote schaden. 

2. Verslapentheit der ziele. 
Verslapentheit der ziele is zeer vreselic. — Exemple, dat werken van 
noden is em de eten moet. 



125 

69a. Men lest, dat pelgrimage ginck 
Vormals een monick. De jongelinck 
Ten abt ten bnssche quam he na» 
De woende ten berghe van Syna. 
He sach met groter ernstichede 
De monyken alle werken, und he zede: 
„Wo werct gy dat misvaer altoes? 
Maria dat beste deel vercoes^'' — 
Do gaff em de abt een quayer 
Und deden gaen inden vergier, 
Umme te gebrucken synre gebeden. 
Als de dach also was leden, 
Dat de sonne daelde neder, 
Sach de broder wech und weder, 
Off em yement tetene node, 
Gebreke pynden vanden brode. 
Syns so ne nam nyraan waerde. 
So dat he quam uten bomgaerde. 
Als de doer noot wolde verstaen, 
Off de maltyd were gedaen. 
Doe antworde de abt wys: 
„Du, de gheestlic mensche sys, 
Wat node so is van spisen di? 
Werlike menschen so syn wi. 
Und bi node so moeten wie eten. 
Hyr umme wy werken, moet gy weten." 
Als de broeder verstont dat woort, 
Nam he penitencie rechte voort, 
Und he lyede synre misdaet. — 
Exempel noch vanden selven. — Slapen te vele is zere lasterlick in allen 
menschen. 

69b. Unbetame eist den kerstyn, 

Dat em dat morghen sonnenschyn 

Up syn bedde ghevinden can. — 

. Exempel dat den menyghen slaep heft ghecost zyn lyff. {Es folgt hier 
die Geschichte von een prinche, was biet Cysara. Es ist die Erzählung von 
Jfiel, dem, Weihe Hebers, welche Sissera, dem Feldhauptmann der Kannanitor, 
ivährend er schlief, einen Nagel durch den Kopf schlug. Richter. 4,17 ff.) 
— Exempel, dat slaep Sampsone syne starcheit benam. — Slapen to untyd is 
zeer begripelick und quetselick. — De zeker slapen wille, era is van noeden 
drie zaken. (1. Am Tage sich abmühen. 2. Massig e.9spn und trmken. 
3. Seifte Sinne nicht „schwer machen^ ^.) 

70b. Sobre spise und soben sin 
Brenghet zueten, sobren slaep in. — 

3. Ledicheit. 
Ledighe zyn unprofitelick ter werlt, toghet de ewangelie. — Ledighe 
verroekelosen vele groter baten, de zie verkrighen mochten. — . Vruchten achte, 
so mach de mensche gaderen unt zyns selves mont. (1. Oott loben. 2. Mit- 
menschen trösten. 3. Beten. 4. Beichten. 5. Sein Wmt „mit Mass steuern 
U7id lenken^ ^, 6. Massig essen und trinken. 7. Schieb tinghe van predicacien. 
8. De hilghe weder roepinghe.) — Ledighe leveren em selven in de hande vau 



126 

eiren vianden. — Ledicheit is dicwile zake van vyif zware zonden {Unkeuschheit, 
Diebstahl, Lüge u, s, w.) Ledighen zyn gheck, dat se ere roeste up erdrike 
hebben willen. — Ledigbe zyn te begripene, dat se niet wercken willen in 
tyden van genaden. — Ledicheit, de se schuwen wille, vorste em van drie dinghen. 

4. Loyeringhe. 

Loyeringhe van bekeren to gode is zeer anxtlick der zielen. — God 
roept den zonder altyd to penitencien. — Bekeren solde elk tydlike um V zaken. 
— Bekeren tydlike brenghet in zes goede dinghe. — Tydlike bekeren to 
duecbden, dats grote, weerde ofPerande ghedaen. — OfPerande is schuldich, to 
zyue ghedaen metten durbaersten, datmen hefPt. — Bekeren to gode tydlike 
brengt den mensche in hopen ter zelicheit. — Gewoente van zonden heft manich 
zwaer verdriet in gebracht. — Gewoente van zonden doet den mensche Lazarus 
»lachten {lässt dm Mensdien Lazarus ähnlich sein) in vier saken. {Es folgt 
ivieder ein sehr sonderbarer Vergleich: 

76b. 1. He (Lazarus) stanc, 

2. He lach under eenen steen, 

3. Hem waren gebonden handen und been, 

4. Dat ansichte was ock verdect, 
Also sunte Matheus vertrect. 
Desse IV syn in hem vonden, 

De inde gewoente licht van zonden.) 

Oefeninghe van zonden is gelyck verolder {veralteter) ziechede, de quaet 
is te ghenesene. — Exempel, dat gewoente van zonden den mensche zeer 
bezwaert. — Zonden vervremden den mensche van gode, so lanck, so meer. — 
Rouwe, zericheit und grote sorghe theghen den doot hinderen den mensche 
dicwile, te denckene um de ziele. — Bitterkeit der penitencien doen den zonder 
wedder keren ten zonden. — Anxt sonder noot {sich unnötig ängstigen, dass 
man doch auf ewig v&rloren sei) belet dicwyl den zonder van bekeerne. — 
Quaet is he, de niet bekeert van zonden, in vier deelen. — In vuulen steden 
langhe bliven, men spoede dar uut, hets grote schäme. — Tydlaten liden und 
niet gheorboort te rechte is grote quäle. — Biechte verversten geschiet in III 
manieren. — Biechte verloyert und dicwile vervuult, dats harde vreselick. — 
Biechten zelden doet zonden dicwyl vergheten, de noot weren ghesecht. — 
Biechte brenghet in vyff gude dinghen em, de se dicwyl pliet. — Biechte, ver- 
versten, tot men sterven weent, is grote vrese — Biechte verversten, tot int 
eynde vander vastene, is grote vrese. 

5. Roekeloosheit. 
Roekeloosheit verbaten leren uns V zaken. — Nernsticheit solde elk to 
rechte volghen um de nutschap, de daer af comt. — Roekeloeshede helft tAvee 
remedien. 

6. Unvuldonynghe. 
{Wi7'd 82a erkläii: werc, daer vulmaectheit an gebrect.) — Unvuldaen 
laten, dat men beghint, bi traecheden, dats grote vrese. — Vuldoen, dat men 
beghint, is zeer priselick, up dattet werck niet en zy zondelick. 

7. „Het in latine ignavia". 
Van de niet arbeiden willen um de noot. — Armoede verkiesen, um 
ledich to zyne und niet willen arbeiden um de noot, is grote vrese. 

8. Droefheide. 
Droefheit in den dienst gods getoghet, is grote vrese. 



127 

9. Tedium vite-verdriet des lyves. 
Verdriet des lyves in den mensche, dats overgrote zonde und anxtlick. 

10. Wanhope. 
Wanhope is anxtlick boven allen anderen zonden. — Vanden remedien 
der wanhopen. 

3. Teil. 84a. 

Traecheit hefft vele schoonre remedien und sonderlinghe achte. — Dencken 
um der hellen pine is grote remedie der traecheit. — Drie dinghe wecken den 
slapenden haestlike. 

4. Teil. 84b. 

Alte grote haeste is zeer lasterlick. — Quade haeste is zeer lasterlick 
und grote zonde. 

V. Hoverde, hoTerdiclieit. 85a — lila. (3 „Partien".) 

85b. Dat gescryfte manichsins verclaert, 
Dat se is alder zonden konynck. 
Men scryft se boven inden rinck^) 
Und met ere crone mede (?) 

1. Gtiinde, wesMlb 7)ian Hoffahrt hassen soll. — 2. Dk Specien der 
IIoffahrL — 3. Remedien gegen die Hoffahrt. 

1. Partie. 85b. 
1. Hoverde heet konynginne und prinche boven allen anderen zonden um 
IV zaken. — 2. Hoverde in een teiken, bi welken de duvel best kent de zj^ne. 

— 3. Hoverde doet den evenkersten vele pinen in raanygher maniren. — 
4. Hoverde verunwert gode den here. 

86b. Up hoghe daghen comen em de wiven 
Meest und doen er boome staen*) 
Ten hoghesten, als se ten toghe ghaen. 
Wat holpt, ock vanden mans gesweghen, 
De ter kerken to kommen pleghen, 
Dat cleet, daer se mede syn verchiert, 
Heft hoverde unghemaniert. 
Devocie wert daer mede ghenomen. 
Vele, de simpel ter kerken komen, 
Sien met.ghenoechten dat moye abuus 
Und vergheten dat naecte cruus. 

5. Hoverde haet god boven allen anderen zonden, dits getoghet bi scrifturen. 

— Exemplen vele, so vinden wy vander groter wrake, de god geworpen hefft 
up de hoverdighen. — Ansien unse crancheit, ghevet uns hulpe van hoverden 
to wachtene. — 6. Hoverde doet vele quaets em, de se bynnen draecht, orconde 



*) Dies soll wohl heissen, dass man sie in dem Schema der Todsünden 
voran zu stellen pflege. Das ist auch von Gregor an fast ganz regelmässig ge- 
schehen, nur unser Dichter bildet eine Ausnahme. 

*) „An hohen Kirchenfesten lassen die Weiber ihre Hürner am höchsten 
stehen." Gemeint sind die auch in Josefs Gedicht von den sieben Todsünden 
v. 5323 ff. heftig angegriffenen Kapehorne (Kappenhörner), ein in zwei Spitzen 
auslaufender Kopfputz der Frauen des 15. Jahrb. Vergl. Schnaase, Geschichte 
der bild. Künste. VI. 2. Aufl. p. 60 f. B. Schnitze, Die Modenarrheiten. Berlin. 
1868. p. 66. Auch Vorrede zu Sebastian Brands Narrenschiff. Ausg. von 
Simrock. Berlin. 1872. — Korrespondenzblatt. 1889/90. XIV. Nr. 1. p. 7. 



128 

scrifturen. — Hoverde, se doet den mensche gheck wesen in drie maniren. -* 
7. Hoverde is eene zware quäle und quaet, wedder te ghenesene. — 8. Hoverde 
verstac god und nam to zynen dienste ghecke, uneedele, zieke lüde. — Cristus 
leerde uns oedmoet, als he mensche waert. 

2. Partie. 89b 
Die Manieren der Hoffahrt, — 1. Gheck zyn se, de van em selven 
hebben wenen, dat se besitten. — Arme veronwerden is grote zonde, um dat. 
se niet rike en zyn. — 2. Hoverdighe wenen an gode verdienen, dat he ein 
verleent. — Hoverdighen moghen wal gheck heten, umme vyif redene ghetoghet. — 
Hoverdighe rekent zyne daet groet, de cleyne is vor gode. 

91b. Sunte Bernard hyr up seit: 
„Gods des heren untfermherticheit, 
Dat is al dat verdienen myn. 
Anders en mach gheen verdienen zyn." 
3. Verwenynghe is harde, grote zonde und unbekendhede. — 4. Ver- 
wenynghe pryst em selven und all er doen. — 5. Verheventheit begheren is 
grote vrese. — 6. Herschopie begheren is grote zonde und over grote vrese. 

92b. To dessen scrivet Gregorius: 
„Heerschepie is niet gegeven. 
Um dat een mensche solde leven 
Boven alle andere als een meeste; 
Mer boven visch, voghele und beeste 
Is des menschen heerschopie gestelt. — 
Of god gelike em macte den man, 
Waner comt den mensche herschopie dan, 
Dat he em hoverdich wille draghen?" 
Exempel, dattet grote vrese is, herschopie begheren. {Der Prior Gode- 
froot sollte Bischof werden und schlug es aus. Nach seine/ni Tode erschien 
er einetn Mönchs mid sprach: 

— — my is clare 
Vertoghet vander drivoldichede, 
Had ick ghenomen bischops stede, 
Ick hadde gesyn van den getale, 
De behofen ter helscher quäle. 
7. Hoverdich zyn in ghewaden is zere mispriselick — Moyheyde, de nader 
moyheyde staen (sie/), zyn gheck in vyf manieren. — Exempel, dat quaet is, 
buien schone ghemact und niet bynnen. 

94a. Wie lesen dus van eenen konynck, 

De solde festeren zyne maghen 

To eenen van zynen vercorene daghen. 

So moy dreef he zyn acoer, 

Dat he solre, want und floer 

Verdecken dede vander zale 

Met pellen, purpe und met sindale. 

So dat ter tafelen vanden konynck 

Een groot philosophus ghinck. 

De dit mercte und in las. 

Alst vil na gegeten was. 

Quam de mester an eenen hoeste, 

Dat hee ummer spien moste, 

Und Speech den konync int ansichte. 

De knapen spronghen up gedichte, 



m 

Um den mester do doene te doot. 

Her doch de konync dat yerboot 

Und Met, datment liete staen. 

De konync yraghede, wo he ghedaen 

Hadde to em wert de dorperhede. 

De mester antworde and zede: 

„Konync, ick sach, dat ick moste 

Spyen yan bedwanghe des hoeste, 

So sach ick in alle de steden 

Gebult met sulker ooestelheden, 

Ick en wüste spien werwaert. 

Do Speech ick, konync, in jnwen baert, 

Den ick sach yan dnre spisen bet. 

Ick en sach gheen stede besmet, 

Daer ick my znyeren mochte, konync." 

De konync mercte ^esse dinck, 

Dat de mester waer hadde geseit 

Und keerde em ter oedmodicheit. — 
Cledere bewisen nus schaemte der zonden. {Denn Adam war vor dem 
Sündenfalle in seiner Schönheit so nackt und bloss wie Sonne und Mond und 
die Bhwien auf dem Acker,) Overmate van kostelen clederen te hebbene is 
zeer zondelick. {FrüJier hatte man zur Kleidung nur Tierfelle, Wolle, Hanf 
und Flachs; seitdem 

9Öa. — yantmen yan wormen dat mes, 

Dats zide, de noch edelst es 

Und nu eist worden algemene, 

Gold, siiver, costele stene. — ) 
Riemen oif gordele, met silyer beslaghen, zyn uubetemelick, den mensche 
te biudene mede. 

95a. Alle gemene menschen draghen 

Ere gordele met silyer beslaghen; 

Welk is oyermate sware. 

Um dat de bunc een yuul sack es, 

Vnnlhede in hebbende nnd mes 

Boven allen anderen leden. 

Und man doet em meest werdicheden. — 

Clederen yele te hebbene, meer dan men to orborne heft, is zere yreselick. 
— Mencfel {Fischotterfell) verweent und yremde verwe is uymand schuldich te 
begherne. — Hoeftcledere gheel zyn zere to schnwene. — Hooftcleder wit 
bekomen gode, nnd de enghele syn ock wit ghecleet. — Ansichte besmeren 
{sich schminken) off yremt haer legghen ant hovet is grote zonde. — Exempel, 
dat wyfs ansichte lichte yanghet den man met ere schoenheit. 

96b. Dat zere tootsiene is wyfs schoonheit, 

Is nns in exemplen ghelecht, 

Dat men van Balaam yint. 

Den coninc, dat he hadde een kint, 

Yan welken seghede zyn medicien, 

Dattet blint solde bedien, 

Wert dat qneme zonne te ziene, 

Eer dat olt were jaren tiene. 

Do biet de coninc Balaam schire 

Dat kint slnten in eene dnwire, 

Niederdeutsches Jahrbuch XVII. 9 



130 

Daer gheen gevoel was yan claerheden. 

Als de tieu jareu weren leden 

und men dat kint brachte vor oghen, 

Ghenc men em menige chierheit toghen, 

Gold, silver und ander rike dinck; 

Und do Yraghe de jonghelinck 

Van elken dinghe, wo dat hiet, 

Und men heftet em beduet. 

Do sach he schone wiven dare, 

Und he yraghede, wat dat wäre. 

Een heft em in speie gheantwort, 

Dattet duvele weren, de r echte vort 

Können verleiden elken man. 

Alsmen dat kind leyde van dan 

Vor zynen vader, den konynck, 

So yraghede he den jonghelinck, 

Wat dinghen he begherde zeerst 

Van al, dat he gesien hadde eerst. 

Dat kind gaf antworde ghereet: 

„Den duvel, die de mans verleet." 

Des Balaam was zere verbaert 

Tote den, dat em was verclaert, 

Wat dat kind meende daer mede: 

Dat jonghe wyf und ere schoonhede. — 
Zuverheit staet in groter vrese int schone, ghetrouwe wyff. — Lelike 
wyfs wenen en met tomene schone maken, mer se missen. — Tomerie brenghet 
to vele deren, beide wyfs und ock mans. — Toomsel, dat rooft den wiven ere 
bedinghe, de se doen wenen. — Hoverde hefft noch drie ander manieren, sonder 
de vorsegheden. (Die eben besprochene KUiderhoffahrt war die 7. Manier) 
Es folgt also :. 8. Werschepe holden, um rike te voedene und armen te verghetene 
is grote zo^de. — 9. Dienlinghen hoverdich zyn (is) zere to misprisene. 

98b. — so datmen in vele husen ne weet, 

Welk de vrouwe is of de maghet. — 
{Im 15. Jahrhundert geschrieben!) 
Untrouwe off smekerdie maken nu de dienlinghen rike. — 10. Edelheit 
van lichame mach nymand sake zyn van verheffene. 

99a. — wy alle quemen voren 

Van eenre moder, van eenen vader. — (cf. p. 114.) 
Nymand is edel um zyne ghebornisse, wes werke uneedel zyn. — Edele 
hebben in em zees teikene van rechter edelheiden. (1. Freiheit. 2. Dankbarkeit 
für empfangene Wohlthaten. 3. Untvermichede. 4. Kühnheit und Mann- 
haftigkeit. 5. Dat se vlien alle schalcheit und alle dorperlike zede. 6. Dat he 
na groten dinghen staet Und cleyne dinghe varen laet.) 

NB. Trotzdem nach der vorhin angegebenen Dispositioji, dieses die 

10. und letzte „Marder'^ der Hoffahrt sein sollte, folgt nun doch 

noch eine ganze Beihe von weiteren. 

Dwelen, in dat den ghelove to behoort, is groote unzelichede. — Raden 

bi aventuren, um dat geschiet off geschien sal, is grote vrese. (1. Na^^h detn 

Fluge von eghestren {Elstern)^ of kreyen. 2. Nach Träumen. 3. Tage und 

Zeiten wählen) — Toverie is verboden van gode, und de daer by werken, 

zyn vermaledyt. (Es wird dann besonders Minnezauber und Milchzauber 

erwähnt) — Unwertheit is grote dorpeniye und zware sonde. 



m 

101a. Men sal vier werdichede beden, 

Gode, den enghelen, der kerke, den Inden. — 

Werdicheit moet elk doen em vieren bi rechte. — Werdicheit, so is men 
schuldich te doene allen luden. — Werdicheit moet zyn ghedaen meer den 
eenen mensche, dan den anderen. — Eere nnd werdicheit is men schuldich' 
vader und moder. 

102b. Alzyn ock papen van levene quaet, 
Nochtan uns de te eerene staet, 
Um datmen em almechtich kent, 
De se tot uns hevet gesent. — 

Exempel, dat kranen {Kraniche) vader und moder eeren. {Die Kraniche 
holen für ihre alten Elterii, wenn diese nach Verlust der Federn nicht mehr 
aus dem Neste fliegeyi können, Essen) cf. p. 112 f. — Exerapel, dat vader und 
moder unwertheit doen untbeit na wraken. {Der Enkel soll dem übel be- 
handelten, frierenden Grossvater einen flassaert, einen alten Flausrock, bringen. 
Er verwahrt davon die Hälfte für seinen Vater, wenn der alt geworden sein 
lüird. Hiedurch wird der böse Sohn bekehrt.) — Tende untholden oif qualike 
betalen is grote zonde. — Tende untfaen papen, um dat se daer voer solden 
arbeiten ter zelicheit vanden ghever. — Tende moet elk gheven na zynen State. 
— Overhoricheit is eene zware zonde, unt welker vele anderen spruten. — 
Exempel, dat underhoricheit hefft grote moghentheit. {Geschichte von einer 
Schlange, die sich von einem Klosterbruder unllig binden liess.) Overhoricheit 
verdryst gode unt den mensche. — Overhoricheit hefft nymand in em, sunder 
de duvel und de quade mensche. — Underhorich te zyne wyst uns God und 
zyn enghel. — Hilghe daghen zyn te vierene met IV zaken, de hyr getoghet 
zyn: 1. Dat he zyn ambocht laten moet. 2. Dat he em van zonden sal dwaen. 
3. Datmen wachten sal van zonden upten hilghen dach al. 4. Oeferen goede 
gewerken, Want daer umme gaet men ter kerken. — Vierdach moet zyn 
gheorboert met vier zaken, sal he wal zyn ghe viert. — Feestlike daghe zyn 
gheset, umme vier dinghen te oefenen. — Earitate moet he doen, de wal sal 
vieren de festlike daghen. — Feestlike daghen zyn gheordiniert, um Gode te 
biddene. — Verwatenisse moetmen untsien um VI reden. — Ydele glorie leert 
uns Christus vlien und andere lerers vele. — Exempel, dat een hillich vader 
em vensde {sich anstellte) gheck wesende. um to untvliene ydele glorie. — 
Ydele glorie rooft den mensche zyn gheestlike und erdsche goet. — Ydele glorie 
is somwile menschelic und somwile duvelick. — Ypocrisie is eene sware zonde 
und daer God meest gram up is. — Ypocrisie doomt God boven allen anderen sonden. 

3. Partie. 110b. 

Ho verde hefft zees remedien, umme to verdrivene. — 1. Datmen sal 
Wandeleu nacht und dach raetten oedmodighen. 

110b. Historien maken uns des wys. 

Dat was een konync to Parys; 

Als he at allene maeltyden. 

De he zitten an zyne twe zyden 

To zynre tafele und thegen em mede 

De unsienste armen vander stede. 

Do waert em gevraecht van eenen, 

Wat he daer medde mochte menen, 

Dat he de armen so na em track 

Und by em sette. — De koninc sprac, 

9* 



132 

Een edel ridder hadt em gewyst 
Job, nnd das segghende gepryst: 
Visenterende dyne ghedane, 
Sal ghene zonde dy yallen ane. — 

2. Te pensene de nnwerdichede des vleyschs. 

110b. De llcbam niet anders en es, 
Dan een zack vnl stinckende mes. — 

3. Exemple, de uns Christas gaf. — 4. Dencken um dat ordel zwaer, 
Dat den hoverdighen sal komen naer. — 5. Merken der werlt keytivicheit. — 
6. Te denckene unse ziechede. 

Tl. Nyt. lila— 113b. (3 ^Kapitel''.) 

1. Vele leringhen, um to latene Den nyt und den to yerhatene. — 
2. Manieren, de ten nyde behoren. — 3. Remedien. 

1. Kapitel. 111b. 
Nyt is schuldich to zyne gehaet, dats bewyst by neghen zaken. — 
Exempel, dat nydighe quaet zyn van inberste. (?) 

112a. In eene historie wy lesen, 

Dat een konync rike und groot 

Eenen nydighen untboot 

Und eenen harde ghirigen mede. 

To dessen tween de konync zede: 

„Overdenct under ju tween, 

Wat dat eyschen sal de een. 

Den anderen sal ic de helfte meer gbeven.'' 

Langhe se beyde swighende bleven, 

Ere gheen ne wolde eyschen voren 

Bynnen so langhe, des hadde toren 

De konync und beval also bolde 

Den nydighen, dat heyschen solde. 

Do eysch de nydighe over luut, 

Datmen em steke een oghe nut. 

Um dat wolde he den anderen sehenden 

Und doen met beyden oghen blenden. — 
Nyt doet eren dregher vele qnaets. 

2. Kapitel. 113a. 
Nyt hefft twe manieren, de.hyr ghetoghet syn. 

113a. De eene is, als men blyschepe heeft, 
Dat een ander misvalt of sneeft; 
Dat ander, dat he droeft und misbaert, 
Um dat zyn evenkersten wal vaert. 

3. Kapitel. 113a. 
Nyt hefft vier remedien, de hyr ghetoghet zyn. 

1. Dencke to den dinghen. 
De ghemene bäte in bringhen. 

2. Dinghe, de uns helpen moghen 
Te hebbene broderlike minne. 

3. Datmen wachte van te begheerne 
Werlike eere und weerdicheit. 

4. To dencken up de grote schaden, 
De nydicheit eren dragher doet. 



133 

Vn. Gramsehap. 113b— fiii. (4 „Kapitel".) 

1. De verhatinghe desser zonde. — 2. De manieren^ de er an cleveu. — 
3. Sonden^ de nut der gramschap komen. — 4. Bemedien. 

1. Kapitel. 114a. 

Gramschap is te verhatene nmme zeven zaken. — Gramschap mishaghet 
gode, und se deert den evenkersten. — Gramschepe verblint des menschen ver- 
staudenisse und moet. — Gramschap doet der ziele vele qnades, dats ghetoghet. 
— Gramschap is te yerhatene, se doet den mensche viervolt quaet. ^- Exempel, 
dat weder wrake zeer is to nntsiene van gode. 

2. Kapitel. Höh. 
Gramschap is ghedeilt in tween partien van zonden. 

3. Kapitel. 116a. 

Gramschap heft unt er sprutende zees ander zonden. (1. Striden. 2. Orloghe. 
3. Maken braut. 4. Roof. 5. Manslacht. 6. Qaetsen metter hant.) — Orloghe 
salmen vlien nmme achte zaken. — Vrede mind God, dats ghetoghet by Tele 
scrifturen. — Orloghe salmen schnwen um menych quaet, dat se to brengt. — 
Orloghe soldemen schnwen umme dat cleyne profyt, dat daer äff comt. — Vrede 
doet cleyne dinghen groot werden. — Brantstor salmen baten um V zaken, de 
daer to zyn. — Brantstoer soldemen schnwen um de plaghe, de er maect. — 
Brantstores zuUen hebben dubbelen torment. — Exempel, dat gode bequeme is 
datmen armen herberghet. 

118b. Gregorius doet uns bekint 

Van eenen man, de gherne plach 

Armen tontfaene. Up eenen dach 

Hadde he pelgrime untfaen. 

He droch em water, umme te dwaen 

Ere banden, met oedmoden. 

Under alle, de daer stonden, 

Was een man, wen he weende gheven 

Hantwater und hets em uutbleven, 

Umme dat he em umme wende, 

En wiste he, waer de gast beiende. 

Umme sach he hyr und daer, 

He ne vant en niet. Des nachts dar naer, 

Do he dachte to desser yremthede, 

Sprac god to em und zede: 

„Du in de daghen, de leden syn, 

Untfenges my in de leden myn, 

Her ghisteren, so untfenghes du mie. 

In di selven." — Mensche, besie. 

Wo groot god, unse beere, weghet, 

Datmen den armen te doene pleghet. — 

Manslacht is schuldich to zyne geschuwet umme dri saken. — Zonden 
vierß beten „ropende up gode umme wrake". (1. Weduwen und wesen versmaden. 
2. Uncuuscheit theghen natnre. 3. Untholden, dat se den arbeiders gheven 
solden, van wien wy hebben den arbeit. 4. Manslacht.) 

4. Kapitel. 119b. 

Gramschepe hefft drie remedien, daer se by verdreven is. — 1. Sachte te 
antworden. — Exempel, dat harde antworde verwect gramschepe. {Geschichte 



134 

von dem zoitilgcn Mönch , dem milden Abt Machario und dem HeidenpfaffenS) 

— 2. Zwighet. — 3. Datraeii den viaiit doghet doet. — Exempel, dattet is 
over grote duegt, den viant wal doen. {Geschickte von dem wohlthätigefti 
Eremiten Theon und den Bäuhern, welche ihn in seiner ZeUe überfallen 
wollten?) — Exempel dat zeer gued is, den qnaden dnegt gbedaen. {Von 
dem ägyptischen Eremiten Amon und den beiden draken; die ihm seine Zeih 
v(yr den Bäubern behüteten,^) — Felre dier en is gheen, dan de tonghe, de 
quaet is. — Canne sonder gelike wert ten utersten daghe de valschen tonghen. 

— Tonghe unbewacht brengt to vele quaets. — Blasphemie is over grote zonde 
und nauwe verghenclick. — Exempel, dattet goede kint zinen vader mint. 
{Von drei Söh)ien wollte einer trotz des weisen Königs Befehl, welcher die 
Liebe der Söhne zu prüfen gedachte, nicht nach der Leiche seines Vaters 
schiessen und erhielt für seine kindliche Liebe das ganze Erbe allein,) — 
Exempel, dat nature hefft mer ciaer bekennen. 

124a. Men vind yan konync Salomoue 

luden derden boeck der konynghen,^) 

Dat twe wive vor em ghinghen, 

De um een kind zeere streden. 

De konynck hoorde, dat se zeden 

Beyde, dattet kind ere wäre. 

Een zweert biet he brengben dare, 

Dat in twen te deylen he zede, 

Und alsment daer to neder lede 

Voer, de moder bor dat kint 

Und sprac: „Heere, ick wils twint 

Gbevet er, ten is myne niet." 

De konync do dat kint gbeven biet 

Der moder, diet nochtan untzede 

Uter rechter moderlichede. — 
Murmureren theghen Gode off thegben zyne lere is grote vrese. — 
Murmureren comt dicwile inden mensche. — Murmuracie comt dickent ute 
gbiricheden. — Murmureren um ziecbeit is grote dulheit, dats getoghet. — 
Exempel, dat ziecheit den mensche dickent zelich is. {Der Eremit Johann 
beseitigte zwar auf Bitten eines Kranken das kalte Fieber, an dem dieser 
litt, meinte aber, der Kranke hätte um Beseitigung gerade dessen gebeten, 
was demselben am allernötigsten wäre,^) — Exempel noch vanden selven. 
{Ein Bitter bat einen heiligen Vater U7n Heilung von Krankheit und QuaiL 
Als er nun gefragt wurde, wie er denn vor seifier Krankheit gelebt Jiätte, 
beschrieb er sein früheres ritterliches Leben mit stolzer Freude, Da bat der 
heilige Vater den lieben Gott um das, was dem Bitter die Demut verschaffen 
könnte, und der Bitter wurde nicht gesund.) — Exempel, dat nymand 
murmureren sal um dat weder. {Auf eines Eremiten Gebet, welclier Gemüse 
(warmoes) gesät hatte, gab Gott das Wetter, welcJies dieser wünschte, aber es 



*) Die Geschichte erinnert au die von Rufinus histor. monach. cp. 28 
(Patrologiae cursus completus, ed. Migne Paris. 1849. XXI.) erzählte Disputation 
zwischen dem älteren (ägyptischen) Macarius und dem haereticus hieracita. 

^) Dieselbe Geschichte erzählt Rufinus histor. monach. cp. 6. 

') Dieselbe Geschichte bei Rufinus histor. monach. cp. 8. 

*) I. Könige, cp. 3. Der Verfasser citiert nach der LXX oder Vulgata, 
welche die 2 Bücher Samuelis und 2 Bücher der Könige zusammen als 4 Bücher 
der Könige durchzählt. 

*) Dieselbe Geschichte bei Rufinus bist. mon. cp. 1. 



135 

wuchs gar nichts, während das Gemüse eines Nachbar - Eremiten, welcher 
Gott das Wetter xu bestimmen überlassen liatte, üppig gedieh,) — Untschuldeu 
de zonden vor gode is grote vrese. — Zonders decken ere misdaet und unt- 
schuldeu met V zaken. 

127b. De vierde untschuldeu er venyn 

Van zonden, met dat se edel zyn, 

Het, eu were gbeens ridders doen 

Neder to sittene in een sermoen. 

Mer quetsen und roven er undersateu, 

Dat beteemt nu edelen staten, 

Doer der, werlt prys hoveren, 

Dat goet verdwasen, destruereu, 

Und alle untemelike zeden 

Untschuldeu se metter edelheden. 

Alle dinck te doene, sonder waldaet, 

Dat vermach nu edelen staet. — (cf. p. 114.) 
Exempel, dat truwanten und dieven uns leren biechten. — Versweren is 
eene sware zonde, dats getoghet. — Zweren is zeer quaet um VI redene. — 
Logheue is men schuldich te hatene um vele redenen. — Orconschap valsch 
draghen {falsch Zeugnis reden) is zeere quaet. — Verradenisse is eene quade 
zonde und quetsende. — Smeken is een zondelike gevenschede (Gewohnheit), — 
Vloeken es eene sware zonde, meest quetsende, uut wen se comt. — Schofiringhe 
segghen den evenkersten is grote zonde. — Striden is een over grote zonde 
und schände medde. — Exempel, dat wachten van stridene is van groter lone. 
(Vom heiligen Macharias und den beiden frommen Frausn zweier Brüder, 
die vierzig Jahre lang einträchtig mit einander gelebt hatten, und von den 
beiden Mönchen, die nicht um einen Stein streiten konnten, obgleich sie es 
wollten,) — Schempen is eene grote misdaet, dats getoghet hyr na. — Quaet 
raed gheven is grote zonde. — Twidracht zeyen under menschen is grote zonde. 
— Exempel, dat god wrake hefft ghesant, up de twidracht zeyen. 

NB. Hier folgt nun 133b ff, die Geschichte von dem falschen Höfling, 
der von dem „Ziegelmeister^^ statt des von ihm verläumdeten braven 
jungen Mannes, welchem der König eigentlich den Tod zugedacht 
hatte, im Ziegelofen verbrannt wird, weil der junge Mann untet^- 
wegs noch in eine Kapelle eingetreten war und so erst als der 
zweite Bote am Ziegelofen ankam. (Also fast identisch mit 
Schiller's Gang nach dem Eisenhammer, Lübben hat diese Ge- 
schichte Jahrbuch für niederd. Sp'achfo7'schung 1878, p, 57 ff. 
abdrucken lassen,) 

Dnbbele toughen draghen in den mond is grote sonde. — Boem is eene 
schaudelike zonde, in wien se is. — Exempel, dat roem den mensche stelt in 
grote vrese. (Ein Eremit, der sich seines heiligen Lebens berühmte, wurde 
durch ein Weib in Versuchung und fast xu Falle gebracht,^) — Lachen is 
van IV mauireu under menschen. — Swighen is dicwyl grote zonde, als spreken 
baten mochte. — Tonghe hefft zees remedien, umme te dwinghene. — Exempel, 
datmen swighen solde. (Der Abt Agathon trug drei Jahre lang in seinem 
Munde einen Stein, um schweigen xu lernen,) Exempel, dat zwighen gode is 



*) Die Geschichte wird bei Rufinus bist, mon., cp. 1, 129 f., ausführlich be- 
richtet. S. Johannes Eremita erzählt sie dort zur Warnung einigen ihn besuchenden 
Jünglingen. Das Weib war eigentlich ein Dämon, welcher den Nachbar-Eremiten 
des heil. Johannes hohnlachend verliess, als er ihn der Versuchung unterliegen sah. 



136 

bequeme und van groten lone. (Ein Bitter trat ins Kloster und stellte sich, 
als oh er stumm wäre. Dies war Oott so angenehm, dass er ihm die Gabe 
verlieh, die entfliehenden Seelen Sterbender xu sehen. So sah er einst, dass 
die Seele eines Ritters von Teufeln zur Hölle geführt umrde, die eines 
Bäuhers von Engeln in den Himmel,) — Zwighen is over grote dneght, dat 
bewisen vele lerers. — Daghelixe zonden zyn zeere te scbuwene um drie zaken. — 
Exempel, dat elk schuldich is te besiene zyns selves zonden und niet eens anders. 



Schlnss des Werkes: 

139a. God beere, np wen ick troost beghan, 

Te dicbtene dit grote werck, 

Dancke dy, als een simpel clerck, 

Dattu woldes gbewerden mien, 

Te makene instmment, by wien 

Dyne gracie hevet yuldaen, 

Dat de lesers so moeten verstaen 

So de sentencie, biddick, here, 

Dat se ju dienen moeten de mere, 

Und ick diet by der hulpe dyne 

Hebbe gbetrect nut den latyne. 

Bidde, dat dichten und scriven 

My to ghenaden moete bliven, 

So dat ick na dit corte leven 

Met ju, here, moet zyn verheveu, 

Uut wen ick beghinsel nam 

Secundum maguam misericordiam tuam. 

Amen. Nota. 

KÖNIGSBERG i./Pr. H. Babueke. 



Regenstein, Reinstein, Reinke. 

Etwa eine halbe Stunde nördlich von Blankenburg am Harze 
erstreckt sich in westöstlicher Richtung der Regenstein. Fr. Hoffmann 
sagt in seinen Burgen und Burgfesten des Harzes, wer das Harz- 
gebirge besucht habe und nicht auf dem Regenstein gewesen sei, der 
sei in Rom gewesen und habe den Papst nicht gesehen ; und Alfr. 
Kirchhoff meint, der Regenstein stelle mit seinen zum Teil in den 
lebendigen Fels gehauenen Befestigungen und Gemächern fast ein 
verlassenes Harzer Gibraltar dar. ^) Es ist nicht zu verwundern, dass 



*) Die territoriale Zusammenstellung der Provinz Sachsen, S. 6. 



137 

alljährlich viele Touristen diesen schönen Punkt besuchen, und mancher 
mag nach der Bedeutung des Namens fragen. Nun ist zwar schon 
vielfach über Herkunft und Bedeutung des Namens Regenstein ge- 
handelt, doch erfreut sich von den verschiedenen bis jetzt aufgestellten 
Etymologien noch keine allgemeiner Anerkennung. Es scheint daher 
nicht überflüssig, über diesen Gegenstand noch einmal eine Unter- 
suchung anzustellen. 

Die bisherigen Deutungsversuche sind meist von Historikern oder 
Altertumsforschem gemacht. Ohne indessen den betr. Herren irgend- 
wie zu nahe treten zu wollen, muss doch zugestanden werden, dass 
Etymologie zunächst nicht in das Gebiet der Geschichte, sondern in 
das Gebiet der Sprachforschung gehört. Es kann deshalb nicht auf- 
fällig erscheinen, dass manche unhaltbare und kindliche Ansicht auf- 
gestellt ist, aber bedauerlich ist es, dass solche Ansichten noch immer 
Glauben finden und verbreitet werden. Es wird nicht ohne Interesse 
sein, die hauptsächlichsten Erklärungen hier zusammenzustellen und 
zu besprechen. 

Die älteste Deutung des Namens ßegenstein scheint sich in der 
niedersächsischen Chronik, herausgegeben von Caspar Abel in seiner 
jSammlung etlicher noch nicht gedruckten Chroniken' 1732, zu finden. 
Daselbst heisst es z. J. 479: Na düssen Stride gingen de Sassen to 
Rade, na deme dat yt vor dem Harte wat noch woyste was, unde 
geven eynem eddelen Manne, de was strytbar, unde wanede in dem 
Torppe to Veddekenstidde, de heyt Hateboldus, eyne Stidde vor den 
Harte to buwende, wur öne dat bet bevelle; so rechte he sick na 
örem Bode, unde reyth vor dem Harte here unde fand eynen groten 
Steynen-Berch unde sprack, ,düsse Steyn isz gereghent^ darupp schall 
myne Woning wesen', unde buwede upp den Steyn eyne Borch, unde 
wai-t gebeten de Grave to Reghensteine. 

So erzählt eine um 1540 niedergeschriebene Chronik die Grün- 
dung der Burg Regen- oder Reinstein, verlegt dieselbe ins Jahr 479 
n. Chr. und giebt eine Erklärung des Namens. *) Zunächst muss hier 
betont werden, dass der Chronist nicht den Namen Reinstein, sondern 
in Uebereinstimmung mit gereghent Reghenstein bietet; wie er den 
Namen deutet, giebt Steinhoff nicht an. Es mag hier der Versuch 
gewagt werden, die Worte düsse Steyn isjg gereghent zu erklären. 
Gereghent steht offenbar für gereghenet und könnte herkommen von 
regenen = regnen. Die Worte würden dann heissen: 'Dieser Stein 
ist geregnet oder beregnet', eine Erklärung, die nach Steinhoff a. a. 0. 
S. 2 wirklich für möglich gehalten ist. Sie ist sinnlos und selbst 
einem mittelalterlichen Chronisten kaum zuzumuten. Auch die Er- 
klärung 'gereiheter Stein' scheint auf dem Ausdrucke gereghent bei 
unserem Chronisten zu beruhen. Sie ist gleichfalls unmöglich. 'Reihen' 
heisst regen, 'gereihet' gereget. Ausserdem ist nicht einzusehen, dass 
der Regenstein deshalb als Wohnstätte geeignet erscheinen konnte. 



R. Steiuhoff, Der Regenstein, S. 1. 



138 

weil er eine Reihe bildete. Gereghent ist gebildet von einem Zeit- 
worte regenen; ein solches findet sich jedoch weder im heutigen Platt- 
deutsch, noch im Mnd., noch im Alt- und Ags. Seelmann bemerkt 
mir allerdings : 'Doch ! es lautet regen (=. regenen)^ Nbf. rogen. Die 
Bedeutung 'ragen machen, aufrichten etc.' ist noch im Mhd. und Md. 
zu belegen, cf. Lexer, Benecke u. a. Dass das mnd. Wtb. es nicht 
belegt, — das ist ja ein erster unvollständiger Versuch — beweist 
noch nicht, dass die Bedeutung auf nd. Boden nicht vorkommt, zumal 
so nahe der md. Grenze.' Die bei Lexer II, 373 unter dem schwachen 
Verb, regen = regen machen, aufrichten bewegen etc. angeführten 
Beispiele lassen es mir jedoch noch zweifelhaft, ob gereghent von diesem 
Verb, abzuleiten ist. Uebrigens braucht man gereghent nicht not- 
wendig als nd. Form zu fassen, es kann md. oder hd. Entlelinung 
sein. Nun giebt es aber im Got. ein raginon 'Statthalter sein' imd ein 
garaginon 'raten.' Zu dieser got. Form lassen sich aus dem Ags. 
stellen : ^) regnjan^ renjan^ instruere ; beregnjan^ instruere ; geregnjan, 
gerenjan, ornare ; geren, PI. gerenu^ ornamenta ; gerinn^ aedificationes. Zu 
dieser Sippe wird auch regenen bei dem Chronisten zu stellen sein, 
und gereghent etwa den Sinn haben 'fest gebaut, hoch'. Auch das 
mhd. regen mag hierher gehören. 

Stübner erklärt in seinen Denkwürdigkeiten des Fürstentums 
Blankenburg den Reinstein als Grenzstein. Es fehlt aber an Zeug- 
nissen, dass der Regenstein in früherer Zeit eine Grenze gebildet 
habe, wie etwa der Rennsteig, früher Rainsteig, auf dem Kamme des 
Thüringer Waldes die Grenze zwischen den Franken und Thüringern 
bildete. Andererseits kann regen — nie Grenze bedeutet haben, es 
kann mit a. W. keine Nebenform zu rain sein. 

Leibrock erklärt in seiner Chronik der Stadt und des Füi-sten- 
tums Blankenburg Regenstein als 'Reihenstein.' Auf Seite 158 des 
ersten Teiles äussert er sich folgendermassen : ;,die Bezeichnung Regen- 
stein oder Reinstein gehört nicht etwa verschiedenen Zeiträumen an, 
sondern findet sich nebeneinander bei allen Grafen. Die Ableitung 
des Wortes Eeihe, plattdeutsch rege^ erklärt es, dass die Grafen bald 
Regenstein, bald Reinstein genannt werden. In der Schriftsprache, in 
welcher der sassische Dialekt oft dem lateinischen und später dem 
hochdeutschen weichen musste, wird häufiger die Bezeichnung Rein- 
stein gewählt, während in der Sprache selbst und in dem Munde des 
Volkes fast ausschliesslich die Bezeichnung Regenstein gebraucht zu 
sein scheint.'^ Leibrocks Chi'onik hat keinen wissenschaftlichen Weii, 
sie ist nur da brauchbar, wo er aus eigener Erinnerung oder Erfahrung 
über Dinge berichtet, die heute zum Teil schon nicht mehr bekannt 
sind. Wertlos ist auch seine Erklärung von Regenstein und Reinstein. 
Ersteres soll die Bezeichnung im Munde des Volkes, letzteres die Be- 
zeichnung in der lateinischen und hochdeutschen Schriftsprache sein 
und Reihenstein bedeuten. Hiergegen ist zu erwidern: 



*) Ettmüller, S. 255. 



139 

1. Es ist nicht wahr, dass es im Volksmunde Regenstein lautet, 
wenn nicht etwa Leibrock unter Volk die hochdeutsch redende 
Bevölkening verstellt. 

2. Das plattd. rege oder ree^ ri, wie es heute um Blankenburg 
lautet, heisst im Hochdeutschen Reihe. Demnaoh müsste es nicht 
Reinstein, sondern Reihenstein oder Reihstein lauten, wie wir auch 
Reihsemmel sagen. 

3. Reihe heisst mhd. rlhe. Um 1350 begegnet zuerst in den 
Urkunden der Prager Kanzlei Kaiser Karls IV. das nhd. ei statt 1 
Bald nach 1400 dringt dieser neue Laut nach Norden vor, aber um 
1520 schrieb Luther noch rtcÄ, äissit^ jensid.^) Wenn nun Reinstein 
= Reihenstein sein soll, so müsste es ursprünglich rihenstein gelautet 
haben. Nun begegnet Reinstein aber schon in einer Ilsenburger Ur- 
kunde vom Jahre 1297,^) also in einer Zeit, wo ei statt % im Hoch- 
deutschen noch nicht üblich war, Eihenstein habe ich überhaupt 
nie gelesen. 

4. Der Name Regenstein wird heute von der hochdeutsch reden- 
den Bevölkerung Blankenburgs und der Umgegend mit langem, 
tiefem ä gesprochen, in der nd. Mundart lautet er renschtein^ also 
mit demselben Ä- Laute wie im Hd, Bedeutete Regenstein 'Reihen- 
stein', so müsste der Name mit langem e gesprochen werden, also 
Rehgenstein und nd. renschtein. Denn wie will man es erklären, dass 
im Nd. in derselben Mundart die Reihe bald ree^ bald ree gesprochen 
sei? Diese Verschiedenheit in der Aussprache ist nicht gleichgiltig. 
Ob man ein e oder e spricht, ist nicht Zufall, sondern beruht auf be- 
stimmten Sprachgesetzen. Ausnahmen von diesen Gesetzen giebt es 
genau genommen nicht, die sog. Ausnahmen beruhen ihrerseits wieder 
auf Gesetzen, falls nicht falsche Analogien vorliegen. Curtius gebührt 
das Verdienst dargethan zu haben, dß,ss in der Lautwelt eine strengere 
Ordnung herrsche, als seine Vorgänger annahmen, und eine festere 
Methode für die Etymologie begründet zu haben. „Wenn,^ so sagt 
er (Grundzüge S. 80), ^in der Lautgeschichte wirklich so erhebliche 
sporadische Verirrungen und völlig krankhafte unberechenbare Laut- 
entstellungen einträten, wie sie von manchen Gelehrten so zuversicht- 
lich angenommen werden, so müssten wir in der That auf alles 
Etymologisieren verzichten.^ Dies führe ich hier deshalb an, weil mir 
gerade in Bezug auf den Regenstein die Behauptung geäussert ist, 
dass die Namen wenigstens nicht notwendig den Sprachgesetzen unter- 
worfen seien. Auch die Annahme habe ich mehrfach vertreten ge- 
funden, wo man es nicht erwarten sollte, dass unsere nd. Mundarten 
in ihren Lauten nicht konstant seien, sondern dieselben sehr oft 
änderten, heute spräche man so und morgen spräche man so, dass 
mithin die nd. Mundarten für die Etymologie wenig brauchbar seien. 
Und doch ist gerade das Gegenteil der Fall. 



^) Franke, Gnindzüge der Schriftsprache Luthers, S. 39. 
*) Jacobs, Urkundenbuch des Klosters Ilsenburg, Nr. 154. 



140 

Die Annahme also, dass in Regenstein das nd. r^ge 'Reihe' stecke, 
kann vor der Wissenschaft nicht bestehen. Dennoch scheint sie den 
meisten Beifall gefunden zu haben. Ich führe hier an: 

Günther, Der Harz, S. 731 : Während nämlich die einen — und das 
liegt wohl am nächsten — im Hinblick darauf, dass die Sandsteinfelsen, 
welche die Burg tragen, eine lange Reihe bilden, bei dem Namen an das nd. 
Rege, d. i. Reihe denken, finden andere darin das altd. ragin, d. h. raten. 

Steinhoff, Der Regenstein, S. 4 : ^^Der Name wird abgeleitet 
vom gereiheten oder beregneten^ vom reinen weissen oder von Rein- = 
Grenzstein, von rein, regin = erhaben, sehr berühmt oder von ragin 
= raten; aber obwohl die letzte Erklärung schon durch den Namen 
den Regenstein zu einem Versammlungeplatze der alten Deutschen 
stempeln würde, so scheint doch die erste, die von Reihe oder Rege, 
der Formation des Bergzuges wegen, die einfachste.^ Auch in seiner 
1890 erschienenen Geschichte der Grafschaft — bezw. des Fürstentums 
Blankenburg, der Grafschaft Regenstein und des Klosters Michaelstein, 
S. 2 hält Steinhoff noch an dieser Ansicht fest. 

Meyers Reisebücher, Der Harz, 10. Aufl., S. 76: „Die Ableitung 
von Rege, Reihe, ist naheliegend, weil die genannten Sandsteinfelsen 
in einer langen Reihe liegen ; jedoch scheint das altd. ragin = raten 
diesen Felsen zu einem Versammlungsort der Germanen zu stempeln (?)^ 

In den angeführten Werken findet sich der Irrtum, das ragin 
'raten' heisse, er scheint aus einer gemeinsamen Quelle zu stammen. 
Ein altd. Verbum ragin = raten giebt es nicht. Ausserdem scheint 
rem, ragin als Eigenschaftswort gefasst zu sein, während rein, regin, 
ragin ein Hauptwort ist. Es ist erklärlich, dass diese Schriften zur 
Verbreitung der irrigen Erklärung von Regenstein = Reihenstein nicht 
wenig beigetragen haben, sie findet sich nicht blos in und um Blanken- 
burg, und nicht etwa blos bei Nichtgermanisten, wie ich zu erfahren 
Gelegenheit genug gehabt habe. 

Doch ich wollte nicht nur den Nachweis versuchen, woher der 
Name Regenstein entschieden nicht abgeleitet werden darf, sondern 
auch, woher er wahrscheinlich abgeleitet werden muss. Das Richtige 
hat meines Erachtens Pro hie, der bekannte Sammler der Harzsagen, 
bereits im Jahre 1855 ausgesprochen in einem Aufsatze über den 
Regenstein, der im Deutschen Museum abgedruckt ist. Derselbe 
äusserte sich : „Im Ahd. heisst ragin, auch ragan, regin Beratschlagung, 
Rat. Aus ragin, regin wird rein und so kommt Reinstein von ragin, 
rein her, wie davon herkommt Reginhard oder Reinhard, abgekürzt 
Reinke. Der Reinstein oder Regenstein ist also ein Raginstein, ein 
Stein, auf dem Rat gehalten wird, ein alter Versammlungsstein." Die 
Ableitung von ragin scheint mir richtig, die Deutung Versammlungs- 
stein unrichtig. Im Got. und Ahd. heisst freilich ragin .'Rat, Meinung' ; 
raginön beraten, lenken ; aber im Alts., Ags. und Altnordd. wird regin 
als Verstärkung gebraucht. ^) Im Heliand heisst reginUind ganz blind 

') Tobler, Ueber die verstärkenden Zusammensetzungen ün Deutschen. Die 
Deutsch. Mundarten V, S. 23. 



141 

(durch Schicksalsschluss blind), reginsTzado Erzräuber, reginthiof Erz- 
dieb ; im Ags. regnveard custos strenuus, regntheof Erzdieb, regenheard 
valde durus ; im Altnord. reginfiÖll montes altissimi, regindiup immeiisa 
profunditas. Ausserdem findet sich im Nord, regin in der Bedeutung 
dii, Götter; reginblind wäre also ursprünglich gottesblind, gerade wie 
heute noch 'gottes' in 'gottsjämmerlich' und anderen Ausdrücken ge- 
braucht wird. Aehnlich wie ragin ist auch irmin in irminsül gebraucht, 
das durch columna altissima übersetzt wird. Hieraus schliesse ich, 
dass Raginstein oder Regenstein nichts anderes ist als mons altissimus, 
'Grosser Stein'. Grimm vermutete Zusammenhang zwischen ragin und 
ragen, regen. Wahrscheinlich wird ursprünglich mit Regenstein nur 
der Felsen benannt sein, auf dem die Burg steht, denn nur dieser 
Teil verdient den Namen Stein, und erst später wird man die ganze 
Länge des Höhenzuges darunter verstanden haben. Bei dieser Ge- 
legenheit will ich bemerken, dass es nach den Generalstabskarten 
auch auf dem Oberharze Regensteinsklippen giebt. Ob diese Benennung 
auch im Volksmunde üblich ist, habe ich bis jetzt nicht erfahren 
können. Um auf die Worte des Chronisten, diisse steyn ise gereghent^ 
zurückzukommen, so glaube ich, dass derselbe weiter nichts bedeuten 
soll, als was raginstein bedeutet. 

Es erübrigt noch einiges zu sagen über das Verhältnis der beiden 
Formen Regenstein und Sein stein, die neben einander in der Schrift- 
sprache vorkommen. Das beide ein- und dasselbe Wort sind, liegt 
auf der Hand, und Pröhle hat Recht, wenn er Reinstein durch Ausfall 
des g aus Bagin- oder Reginstein entstehen lässt. Schwerlich richtig 
ist KirchhofFs Auffassung, der Reinstein mit üblicher Erweichung des 
g zwischen Vokalen zu i aus Regenstein entstehen lässt. Aber damit 
ist die Sache nicht erledigt. In der nd. Mundart um Blankenburg 
heisst der Regenstein allgemem renschtein und nicht reinstein, letztere 
Form ist unbekannt. R'enschtein ist aus regenstein entstanden, wie 
rm (Regen) aus regen^ Un (liegen) aus ligen. Daraus ergiebt sich, 
dass Regenstein die nd. Form ist, wie sie sich um Blankenburg ge- 
bildet hat und jetzt auch im Hochdeutschen üblich ist. Reinstein ist 
für die Blankenburger so zu sagen ein Fremdwort. Der Laut ei an 
Stelle von älterem agi ist echt mhd. und md. Daher halte ich Rein- 
stein für die hd. oder md. Form. Hiermit stimmt, dass in den Ur- 
kunden von Ilsenburg und Halberstadt die älteste und häufigste Form 
Regenstein ist. Reinstein kommt in lat. und hd. Urkunden vor, in nd. Ur- 
kunden finde ich es zwei Mal in Schmidts Urkundenbuch der Stadt Halber- 
stadt 1878—1879, nr. 613 und 863. In der einen Urkunde verbünden 
sich die Städte Halberstadt und Aschersleben mit dem Grafen von 
Regengtein, in der anderen Bischof Johann und die Städte Halberstadt, 
Quedlinburg und Aschersleben mit dem Grafen von Regenstein. An 
anderer Stelle habe ich nachgewiesen, dass die nd. Urkunden von 
Ilsenburg und Halberstadt stark mit hoch- und mitteldeutschen 
Elementen angefüllt sind. Es hat daher gewiss nichts auffälliges, 
wenn in jenen beiden Urkunden die hd. Form Reinstein erscheint. 



142 

Das Ergebniss meiner Untersuchung ist kurz folgendes: 

1. Die beiden Benennungen Regenstein und Reinstein sind aus 
ein und derselben älteren Form raginstein hervorgegangen. 

2. Regenstein ist die nd., Reinstein die hd. oder md. Form. 

3. Die Bedeutung ist 'mons altissimus, grosser Stein'. 

Auf der Voraussetzung fussend, dass das hd. Reinstein und nd. 
Renschtein aus altem raginstein entstanden sind, möchte ich hier die 
Frage noch der Lautform Reinice aufwerfen. In der nd. Mundart um 
Blankenburg wurde aus ragin ein ren, aus altem inl. agi ein e und 
nicht ei. Wurde auch in anderen Worten aus agi ein e? Nach a 
wird in unserer Mundart das g immer wie g in Gott, gut, ganz aus- 
gesprochen, nicht wie y, welche Aussprache sich nach e, i, ei findet. 
Nach langem oder gedehntem a wird g^ wenn nicht Umlaut bewirkendes 
i folgte, ohne Veränderung des a wie auch in den anderen nnd. 

Mundarten ausgestossen, z. B. 

X;/d(e), f. klage, ahd. klaga; mhd. klage; mnd. klage; westfr klegge. 

kläny klagen, Präs. ek kldf kläst, Prät. kläte. ahd. klagon; mhd. klagen, 

Prät. kleite; westfr. kUyen. 
sä, f. Säge, ahd. saga, sega; 
sän, sägen, Präs. ek sä säst, sät, 
mät, f. Magd, got. magaths; ahd. magat, — ged, — gid; mhd. meget, meid; 

alts. magath; ags. mägedt; mnd. maget; ostfr. mägd, maid, meid; westfr. 

maagd, meid; nid. maagd, meid, engl, maid; Woeste mäged; Schambach 

maget; Dähnert maagd. 
mädeborch, Magdeburg. 

häputje, f. Hagebutte, ags. haga, hege; ahd. hag. 
hänebeuke, f. Hagebuche, Schambach haine — , haenebriken. Bisweilen 

heinebeuken, doch scheint diese Form hd. Entlehnung zu sein. Yergl. 

die vielen Orts- und Flurnamen auf — hagen. 

Vor el findet ein Schwund des g in der Mundart um Blanken- 
burg nicht statt: hägel, m. Hagel, ahd. hagal^ hagel; ags. hagal^ — 
gcl^ — gul, — gel; westfr. hagd. 

Umlaut des a in e erscheint 

1. im Präs. der str. Verba: dmw, tragen, eh rfm, drechst^ 
drecht. — frän^ fragen, ek frä, frechst^ frecht, Prät. frauch. 

2. in Sern, sagen, ek sc*>, sechst, secht, Prät. se; ndl. eeide. 
Aus ags., ahd. sagjan wurde segan, seggen. In der Mundart 
um Blankenburg wurde g zu j, und dieses j verflüchtigte sich 
zu einem t, welches mit dem kurzen e nicht zum Diphthong 
ei, sondern zu ei wurde, ähnlich dem e* für t im engrischen 
Gebiete. Derselbe Vorgang findet sich noch in neine^ neun, 
alts. nigun; ekrein, Ptc. von krtn, kriegen. In Hasselfelde 
spricht man seun 'sagen' und ekreun, 'gekriegt'. 

In lein, legen. Präs. ek leie, lechst, lecht. Prät. lachte got. 
lag Jan; alts. leggjan; ags. lecgan, legan; mhd. legen, Prät. legte. Iahte, leite. 

Der Diphtong ei (ai) an Stelle von agi scheint sich zu finden 
in seisse, f.' Sense' das mit ags. sage 'Säge' verwandt sein wird. Alts. 
segisna; ahd. segansa, seginsa, segensa, segesna, segisna; mhd. seganse, 
segenae, seinse, sense, sense; mnd. seise, seisene, sesse. Es ist aber zu 



143 

bemerken, dass in diesem Worte ausser dem q noch ein n ausgefallen 
ist, und ich möchte annehmen, dass der Ausfall des n die Dehnung 
zu ei bewirkt hat, vergl. lükwarm und lunkwarm (Korrespondenzbl. 
XI. 59), üse und unse^ ags. ges für gansi u. a. m. Dieses Beispiel 
darf meines Erachtens nicht als Beweis angeführt werden, dass im 
Nd. ei aus agi entstanden sei. 

geil^ geil, üppig wachsend. Woeste im westf. Wtb. p. 70: „gail; 
wie steil = ahd. Steigal^ so gail^ gcigih ^gs. gagol; alts. gel, lascivus.^ 
Dazu Jellinghaus im Nd. Jahrbuch IX, p. 68: ^Dies wird bestätigt 
durch ravensb. gajel^ geil." Von der Richtigkeit dieser Annahme habe 
ich mich bis jetzt nicht überzeugen können. Man vergl. ags. gagul 
und westf. gägcl; ags. hagul^ hagol, und westf. hägeL Warum steht 
nicht auch in diesen Worten ein ai? Ausserdem scheint ravensb. 
gäjel westf. hägel und gdgel lautlich zu entsprechen. Ich halte westf. 
gail und ravensb. g^ijel für zwei verschiedene Worte, letzteres ent- 
spricht ags. gagöl^ ersteres ags. gäl, alts. gel; vergl. got. gailjan^ ahd. 
geiljan^ mhd. geilen, Ags. ä entspricht got. ai, ei in der Mundart 
um Blankenburg, und westf. e. Aber neben westf. e kommt auch ai 
vor, z. B. ehe und aike^ depde und daipde, denst und dainst, delen und 
mwestf. deilen = dailen^ 'wie wir auch heute oft sagen'. ^) 

eidexe, f. lacerta. ahd. egidehsa; mhd. egedehse, eidehse; ags. 
ddexe; mnd. egedisse, eigdisse; nnld. haagdis. Die verschiedenartigen 
Formen, in denen dieser Name auftritt,^) lassen die Ableitung desselben 
noch gänzlich zweifelhaft, und auch für unseren Fall ist nichts daraus 
zu gewinnen. 

eisich, Angst erregend; et eiset mek^ ich fürchte mich. Got. 
agis, Furcht, Angst; ags. ege (ege?)^ timor, horror; egesa, cgsan; 
egesig^ eisig; egesltc; egesjan^ egsjan; alts.- egislic (im Heliand), 
eislic (Strassb. Gl.);^) ahd. ak% ekt, egt, aigt; mhd. egeslich, eislich; 
eisen; egese, mc; mwestf. eiselic^ eislic; westf. aisig; aisen; osn. eslik; 
götting. — grubh. eisen, esen, eisig, eisige. Hier scheinen wir den 
Beweis zu haben, dass auch im Nd. ei (ai) = urspr. agi vorkommt. 
Im Ags. ist der Ausfall des g nach kurzem Vokale vor — en und — 
el gewöhnlich;*) hier müsste g auch vor es geschwunden sein. Im 
Alts, finde ich Schwund des g ausser in eislic noch in gein 'gegen' 
und in mester,^) Was alts. gein anlangt, ahd. gagan^ gcigi'^i gegin; mhd. 
gegen, gein, gen; md. kegin, kein; ags. gcgn, gen; engl, again; so muss 
es auffallen, dass die heutigen nd. Mundarten kein gein bieten. So 
viel ich sehe, haftet in allen Mundarten das g in den Formen für 
'gegen', während sonst der Ausfall des g mit der Zeit an Ausdehnung 
gewonnen hat. Die Form gein kann daher nichts beweisen. Alts. 
mester, lat. magister; ags. maegester; maester; holl. meester; in Westf., 



*) Woeste, westf. Wtb. p. 49. 

2) Die dtsch. Mnd. VI, p. 471—473. 

») Gallde, Alts. Gr. § 42. 

*) Ettmüller, p. XXVII. 

ö) Gall^e, a. a. 0. 42 und § 123. 



144 

um Göttingen und um Blankenburg mester; in Pommern mester; in 
Ostf. mester; mester; wird sich kaum direkt aus magister^ sondern 
vielmehr nach ahd. maister gebildet haben, so das« der Ausfair des 
g nicht viel besagen will. Somit bleibt nur noch eisUc neben egislic 
über, und es fragt sich, wie sich beide Formen neben einander ver- 
halten. Die einfachste und wahrscheinlich allseitige Billigung findende 
Erklärung würde sein, dass eislic die jüngere aus egislic entstandene 
Form ist. Hiergegen lässt sich jedoch anführen: 

1. Dass im Alts, ausser in dem Fremdworte mester und dem 
vermutlich md. gein kein Ausfall des g stattfindet. 

2. Dass im Ags. neben egesa die Formen egsan und eisig stehen; 
warum nicht eisan oder egsig? Wenn ädexe = agidexe sein soll 
(ostfr. Wtb. I, 18), wie verhält sich dann ädexe neben eisig? 

3. Dass im Westf. heute noch intervokalisches g haftet, z. B. 
regen ^ regnen, rbgen^ pl^ge, hägel^ seggen, tiegen u. s. w., warum aber 
aisig? 

4. Um Blankenburg wurde aus ragin ein ren^ aber vor Doppel- 
konsonanz der Eigennahme Renke mit kurzem e; aus magister aus 
demselben Grunde mester; aus agisig^ cgesig hätte also esich werden 
müssen. 

5. In allen nd. Mundarten erscheint, ausser im Osn., der auf- 
fällige Dipthong et (ai), an dessen Stelle e oder e zu erwarten war. 

lieber die Ableitung von eisich bin ich im Zweifel, neige aber 
zu der Ansicht, dass abgesehen vom Holländischen und Westfriesischen 
der Lautwandel von agi zu ei (ai) im Nd. nicht erfolgt ist. Die ahd. 
Form aigi lässt es nicht unmöglich erscheinen, dass es im Alts, und 
Ang. ein ege, das schon Ettmüller zu vermuten schien, gab, und dass 
eisig^ für esig = egesig steht. Nach langem Vokale konnte g wohl 
leichter schwinden. Selbstverständlich gehören nicht hierher Formen 
mit ei = urspr. ah(i), z. B. Scheinich von Scahiningi oder Scahningi 
= Schöningen; schleit von slahan; geit aus ga-it oder vielleicht aus 
gahit; meine frühere Ableitung sm^ gagit ist Yertehlt;^) eime^ f., Granne 
der Gerste, steht wohl für eine, ahd. agane; mhd. agane^ agen; mnd. 
age^ agen; aber got. ahana, 

Lübben, mnd. Gr. p. 35/36 und 57, hält ei an Stelle von altem 
agi für nd. Auch den Flussnahmen Levne^ älter Lagina ^ führt er an. 
Es ist aber zu berücksichtigen, dass die Leine auf md. Gebiete ent- 
springt. Seelmann bemerkt mir zwar, dass Flussnamen gewöhnlich 
von der Mündung aufwärts wandern, lässt jedoch auch Ausnahmen 
von dieser Regel zu. Adam von Bremen erzählt,^) dass die Seeräuber 
in die Mündung der Wirraha eingelaufen seien. Wirraha ist aber 
md. Form, noch heute heisst der Fluss bei den nd. Anwohnern Weser 
mit kurzem e. Adam stammte aus der Markgrafschaft Meissen. 



*) Ed. Damköhler, Zur Charakteristik des nd. Harzes, S. 21. 
*) II, c. 74. 



14$ 

Wenn Lübben auch Meideborch anführt, so ist zu erwidern, dass ich 
um Blankenburg und in der Börde niemals diese Form gehört habe. 
In den Urkunden von Halberstadt ist sie häufig und ich halte sie für 
md., gerade so wie die Form neiber 'Nachbar'. Formen wie seilen = 
segelen^ altn. sigla; ahd. sigelen kommen natürlich nicht in Betracht, 
da hier ein ige statt agi zu Grunde liegt. 

Meines Wissens zweifelt niemand daran, dass ReinJce eine nd. 
Lautform ist, deren erster Bestandteil rein = ragin^ deren zweiter 
Bestandteil die Deminutivendung ke sei.^) Nach vorstehender 
Untersuchung ergab sich rein als hd. oder md. Form, auch in anderen 
nd. Worten musste ei = agi als zweifelhaft erscheinen. Es bliebe 
noch zu untersuchen, ob in den vielen mit ragin gebildeten Eigen- 
namen sich nd. ei = agi mit Sicherheit erweisen liesse. Diese Unter- 
suchung bin ich jetzt nicht imstande anzustellen. Was nun den 
Beinke Vos anlangt, so steht fest, dass die Grundlage des mittel- 
alterlichen Tierepos die äsopische Fabel vom kranken Löwen bildete. 
Diese kam von Griechenland nach Italien und von hier spätestens im 
8. Jahrhundert nach Deutschland. Um 940 wurde sie von einem 
Mönche im Kloster Toul einem lat. Epos eingefügt. Um 1100 müssen 
die Hauptträger der Fabel, Wolf und Fuchs, in Flandern ihre 
deutschen Namen Isengrim und Reinhard erhalten haben^). Nach 
Seelmanns freundlicher Mitteilung sind Formen wie reghen und rein 
„Regen^, seinen ^segnen^, seit ;,sagt", gheleit ,,gelegt^^ ganz gewöhnlich 
im Flandrischen. Dem entsprechend lautet die niederl. Form Beinaert, 
Aus Reinaert hat der nd. Uebersetzer Reinke gemacht. Man könnte 
hieraus folgern, dass diese Form im Nd. allgemein üblich gewesen 
sein müsse, notwendig scheint es mir gerade nicht. Wir wissen nicht, 
wer der nd. Uebersetzer gewesen ist und woher er stammte. Walther 
hat nachgewiesen, dass im R. V. Formen vorkommen, die dem 
Lübecker Dialekte nicht angehören.^) Meines Erachtens folgert er 
mit Recht daraus, dass der Uebersetzer kein Lübecker gewesen ist. 
Die Form Reinke braucht also nicht notwendig lübeckisch zu sein. 
In den Urk. von Ilsenburg und Halberstadt erscheint in Namen nur 
Rein = ra^in, ausser in Regenstein. Regen-^ ren- erschien uns aber 
als die reine nd., rein- als die md. Form. Reinhard, Reiner, Reineke 
scheinen auch in Niederdeutschland beliebte Namen gewesen zu sein, 
während die nd. Formen Renke und Menke (für Meineke) seltener 
erscheinen. Es ist daher nicht auffällig, wenn der Uebersetzer des 
R. V. die um 1500 allgemein gekannte md. Form Reinke statt Renke 
wählte. Vielleicht war man sich des sprachlichen Unterschiedes beider 
Formen kaum noch bewust. Oder sind die Träger der mit Rein- 
gebildeten Namen aus Mittel- und Oberdeutschland eingewandert? 
Bischof Reinhard von Halberstadt (1106 — 23) war wohl kein ge- 



^) Lübben, Die Tieraamen im Reineke Vos. Oldenburg. Programm 1863. 
*) Scherer, Geschichte der deutschen Litteratur, S. 260. 
') Mundartliches im Reinke Vos. Nd. Jahrbuch I, 92 ff. 

Ni«derdeut8clie8 Jalirbueli. XYIL 10 



14« 

borener Halberstädter; ^) sein NefiFe Popi)o ist in den Harzgau ein- 
gewandert, aber woher? Von Poppos Söhnen heisst der zweite wieder 
Reinhard, doch hat das Urkb. von Drübeck 15 neben preposito 
Reinhardo auch prepositus Rechenhardus. Die Urkundensprache ist 
eben nicht zuverlässig, die mundartlichen Formen der lebenden Sprache 
bieten besseren Anhalt. 

BLANKENBURG a. H. Ed. Damköhler. 



Heinrieh's von Krolewiz Vaterunser 

niederdeutsch. 

Die nachfolgenden Bruchstücke entstammen demselben Bande, 
dem G. v. Buchwald die in Band 11 der Zeitschrift der Gesellschaft 
für Schleswig-Holstein-Lauenburgische Geschichte (1881) Seite 364 
veröffentlichte Liste des Verlustes in der Schlacht bei Hemmingstedt 
entnommen hat, der 1476 in Lübeck gedruckten Scala celi (Hain 9405) 
der Universitäts-Bibliothek zu Rostock. An eich von keinem hervor- 
ragenden Werte, da sie anstatt des zuerst in ihnen gesuchten 
Originalgedichts sehr bald nur eine mittelmässige Uebersetzung aus 
dem Hochdeutschen ergaben, mögen sie doch hier Platz finden, 
da sie ein auch im Urtext nur in zwei auf gegenseitige Erzänzung 
angewiesenen Handschriften und ausserdem blos in ganz geringfügigen 
Bruchstücken überliefertes Gedicht betreifen, von dessen Uebertragung 
ins Niederdeutsche bisher nichts bekannt war. Man könnte sogar 
daran denken, das Vorhandensein einer solchen als einen Beleg für 
die von Lisch in seiner Ausgabe Heinrich's von Krolewiz (Quedlinburg 
und Leipzig 1839) Seite 7/8 aufgestellte Vermutung eines zeitweiligen 
Aufenthalts des Dichters am Schweriner Hofe anzusehen. Aus dem 
Wortlaut der Uebersetzung, besonders V. 1295, geht hervor, dass der 
Schweriner Codex nicht die unmittelbare Vorlage gewesen sein kann, 
und das Vorkommen mehrerer Handschriften eines verhältnissmässig 
untergeordneten hochdeutschen Dichters in demselben Teile nieder- 
deutschen Sprachgebiets, in dem sich vierzig Jahre vorher Herzog 
Wilhelm von Lüneburg Hartmanns Gregorius aus dem Hoch- 
deutschen ins Lateinische übersetzen Hess, dürfte eine Erklärung 
wünschenswert erscheinen lassen. Eine solche ist gegeben, wenn die 
Annahme von Lisch, die durch Rumelants Aufenthalt am Hofe des 
Grafen Gunzelin III von Schwerin (1228 — 1274; Heinrich von Krolewiz 
dichtete sein Vaterunser nach seiner eigenen Angabe in den Jahren 
1252 — 1254) eine Stütze erhält, richtig ist; andererseits können auch 
Klostergeistliche die Vermittler gewesen sein. Allem Anschein nach 



*) Schmidt, Zur Genealogie der Grafen von Kegenstein und Blankenburg. 
Ztschr. des Harz- Vereins f. Gescb. und Alt. XXII, S. 1—3. 



147 

stammt das In Frage stehende Exemplar der Scala cell, deren Ver- 
fasser selbst dem Predigerorden angehört, aus der Bibliothek des 
Dominikanerklosters St. Johannis in Rostock. Die (ins Jahr 1256 
fallende) Gründung, wenigstens den Hauptanteil an der Bewidmung 
dieses Klosters nimmt nach einem vom 27. März 1534 datirten 
Schreiben an dem Rat der Stadt Rostock die Familie von Bülow, 
die dem Bistum Schwerin im 13. und 14. Jahrhundert drei Bischöfe 
und zahlreiche Domherren gegeben hat, für sich in Anspruch. 

Die erhaltenen Reste der uns hier beschäftigenden Handschrift 
bestehen aus drei Streifen, die aus dem Mittelblatt einer Lage ge- 
schnitten sind und von denen der obere und der untere je 4, der 
mittlere 7 Zeilen Schrift enthalten, während ein vierter Streifen aus 
der Mitte des Doppelblattes, 8 Zeilen breit, fehlt. Das Doppelblatt 
umfasste sonach auf vier Seiten von 145 mm Höhe und 106 mm 
Breite zu je 23 Zeilen die Verse 1292—1384, von denen 1303—1310, 
1326—1333, 1349—1356, 1372—1380 fehlen. Das ganze Gedicht 
würde also 54 Doppelblätter gefüllt haben. Die Handschrift, wohl 
noch der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstammend, ist sehr 
sauber geschrieben, jeder Vers mit grossem, roth durchstrichenem 
Anfangsbuchstaben, der Anfang eines Abschnittes (V. 1312) mit zwei 
Zeilen einnehmendem roth gemaltem Initial. Nicht das gleiche Lob 
wie der äusseren Form lässt sich der Uebersetzung selbst erteilen, 
soweit der kleine Rest ein sicheres Urteil gestattet. Missverständliche 
Uebertragungen sind häufig, ohne dass, wie etwa bei V. 1295 (behenden 
statt lebenden)^ eine andere Lesart der Vorlage zur Erklärung dienen 
könnte, so 1294, 1302, 1318 (wete, 1334 richtig wyse), 1346 dure 
statt dirre^ 1348 in iw statt in ir\ V. 1359 weicht nicht nur den 
Worten, sondern auch dem Sinne nach gänzlich vom Original ab, 
ebenso 1363/64 und 1367, so dass man fast zu dem Schlüsse kommen 
muss, dem Uebersetzer sei selbst das volle Verständnis für seine 
Vorlage abgegangen. Das Metrum ist verflacht (V. 1292), einzelne 
Verse über Gebühr in die Länge gezogen (1368, 1371), der Reim 
lässt zu wünschen übrig. 

1292 Johannes ewangeliste de hilghe man 

Deme gy doch recht ghetruwet 

Vnde sprekt hat got ghebuwet 
1295 En hns van behenden steynen 

Nu merket wat wy meynet 

Sunte Johannes darna ik 

Dat is na wol moghelik 

Dat ik na synen worde ghee 
1300 Vnde an syne lere see 

Wan er he dat myt oghen sach 

Vnde des apenbare jach 



1311 Vnd myt gode ewichliken lenen 
Nu höret wat ik meyne 
Dyt eddele ghesteyne 



10* 



148 

Vnde ^pen an den sten 
1315 De nummer wert syn ghelik gheseen 

Vnde de alsalke schone hat 

Bat he vor godes oghen stad 

Vnde dat he wete is ghenant 

Wo mochte ik iw dat don bekant 
1320 Also myr myn syn ghesaghet 

Dat dadet wol eyn reyne maghet 

De in hemmelrike was 

In des konynghes pallas 

Langhe gheordineret vore 
1325 Wan sik god myt vrier köre 

1334 Se dndet ok wol den wysen 

1335 Den in den groten vreysen 
Hertoghe Emest yns ghewan 
Wan in der eilende man 

In vil groten noden brak 

Alsns yns armen gheschach 
1340 Dat wy armen weysen 

In des dodes vreysen 

Weret vorseghelt myt here 

Vp dat sunden lenermere 

Vnde yo vil na weren dot 
1345 In der sulnen groten not 

Wart ghebroken dure steyn 

Dar vt de gotheyt ersehen 

Vnde wart in iw ghehandelt 

1357 Dat got van vns wendet dan 

Syn schone antlat snte 

Gheue vns de hoghen mute 
1360 Vnde schal myt vlitelikeme sede 

Got vor vnse snnde beden 

Vnde knndighen vnse wort 

Dat see vns bringhen in den ort 

Dat vns god mote hir vmme seen 
1365 Dat mnt dor leue sehen 

De he to der vronwen hat 

Vnde sik in sine hande tat 

Vnde mnt vns myt sinen reynen danken 

Hören in vnse bede wanken 
1370 Dauid van der vronwen sprak 

Also he vt godes dogheden dath sach 

1381 Vnde ghnldene cleyde ane han 

Vnde dat ok vmme se weren gheleyt 
Mennigherhande wunnicheyt 

1384 Danid vns noch mer saghet. 

ROSTOCK. Ad. Hofmeister. 



149 



Zur altsäehsisehen Grammatik. 

(Anzeige.) 

0. Behaghel und J. H. Gall^e, Altsächsische Grammatik. I. Hälfte, Laut- und 
Flexionslehre, hearb. von J. H. Gall6e. Halle u. Leiden, 1891. 8^ (Sammlung 
kurzer Grammatiken germanischer Dialekte VI.) 

Seit 1873, in welchem Jahre Heyne's kleine as. und anfr. Grammatik 
erschien, ist eine zusammenfassende Barstellung der as. Sprache nicht wieder 
versucht. Zwar ist die Formenlehre in den Paradigmen von Sievers (1874), 
Arndt (1874)," Koediger (1884) wiederholt zusammengestellt; für die Lautlehre 
hat Holtzmann in seiner altdeutschen Grammatik (1870) reiches Material ge- 
liefert; Gall6e gab in seiner as. Laut- und Flexionslehre I (1878) für die meisten 
der kleineren as. Denkmäler eine Statistik der Laute und Endungen; auch sonst 
fehlte es nicht an Einzelbeiträgen zur as. Grammatik in den germanistischen 
Zeitschriften; die Namen sind von Althof (1879) grammatisch behandelt. Aber 
immer vermisste man schmerzlich eine Behandlung der gesammten Grammatik 
auf Grundlage des durch die Sieverssche Ausgabe so handlich und zuverlässig 
hergestellten Textes des Mon. und Gott., sowie des neugefundenen Prager Frag- 
mentes und des nicht unbedeutend vermehrten Glossenschatzes. Denn so ver- 
dienstlich Heyne^s Arbeit war, so genügte seine Grammatik eigentlich schon bei 
ihrem Erscheinen nicht mehr den Anforderungen, die man vom Standpunkte der 
gerade in jener Zeit sich Bahn brechenden sprachwissenschaftlichen Anschauungen 
an eine wissenschaftliche Behandlung eines Einzeldialektes stellte, und Paul gab 
in seiner Anzeige der Heyneschen Grammatik (Germ. 19, 217 ff.) seinem Tadel 
unverholen Ausdruck. So muss denn eine neue Bearbeitung der as. Grammatik, 
die unter der Aegide Braune's und nach dem Vorbilde seiner trefflichen got. und 
ahd. Grammatiken erscheint, von allen Germanisten mit Freuden begrüsst werden. 
Wie der Titel sagt, haben wir es zunächst nur mit der ersten Hälfte der Gram- 
matik, die Laut- und Flexionslehre umfassend, zu thun; die Wortbildung und 
Syntax in der Bearbeitung von Behaghel soll den zweiten Theil bilden. 

Wenn wir, um den Werth der vorliegenden neuen Grammatik zu würdigen, 
sie zunächst mit der Heyneschen Vorgängerin vergleichen, so ist der Umfang 
zwar ziemlich der gleiche. Trotzdem ist das Galleesche Werk viel reichhaltiger. 
Die altniederdeutschen Psalmen, über deren Laut- und Flexionsverhältnisse wir 
ja in Cosijn's Oudned. psalmen eine genaue Statistik besitzen, hat G. mit Eecht 
von seiner Arbeit ausgeschlossen, dagegen die beiden Heliandhss. und sämmtliche 
kleineren Denkmäler, besonders die Glossensammlungen, viel ausgiebiger heran- 
gezogen. Nicht berücksichtigt sind die Eigennamen, was freilich sehr zu be- 
dauern ist, aber aus den von G. (S. VI) angeführten Gründen gebilligt werden 
kann. Das aus diesen Denkmälern zusammengebrachte Material ist in der ge- 
wöhnlichen Reihenfolge der Grammatik behandelt, wobei die got. Grammatik 
Braune's als Muster gedient hat. Jeder Eegel sind die Abweichungen in den 
einzelnen Denkmälern hinzugefügt. So kommt ein viel reichhaltigeres Material 
als bei Heyne in übersichtlicher Form zur Darstellung. Es fragt sich nun, wie 
vollständig und zuverlässig dasselbe ist. Hinsichtlich des ersten Punktes kann 
man biltigerweise keinen andern Maassstab anlegen, als ihn die Absicht des Verf. 
uns an die Hand giebt. G. sagt selbst in seinem Vorworte, dass er bei der 
Arbeit, aus seinen zu lexicographischen Zwecken angelegten Sammlungen die 



150 

vorliegende für Studierende bestimmte kleine Grammatik herzustellen, sich mög- 
lichste Beschränkung auferlegt habe. § 61, Anm. erklärt G. freilich, in den 
Anmerkungen zu der Decl. und Conj. seien alle Abweichungen verzeichnet. Das 
ist aber, wie man sich sehr bald überzeugt, durchaus nicht der Fall. Er hatte 
also nicht die Absicht, uns sein vollständiges Material zu geben. Es war das 
ja auch durch den nächstliegenden Zweck der „kurzen '^ Grammatiken ausgeschlossen. 
Man kann also leider aus den scheinbar noch so genauen Angaben G.'s doch 
niemals die erwünschte Sicherheit über eine einzelne Frage der Grammatik ge- 
winnen. Hoffentlich ersetzt G. diesen Mangel einer vollständigen Materialsammlung 
bald durch die Veröffentlichung seines in Aussicht gestellten Wörterbuches mit 
grammatischem Apparate. Müssen wir uns also den Zwecken des Buches gegen- 
über mit unseren Wünschen bescheiden, so darf man doch die Ungleichheit der 
Behandlung als einen Mangel bezeichnen. Wozu die Ausführlichkeit in den 
Angaben über d, d, th (§ 142 ff.), k und c (§ 115), these (§ 244), wenn andere 
ungleich wichtigere Capitel der Grammatik ganz kurz oder gar nicht behandelt 
werden? Auch sonst konnte m. E., ohne den Umfang des Buches erheblich über 
das Gegebene anzuschwellen, den Citaten grössere Vollständigkeit gegeben werden, 
oder doch gesagt werden, wo der Verfasser Vollständigkeit der Belege beabsich- 
tigte, wo nicht, indem durch zugefügtes „z. B.'' oder „und öfter '^ die Beschränkung 
in der Angabe der Belege auf einzelne wichtigere Beispiele hervorgehoben wurde. 
Was nützt es, wenn bei einmal vorkommenden Formen ausdrücklich „einmal M'^ 
oder „einmal C" (z. B. § 203 skepiun) gesetzt wird, wo auf demselben Baume 
die Verszahl Platz gehabt hätte ? Bei aller B^ichhaltigkeit im Einzelnen vermisst 
man femer mehrere zusammenfassende Capitel, auf deren Wichtigkeit schon Paul 
in der angeführten Eecension aufmerksam gemacht hat, wie sie auch z. B. bereits 
von Frauck in seiner mnl. Grammatik aufs trefflichste ausgeführt sind. Dahin 
rechne ich: Einfluss von Consonanten (r, m, 1, h, w) auf Vocale; Einfluss von 
Vocal auf Vocal ; Assimilation der Consonanten ; Metathesis ; Behandlung der aus- 
lautenden Stammvocale in der Composition ; Einfluss des ags. auf die Schreibung 
in C und M, u. s. w. Durch solche susammenfassende Capital wären manche 
zusammengehörige Erscheinungen, die jetzt zerstreut unter andern Einzel- 
erscheinungen sich dem Blicke entziehen, als verwandte zu erkennen und dienten 
sich gegenseitig zur Aufklärung. Ebenso nützlich wären einige §§ gewesen, die 
die Eigenthümlichkeiten der einzelnen Heliandhss., die dialektischen Besonderheiten 
der einzelnen kleineren Denkmäler zusammenfassend behandelten. Ein vielleicht 
zu weit gehender Wunsch für eine as. Grammatik ist, dass der Verf. eine Übersicht 
der Formen gegeben hätte, die in den einzelnen Heliandhss. (besonders in M) 
nur in bestimmten Abschnitten vorkommen. Für die Geschichte der Hss. ist die 
Zusammenstellung der „graphischen Varianten", wie sie uns der Verf. für einige 
Erscheinungen in den „Beiträgen" geliefert hat, unumgänglich noth wendig. — Doch 
wie gesagt, über die Zweckmässigkeit des Mehr oder Weniger des Gegebenen 
wird jeder nach seinen Interessen eine besondere Ansicht haben, und der Verf. 
wird sich damit trösten, dass es doch niemand allen recht machen kann. Wir 
wollen deshalb mit dem Gebotenen zufrieden sein, wenn wir nur den einzelnen 
Angaben das Lob der Zuverlässigkeit zugestehen könnten! Das ist aber leider 
nicht der Fall. Zunächst will ich bemerken, dass schon der mit dem as. ver- 
traute Benutzer — wie viel mehr der Studierende — in vielen Fällen im Un- 
klaren bleiben muss über das Verhältniss mehrerer neben einander liegenden 
Formen. Dies gilt besonders von dem Abschnitte der Flexion. G. giebt häufig 
hinter einander eine ganze Keihe von Endungen, ohne dass man sieht oder erfährt, 
welches die am häufigsten vorkommende ist; natürlich hält man die erste für 
die regelmässige oder häufigste, die anderen für weniger häufig, die letzte für 



151 

die seltenste. Damit stimmen aber nicht überall die Thatsachen, so z. B. wenn 
im dt. 8g. der schw. Adjektivflexion die Keihenfolge gegeben wird: goden^ -in, 
-an, 'Ofiy oder im dat. pl. der a-decl. : dagunij dagun, dagon. Überall, wo durch 
die Nebeneinander Stellung mehrerer Formen der Anschein der Gleichberechtigung 
erweckt wird, wäre ein Hinweis auf die Häufigkeit der einzelnen Form erwünscht 
gewesen. Bei der Buntheit der aus den verschiedenen Denkmälern zusammen- 
kommenden Formen hätte es sich überhaupt empfohlen, im Paradigma nur eine 
einzige Form, etwa die des Mon. zu geben, ähnlich wie Braune in seiner ahd. 
Gramm, die fränkischen Formen als Beispiele anführt, und alle anderen Neben- 
formen in die Anmerkungen zu verweisen, wo dann über den Ort und die Häu- 
figkeit des Vorkommens das Nöthige gesagt werden konnte. In anderen Fällen, 
wie z. B. in der u-dekl. wäre die Anführung sämmtlicher Belege einfacher und 
übersichtlicher gewesen, als die Aufstellung eines doch nur lückenhaften Para- 
digmas. Dankenswerth sind die Verzeichnisse der den einzelnen Paradigmen 
folgenden Wörter; aber auch hier vermisst man eine Angabe, ob und wie "weit 
die Listen vollzählig sind. Ebenso ist es mit den den Ausnahmen zugefügten 
Belegen. Sind mehrere Zahlen gegeben, so möchte man doch wissen, ob damit 
die Belege erschöpft sind, oder in welchem numerischen Verhältnisse sie zur 
Regel stehen; bei nur einmal vorkommenden Formen war die Angabe der Stelle 
geradezu nothwendig, weil es bei der Beschaffenheit der Hss. nicht einerlei ist, 
in welchem Theile des Textes eine Form sich findet. — 

Fehlt es schon im Allgemeinen in allen diesen angedeuteten Richtungen 
an der wünschenswerthen Zuverlässigkeit, so tritt im Einzelnen überall eine für 
ein wissenschaftliches Hülfsmittel unerlaubte üngenauigkeit und Fehlerhaftigkeit 
in unangenehmster Weise zu tage, die Studierende, deren Einführung in das 
Studium des as. sich das Buch doch gerade zum Zwecke setzt, vielfach irre führen 
muss. Hier kann ich mit dem Tadel nicht zurückhalten, dass es G. mit seiner 
Arbeit nicht streng genug genommen hat, und dass entweder sein Material nicht 
zuverlässig ist oder der Verf. bei der Ausarbeitung allzu flüchtig zu Werke 
gegangen ist. Da sehr häufig die genaue Anzahl des Vorkommens einer als 
Ausnahme besprochenen Form gegeben ist, so glaubt jeder Benutzer hier auf 
festestem Grunde zu stehen, wird aber bei einer Nachprüfung einzelner dieser 
Zahlen bald den Glauben an die Verlässlichkeit aller verlieren. Die grosse Menge 
von Druckfehlern in den as. Wörtern, deren kleinsten Theil die Zusätze und 
Verbesserungen am Schlüsse des Buches berichtigen, beweist schon, wie wenig 
Sorgfalt auf die Correctur verwandt ist. Selbst der Name eines Gelehrten wie 
Madan (S. V) ist dem Druckfehlerteufel anheim gefallen, und als Curiosum mag 
erwähnt sein, dass der Verf. sich auf dem Schmutztitel Galle6 und Gallee, auf 
dem inneren Titel Gall^e und Gallee schreiben oder drucken lässt. Schlimmer 
sind die vielen Fehler in den Verszahlen und den Citaten. Da im Vorworte 
mehreren namhaften Gelehrten der Dank für Correcturlesen gespendet wird, so 
möchte man gern wissen, bei wem man sich eigentlich vornehmlich zu bedanken 
hat, dass nicht noch mehr Fehler stehen geblieben sind. Um diesen herben 
Tadel im Einzelnen zu begründen, müsste ich § für § der ganzen Grammatik 
durchgehen und alle von mir notirten Fehler angeben. Es würde das aber den 
mir zur Verfügung gestellten Raum des Jahrbuches bei weitem überschreiten; 
auch liegt es nicht in meiner Absicht, zu allen §§ Nachträge zu liefern, was 
soviel hiesse als eine zweite Grammatik schreiben. Sondern ich begnüge mich, 
auf die gröbsten Fehler in der Lautlehre und der nominalen Flexion aufmerksam 
zu machen. Durch eigne Sammlung über diese Theile der Grammatik bin ich 
in der Lage, G.'s Angaben genauer zu controlliren; ich kann dabei der Kürze 
wegen auf eine im Druck abgeschlossene, aus äusseren Gründen aber noch nicht 



152 

im Buchhandel "erschienene Schrift von mir verweisen, „Untersnchnngen zur 
Geschichte der altsächsischen Sprache '', wo die Belege meist in lückenloser Voll- 
ständigkeit verzeichnet sind, und die ich im Folgenden mit „Unf anführen 
werde. Ich hoffe, dass meine Berichtigungen nicht als rechthaherische Mäkelei 
aufgefasst werden, sondern als Hinweis, wo und in welcher Bichtung eine 2. Aufl. 
verbessert werden muss, Beachtung finden mögen. 

§ 3. Bei der Aufzählung der kleineren Dkm. hätte 'angegeben werden 
sollen, wo die nicht bei Heyne abgedruckten Stücke zu finden sind. Nicht genannt 
sind die Glossen aus St. Peter (Graffs Diut. II und zerstreut bei Steinmeyer- 
Sievers). — § 4 Anm. 1. d und b kommen auch ausser den Heliandhss. vor. 
— Anm. 2 wäre der Abkürzungsstrich für n und m zu erwähnen gewesen, durch 
dessen fehlerhafte Fortlassung sich manche Irrtümer in den Hss. erklären (vgl. 
Unt. S. 146). — § 5. Die Doppelschreibung der Vocale ist besonders für das 
Chartularium Werthinense charakteristisch. — § 6. y (tyreas C 131), ö und ^ 
sind vergessen. — § 18. Unerwähnt ist das nicht seltene Eintreten von ae in 
C und M an Stelle von a (e) ; § 29 Anm. 1 wird nur ein Beleg aus M für ae 
anstatt e angeführt. — § 19 sind germ. o und 6 unnöthigerweise in die Anm. 
verwiesen. — § 20 Anm. 1. Zu o neben a besonders vor n vgl. die Beispiele 
Unt. S. 141 f.; fon ist in M nicht „vereinzelt*, sondern (vgl. Jellinek PBB 
14, 158) bis 1497 die ausschliesslich gebrauchte Form. Die Angaben über 
mohta sind ganz falsch ; mohta kommt in C nicht zweimal, sondern überwiegend 
vor, z. B. 164. 572. 646. 738. 849. 1674. 2049. 2301. 2552. 2690. 2778. 
2921. 3063. 3198. 3341. 3359. 3613. 3635. 3688. 3815. 4078. 4867. 5229. 
5917; muohta 574; ebenso mohtun 813. 2303. 2371. 3582. 3649. 3824. 5067; 
mohti 189. 723. 1442. 2322. 2392. 2649. 5278. 5920; mohtig 817; nwhiin 
3929; 7nohtis 5351. 5923, wogegen die Formen mit a ganz zurücktreten. M hat 
zweimal mohta 184. 747, einmal mohte 1678, einmal mohtun 148. — Neben 
fold konnte noch hagastoldos C 2548 erwähnt und auf das häufige uuerold ver- 
wiesen werden; auch uuoh C (auu M) 3931 und auoh (auuh M) 4222 neben 
uuah CM 3950, C 5573 verdiente Beachtung. — § 20 Anm. 2. Übergang von 
a in 6 vor r findet sich auch häufig im Hei., z. B. Jierda C 2390, herdan 
C 1091, öharuuerdan C 2391, tuouuerd C 4182, foruuerdes C 976, forthutierd 
C 4010, geginuuerd C 2534, ther M 4578; ea in scealt C 261 und uutard 
C 3711. Doch hätten lieber alle Fälle des vor r in den Hss. wechselnden a und e 
im Zusammenhange bei r besprochen werden sollen, wo dann auch die Vocale 
der Nebensilben herangezogen werden konnten. — § 22. Für Eintritt oder Aus- 
bleiben des Umlauts lassen sich schärfere Eegeln, als sie G. giebt, aufstellen; 
der Einfluss der benachbarten Laute und Lautgruppen, besonders des r und r -|- 
Cons. (vgl. § 25) tritt noch in sehr vielen Beispielen zu tage; das nicht umge- 
lautete a in sagi, sagid, hähid verdiente Erklärung ebenso wie die Analogie- 
bildungen habbien M, habbiu C 933, dragit neben dregit, spanit neben spenit. 
Nach der Fassung des § 25 glaubt man, dass nur uuarmien 4967 in M ohne 
Umlaut sei, aber ebenso verschmähen den Umlaut hinfardi C 1351, umbitliarbi 
M 1728, huuargin M 1089, auuardiad M 1645, aunardien M 1882, auuardean 
M 1907, auuardit M 2276, auuardid M 2588, fardio M 3645. — § 22 Anm. 2. 
Nicht einmal findet sich uualda in C, sondern ausser 301 auch 714. — In die 
Anm. zu § 26 gehören die Formen biki, stide, -scipi. — In § 27 hätten auch 
Formen mit a bei fortgefallenem i, wie bat, lang, lazio, langron, dldro neben 
eldiron Besprechung verdient; die Frage nach dem Umlaut im part. praes. und 
im Gerundium ist nicht berührt. — § 29 Anm. 1. uueard C 3711 steht nicht 
für uvsrd, sondern für utiard. — § 29 Anm. 3. Die paar Beispiele aus C für 



153 

unregelmässiges i statt e (vor a der folgenden Silbe): gifa 654, giba 1197, 
gibat 1553 und hrmonda 5947 genügen nicht, um den Umfang und Grund 
dieser Erscheinung klar werden zu lassen. Auch hier machen sich lautliche Ein- 
flüsse geltend, nachfolgendes r, vorhergehendes g spielen eine Bolle, z. B. 
giuuirthan 2552, giuuirthot 3428 (vgl. auch giriuuan C 3450 mit Umlauts-e^, 
gihono 1543, -g%bo 5128, giban 1471, gihon 1200, gibanne 2328, gtbu 3082, 
gilp 1084. 2896, alle aus C; femer givan Freck-H. 484, iegivan Beda 5. — 
§ 29 Anm. 5. Bei dem nach k vorkommenden ie statt e, wodurch eine palatale 
Aussprache des k bezeichnet wird (vgl. auch gie C 5870. 5895 neben ge), hätte 
auf § 116 verwiesen werden sollen. Hier verdiente auch das ie im Artikel 
(thieni etc.) und in der Decl. von these Beachtung. — § 30 a) Anm. 1. Einfluss 
von folgendem r beweisen herdos 422, gerstin 2844, uiterkean 1172. 1513. 
1533, gemean 148. 1481, alle in C. — Zu geldet stellt sich sueltid C 4898. 

— § 30 b) Anm. 1. C hat neman ausser 3887 noch 1550. 2332. 3284, nemat 
1786; auch M kennt nemen 1563, neman 1550. — § 30 b) Anm. 1. bringian 
C 338 ist richtiger schon § 26 Anm. erwähnt; C 4598 bringan ist verschrieben 
für bringid 4895 C ; in M heisst es 2059. 2298 brengean, — § 30 c). gisiaha 
(GL II, 588, 6) gehört als 1. sg. conj. gar nicht hierher. — Anm. 1. gihu gehört 
nicht hierher, sondern zu § 29 Anm. 3. feho (nicht fehu) steht in M auch 
1669 ; an beiden Stellen hat C fihu, sonst wie M stets nur 6. — Die Form des 
as. Wortes für hospes ist in den Oxf. Gl. uuerd (e fortasse dubium, Madan), 
in den Prud. Gl. uuerd und uuird, in C nuird-, M uuerd- 2056. — Anm. 4. 
me steht nur zweimal in M 121. 122 gegen häufiges mi; für dies Yerhältniss 
ist der Ausdruck „wechseln" nicht bezeichnend. Ausserdem gehören die ge- 
geschwächteu Formen ec, me nicht hierher, sondern zu § 32. Bei der Wichtigkeit 
dieser Eegel hätten die Beispiele vollständig gegeben werden sollen. — § 32 
Anm. 1. uuehsitaflun gehört nicht in diese Anm., für mehrere der übrigen Bei- 
spiele ist der Einfluss des r wieder beachtenswerth. — Anm. 2. era statt iro 
kommt einmal C 897 vor, der Ausdruck „wechseln" führt irre; ebenso sind et 
neben it, uue (M 1609) neben uui, ge neben gi, be neben bi, ne neben ni 
durchaus die selteneren Formen; hinzuzufügen wären noch es (z. B. C 220) 
und met (sMten neben mid), — § 33. Bei der Besprechung des Verhältnisses 
von u zu vermisst man wiederum die Hervorhebung der lautlichen Einflüsse, 
von folgendem r und / (wulf C M; fuldu C 4075; füll, ful; uueruldi öfter 
in C ; smultro 2257, tulgo 2419), von vorhergehendem w (uunon neben uuonon). 
Der Wechsel von huggian, hogda, hogdun; rukkinas, rokko ; thurhun, thorfta; 
uuord, 'Uurdi; sculan, scolda; munan, mansta (daneben munste M 2658; 
-muonstun C 5286 ist Schreibfehler s. Sievers S. 504); furi, fora; -humide 
hörn; -kurni, com verdiente Hervorhebung; auch das u vor n in den Fremd- 
wörtern punty munita etc. — C hat nicht „einigemale", sondern vorherrschend 
gomo ; neben benumana M findet sich C M 151 binoman, C 2990 binomana. 

— Anm. 2. Hier hätten die übrigen Beispiele für i statt u firiston C 4874, 
anduuirdi C 4040, vgl. anduurdi C 930. 1759, uuirthi C 2625. 3936, uuirdi C 
835, gifrimid C 43, sticken Crecelius, Coli. I, S. 11 und für u statt i furin- 
C 743, -uurdig C 4597 (G. leitet freilich baruurdig von uuxyrd ab = „offen- 
herzig"), huldi C 5043, ferner suiliuuxit (suliad M) C 1723 Baum finden sollen, 
die für die Frage nach dem Alter des w-ümlauts von Bedeutung sind (vgl. Paul, 
Germ. 19, 224). — Anm. 3. cunsti C 2651 neben sonstigem consta, consti. 

— Anm. 4. Neben momian auch bimumie C 1869. — Anm. 5. Hinter „findet 
sich" muss „in C" eingeschoben werden; in derselben Anm. wird das uo in 
gidruog einem kurzen o, das uo von gedruogi einem u gleichgesetzt; eine Er- 
klärung kann nur richtig sein, denn es handelt sich nur um die Form gidruogi 



154 

C 2925 (gidroge M); a statt u in uvarihtio C 1862. — Anm. 7 füge hinzu 
undern 3464 C neben undoi'n C 3418. — § 35. Zu bemerken, dass ä nicht 
umlautet: faJiit. — §36. geuuadi steht neben geuuedea 1665 (1605 ist Drckf.) 
und giuuedie 4100 nicht nur 1670 (1672 Drckf.), sondern häufiger; weitere 
Beispiele sind godsprekea C 567, merean C 867, herun C 2182, uureka M 3246 ; 
leri (Fr. H.) muss heissen 4eri in Hasleri 157. 504 neben -/are in Elis-, Müde- 
lare. — Als Anm. 4 wäre hinzuzusetzen: ä aus aw s. § 44; ö aus a in 
monothlic Str. Gl. 2. — § 37. Das vereinzelte eo in meoda C 3425 hätte nicht 
vor das häufigere ie gestellt werden dürfen; hinzuzufügen her, hir, hier, das 
fälschlich § 38 steht. Zu bemerken ist ferner, dass auch C nicht selten e statt 
des gewöhnlichen ie giebt, z. B. meda 3413, heJd 385. 435, feil 2391. 3343, 
-/eZ 2394, geng 2994, Äd 579. 728. 729. 3413. 4616, hetun 568, giuueld 
2048. 3344, ^/rer/^' 2987, let 514. — Für i ist anuuillun (auuellun M) C 4073 
ein Beispiel. — In der -Anm. muss auf § 102 statt auf § 33 Anm., die gar 
nicht existirt, verwiesen werden. — § 38, hrtdo kommt meines Wissens in den 
Prud. Gl. nicht vor und ist wohl Verwechslung mit dem vorhergehenden hripo. 

— tir gehört wegen ahd. ziari zu § 37. — § 39. Die Beichte hat neben den 
3 Ö in gisonan, gisonda, don stets 6 (blöd, brothar, -dorn, gibotimina, flokanna, 
-modias, mos, suor) ; ebenso steht in der Fr. H. in der Kegel ö ; in Beda neben 
godlika, gedon, hodigo kein ö. In den Prud. Gl. neben überwiegendem uo und ö 
auch 6 in hodos, nodda, ovarmodigo, rikidoma, sokiad, thv£r stöhn, socneriy 
socnunga, utbosment, Oxf. Gl. meist o, aber rtt^t, ungifuori, rmoe. Über das 
für M bemerkenswerthe frnbrean 4017 s. Jellinek, Beitr. 15, 304; sluggun 
M 2409 steht vielleicht für sluogun? — Anm. 2. Füge hinzu temig C 2489. 

— Hier oder bei ä hätte eine Bemerkung über ruomot C 1554 (rumeat M)^ 
C 1()88 (ro?nod M), ruomuodun C 3904 (romodun M) Platz finden können. — 
§40. Füge hinzu: Aus hi + utan entstand hotan C 3264. 4370 (vgl. § 48 
Anm. 3). — fisid C 2353 (fusid M). — § 41. Die Entstehung des e in thregian 
aus germ. ai ist nicht sicher. — Anm. 1. Füge hinzu: mira C 2627, giflihit 
('fliitm.) 1460 (vgl. Germ. 19, 226); siole M 3301. 3353. 3357. 4060. Wegen 
des ie in bikiert etc. war auf § 116 zu verweisen. — Anm. 2. halag (auch 
31 890) und haelago (C 5764) brauchen ihr d nicht ags. Einfluss zvC verdanken, 
vgl. die Ortsnamen Ilalogikircan, -un in der Vita Meiuw. 81. 98 (Mon. Germ. 
Scr. XI, 126, 20; 127, 50) und Ilalegehuson (Erhard, Keg. Westf. 645; Cod. 65); 
zu erwähnen arundi neben eri; araes steht auch C 4103. — § 43 Anm. 2. 
guoma Ess. Gl. M. 27, 36; fargumon C M 3219 neben gmnean (vgl. das vorhin 
erwähnte romon neben rumean), — § 44. franisco M 2398. — Anm. 2. Hinter 
„statt d" ist einzuschalten ,in /rd." — § 48 Anm. 1. lut M 1782 (Hut C), 
ludi C 4836. Bemerkenswerth ist, dass P neben einmaligem iu in diurlicaro 
nur io kennt: diorlic 961. 1005, diarlico 967, liodi 966, liodio 984. — § 49 
Anm. 2. thiud C 4431 (nicht 443) ist Schreibfehler nach dem vorhergehenden 
thiu wie thiudo C 5078. — Das io, ia, ie, e im praet. der redupl. Verba hätte 
ebenso wie das iu, io in friund, fiund gesondert von dem Diphthongen behandelt 
werden sollen. Zu verweisen war noch auf das io, eo in knio in § 30 c) Anm. 3 
und das ia in tian Ess. Heb. und ahteiian Fr. H. — § 56. Über -u und -o 
iu der u-decl. vgl. Unt. S. 172. — § 57. Über -e neben -a in der 3. sg. praet. 
s. Genaueres Unt., Exe. VIII, ebenso über die Adv. inria und inne etc. — Das 
-e im acc. sg. der st. Adj.ektiva hdagne etc. ist auf M beschränkt, s. Unt. Exe 
VIII. — § 58 1) Anm. Die neben huila vorkommende Form huil C 5802 ist acc. 

— Das Suffix des dat. ag. lern, -w (-o, -a) ist nicht erwähnt. — 2) Neben -a 
in der 1. sg. prt. auch -e, s. Unt. Exe. VIII; -a im g. pl. auch vereinzelt im 
Subst., s. Uut. S. 105. — 3) Die Bemerkung über ah', alor gehört nicht 



155 

hierher; ein besonderer § über Behandlung der Stämme als erste Theile der 
Composita fehlt leider. — Anm. aldruono gehört ins ('apitel über die Vocale 
der Mittelsilben; statt dessen waren zu erwähnen: guoduo C 3635, scathuo 
C 1113; g. pl. bethuo C 981; Adv. auf -no s. Unt. S. 95. — 4) -o in der 
1. sg. praes. s. Unt. 173; -o neben -u im instr. ebendas. — § 59. hngi ist 
nicht pl. — § 60. Über das Verhältniss von -e zu -a im dat. sg. der a-decl. 
s. Unt. Exe. VIII; -e im npl. der Adj. ist auf M, Oxf., Mers. Gl. und Fr. H. 
beschränkt, s. Unt. S. 203 ff.; über -e und -a im Conj. s. ebend. S. 210. — 
§ 62. Ausserdem zu erwähnen: hutan, botan; quathie, — § 65. Das häutige 
'Ur im Comparativ hätte nicht übergangen werden sollen; neben -ing kommt 
auch -ung und -ang vor; Schwächung in ambehl Fr. H. neben ambaht; -in in 
silubrin etc. halte ich für kurz, s. Unt. S. 133 Anm. — Hier konnten noch 
rikeast, uuestrani, arbid erwähnt werden. — § 66. Der Einfluss von r, l, nij 
n, w auf die Vocale der Umgebung hätte hier betont werden können. — § 68. 
In hrenkurni ist nicht der Tonverlust Ursache der Vocalveränderung. — § 71. 
Hier vermisst man eine Bemerkung über die Assimilation der secundären Vocale 
an die Vocale der Nachbarsilben, vgl. huarauej huarahon^ huarahe, suaraf, 
berege, huerehian, huerehat, bilidi, huirih'it, geoponot, thurufti und dergl. ; 
was § 73 über Assimilation gesagt ist, genügt nicht. — § 72. Für enna zähle 
ich statt 33 nur 22 Belegstellen, s. Unt. S. 131. — Das Suffix -urrij 
'Un, 'On des dat. sg. kann nicht als Kürzung des Suffixes -umu gelten, s. Unt. 
Exe. II. — § 72 b). Zu der Regel für die Erhaltung des ö im Superlativsuffix 
'Ost bildet helgost C 5739 doch keine Ausnahme, wohl aber sind helgost C 5739 
und helgoda C 4634 Beispiele für die Synkope des a. Zu erwähnen wäre gewesen 
die Synkope in den Pronomen mira C 3540, unc7'o C M 145. 148. 152, mahtigro 
C 2262. Ein adv. stoithro existirt nicht, wahrscheinlich meint G. den Com- 
parativ suidrun C 4390, suüJuwi C 4876, suidron M 5976. — § 72 3). Aber 
iungrono C 2171. 4505. 5956, mahtigro C 2262! Hinter „hat meist die Form 
-ana^ ist einzufügen: „und -wa" ; letztere Form überwiegt s. Unt., S. 133. — 
§ 73. e in gibimdene kann nicht als Assimilation des a an e angesehen werden ; 
ebenso wenig kann in selbomo, selhumu von Assimilation des e an o die Rede 
sein; warum überhaupt nur in selbomo und nicht in allen dat. masc. der st. 
Adj.-decl.? übrigens existirt eine Form selbomo weder in C noch M (s. die Bei- 
spiele für -omo, -omu, Unt., S. 117.); o in egrohtful ist viel eher dem Einfluss 
des ht (cf. drohtin) als dem u der folgenden Silbe zuzuschreiben. Wie schon 
gesagt, hätte das Capitel des Assimilation eine viel eingehendere Behandlung 
verdient. — § 74. Anm. 1. Der Wechsel von af- und -an gehört nicht in die 
Lautlehre. — § 76. Bei mit- hätte noch das neben antthat (antat) vorkommende 
Untat C 4857, unthat M 2240 (vgl. unt in tintthat M 450. 707. 1219) angeführt 
werden können. — § 79. bi- ist auch in M häufiger als be-; „inM nur biüton" 
ist falsch; buton M 185. 536. 653. 861 u. ö. — § 81. In M überwiegt gi- 
um mehrere Hunderte (gi- über 8C0, gc- über 5G0 mal); gi- ist besonders im 
1. Tausend vorherrschend (etwa 292 gi-, 3 -ge), — kiscalecten ist mir unver- 
ständlich. — Weiterhin muss es heissen : Prud. Gl. nelen regelmässigem gi auch 
12 mal ge-; Essener Gl. neben durchgängigem gi- einmal ge-'m gelico M. 14, 1. 
— § 83. erbar7nunga steht Ess. Gl. M. 5, 7; M. 10, 38. — §84.. Hier durfte 
auch -ich und -tein in zusammengesetzten Zahlwörtern Erwähnung finden. — 
§ 85. In dem allgemeinen Capitel über die Consonanten vermisst man zusam- 
menfassende Bemerkungen über die Eigenthümlichkeit des Cott, im Auslaut die 
Cons. häufig zu verdoppeln (vgl. § 152 Anm.), über Assimilation (z. B. succa, 
sinnon), Metathesis (z. B. verscang, giuurohti, uuurohtion) ; bei der Consonanten- 
gemination >\ären Beispiele und Angaben über den Umfang der Erscheinung 



156 

erwünscht gewesen. — § 88, Z. 2. Hinter u, uo, 6 füge o ein. Das Citat 
für uuurohtion ist falsch, es steht C 3511; 3594 ist die Belegstelle für sin- 
hiuuun. — § 89. uu ist geschwunden in 7iet vgl. § 62. — § 90. Zum Schwund 
von uu nach r ist noch geridin C 4248 ein Beispiel. — § 94. Zu dem Ver- 
hältniss von e und i vor o vgl. Unt., S. 151, wonach im d. pl. der i- und jor- 
decl. in C häufiger "ion, seltener -eon helegt ist; e vor u ist selten in M. 2012. 
2990. 4490. 4918. 4928. — Auch P kennt die Schreibung gi für j : Oiohannes, 
Oioi'dana; vgl. auch noch giuuaro statt iuuuaro in C 1731. — § 95. Der 
Satz „j ist meist erhalten, nur in C nach langen Silben einigemal ausgefallen^ 
wird durch die wirklichen Thatsachen sehr modificirt. In C ist der Ausfall von 
j ziemlich häufig und genauere Untersuchung wird hier ohne Zweifel bestimmtere 
Neigungen deutlicher hervortreten lassen. Bekannt ist, dass nach r, das vor j 
nicht geminirt wird, sich j besonders gut hält ; nach Gutturalen föUt j gern 
aus, ferner stets im gen. pl. des part. praes. (s. Unt, S. 108, Anra. ♦♦). Aber 
auch in M ist der Ausfall von j nicht so selten, wie man nach G.'s einzigem 
Belege seggennea 1838 glauben sollte. In brengen 1096. 1928. -dogen 4890, 
liggen 2141, soken 5158, uuirken 1317, giuuirkenne 1589, seggennea 1838 ist 
offenbar der vorhergehende Guttural von Bedeutung. — P hat nur einen Beleg 
heland 990. — § 97. Über die Schreibung r statt rr in herro etc. s. Unt., 
S. 30, Anm. — § 98. Vereinfacht wird geminirtes // in -felj feJdi, feldin. 

— Zu su^ccan C 3202 füge noch sux^ca C 822, das vielleicht verschriebene 
suncan M 2446 und surikero C 3936. — § 99. Zu simhlunj simbla stellt sich 
sumble C M 3339. — Zu dem dat. pl. auf -m s. Unt., S. 145 und S. 153. — 
Über das Verbal tniss von -m und -n im dat. sg. der st. Adj. s. Unt., Exe. II. ; 
die 1. sg. der 3. schw. Conj. hat niemals -m oder -n, die der 2. nur -n. 
C kennt nur biun, einmal 481 bion, M nur bium; C uuaston 2523. 2410. 
2506, uuastom 1749, 2557. M nur uu^astom (s. Unt., S. 128). M dorn und 
don. — § 102. Vor dem Spiranten s ist n nicht ausgefallen : anst, kunst, Consta, 

— Anm. finden auch M 3873; mund auch M 1293; C hat mehremale auch 
-ent in der 3. pl. cf. § 258. — § 104. Anm. 2. auch rumphusla (Madan Nr. 55). 

— § 105 wird fälschlich auf § 105 statt auf § 106 verwiesen. — Eingeschobenes 
b in simbla, sumble. — § 107. C hat auch einigemale (861. 1513. 1856. 
2323) uu statt u in neuuan. — § 111. Das anlautende u statt f findet sich 
in M meist nur nach den Präfixen bi- und ge- (1228); ausserdem nur in uilu 
5078, enuald 3747. 3767. 3842, enualdes 1068 und heouandi 4027; in barleosan 
1733 ist b offenbar Schreibfehler. — § 112. Neben crdht C 38 ist thurhftig 
C 525 bemerkenswerth. — § 114. b in ruob C 5398; geb M 1522; u in selu 
C 78; C 259 liest Sievera nicht lieu, sondern lief — §115. Die Bemerkung, 
dass in Crist sich meist c finde, widerspricht dem in der Anm. über Krist ge- 
sagten. — § 116. Hinzuzufügen: bisuikean C 1311, gihuilikies C 2284, spre- 
kean 1432. 2307, tekean 844. — § 122. Zur palatalen Aussprache des g vor i 
vgl. noch imenthon M 863. — § 125. Die Beispiele für mahtina sind nicht 
vollständig (s. Unt, Exe. III), der Beleg für a^aftina falsch; es muss heissen 3130. 
2986. — Ausgefallen ist g ferner in gifran C 2621. 3347. 3883. — § 126. 
sluggun M. 2409 halte ich für Schreibfehler statt sluogun. — § 129. Fehlt zu 
klod (lot C) das Citat 2397. — § 130. Abgefallen ist h auch in netuuanan M 
556. — § 131 a). Der Ausfall des h ist häufiger im Heliand, als es nach den 
Beispielen bei G. den Anschein gewinnt. — b) Die Vertretung von ursprüng- 
lichem w oder j durch h hätte deutlicher gemacht werden sollen. — § 133. 
In thurh fällt Ä in C ausnahmslos ab. — § 134. „*s in M saepissime, in C 
saepius'' Schnieller. — § 139, Anm. 2, gelobistu gehört mit forsachistu, mxihtu 
zu § 149 ; statt dessen hätten die praet. custay sohta, lesta, botta, geuuxirhta, 



157 

setta erwähnt werden sollen. — § 140. Über den Abfall von d nach w in C 
s. Unt., S. 13; in M ist sin 1352 ein Beispiel. — § 153. Hier hätte das ss 
in der Decl. von these und im poss. pron. d. 1. pl. (z. B. itsso C 621, ussan 
C 2568) nicht übergangen werden sollen. — § 145. Da in § 122 auf die 
Eigennamen der Fr. H. Rücksicht genommen war, hätte auch das z in den Kose- 
formen auf 'XO erwähnt werden können. — Auch in der Nominalflexion wäre 
ein einleitendes zusammenfassendes Capitel über die Flexionsendungen im All- 
gemeinen, und besonders über das Yerhältniss desselben in den einzelnen 
Heliandhss. sehr erwünscht. Dadurch hätt« manche Wiederholung erspart werden 
können und die Darstellung wäre übersichtlicher geworden. Auf die Mängel in 
der Anordnung der Endungen innerhalb der einzelnen Paradigmen ist schon oben 
hingewiesen. — § 157. Über das Verhältniss von -es zu -asj -6 zu -a in den 
Heliandhss. und übrigen Denkm. s. Unt., Exe. VIII; über -os, -as, -a, -e ib., 
S. 102 ff. — Vermisst wird eine Bemerkung über die wichtigen flexionslosen 
Formen htcs, -hem, morgan u. s. w. Anm. 2. -o im Instr. hat auch C, und 
M nicht nur 2910 s. Unt., S. 173. — Anm. 5. -um ist in M im Ganzen 14 mal, 
-om 9 mal zu belegen, s. Unt., S. 153 f. — Über den dat. pl. auf -an in C 
sagt G. nichts; ebenso nichts über den g. pl. auf -a. — § 158, Anm. 1. gaflie 
ist n. pl. = lat. furcillae (Gl. II, 725, 6). — § 162. Den instr. hirdie weiss 
ich nicht zu belegen. — Anm. 1, dukiras (Gl. II, 717, 32) ist pl. — § 166. 
Bei eo hätte der in M mehrfach zu belegende dat. sg. eo nicht fehlen dürfen. 

— § 168. Im gsg. fehlt die Endung -o^ s. Unt., Exe. V. — Anm. 1. Spuren 
des flexionslosen nom. s. Unt., Exe. VTI. — Anm. 2, cledthe ist n. pl. (Gl. II, 
726, 12). — Anm. 3. Über den dat. sg. von thioda s. Unt., Exe. VII. — Anm. 4. 
ficbane ist g. sg. — Anm. 5. thiadono kommt im Hei. nicht vor; über den 
g. pl. auf -0 und -ono s. Unt., S. 189 ff. — § 170. Im Paradigma fehlt 
sundiun für den dat. pl. — Anm. 2. dat. sg. auf -ie kommen nicht vor. — 
§ 174. Per dat. sg. seldo ist wahrscheinlich Schreibfehler (s. Sievers); der dat. 
pl. lautet treuium 1016, 2323, treuun nur 291. — thiu ist ^a-stamm. — 
§ 175. Anm. 2, C 4312 gehört zu finistriu, — Anm. 3. kopanhandi Fr. H. 
553 möchte ich trotz des vorhergehenden gihunt für acc. pl. halten. — Anm. 4. 
Der dat. pl. erscheint in eldion {-iun M) 267; -e statt -i hat auch P in dope 
961. — § 176. Es hätte erwähnt werden sollen, dass die Wörter auf -nissi 
ihren dat. sg. auch nach der Analogie der neutr. ^a-stämme bilden. — § 178. 
hugi passt schlecht zum Paradigma, da es im pl. nicht vorkommt. — § 179, 
Anm. 1. Dtsg. stida Fr. H. 426. — § 181. Über den dat. pl. skepiun s. Unt., 
S. 124. — § 182. Neben wurme sollte im dat. sg. wegen uuihti auch wurmi 
stehen; im dt. pl. ist die Endung -in die seltenste. — Anm. 1. brande gehört 
wegen brandos (Gl. n, 582, 52) nicht zur i-decl. — § 183. eldi gehört als pl. 
zu dem § 175, Anm. 2 behandelten eldi. — § 184, Anm. 1. 4182 hat M nicht 
tidiSy sondern tidio. — Anm. 2. erde ist wahrscheinlich Druckf. für ferde C 2845. 

— ferde wie dade C 4860 zeigen die auch sonst noch in C vereinzelt vor- 
kommende Schwächung von auslautendem -i zu -e. — giuuaJde M 2889 kann 
dat. sg. der o-decl. sein. — Anm. 3. uuadiu {-i C) halte ich für den instr. 
Fem. — Anm. 5. Hier durfte die Form des acc. pl. däd (s. Heyne, Glossar) 
nicht fehlen. — Anm. 6. Die Zahl 3 für den gpl. auf -o in C. ist ganz falsch ; 
ich zähle allein 16 Belege für liudo (leodo), — Anm. 7. Auch im dat. pl. lässt 
C zuweilen das i fort, allein 5 mal in Uudon. — § 185. Anm. thesan uuidun 
uuerold steht 281 und 5629, thesan uuerold alla C 5622; s. darüber Unt., 
S. 34. — Über die Decl. von craft s. Unt., S. 216, über 3071 und 5970 Unt., 
S. 26. — § 186. thionost ist doch wohl wie im ahd. ntr. der a-decl. — § 189. 
dat. sg. auch -e in fride (- d -) M 2810, frühe (- d -) M 4210. — § 193 ff. 



158 

Wegen der n-stämme kann ich auf das in meinen Unt. niedergelegte Material 
verweisen; einen Theil der Fehler in G.'s Angaben habe ich schon in der Ein- 
leitung dazu verbessert. — § 193. Zum nom. sg. fehlt eine Bemerkung über-a; 
im gen. sg. ist -en in M nicht überwiegend; auch M hat im dat. sg. -an neben 
-on und seltenerem -ew; für -ano im g. pl. ist -sagano C 3049 der Beleg; 
über das ganz vereinzelte -wn im n. pl. sagt G. nichts; -a/* kommt im Heliand 
nur im u. pl. uimrlogan C 3816 vor; im acc. pl. kommt im Heliand weder 
-un noch -an vor. — Die in den Anm. gegebenen Belege für g. sg. frohen C 
sind bis auf 3022 falsch; an den 3 genannten Stellen steht frohon. — § 195. 
Einen ^a-stamm hrunnio anzusetzen halte ich für gewagt ;^ bi^unnion C 5473 
hat wie uueleon C 2137, helitJiie C 2200, sdthie C 5460, uuihie C 4247 
u. a. überflüssiges ^. — § 196. Im Paradigma fehlt im g. und d. sg. die 
Endung -an. — Anm. 1. Im nom. sg. findet sich -e 22 mal (nicht *nur einmal'); 
der g. sg. auf -07i findet sich ausser der Freck. H., Ess. H. und Hom. auch in 
M. ; der d. sg. ist gerade in den meisten Denkm. (Beichte, Ps.-C, Str., Prnd. 
und Oxf. Gl.) 'Un, — Anm 5. Für den nom. pl. sind die Zahlen wieder falsch : 
-on in C zweimal, in M 8 mal; acc. pl. C 1, M 6 (7) mal. — Anm. 4, lotlion 
ist nicht fem. und steht auch § 194 unter den masc. ; ebenso gehört thrufon 
zu einem masc. thrufo. — § 197, ghncntJia kommt nicht vor; der acc. girnen- 
thon 863 gehört zu einem masc. ginientho ; aueh die Ansetzung eines weibl. 
scatJm, crampay spada lässt sich nicht rechtfertigen; eo2)a heisst *Kufe'. — 
§ 198, Anm. 2. Warum slrengia 'wahrscheinlich schwach war', ist mir unklar; 
der einzige Beleg ausser -strengi ist das vermuthlich verschriebene -strengiu 
M 4354. — § 201. Das einmalige tiiwldandi C 260 berechtigt nicht, das -* 
ins Paradigma zu setzen. — § 207. dat. sg. -en nur ganz vereinzelt (Schreib- 
fehler?); -ayi nur in C. — -omo nur 1 mal (iuunonio 1573 M), -umo existirt 
nicht; -emo nur vereinzelt in C. — Im dat. sg. f. sollte godaru vor godaro 
stehen ; dat. pl. -um und -om. — Für die kleinen Abweichungen im g. dat. sg. 
und g. dt. pl. der Paradigmata von god und helag ist kein Grund vorhanden; 
-uniu kommt nur in M vor; almahtigen C 476 ist nicht starker dat.; häufiger 
als -omo in den kleinen Denkmälern ist der nicht erwähnte Ausgang -anio. — 
Anm. 3. Der ganz vereinzelte n. pl. m. Jmft C 5413 genügt nicht zur Auf- 
nahme von god ins Paradigma; ebensogut hätte wegen open M 3078 god für 
n. pl. f. angesetzt werden können; „in C öfter a" stimmt nicht mit der That- 
sache, dass nur eimnal ein nom. pl. fruoknie 3846 vorkommt; über den g. pl. 
auf -ra sagt G. nichts. — § 209. manag geht gerade nicht wie Jielag. — 
§ 212. Im Paradigma fehlt zum dt. sg. hlithiun, — Anm. 1. -on einigemale 
in C und M s. Unt., S. 141 ; das von G. allein angeführte tuiflonlii 1896 halte 
ich für den Inf. — § 216. Über -a im n. sg. sagt G. nichts; im g. dt. sg. ist 
-071 die häufigste Endung; für -in könnte nur huftin geltend gemacht werden, 
das aber ebensogut starker dt. sein kann (Schreibf. für Jiafton). — Im nom. 
ntr. ist -e nicht an erster Stelle zu nennen, da es hauptsächlich nur in M vor- 
kommt; im acc. nicht godo^ da -o nur vereinzelt in C begegnet; im nom. fem. 
ist -0 (4354 M) zu vereinzelt, um ins Paradigma aufgenommen zu werden; -en 
im gen. sg. kommt überhaupt nicht vor. — § 218. n. sg. f. griota^idi C 5914; 
n. pl. ra. und fem. wären die nicht seltenen Formen auf -i zu erwähnen, z. B. 
masc. C 5672. 5872. fem. C 5741. 5744. — § 221. *Die anderen Casus haben 
in C meist -un'\ doch nur im fem., und auch hier öfter -on; im masc. gen. -on, 
dat. unbelegt, acc. -an und -on, — 

In folgendem Verzeichniss von Schreib- oder Druckfehlern stelle ich die 
richtigen Formen voran. So muss es z. B. heissen: S. Y Madan stQ,tt Madhan ; 
S. 2, § 3, Anm. 1, Beitr. XII, 356 statt 287. — S. 6, § 12. i für iu s. § 48 



15» 

Anm. 1 stAtt Anm. 2. — S. 6, § 12. t aus in % 31, Anna. 3 (giebts nicht!). — 
S. 7, § 13. ia aus eo s. § 49, 50 statt 59, 50. -— S. 7, § 13. ie = germ. ai 
§ 41, Anm. 1 statt 2. — S. 7, § 13 iu in iuw fehlt die Nr. des §. — S. 11, 
§ 30 a) 2. n. 3. imper. sg. streiche *u. 3.' ; gih statt gif C 1067. — Beitr. IX, 
535 ff. statt 539. — S. 12, § 30 c) sidu statt sula\ Anm. 1, sebun statt 
sehun. — Anm. 3. Das Citat Beitr. XII, 380 ist falsch. — § 31. Das Citat 
Beitr. XIII, 120 ist falsch. — S. 13, § 32 : § 241 statt § 242. ~ § 33 tunga 
statt tungo, — S. 15, § 36: Das Citat inuss heissen: Beitr. XI, 27. — weg steht 
2944 statt 2943. — landmegun statt -megin; geuuedea steht M 1665 statt 
1605; 1672 steht geuuädi M. — S. 16, § 37 aMraedin steht C 2252 statt 
C 225. — S. 19. § 43, Anm. 2. berobode statt berohode. — § 44. Germ. XXXI 
statt XXX. — § 48, teoh steht 3203 statt 3201. — S. 20, § 48, Anm. 1, 
leodeon statt leodion, — § 41), Anm. 2, C 4431 statt 443. — 5078 steht 
thittdo. — S. 22, § 55: -beri statt bere. — § 58, 1) Anm.: C 5802 statt 5803. 

— 4) bit-u statt beru. ■— S. 23, § 59: forhti statt forthi. — S. 25, § 69: 
getiinberd statt getimberid. — S. 26, § 70: 701 suuefne, C suefna. — §71: 
C 3450 giriutmn statt gariuvmi. — S. 28, § 72. Z. 9 v. unten langsamane 
statt -a; Z. 8 v. unten C 4527 statt 4427. — S. 29, § 74: afsiiobun statt 
afswöhun\ C ansudhun statt cmsivobufi. — § 78: Beitr. VI, 208 statt 207. 

— S. 30, § 84: C 4663 fullistiu; C 4679 fullestie, M 4663 fullestiu. — 
S. 31, § 86: M 189 steht forsehen. -- S. 32, § 89: wonon statt wönon, — 
S. 33, Z. 2: C 4693 statt 4593. — S. 34, § 95: helendero 3558 statt 3559. 

— S. 35, § 98: dm statt ödel. — S. 35, § 99: saftor {-ur M) 3301 statt 
safter. — S. 35, § 100: unbiderbi M 5039 statt -bi; sliunio M, sniumo C 
statt sliumo C, sniumo M cf. § 98 Anm. — S. 36, § 103, Anm. 2. C 646 
statt 146. — § 104. wdpan? statt wapnon. — S. 37, § 106 statt § 105. — 
S. 38, § 109 a) : Beichte 38 statt 32. — b) frCihrean statt frobrean ; fruöhro 
statt frobro ; frofre statt fröfra ; diuvilo statt diuvulo. — c) M stcebanos 688 ; 
streiche „und swefnos'^^ füge hinzu suefna C, suuefne M 701. — S. 39, § 112: 
thrutigens statt thruhtigens. — § 113: aflieffian C 4324 statt aheffian, — 
S. 41, § 116. Die Verweisung auf § 36 ist falsch; die Citate sind durch man- 
gelhafte Interpunktion falsch geworden: tekean steht 844 und 1212, gisprekean 
164, besprekmn 1703, gisprokean 375. — S. 44, § 127 mohtig C 817 statt 
807. — S. 45, § 131 a) zu 1739 M fehlt der Beleg .^fesearf; a.9/«a/i steht 1906; 
sean 2359; 3158 steht giseen. — S. 47, § 136, ensetlion, ensedlion statt 
ensetlion, ensedlion. — S. 54, § 155: §§ 137, 151 statt §§ 150, 152. — 
S. 56, § 158: scerning statt scherniyig. — S. 57, § 160: giscapu st&tt giscepu. 

— S. 66, § 185, Anm., gikrund M 2476 statt 2477. — § 186 thionost steht 
2905. — S. 70, § 197: lutJiara, lohn soll vielleicht das nnd. 'luhre' sein? — 
§ 198 leccia statt leecio\ lungandian statt lungandiun. — S. 71, § 201, Anm. 
Z. 2 streiche *nom. pl.' — S. 75, § 213: edili statt edeli; swoti ^ifiXX soti. — 
S. 78, § 220: swötera statt sotera. — § 221, Z. 3 von unten Beitr. IV, 346 
statt VI, 346. 

DORPAT. W. Schlüter.